Einleitung
Die Sanierung von Baudenkmälern aus der Nachkriegsmoderne stellt Bauherren, Architekten und Ingenieure vor spezifische Herausforderungen. Neben der Notwendigkeit, moderne Nutzungsanforderungen und aktuelle Bauvorschriften zu erfüllen, steht der Erhalt des architektonischen Charakters im Vordergrund. Ein herausragendes Beispiel für eine gelungene Verbindung von Denkmalschutz, moderner Technik und funktionaler Aufwertung ist die Generalsanierung des Hörsaalgebäudes „Hexagon“ an der Technischen Universität Darmstadt.
Das 1962 erbaute Gebäude, ein architektonisches Zeugnis der Nachkriegsmoderne, wurde zwischen 2019 und 2023 umfassend saniert. Der Prozess verdeutlicht, wie durch den Einsatz spezialisierter Baustoffe, innovative Verfahren zur Tragwerksicherung und eine behutsame Integration moderner Technik historische Substanz nachhaltig erhalten und für die Zukunft gewinnbringend genutzt werden kann. Dieser Artikel beleuchtet die zentralen Maßnahmen und Techniken, die im Zuge dieses Projekts angewendet wurden, und dient als Leitfaden für vergleichbare Vorhaben im Bereich der Bauwerkssanierung.
Der Kontext: Architektur und Bedeutung des Hexagons
Das Gebäude S3|11, allgemein als „Hexagon“ bezeichnet, prägt aufgrund seiner markanten sechseckigen Form das Stadtbild von Darmstadt. Es handelt sich um ein typisches Beispiel der funktionalen und sachlichen Architektur der 1950er und 1960er Jahre, die im Wiederaufbaus der Stadt entstand. Als zentraler Bestandteil des Campus der Technischen Universität Darmstadt beherbergt es drei Hörsäle, die durch einen rundum laufenden Erschließungsflur miteinander verbunden sind.
Die Sanierung zielte darauf ab, diesen historischen Charakter zu bewahren. Historische Elemente wie Terrazzoböden, Kieselputze, Wandvertäfelungen und Hörsaalpulte wurden restauriert. Ziel war es, die Atmosphäre der 1950er Jahre zu erhalten und durch nachhaltige Materialien und aktuelle Technik zu ergänzen. Der Denkmalschutz gab dabei strenge Vorgaben: Die äußere Erscheinung und die Abmessungen der Bauteile durften gegenüber dem Original nicht verändert werden.
Herausforderungen bei der Sanierung
Einhaltung von Normen und Denkmalschutz
Eine zentrale Herausforderung bei der Sanierung von Altbausubstanz ist die Konfrontation mit aktuellen Normen, die oft strenger sind als die zum Zeitpunkt der Errichtung. Im Falle des Hexagons stellte sich dieses Problem insbesondere bei den Treppenstufen im Außenbereich.
Die ursprünglichen Treppenstufen zum Haupteingang und im südlichen Bereich hatten eine Dicke von lediglich 75 mm. Nach den aktuellen Normen ließen sich diese dünnen Bauteile nicht mehr mit klassischem Stahlbeton nachweisen. Dies hätte theoretisch einen kompletten Austausch unter Veränderung der Geometrie bedeutet, was mit den Vorgaben des Denkmalschutzes kollidierte. Die Planung stand vor dem Dilemma, entweder den Denkmalschutz zu verletzen oder die aktuellen Sicherheitsstandards nicht zu erfüllen.
Tragwerksicherheit und Brandschutz
Ein weiterer Schwerpunkt war die Erhaltung des komplexen Dachtragwerks. Wie bei vielen Gebäuden dieser Ära ist das Tragwerk ein wesentlicher Bestandteil der architektonischen Gestaltung. Um die Stabilität zu gewährleisten, ohne die ästhetische Wirkung zu beeinträchtigen, mussten innovative Verfahren zur Tragwerksanalyse und -sicherung angewendet werden.
Technische Lösungen und Baumethoden
Speziallösungen für Treppenstufen: Der Einsatz von DUCON
Um das Problem der zu dünnen Treppenstufen zu lösen, griffen die Planer auf einen speziellen Baustoff zurück: Fertigteile aus DUCON. DUCON ist ein Hochleistungsbeton, der sich durch hohe Festigkeit und geringe Materialstärken auszeichnet. Durch den Einsatz dieser vorgefertigten Bauteile konnten die erforderlichen statischen Nachweise erbracht werden, ohne die vorgegebene Geometrie und die optische Erscheinung der historischen Treppen zu verändern.
Dieses Vorgehen illustriert einen wichtigen Grundsatz in der modernen Sanierung: Der gezielte Einsatz von innovativen Materialien, um historische Bausubstanz zu erhalten. Anstatt die alte Substanz komplett zu entfernen, wird sie durch technologisch hochwertige Komponenten ersetzt, die funktionalen Anforderungen genügen, aber optisch identisch sind. Die Sanierung der Treppen erfolgte in zwei Abschnitten, wobei 2019 zunächst der Treppenlauf zum Haupteingang saniert wurde.
