Moderne Sanierung von Hochschulbauten: Strategien und Maßnahmen am Beispiel der RWTH Aachen

Einleitung

Die Sanierung von Hochschulgebäuden stellt die Bauwirtschaft vor besondere Herausforderungen. Neben der Notwendigkeit, historische Bausubstanz zu erhalten, müssen moderne Anforderungen an Barrierefreiheit, Energieeffizienz und digitale Infrastruktur erfüllt werden. Die Sanierungsmaßnahmen an der RWTH Aachen, insbesondere im Bereich der Hochschulbibliothek und des Hauptgebäudes, dienen hierbei als prägnantes Beispiel für eine komplexe, mehrstufige Herangehensweise. Diese Projekte zeigen auf, wie durch sorgfältige Planung und Priorisierung von Maßnahmen eine Umwandlung von ehemals rein funktionalen Gebäuden zu offenen, kommunikativen und zeitgemäßen Lernorten gelingen kann. Im Zentrum stehen dabei Generalsanierungen in mehreren Stufen, die Integration von Barrierefreiheit und der Erhalt von Denkmalen unter besonderen Bedingungen.

Die Generalsanierung der Hochschulbibliothek

Die Zentralbibliothek der RWTH Aachen wurde in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts errichtet. Seitdem haben sich die Anforderungen an Bibliotheken fundamental geändert. Die Sanierung zielte darauf ab, die Bibliothek zu einem offen, kommunikativen und zeitgemäßen Lernort zu entwickeln.

Mehrstufige Durchführung und Umfang

Das Hauptgebäude der Bibliothek wurde durch ein Architekturbüro in mehreren Stufen generalsaniert. Diese schrittweise Durchführung war notwendig, um den Betrieb während der Sanierung aufrechtzuerhalten und die Maßnahmen effizient zu steuern. Zu den zentralen Leistungen gemäß Leistungsphase 2-9 der HOAI gehörten nicht nur die Modernisierung und Sanierung des Gebäudekomplexes, sondern auch die Umsetzung der Belange des Brandschutzes und einer zeitgemäßen Barrierefreiheit.

Eine enge Zusammenarbeit mit dem Nutzer (der Hochschule) und dem Bauherrn sowie eine Begleitung der Bauausführung waren für den Erfolg des Projekts unerlässlich. Folgende konkrete Maßnahmen wurden in diesen Stufen umgesetzt:

  • Umfangreiche Betonsanierung: Die Substanz des Gebäudes wurde instand gesetzt.
  • Erneuerung der internen Transportsysteme: Logistik und Mobilität innerhalb des Gebäudes wurden modernisiert.
  • Erneuerung der Technikzentralen: Die technische Infrastruktur wurde auf den neuesten Stand gebracht.
  • Überarbeitung der Eingangshalle und Foyer: Der repräsentative Bereich wurde neu gestaltet.
  • Neukonzipierung der studentischen Bereiche: Die Nutzungsflächen wurden an moderne Bedürfnisse angepasst.

Zielbild: Kommunikation und Lernen

Das Leitmotiv der Sanierung war die Verschmelzung von öffentlicher Kommunikation und informellem Lernen. Die Qualität als Aufenthaltsort und Treffpunkt steht für die moderne Bibliothek im Vordergrund. Die Fläche der Bibliothek beträgt 6.700 m² BGF (Bruttogrundfläche). Das Ziel war es, die Bibliothek auf den Weg zu einem offenen, kommunikativen und zeitgemäßen Lernort zu bringen.

Sicherung und Sanierung des Hauptgebäudes

Parallel zu den Arbeiten an der Bibliothek wurden umfangreiche Maßnahmen am Hauptgebäude der RWTH Aachen durchgeführt. Dieses Gebäude wird als „historische Visitenkarte“ der Hochschule bezeichnet und ist eines der ehrwürdigsten Gebäude der Universität.

