Die Neugestaltung von Stadtplätzen ist ein komplexes Vorhaben, das technische, wirtschaftliche und ästhetische Aspekte vereinen muss. Im Fall des Marktplatzes in Witzenhausen stehen diese Aspekte in einem besonderen Spannungsverhältnis. Während die Vision für einen modernen, nutzbaren Stadtraum bereits vorliegt und teilweise sogar schon realisiert wurde, kämpft die Stadtverwaltung mit erheblichen Herausforderungen bei der Umsetzung. Für Bauherren, Immobilienbesitzer in der Innenstadt und Bauunternehmen bietet der Verlauf dieses Projekts wertvolle Einblicke in die Planungs- und Ausschreibungspraxis bei städtebaulichen Sanierungen. Dieser Artikel beleuchtet die unterschiedlichen Phasen und Aspekte der Sanierung, von der ursprünglichen Vision über konkrete Bauausführungen bis hin zu aktuellen Rückschlägen in der Beschaffungsphase.
Die Vision: Ein moderner Treffpunkt für die Stadtgemeinschaft
Die Notwendigkeit einer Sanierung des Marktplatzes in Witzenhausen ergab sich aus dem Zustand der Anlage. Nach einer Umgestaltung zur Fußgängerzone in den frühen 1980er Jahren wies der Platz nach vier Jahrzehnten erhebliche Mängel hinsichtlich der Barrierefreiheit und der Aufenthaltsqualität auf (Quelle 5). Ziel der Stadt war es daher, den Platz zu einem attraktiven Zentrum des städtischen Lebens umzugestalten.
Die konzeptionelle Ausrichtung der Neugestaltung war auf eine multifunktionale Nutzung ausgerichtet. Laut einer Beschreibung des gestalterischen Ansatzes sollte der Platz als „Bühne des städtischen Lebens“ dienen, frei für vielfältige Nutzungen. Das zentrale Element bildet ein Tableau aus mittelformatigen Granitplatten, das direkt vor dem historischen Rathaus verlegt wurde. Die Platzränder wurden mit einem materialgleichen Pflasterteppich gestaltet, der sich in die umgebende Altstadt einfügt. Ein besonderer Akzent ist das „wertvolle Platanendach“, das als identitätsstiftender Ort mit hoher Verweilqualität erhalten bleibt und durch den Bezug zur Platzmitte einen schattigen Begegnungsort schafft (Quelle 5).
Das Konzept umfasste auch moderne, nutzerfreundliche Elemente. Eine Eröffnungsfeier im Jahr 2025 machte deutlich, wie die konkrete Ausgestaltung aussehen soll: Neben einem Marktbrunnen mit Trinkwasserfunktion und einer Trinksäule für heiße Tage wurden eine „Wasserhüpfe“ für Kinder, die beim Sprung eine Fontäne auslöst, und Ruhebänke im Schatten der Bäume genannt. Zudem ist eine Ladestation für E-Bikes geplant (Quelle 2). Dieses Bündel an Maßnahmen zielt darauf ab, die Aufenthaltsqualität zu steigern und den Platz für verschiedene Zielgruppen attraktiv zu machen.
Bauausführung und Umsetzung: Konkrete Arbeiten und Nutzerbedürfnisse
Die Umsetzung des Sanierungsvorhabens erfolgte in verschiedenen Teilbereichen, wobei die Arbeiten an der Kernfläche des Marktplatzes und in den angrenzenden Fußgängerzonen eine zentrale Rolle spielen. Die Planung für die Fußgängerzonen, konkret die Ermschwerder Straße und die Brückenstraße, orientiert sich am Konzept des Marktplatzes. Hier sind Elemente wie Kastenrinnen zur Wasserableitung, Pflanzkübel, Bänke, Rankhilfen an Fassaden sowie ein spezifisches Pflasterkonzept vorgesehen (Quelle 3).
Bei der Planung und Ausführung müssen jedoch nicht nur technische und ästhetische Kriterien, sondern auch die Bedürfnisse der ansässigen Gewerbetreibenden berücksichtigt werden. Im Zuge einer Bürgerbeteiligung äußerten diese erhebliche Bedenken. Ein wiederkehrendes Thema war die Platzierung von Fahrradständern. Die Gewerbetreibenden kritisierten dies energisch und äußerten den Wunsch, keine Fahrradständer direkt vor Schaufenstern zu platzieren, da diese die Sicht auf die Waren behindern und den Kundenfluss stören könnten (Quelle 3). Diese Kritik zeigt, dass bei der Gestaltung von Innenstadtbereichen eine Abwägung zwischen städtebaulichen Gestaltungselementen und der wirtschaftlichen Lebensfähigkeit der anliegenden Geschäfte notwendig ist.
