Die Umgestaltung des Bahnhofsvorplatzes in Marburg stellt ein herausragendes Beispiel für moderne Stadtplanung und Bauausführung im Bereich der Verkehrswende und der Revitalisierung urbaner Zentren dar. Nach mehr als zwei Jahrzehnten der Planung und dreieinhalb Jahren Bauzeit wurde das Projekt abgeschlossen und markiert einen signifikanten Wandel in der Nutzung und Ästhetik dieses zentralen Stadtbereichs. Dieser Artikel beleuchtet die Komplexität der Bauabschnitte, die finanziellen Rahmenbedingungen, die Verkehrsführung sowie die technischen Innovationen, die im Zuge der Sanierung und des Neubaus implementiert wurden.
Ausgangslage und Zielsetzung der Maßnahme
Der Bahnhofsvorplatz in Marburg war über Jahrzehnte ein stark frequentierter Knotenpunkt, der jedoch unter einer hohen Verkehrsbelastung litt. Quellenangaben zufolge prassten bis zu 12.000 Autos täglich auf das Areal, was zu einer massiven Beeinträchtigung der Aufenthaltsqualität und der Sicherheit für Fußgänger und Reisende führte. Die städtebauliche Aufwertung zielte darauf ab, diesen Zustand fundamental zu ändern. Das Hauptziel war die Schaffung einer neuen „Visitenkarte“ der Stadt Marburg, die den täglichen Besucherstrom von rund 15.000 Menschen optimal aufnehmen kann.
Zentraler Bestandteil der Planung war die Herausnahme des Durchgangsverkehrs aus dem unmittelbaren Bahnhofsbereich. Die Vision war ein verkehrsberuhigter Platz, der dem öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV), dem Radverkehr und den Fußgängern Priorität einräumt. Dieser Ansatz erforderte eine radikale Neukonzeption der Verkehrsflächen und eine tiefgreifende verkehrstechnische Planung.
Planung und Bauausführung: Eine strukturierte Umsetzung
Die Komplexität der Arbeiten machte eine Aufteilung in drei separate Bauabschnitte notwendig, um die Verkehrsfunktion während der Bauphase so weit wie möglich aufrechtzuerhalten und die Arbeiten effizient durchzuführen. Diese Planung basierte auf Informationen der Bauverwaltung der Stadt Marburg und folgte einem klaren zeitlichen Ablaufplan.
Erster Bauabschnitt: Die Umfahrung
Der erste Bauabschnitt konzentrierte sich auf die Schaffung der notwendigen Umfahrungsstraßen, um den Verkehr um den zukünftigen platz herumzuleiten. Dies umfasste die Ernst-Giller-Straße, die Mauerstraße und die Neue Kasseler Straße sowie die Flächen unter der Hochstraße B 3 im Bereich der Ernst-Giller-Straße. Die Bauzeit für diesen Abschnitt erstreckte sich von Oktober 2010 bis Ende 2011. Die Kosten beliefen sich hier auf ca. 2,12 Mio. €. Ein entscheidender Aspekt dieser Phase war die Errichtung der Infrastruktur, die den späteren Rückzug des Verkehrs aus dem Kernbereich ermöglichte.
Zweiter Bauabschnitt: Brücken und Knotenpunkte
Von Juni 2011 bis Juli 2012 folgte der zweite Bauabschnitt, der elementare Verkehrsadern betraf. Hierbei handelte es sich um die Sanierung der Elisabethbrücke, die Instandsetzung der Hohlkästen unterhalb der B 3 und den Ausbau des Knotens Krummbogen/Bahnhofstraße sowie des Straßenabschnitts Krummbogen. Diese Arbeiten waren essenziell, um die verkehrstechnische Anbindung des Bahnhofs an die Innenstadt und das Umland zu sichern und die Tragfähigkeit der historischen Bausubstanz zu gewährleisten.
