Ingelfingen treibt die Sanierung der Mariannenvorstadt voran. Das Vorhaben, das als städtebauliche Erneuerungsmaßnahme konzipiert ist, stellt eine bedeutende Investition in den Erhalt historischer Bausubstanz und die Schaffung zeitgemäßen Wohnraums dar. Das Projekt zielt darauf ab, eine frühe Handwerkersiedlung und Stadterweiterung des ausgehenden 18. Jahrhunderts behutsam zu modernisieren. Im Fokus stehen die Bewahrung von Kulturschätzen, die Verbesserung der Verkehrswege und die Aufwertung der Wohn- und Aufenthaltsqualität. Für Eigentümer, Bauinteressenten und Fachleute bietet der folgende Überblick einen detaillierten Einblick in die Planungen, Förderrichtlinien und technischen Aspekte dieses Langzeitprojekts.
Das historische Erbe der Mariannenvorstadt
Die Mariannenvorstadt in Ingelfingen ist ein stadthistorisch bedeutsames Areal. Es handelt sich um das erste stadtplanerisch angelegte Baugebiet der Stadt. Die Planung geht auf den Salinenbaumeister aus Schwäbisch Hall zurück. Die Struktur der Siedlung ist eng mit der Geschichte des Gewerbes und der Ansiedlung von Handwerkern verknüpft.
Ein zentrales Bauwerk des Viertels ist die Mariannenstraße 10. Architekten bezeichnen dieses Gebäude als das älteste Haus der Mariannenvorstadt. Es entstand im Jahr 1784 und diente offenbar als architektonisches Vorbild für die weiteren Häuser der Handwerkerstadt. Architekt Ferdinand M. Schäfer vom Büro „Schäfer.Partner“ in Schwäbisch Hall, das sich auf die Renovierung von Denkmälern spezialisiert hat, erläutert die ursprüngliche Funktion. Das Gebäude wurde als sogenanntes „Logiehaus“ konzipiert. Schon beim Bau im Jahr 1784 waren auf jedem Stockwerk eine Küche und drei Zimmer angelegt. Diese Raumstruktur war ideal für kleine Wohnungen und sollte Beamten Unterkunft bieten, die für einige Jahre am Hof der Fürsten arbeiteten. Das Haus war demnach von Anfang an als Renditeobjekt gedacht. Dies unterstreicht den wirtschaftlichen Charakter der damaligen Stadtentwicklung.
Die historische Bausubstanz reicht weit zurück. Haupt- und Bauamtsleiter Manfred Schmitt weist darauf hin, dass viele Häuser im Projektgebiet, die bis zum Jahr 1805 gebaut wurden, bereits beim Landesdenkmalamt in Stuttgart registriert sind. Der Erhalt dieser Baudenkmäler ist ein zentrales Anliegen der Stadtverwaltung. Ziel ist es, diese „Kulturschätze“ zu bewahren und sie weiterhin sinnvoll zu nutzen.
Konzept und Ziele der städtebaulichen Erneuerung
Das Sanierungsvorhaben basiert auf dem Grundsatz „Innenentwicklung geht vor Außenentwicklung“. Dieses Prinzip betont Bürgermeister Michael Bauer zum Auftakt des Projekts. Es bedeutet, dass die bestehende Stadtstruktur durch Aufwertung und Modernisierung gestärkt wird, bevor Neubauten im Außenbereich Priorität erhalten.
Das strategische Konzept der Stadt Ingelfingen verfolgt seit Ende der 1970er Jahre das Ziel, den mittelalterlichen Stadtkern durch gezielte Förderung des Wohnens im Zentrum lebendig zu halten. Die Mariannenvorstadt ist ein wichtiger Bestandteil dieser Strategie. Im Mittelpunkt steht die Überlegung, durch eine hohe Wohndichte die zentralen Funktionen Handel, Handwerk und Kultur zu sichern. Eine weitgehend konfliktfreie Nutzungsmischung aus Wohnen, Gewerbe, Dienstleistungen und öffentlichen Einrichtungen soll erhalten bleiben.
In der Vergangenheit wurden bereits unter hohem Aufwand zahlreiche Maßnahmen in der Altstadt umgesetzt. Denkmalgeschützte Gebäude wurden saniert, während an anderen Stellen Raum für Verkehrs- und Parkflächen sowie für Neubauten geschaffen wurde, die die historische Bausubstanz harmonisch ergänzen. Diese Erfahrungen fließen nun in die Sanierung der Mariannenvorstadt ein.
Zielsetzungen für die Bewohner und die Infrastruktur
Die Stadt hat die Wünsche der Eigentümer und Bewohner in einer Befragung aufgegriffen. Daraus ergeben sich konkrete Zielsetzungen für die Aufwertung des Quartiers:
- Verkehrsentlastung: Der Schulweg an der Einmündung zur Mühlstraße soll entschärft werden. Dies betrifft die Sicherheit für Fußgänger und Radfahrer in einem sensiblen Bereich.