Sicherung des Dachtragwerks durch Heißbemessungen
Die Erhaltung des komplexen Dachtragwerks war ein Kernstück der Sanierung. Um die Stabilität des Daches zu sichern, wurden innovative Verfahren wie „Heißbemessungen“ eingesetzt. Hierbei handelt es sich um ein Verfahren, bei dem die Tragfähigkeit von Stahlbeton bei Brandeinwirkung (Feuerwiderstand) nachgewiesen wird. Dies ist insbesondere bei der Sanierung von Tragwerken relevant, um den Brandschutz zu gewährleisten, ohne massive konstruktive Veränderungen vornehmen zu müssen. Durch diese Methode konnte das originale Dachtragwerk in seiner Substanz erhalten bleiben, während gleichzeitig die Sicherheit für die Nutzung als Hörsaalgebäude gewährleistet wurde.
Modernisierung der Haustechnik und Barrierefreiheit
Integration moderner Medientechnik
Ein wesentliches Ziel der Sanierung war die Aufwertung der Nutzungsqualität für den universitären Betrieb. Das Gebäude wurde vollständig mit modernster Medientechnik ausgestattet. Dies geschah jedoch „behutsam“, also ohne das äußere Erscheinungsbild des historischen Gebäudes zu beeinträchtigen. Die Herausforderung bestand darin, Kabelwege, Anzeigen und Bedienelemente so zu integrieren, dass sie nicht im Widerspruch zur sachlichen Ästhetik der 1950er Jahre stehen.
Barrierefreiheit als Standard
Ein zentraler Aspekt moderner Baukultur ist die Barrierefreiheit. Im Hexagon wurde diese Forderung konsequent umgesetzt: * Erschließung: Alle Geschosse sind barrierefrei erreichbar. * Sitzplätze: In den beiden größten Hörsälen (mit 467 und 247 Plätzen) wurden in der letzten Reihe spezielle „Familienplätze“ für Eltern mit Kinderwagen eingerichtet. * Rollstuhlplätze: Die Plätze für Rollstuhlfahrer befinden sich jeweils im vorderen Bereich der Hörsäle, was eine gute Sicht und leichte Erreichbarkeit gewährleistet.
Diese Maßnahmen zeigen, dass Denkmalschutz und Inklusion sich nicht ausschließen, sondern vielmehr eine Notwendigkeit für eine zukunftsfähige Nutzung historischer Gebäude darstellen.
Qualitätsmanagement und Restaurierung von Innenelementen
Ein signifikanter Teil der Sanierung entfiel auf die Restaurierung der Innenausstattung, um den Charme des historischen Gebäudes zu bewahren. Dazu gehörten: * Böden: Terrazzoböden, die typisch für die Bauzeit sind, wurden aufgearbeitet. * Wände: Spezielle Kieselputze und Wandvertäfelungen wurden instand gesetzt. * Möblierung: Die originale Hörsaalpulte und Bestuhlung wurden restauriert oder durch ergonomisch optimierte, aber optisch passende Elemente ersetzt.
Diese Arbeit erfordert hohes handwerkliches Geschick und ein tiefes Verständnis für die Materialien der Nachkriegsmoderne. Das Ziel war es, eine Atmosphäre zu schaffen, die historisches Flair mit modernem Komfort verbindet.
Ökonomische und gesellschaftliche Aspekte
Die Sanierung des Hexagons ist auch ein Beispiel für nachhaltiges Wirtschaften im Bauwesen. Anstatt ein historisches Gebäude abzureißen und durch einen Neubau zu ersetzen, wurde die bestehende Bausubstanz saniert. Dies spart Ressourcen und reduziert den CO2-Ausstoß, der mit der Herstellung neuer Baumaterialien verbunden wäre.
Zudem dient das Gebäude nun wieder als zentrales Element für Studium und Lehre. Für das Sommersemester 2023 waren in dem sanierten Gebäude bereits 580 Veranstaltungen mit rund 50.000 Teilnehmenden geplant. Die Investition in die Sanierung amortisiert sich also durch die erhaltene kulturelle und funktionale Bedeutung des Gebäudes für die Universität und die Stadt.
Fazit
Die Sanierung des Hexagons an der TU Darmstadt demonstriert eindrucksvoll, wie man mit modernen Techniken und Materialien historische Bauten effektiv und denkmalgerecht erneuern kann. Die Anwendung von speziellen Fertigteilen (DUCON) für Treppenstufen, innovative Verfahren zur Tragwerksicherung (Heißbemessungen) und die behutsame Integration von Barrierefreiheit und Medientechnik stehen exemplarisch für eine moderne Baukultur, die Vergangenheit und Zukunft verbindet.
Für Bauherren und Planer, die sich mit der Sanierung von Gebäuden aus der Nachkriegsmoderne befassen, liefert dieses Projekt wertvolle Erkenntnisse: Der Schlüssel zum Erfolg liegt in der Kombination aus respektvollem Umgang mit der historischen Substanz, dem mutigen Einsatz innovativer Baustoffe und der konsequenten Ausrichtung auf moderne Nutzungsanforderungen. Das Hexagon bleibt somit nicht nur architektonisches Wahrzeichen, sondern auch ein Leuchtturmprojekt für die denkmalgerechte Bauweise.