Dritter Bauabschnitt: Der Kernbereich
Der letzte und entscheidende Abschnitt begann im August 2012 und endete im März 2014. Hier wurde der eigentliche Bahnhofsvorplatz und die Neue Kasseler Straße inklusive des Wendeplatzes neu gestaltet. In dieser Phase wurden die verkehrsberuhigenden Maßnahmen umgesetzt, die Platzgestaltung realisiert und die endgültige Verkehrsführung installiert. Die Bauarbeiten in diesem Bereich markierten die Fertigstellung der städtebaulichen Maßnahme und die Rückgewinnung des Platzes für die Menschen.
Finanzieller Rahmen und Förderung
Das Projekt war von erheblicher finanzieller Dimension. Die Gesamtkosten für alle Maßnahmen im Tief- und Straßenbau wurden mit 10 Mio. Euro veranschlagt. Eine wesentliche Unterstützung erhielt die Stadt Marburg durch das Land Hessen, welches den städtischen Anteil mit insgesamt 3,534 Mio. Euro förderte. Diese Förderung unterstreicht die regionale und überörtliche Bedeutung des Projekts.
Es ist jedoch festzuhalten, dass die Kostenangaben in den verschiedenen Quellen leicht variieren. Während eine Quelle die Gesamtkosten des Tief- und Straßenbaus mit 10 Mio. Euro beziffert, nennt eine andere Quelle für die Gesamtkosten des Straßenbaus (ohne zusätzliche Bauwerke) eine geschätzte Netto-Summe von 2,0 Mio. €. Diese Diskrepanz könnte darauf hindeuten, dass hier unterschiedliche Leistungsbereiche (z.B. reine Straßenbauarbeiten vs. Tiefbau inkl. Versorgungsleitungen und Platzgestaltung) abgebildet sind. Als gesichert gilt jedoch die Höhe der Landesförderung und die Größenordnung der Gesamtinvestition im zweistelligen Millionenbereich.
Verkehrskonzept: Die neue Ordnung
Das Herzstück der Umgestaltung ist das radikale Verkehrskonzept. Der einstige Durchgangsverkehr mit bis zu 12.000 Fahrzeugen wurde eliminiert. Der Bahnhofsvorplatz ist nun ein verkehrsberuhigtes Areal, das für den Durchgangsverkehr gesperrt bleibt.
Verkehr für PKW und Anlieger
Autofahrer müssen den Bahnhofsbereich nun über die Mauer- und die Ernst-Giller-Straße umfahren. Die Zufahrt zum Bahnhof ist ausschließlich über die Neue Kasseler Straße möglich. Ein entscheidendes Detail ist hier die „Sackgassen-Funktion“: Anlieger, Hotelgäste und Bahnkunden können den Bahnhof zwar mit dem Auto anfahren, müssen den Ort jedoch nach einem Wendekreis auf dem gleichen Weg wieder verlassen. Zudem gilt eine Geschwindigkeitsbegrenzung von 20 Stundenkilometern, und es wurden Kurzzeitparkplätze eingerichtet. Diese Maßnahmen verhindern eine missbräuchliche Nutzung als Verkehrsachse.
Öffentlicher Personennahverkehr (ÖPNV) und Taxi
Der ÖPNV erhielt eine klare Priorisierung. Nur Busse und Fahrräder können den Bahnhofsvorplatz direkt aus Richtung Bahnhofsstraße ansteuern und wieder in diese Richtung verlassen. Für die Abwicklung des Busverkehrs wurde eine spezielle Busampel installiert, die den Verkehrsfluss regelt. Auch der Taxenstand wurde in die Neue Kasseler Straße verlegt, um den Platz für Fußgänger und Busse zu öffnen. Ziel ist es, den Bahnhofsvorplatz als zentralen Verknüpfungs- und Umsteigepunkt für Stadt- und Regionalbusse zu etablieren.