- Wohn- und Aufenthaltsqualität: Die Aufenthaltsqualität soll durch neue Nahversorgungsangebote und Dienstleister gesteigert werden.
- Stadtbild: Eine durchdachte Fassadengestaltung soll eine nachhaltige Veränderung im Stadtquartier bewirken. Insbesondere eine Fassadenbegrünung wird als bereichernd für das historische Stadtbild angesehen.
Die Architektin Claudia Krüger von der LBBW Immobilien Kommunalentwicklung GmbH betont, dass Fassadenbegrünung in anderen Kommunen bereits positive Erfahrungen gezeigt hat. Sie bereichert das historische Stadtbild und trägt zur Verbesserung des Mikroklimas bei.
Das Sanierungsgebiet und seine Fläche
Das Sanierungsgebiet Mariannenvorstadt ist räumlich klar definiert. Die Sanierungsfläche verteilt sich auf insgesamt 49.157 Quadratmeter. Diese Größe unterstreicht das Gewicht des Vorhabens. Es handelt sich nicht um punktuelle Eingriffe, sondern um eine flächige, integrierte Erneuerung eines ganzen Stadtquartiers.
Das Projekt ist als Langzeitprojekt konzipiert. Die Sanierungsarbeiten sollen bis zum 31. Dezember 2027 abgeschlossen sein. Dieser Zeitraum ermöglicht eine planvolle, behutsame Umsetzung, die den Denkmalschutz und die Bedürfnisse der Bewohner berücksichtigt. Die Stadt Ingelfingen hat das Sanierungsgebiet bereits im vergangenen Jahr in das Landessanierungsprogramm aufgenommen. Diese Aufnahme ist die Voraussetzung für die Inanspruchnahme von staatlichen Fördermitteln.
Förderung und Finanzierung
Für Eigentümer und Investoren sind die Förderrichtlinien von besonderem Interesse. Die Stadt Ingelfingen hat in Zusammenarbeit mit Expertinnen der LBBW Immobilien Kommunalentwicklung GmbH (Hilla Dolven und Claudia Krüger) die Wege zur Fördergeldbeantragung beim Regierungspräsidium aufgezeigt.
Förderrahmen und Richtlinien
Der Förderrahmen bis 30. April 2025 beläuft sich auf rund 1,16 Millionen Euro. Hilla Dolven weist darauf hin, dass dies nur ein grober Richtwert ist, der sich im Laufe der Sanierungsmaßnahmen noch ändern kann. Die Stadt orientiert sich bei der Festlegung der Förderrichtlinien an den gültigen Städtebauförderungsrichtlinien. Diese Festlegung wird durch den Gemeinderat beschlossen.
Höhe der Zuschüsse
Die konkreten Zuschusssummen sind nach Nutzungstyp differenziert:
- Wohnobjekte: Für ein Wohnobjekt in der Mariannenvorstadt wird eine Fördersumme von 100.000 Euro veranschlagt.
- Andere Nutzungen: Bei Häusern, die anderweitig genutzt werden (z. B. gewerblich oder öffentlich), liegt der Zuschuss bei 20.000 Euro.
Diese Regelungen schaffen Planungssicherheit für die Eigentümer. Die Förderung zielt darauf ab, die hohen Kosten der Sanierung von Denkmälern und historischen Gebäuden wirtschaftlich tragbar zu machen. Die Sanierungsmaßnahmen umfassen private Modernisierungs- und Instandsetzungsmaßnahmen sowie private Ordnungsmaßnahmen im Projektgebiet.
Technische Aspekte der Sanierung und Denkmalschutz
Die Sanierung der Mariannenvorstadt stellt besondere Anforderungen an die Bautechnik und die Materialauswahl. Da es sich um ein Gebiet mit registrierten Baudenkmälern handelt, sind die Eingriffe strengen Auflagen unterworfen.
Umgang mit historischer Bausubstanz
Das Ziel ist der behutsame Umgang mit dem historischen Gebäudebestand. Das Projekt verfolgt den Ansatz, durch die Sanierung gleichzeitig zeitgemäßen Wohnraum zu schaffen. Ein Beispiel für diese Philosophie ist die Sanierung der Mariannenstraße 10. Die drei Stockwerke sollen zu Wohnungen ausgebaut werden. Architekt Schäfer weist darauf hin, dass die ursprüngliche Raumstruktur (Küche und drei Zimmer pro Stockwerk) sich ideal für moderne Wohnkonzepte eignet. Die energetische Sanierung und die Anpassung an heutige Wohnstandards müssen hier mit dem Erhalt der historischen Bausubstanz in Einklang gebracht werden.