Herausforderung: Altersbedingt brüchige Fassade

Eine zentrale Herausforderung stellte die altersbedingt brüchige Natursteinfassade des Hauptgebäudes dar. Ursprünglich war geplant, das Gebäude vollständig zu verhüllen. Jedoch einigten sich die Universität und der Bau- und Liegenschaftsbetrieb NRW (BLB NRW) darauf, das herkömmliche Gerüst durch eine moderne Netzeinfassung zu ersetzen.

Diese Entscheidung fiel aus strategischen Gründen: Laufende Sanierungsmaßnahmen für Forschung und Lehre (wie Ersatzneubauten für die Gesteinshüttenkunde und Elektrotechnik Melaten oder die Sanierung des Sammelbaus Bauingenieurwesen auf der Hörn) hatten Priorität. Dennoch wollte man den heruntergekommenen Eindruck des Gebäudes vermeiden.

Die Netzeinfassung als Gestaltungslösung

Die neue Verkleidung wurde in Abstimmung mit der Denkmalpflege gestaltet. Sie erinnert an eine künstlerische Verhüllung und wirkt sehr repräsentativ. Die Konstruktion besteht aus zwei Netzen: 1. Ein weißes Staubnetz (unteres Netz). 2. Ein beigefarbenes Tragnetz (über dem Staubnetz).

Diese Lösung ermöglichte einen gelungenen Umgang mit dem sanierungsbedürftigen Zustand des Gebäudes, ohne die Optik durch herkömmliche Baugerüste zu beeinträchtigen.

Verbesserung der Barrierefreiheit

Ein wichtiger Aspekt der Sanierung war die Verbesserung der Barrierefreiheit. Im Innern des Hauptgebäudes und im rückwärtigen Hof wurde in einem ersten Schritt ein neuer Aufzug montiert. Dieser Schritt ermöglichte eine wesentliche Verbesserung der barrierefreien Nutzung des Gebäudes, noch bevor die komplette Fassadensanierung stattfand.

Weitere Sanierungsprojekte im Kernbereich der RWTH

Der BLB NRW arbeitet kontinuierlich an der Instandhaltung und Modernisierung des Gebäudebestands der RWTH. Neben dem Hauptgebäude und der Bibliothek laufen oder wurden weitere Projekte abgeschlossen, die eine hohe Priorität hatten:

  • Sammelbau Maschinenwesen: Die Grundsanierung dieses Gebäudes, das für nachhaltiges Bauen ausgezeichnet wurde, wurde vor kurzem abgeschlossen.
  • Kármán-Auditorium: Die Planungen zur Sanierung laufen. Vorab wurde das gesamte Gebäude mit einem 3D-Laserscan aufgenommen, was eine präzise digitale Erfassung der Bausubstanz für die Planung ermöglicht.
  • Couven-Gymnasium: Die Fassade dieses denkmalgeschützten Gebäudes wurde bei laufendem Betrieb saniert.
  • Eisenhüttenkunde: Für den Ersatzneubau wird derzeit ein Wettbewerb vorbereitet.

Konzeptionelle Ansätze und Wettbewerbsbeiträge

In einem Realisierungswettbewerb zur Sanierung des Hauptgebäudes der RWTH Aachen wurden visionäre Ansätze vorgestellt. Auch wenn der hier beschriebene Wettbewerbsbeitrag nicht den ersten Platz belegte, bietet er Einblicke in mögliche Sanierungsstrategien für denkmalgeschützte Gebäude.

Leitidee: „Das Denkmal der Zukunft“

Der Ansatz verfolgte das Ziel, das Hauptgebäude als „Denkmal der Zukunft“ zu gestalten. Die Sanierung ermöglichte eine Neustrukturierung der Räume und eine Rückführung auf den ursprünglichen Grundriss. Dabei wurden denkmalgeschützte Elemente wie die Satteldächer wiederhergestellt und mit neuen Funktionen versehen, um eine harmonische Gesamtkubatur zu schaffen.