Radverkehr und Fußgänger
Der Fuß- und Radverkehr profitiert enorm von der Umgestaltung. Die Gehsteige wurden verbreitert, und es entstanden überdachte Mittelinseln für die Wartezeiten der Buspassagiere. Für Radfahrer wird eine Ampel eingerichtet, die die Fahrt vom Bahnhofsvorplatz in die Innenstadt ermöglicht. Die Aufwertung der Fußgängerflächen und die Schaffung von Aufenthaltsqualität sind zentrale Elemente der städtebaulichen Aufwertung.
Technische und bauliche Innovationen am Bahnhof
Während der Bahnhofsvorplatz im Außenbereich neu gestaltet wurde, fanden im Inneren des Bahnhofs und in der unmittelbaren Umgebung umfangreiche Modernisierungen statt, die über die reine Verkehrsführung hinausgehen. Diese Arbeiten wurden von verschiedenen Akteuren, darunter die Deutsche Bahn, die Stadtwerke Marburg und die Gemeinnützige Wohnungsbau GmbH (GeWoBau), getragen.
Sanierung des Bahnhofsgebäudes und Einrichtungen
Die Sanierung des Bahnhofsgebäudes war ein eigenständiges Großprojekt mit einem Investitionsvolumen von rund 30 Mio. €. Die Empfangshalle des über 160 Jahre alten neobarocken Gebäudes wurde bereits 2013 wiedereröffnet. Hier entstanden neue Serviceschalter, mehr Schließfächer und ein modernisierter Wartebereich. Zudem wurden neue Cafés und Geschäfte integriert. Eine besondere Herausforderung war die energetische Sanierung. Es wurden energiesparende Systeme zur Wärmeverteilung installiert.
Fußbodenheizungssysteme und Energieeffizienz
Für die Wärmeverteilung entschied man sich für zwei Fußbodenheizungssysteme der Roth Werke. Im Bereich der Flächenheizung und -kühlung kamen rund 800 m² des Roth Original-Tacker-Systems mit etwa 6.500 m Roth-Systemrohr „X-Pert S5“ zum Einsatz. Dieses System zeichnet sich durch eine hohe Druck- und Temperaturbeständigkeit sowie eine ausgezeichnete chemische Widerstandsfähigkeit aus, was für die Langlebigkeit in einem stark frequentierten öffentlichen Gebäude entscheidend ist. In den Großraumbüros, wo eine niedrige Aufbauhöhe erforderlich war, wurde auf das Roth-„ClimaComfort TBS“ (Trockenbausystem) zurückgegriffen. Diese Maßnahmen sorgen für ein angenehmes Temperaturprofil und eine hohe Energieeffizienz.
Barrierefreiheit und Bahnsteigmodernisierung
Die Modernisierung der Bahnsteige wurde Ende 2014 abgeschlossen und macht den Marburger Bahnhof nun vollständig barrierefrei. Für Blinde und Rollstuhlfahrer ist der Bahnhof gut erreichbar. Von der renovierten Unterführung führen Aufzüge zu den Gleisen. Die Bahnsteige wurden so erhöht, dass ein stufenloser Einstieg in die Züge möglich ist. Für die zahlreichen blinden Bewohner der Universitätsstadt gibt es Leitstreifen durch den gesamten Bahnhof bis zu den Gleisen. Diese Detailgenauigkeit unterstreicht den Anspruch auf Kundennähe und Inklusion.
Wohn- und Gewerbeintegration
Ein interessanter Aspekt der Modernisierung ist die multifunktionale Nutzung des Gebäudes. Im Obergeschoss des Bahnhofs wurden 39 Studentenwohnungen sowie ein Hostel mit 28 Betten eingerichtet. Diese Integration von Wohnraum in ein Verkehrsgebäude belebt den Bahnhof auch außerhalb der Kernzeiten und nutzt die Bausubstanz effizient. Das Projekt wurde 2015 sogar zum „Bahnhof des Jahres“ gewählt, was die gelungene Verknüpfung der Funktionen bestätigt.