Fassadengestaltung und Begrünung
Ein wesentlicher Baustein für die Aufwertung ist die Fassadengestaltung. Wie erwähnt, empfehlen die Expertinnen eine Fassadenbegrünung. Diese hat nicht nur ästhetische, sondern auch funktionale Vorteile. Sie trägt zur Temperaturregulierung bei und verbessert das Stadtklima. Bei der Sanierung von Denkmälern ist jedoch zu beachten, dass Begrünungssysteme so gewählt werden müssen, dass sie die Bausubstanz nicht beschädigen. Die Wahl der Materialien und Befestigungsmethoden erfordert fachliche Expertise.
Verkehrstechnische Infrastrukturmaßnahmen
Die Sanierung umfasst auch bauliche Maßnahmen im öffentlichen Raum. Die „Entschärfung“ des Schulwegs an der Mühlstraße deutet auf Eingriffe in die Verkehrsführung oder die Gestaltung von Gehwegen hin. Ziel ist die Erhöhung der Verkehrssicherheit. Solche Maßnahmen müssen im Einklang mit der historischen Straßenraumstruktur stehen. Engen Gassen und der Höhenunterschied zwischen Neuem und Altem Schloss erschweren diese Planung. Dennoch konnten in der Vergangenheit bereits unter hohem Aufwand Verkehrs- und Parkflächen geschaffen werden.
Planung und Umsetzung durch die Verwaltung
Die Koordination der Vorhaben erfolgt über die Ausweisung von Sanierungsgebieten. Die Stadt Ingelfingen setzt auf eine enge Zusammenarbeit mit spezialisierten externen Experten. Die Geografin Hilla Dolven und die Architektin Claudia Krüger unterstützen die Stadt mit ihrem Know-how bei der geplanten Sanierung. Sie führen vorbereitende Untersuchungen durch und präsentieren den Gemeinderatsmitgliedern die Bauvorschriften und Fördermöglichkeiten.
Der Gemeinderat hat eine zentrale Rolle. Er muss die Festlegung des Sanierungsgebiets Mariannenvorstadt förmlich beschließen und die Förderrichtlinien festzurren. Dieser politische Beschluss schafft die rechtliche Grundlage für die Umsetzung.
Historischer Hintergrund und Archivalien
Die Planung der Mariannenvorstadt basiert auf historischen Vorbildern. Archivalien aus dem Hohenlohe-Zentralarchiv Neuenstein belegen die ursprünglichen Planungen. Ein Plan zur Vergrößerung der Vorstadt und Förderung des Gewerbes von J. W. Glenk sowie Reglements zur Errichtung eines Kornmarktes und eines Hilfsgetreidemagazins zeigen den gewerblichen Fokus der Siedlung. Auch Werbetexte zur Ansiedlung von französischen Fabrikanten und Handwerkern sind überliefert. Diese historische DNA prägt das Viertel bis heute und rechtfertigt den Einsatz zum Erhalt.
Ausblick: Ein Langzeitprojekt bis 2027
Die Sanierung der Mariannenvorstadt ist ein ehrgeiziges Vorhaben. Der Zeitplan sieht einen Abschluss der Arbeiten bis Ende 2027 vor. In diesem Zeitraum werden die Eigentümer durch die Förderung unterstützt. Die Stadt selbst investiert in die Infrastruktur und die Aufwertung des öffentlichen Raums.
Das Projekt ist ein Musterbeispiel für Innenentwicklung. Es zeigt, wie historische Substanz durch aktive Nutzung und gezielte Modernisierung erhalten werden kann. Die Kombination aus Denkmalschutz, Schaffung von Wohnraum und Aufwertung der Verkehrs- und Aufenthaltsqualität macht das Vorhaben zu einem Leuchtturmprojekt in der Region Hohenlohe.
Für Bauinteressenten und Eigentümer in der Region bietet die Mariannenvorstadt eine einzigartige Chance. Die Kombination aus historischem Flair und staatlicher Förderung macht den Erwerb und die Sanierung einer Immobilie in diesem Areal attraktiv. Die Voraussetzungen sind durch die klare Struktur des Projekts und die definierten Fördersummen gut kalkulierbar.
Fazit
Die Sanierung der Mariannenvorstadt in Ingelfingen ist ein umfassendes Konzept zur Erhaltung und Aufwertung einer historischen Handwerkersiedlung. Mit einer Fläche von über 49.000 Quadratmetern und einem Zeitrahmen bis Ende 2027 zielt das Projekt auf die Sicherung von Baudenkmälern und die Schaffung modernen Wohnraums ab. Die Finanzierung erfolgt über ein Landessanierungsprogramm mit Zuschüssen bis zu 100.000 Euro für Wohnobjekte. Die Planung berücksichtigt die Wünsche der Bewohner nach mehr Sicherheit und Aufenthaltsqualität. Durch die Integration von Fassadenbegrünung und verkehrsentlastenden Maßnahmen wird das Quartier zukunftsfähig gestaltet. Das Vorhaben ist ein Paradebeispiel für gelungene Innenentwicklung unter den Bedingungen des Denkmalschutzes.