Einleitung
Die Stadt Leipzig sah sich nach der Wiedervereinigung einer Vielzahl von Herausforderungen im Bereich der Stadterneuerung gegenüber. Ein besonderer Fokus lag auf der Revitalisierung der stadtbildprägenden gründerzeitlichen Quartiere in Innenstadtnähe. Das 17 Hektar große Quartier "Connewitz-Biedermannstraße" stellte hierbei ein zentrales Sanierungsgebiet dar. Es war das erste förmlich festgelegte Sanierungsgebiet Sachsens und lag am südlichen Innenstadtrand im Ortsteil Connewitz.
Die Entwicklung des Gebietes ist ein anschauliches Beispiel für den Umgang mit den spezifischen Problemen ostdeutscher Großstädte nach dem Umbruch. Ende der 1980er Jahre war das Areal als innerstädtischer Plattenbaustandort vorgesehen. Dies führte zur Freiziehung von Wohnungen, einer Verschlechterung des Zustands der Bausubstanz und der Verlagerung von Betrieben. In den folgenden Jahrzehnten wurde jedoch eine umfassende Transformation durchgeführt, die heute als erfolgreich gilt. Dieser Artikel beleuchtet die durchgeführten Sanierungsmaßnahmen, die Rolle von Denkmalschutz und Selbstnutzern sowie zukünftige Vorhaben im Leipziger Süden, basierend auf den vorliegenden Informationen zu Sanierungsmaßnahmen, Umnutzungen und Bürgerinitiativen.
Die Struktur der Stadterneuerung in Connewitz
Zielsetzung und Organisation
Ab Mitte der 1990er Jahre änderte sich die Fördermittelpolitik. Parallel zu Investitionen in die öffentliche Infrastruktur wurde verstärkt versucht, private Investitionen anzuziehen und neue Bau- und Wohnformen für "Selbstnutzer" zu fördern. Zur Organisation der zahlreichen Sanierungsmaßnahmen in Leipzig wurde ein kommunales Amt für Stadterneuerung und Wohnungsbauförderung (ASW) eingerichtet, das für die Koordinierung aller am Sanierungsprozess beteiligten städtischen Ämter zuständig war. Für das Gebiet "Connewitz-Biermannstraße" wurde die Deutsche Stadt- und Grundstücksentwicklungsgesellschaft mbH (DSK) als Sanierungsträger eingesetzt. Zudem wurde ein Vor-Ort-Büro eingerichtet, das gemeinsam vom ASW und der DSK betrieben wurde.
Die Sanierungssatzung bildete die rechtliche Grundlage für die Durchführung der Maßnahmen. Sie regelte die Vorbereitung und Durchführung der Sanierung, genehmigungspflichtige Vorhaben und Rechtsvorgänge nach §144 Baugesetzbuch (BauGB), den Einsatz von Städtebaufördermitteln sowie die Erhebung von Ausgleichsbeträgen. Auch steuerliche Anreize nach §7h Einkommenssteuergesetz (EStG) kamen zum Einsatz.
Handlungsfelder und Einzelmaßnahmen
Die Sanierung umfasste ein breites Spektrum an Handlungsfeldern. Dazu gehörten: * Sicherung von Bausubstanz * Nachverdichtung durch Neubau von Wohnungen * Brachflächenreaktivierung * Aktivierung von "Selbstnutzern" * Behutsame Stadterneuerung * Straßenraumgestaltung * Errichtung von sozialer und kultureller Infrastruktur * Partizipation und Einbezug von Initiativen
Konkrete Einzelmaßnahmen waren unter anderem die Anlage des Stadtteilparks Kronengarten, der Bau der Wohnanlage "Wohnen für junge Leute" in der Pfeffinger Straße, die Errichtung der Seniorenwohnanlage "Connewitzer Hof" sowie die Instandsetzung und Modernisierung der Stockartstraße 4 mit Möglichkeit zur Mieterselbsthilfe. Weiterhin wurden die Straßenraumgestaltung in der Biedermannstraße und die Errichtung von Selbstnutzer-Stadthäusern realisiert.
Strategien zur Revitalisierung der Bausubstanz
Der Einsatz von Selbstnutzern
Ein zentraler Erfolgsfaktor war die gezielte Förderung von Selbstnutzern. Durch den strategischen Grunderwerb, bei dem die DSK ca. 45 Grundstücke treuhänderisch erwarb und für die weitere Vermarktung vorbereitete, konnte die Nachfrage erhöht werden. Ziel war es, gezielt Grundstücke an Selbstnutzer zu veräußern, die urbane Wohnprojekte in Form von Stadthäusern realisierten. Dies führte zu einer signifikanten Veränderung der Bewohnerstruktur: Von einer überwiegenden Mieterklientel hin zu einem wachsenden Anteil an Eigentümern.
Ein exemplarisches Projekt war die Instandsetzung der Stockartstraße 4. Hier wurde versucht, Jugendliche bei den Sanierungsarbeiten zu beteiligen, um Erfahrungen für die Umsetzung weiterer alternativer Projekte zu sammeln. Die Mieter konnten bei Planung und Ausführung mitwirken und durch bauliche Selbsthilfe die Höhe der jeweiligen Kaltmiete auf bis zu 5,80 DM/m² senken. Die Gesamtkosten wurden durch die Mieterselbsthilfe, ein Darlehen der Sparkasse Leipzig und die Städtebauförderung getragen.