Parkdeck-Sanierung: Chloridschäden und Instandsetzung
Ein weiterer wichtiger Baustein der Gesamtmaßnahme war die Sanierung des Parkdecks am Hauptbahnhof, das von den Stadtwerken Marburg betrieben wird. Die Notwendigkeit einer Generalsanierung ergab sich aufgrund des jahrzehntelangen Eintrags von Chloriden durch Streusalz an den Reifen von Fahrzeugen. Diese Chloride führten zu schweren Schäden im Beton.
Umfang und Kosten der Parkdeck-Sanierung
Die Betonsanierung sämtlicher Bodenflächen und Stützen war der umfangreichste Teil der Bauarbeiten. Die Gesamtkosten beliefen sich auf rund 1,6 Millionen Euro. Nach Abschluss der Sanierung verfügt das Parkdeck wieder über 294 Stellplätze, davon 9 Stellplätze für Behinderte und 4 Stellplätze für Elektrofahrzeuge. Eine besondere Berücksichtigung fand hierbei auch der Fahrradverkehr: Auf dem Oberdeck nahe dem Zugang zum Hauptbahnhof wurden 20 Fahrradstellplätze bereitgestellt.
Technische Maßnahmen und Optik
Neben der statischen Sicherstellung durch Betonsanierung wurde auch die Oberfläche erneuert. Das Obergeschoss erhielt eine neue, schützende Gussasphaltschicht. Optisch wurde das Gebäude aufgewertet: Brüstungsflächen des Oberdecks erhielten einen hellen Anstrich, die Decken im Unterdeck wurden weiß gestrichen, und der Bodenbelag im Unterdeck wurde erneuert. Diese Maßnahmen verleihen dem Parkdeck einen freundlichen und einladenden Eindruck. Technisch aufgerüstet wurde mit energiesparenden LED-Lampen. Zudem wurden sechs zusätzliche Mauerdurchbrüche im Unterdeck realisiert, um mehr Licht und Luft zu schaffen.
Fazit
Die Umgestaltung des Bahnhofsvorplatzes in Marburg ist ein Musterbeispiel für gelungene Stadtentwicklung und Bauausführung. Das Projekt, das sich über mehrere Jahre hinzog, hat das Erscheinungsbild der Stadt grundlegend verändert. Durch die konsequente Verlagerung des motorisierten Individualverkehrs auf Randstraßen und die Priorisierung von Bus, Bahn, Rad und Fußgängern wurde ein moderner, lebenswerter und funktionaler Stadtknotenpunkt geschaffen.
Die finanzielle Unterstützung durch das Land Hessen und die Kooperation zwischen Stadt, Bahn und Wohnungsbau zeigen, wie Großprojekte dieser Größe erfolgreich umgesetzt werden können. Besonders hervorzuheben sind die technischen Details: von der verkehrstechnischen Steuerung über die energetische Sanierung des Bahnhofs mit modernen Heizsystemen bis hin zur statischen Sanierung des Parkdecks aufgrund von Chloridschäden. Die Integration von Wohnraum und Dienstleistungen rundet das Gesamtkonzept ab. Das Ergebnis ist nicht nur eine neue Visitenkarte Marburgs, sondern auch ein Beweis für die Machbarkeit nachhaltiger und nutzerzentrierter Verkehrsplanung.
Quellen
- HNA - Bahnhofsvorplatz ist neue Visitenkarte der Stadt Marburg
- Das-Marburger - Übersicht Umgestaltung Bahnhofsvorplatz
- Mercell - Umgestaltung des Bahnhofsvorplatzes 3. Bauabschnitt
- SHK-Profi - Sanierung des Marburger Hauptbahnhofs
- Stadtwerke Marburg - Parkdeck am Hauptbahnhof nach umfangreicher Sanierung geöffnet