Ein zentrales Element war die Überdachung von zwei Innenhöfen. Diese neuen überdachten Bereiche bilden das Zentrum des Gebäudes, dienen als Foyer und beherbergen museale Hallen, die das historische Gebäude zur Schau stellen. Durch diese Überdachungen entfällt die thermische Trennung der Fassaden, was Ertüchtigungsmaßnahmen wie Dämmung unnötig macht und die Fassaden im Originalzustand erhält.

Minimalinvasive Umsetzung

Das Sanierungskonzept achtete auf eine minimalinvasive Umsetzung. Ziel war es, Material- und Technikaufwand zu reduzieren und gleichzeitig die historischen Grundrissstrukturen und hohen Räume mit aktuellen Nutzeranforderungen zu vereinen. Die Raumnutzung wurde wie folgt geplant: * Haupttrakt zum Templergraben: Genutzt für repräsentative Räume mit hohem Besucherverkehr, ausgestattet mit mechanischer Belüftung. * Untere Ebenen: Genutzt für studentische Räume. * Obere Stockwerke: Genutzt für Verwaltungseinheiten.

Dieser Ansatz zeigt, wie durch intelligente Raumplanung und architektonische Eingriffe (Überdachung der Höfe) energetische und denkmalpflegerische Ziele erreicht werden können, ohne die Bausubstanz durch massive Dämmschichten zu verändern.

Fazit

Die Sanierungsprojekte an der RWTH Aachen demonstrieren eine vielschichtige und strategisch geplante Herangehensweise an die Modernisierung von Hochschulgebäude. Zwei Kernstrategien lassen sich dabei identifizieren:

  1. Die schrittweise Generalsanierung: Am Beispiel der Hochschulbibliothek wird deutlich, wie eine mehrstufige Sanierung unter Wahrung der Nutzbarkeit des Gebäudes zu einem zeitgemäßen Lernort führen kann. Die Integration von Barrierefreiheit, Brandschutz und technischer Erneuerung ist hierbei genauso wichtig wie die Neukonzeption der Nutzungsflächen zugunsten von Kommunikation und informellem Lernen.

  2. Denkmalpflege unter erschwerten Bedingungen: Das Hauptgebäude zeigt, wie mit einer altersbedingt brüchigen Fassade umgegangen werden kann. Die Entscheidung für eine repräsentative Netzeinfassung statt eines herkömmlichen Gerüsts belegt den Willen, die Optik eines „ehrwürdigen“ Gebäudes zu wahren, während zeitgleich dringendere Sanierungsarbeiten im Inneren Vorrang haben. Die Verbesserung der Barrierefreiheit durch den Einbau eines neuen Aufzugs stellt sicher, dass das Gebäude modernen Standards entspricht.

  3. Innovative Sanierungskonzepte: Der vorgestellte Wettbewerbsbeitrag verdeutlicht, dass Denkmalsschutz und moderne Anforderungen nicht im Widerspruch stehen müssen. Durch architektonische Eingriffe wie die Überdachung von Innenhöfen können energetische Probleme gelöst und neue Nutzungsflächen geschaffen werden, ohne die historische Fassade zu verändern.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Sanierung von Hochschulbauten einen hohen Planungsaufwand erfordert, der sowohl die Substanz als auch die Nutzeranforderungen berücksichtigen muss. Die Projekte an der RWTH Aachen bieten hierfür wertvolle Einblicke in die Planung und Umsetzung komplexer Baumaßnahmen.

Quellen

  1. Mescherowsky - Hochschulbibliothek RWTH Aachen
  2. BLB NRW - Hauptgebäude der RWTH Aachen verhüllt
  3. AktivHyp - Sanierungen im Kernbereich der RWTH
  4. SSP AG - Wettbewerbsbeitrag Sanierung Hauptgebäude RWTH Aachen
  5. Architektenweb - Referenzen Hochschulbibliothek RWTH Aachen

Ähnliche Beiträge