Auswirkungen auf das Umfeld
Die Sanierungsmaßnahme wirkte sich bereits während des Erneuerungsprozesses positiv auf die angrenzenden Gebiete aus. Die Entwicklungstendenzen des Sanierungsgebietes setzten ca. fünf bis sechs Jahre versetzt auch in den umgebenden Quartieren ein. Dies drückte sich in einer deutlichen Reduzierung des Leerstands und einer Stabilisierung der Mietpreise aus.
Denkmalschutz und Umnutzung: Die Maschinenhalle
Ein anderes Beispiel für die Sanierungspraxis in Connewitz ist die Umnutzung einer denkmalgeschützten Maschinenhalle zu Atelier- und Büroflächen. Es handelt sich um ein 1910 erbautes, denkmalgeschütztes, ehemaliges Akkumulatorenhaus mit rückseitig angrenzender Maschinenhalle.
Erhalt und sensible Sanierung
Die Halle sowie weitere Gebäudeteile wurden zu Atelier- und Büroflächen umgenutzt, wobei die historische Bausubstanz erhalten blieb und die Gebäudehülle nur punktuell saniert wurde. Ein Kernprinzip war es, die Spuren der früheren Nutzung im Innenraum bewusst zu bewahren. Zudem wurde die Möglichkeit einer Bespielung während der Wintermonate gesichert und die reversible Rückbaubarkeit aller Maßnahmen ohne Schädigung des Kulturdenkmals sichergestellt.
Technische und gestalterische Lösungen
Im dreischiffigen Raum der Maschinenhalle wurden zwei transluzente Einbauten installiert, die jeweils eine thermische Einheit bilden. Der entstehende Zwischenraum dient als Begegnungsfläche, Treffpunkt, Veranstaltungsort und Durchgang zum angrenzenden Kopfbau. Dieses Projekt zeigt, wie im Sinne einer Umbau- und Materialkultur, die sensibel mit Bestehendem arbeitet, ein atmosphärisches und spannendes Arbeitsumfeld in einer vormals leerstehenden Halle geschaffen werden kann.
Aktuelle Herausforderungen: Die Turnhalle an der Teichstraße
Während viele Bereiche saniert wurden, stehen einige historische Gebäude noch vor großen Herausforderungen. Die historische Turnhalle an der Teichstraße in Connewitz war über 100 Jahre lang ein zentraler Ort für Sport, Kultur und Begegnung. Seit 2020 ist sie wegen Baufälligkeit geschlossen. Dies stellt einen Verlust für Sportvereine, Schulen, Freizeitsportler und die Nachbarschaft dar.
Bürgerinitiative und Forderungen
Eine Bürgerinitiative hat sich gebildet, um die Sanierung und den Ausbau der Halle für Sport, Kultur und Gemeinschaft im Leipziger Süden zu erwirken. Die Initiative fordert eine zukunftsfähige, barrierearme und energieeffiziente Sanierung. Ein Stadtratsantrag (VIII-HP-10330) sieht Mittel für die Planung im Haushalt 2026 vor. Ziel ist es, die Halle wieder als sozialen und sportlichen Treffpunkt zu nutzen. Dieses Beispiel verdeutlicht die anhaltende Notwendigkeit, kulturelle Infrastruktur zu erhalten und den Denkmalschutz aktiv zu gestalten.
Fazit: Bilanz und Ausblick
Die Sanierung des Quartiers Connewitz-Biedermannstraße in Leipzig stellt einen erfolgreichen Prozess der Stadterneuerung dar, der als Vorbild für ähnliche Gebiete dienen kann. Durch eine Kombination aus öffentlicher Förderung, strategischem Grunderwerb und der gezielten Aktivierung von Selbstnutzern konnte die Bausubstanz gesichert und das Wohnungsangebot diversifiziert werden. Die Daten zeigen, dass mehr als drei Viertel der Bausubstanz instand gesetzt und modernisiert wurden; in Teilbereichen sind bereits ca. 97 % der Sanierungsziele erreicht.
Die Entwicklung hat sich positiv auf die angrenzenden Gebiete ausgewirkt, was eine Stabilisierung der Mietpreise und eine Reduzierung des Leerstands zur Folge hatte. Die geplante Entlassung des Gebiets aus dem Sanierungsrecht für das Jahr 2010 markierte den Abschluss einer Ära, die durch innovative Instrumentarien und intensive Bürgerbeteiligung geprägt war.
Gleichzeitig zeigt das Beispiel der Maschinenhalle, wie Denkmalschutz und moderne Nutzungen vereinbar sind, und die Situation der Turnhalle an der Teichstraße unterstreicht die Bedeutung der fortlaufenden Pflege und Sicherung von kultureller Infrastruktur. Für Bauherren, Investoren und Bewohner bleibt Connewitz ein lebendiges Quartier, dessen Entwicklung die Bedeutung von langfristiger Planung und partizipativer Stadtentwicklung unterstreicht.