Neben den reinen Gestaltungsarbeiten sind auch infrastrukturelle und gewerbliche Sanierungen im Umfeld des Platzes zu verzeichnen. So musste der Supermarkt „tegut…“ an der Bohlenbrücke im Oktober 2024 für rund vier Wochen komplett geschlossen werden, um umfangreiche Renovierungsarbeiten durchzuführen. Dazu gehörten unter anderem die Modernisierung und energetische Optimierung der Kühlanlage (Quelle 6). Solche parallelen Baumaßnahmen in einem engen Stadtbild erfordern eine koordinierte Planung, um Verkehrsbehinderungen und Beeinträchtigungen für den Einzelhandel zu minimieren.
Herausforderungen in der Beschaffung: Hohe Kosten und Rückschläge
Trotz der fortgeschrittenen Planungen und teils bereits erfolgter Umsetzung von Teilbereichen sieht sich die Stadt Witzenhausen erheblichen wirtschaftlichen Hürden gegenüber. Ein aktueller Rückschlag betraf die Ausschreibung für die Sanierung des Marktplatzes selbst. Die Stadtverwaltung sah sich gezwungen, die Ausschreibung zurückzuziehen, da nur zwei Angebote eingingen. Das Angebot für die notwendigen Tiefbauarbeiten war um mehr als 50 Prozent teurer als die ursprüngliche Kostenkalkulation der Stadt. Die Bauamtsleiterin Anja Strecker kommentierte dies mit dem Satz: „So können wir mit Steuergeld nicht umgehen.“ (Quelle 1). Diese Diskrepanz zwischen Kalkulation und Marktpreis führt zu einer erheblichen Verzögerung des Projekts. Es ist derzeit unklar, ob die Sanierung noch Ende 2021 oder erst 2022 beginnen wird. Positiv ist jedoch, dass die für das Vorhaben beantragten Fördermittel aus dem Stadtumbauprogramm durch die Verzögerung nicht verloren gehen (Quelle 1).
Diese wirtschaftlichen Schwierigkeiten sind nicht neu. Bereits im Jahr 2021, als die Sanierung ursprünglich starten sollte, gab es Verzögerungen. Der damalige Bürgermeister Daniel Herz äußerte zwar Zuversicht für einen Start im Frühjahr 2021 (Quelle 4), doch die aktuellen Ereignisse zeigen, dass die Realisierung komplexer ist als angenommen.
Ein weiterer Aspekt, der die Planungssicherheit beeinträchtigt, sind Fragen zur Eignung der geplanten Materialien. Im Zuge eines Architektenwettbewerbs wurden verschiedene Pflasterungsmöglichkeiten erarbeitet und an einer Probefläche umgesetzt. Eine Anfrage aus dem Kreis der betroffenen Gewerbetreibenden oder Anwohner wirft die Frage auf, ob die gewählten Materialien den Anforderungen standhalten. Es wurde darauf hingewiesen, dass die Probepflasterung im Vergleich zum alten Belag stark zu Moosbildung neigt und dass einzelne Steine, insbesondere bei breiter Fugenverlegung, locker geworden sind oder Abplatzer (vermutlich Frostschäden) aufweisen (Quelle 7). Die Anfrage fordert die Prüfung der Ursachen dieser Schäden, da das oberste Ziel ein sicherer Pflasterbelag sein müsse (Quelle 7). Dies unterstreicht die Bedeutung von Materialtests und die Notwendigkeit, Materialien nicht nur nach Ästhetik, sondern auch nach Langlebigkeit und Pflegeaufwand auszuwählen. Die Stadt selbst hat sich in der Vergangenheit auf Granitplatten als zentrales Element festgelegt (Quelle 5), doch die Fragen zur Haltbarkeit der Alternativen im Wettbewerb bleiben bestehen.
Zusammenfassung der Planungsdetails
Um die Komplexität des Vorhabens übersichtlich darzustellen, folgt eine Zusammenfassung der relevanten Planungsphasen und Herausforderungen basierend auf den vorliegenden Informationen:
| Aspekt | Status / Beschreibung | Quelle |
|---|---|---|
| Konzept & Design | Granitplatten in der Mitte, Pflasterteppich an den Rändern, Erhalt des Platanendachs, Integration von Wasserspielen und Bänken. | Quelle 2, 5 |
| Fußgängerzonen | Anlehnung an das Marktplatzkonzept (Kastenrinnen, Pflanzkübel, Fahrradständer). Kritik der Gewerbetreibenden an der Positionierung der Ständer. | Quelle 3 |
| Aktueller Stand (Sanierung) | Ausschreibung zurückgezogen. Nur zwei Angebote, Tiefbau >50% teurer als kalkuliert. Verzögerung unklar (Ende 2021 oder 2022). Fördermittel gesichert. | Quelle 1 |
| Materialtests | Probepflasterung zeigt Moosbildung, lockere Steine und Abplatzer. Prüfung der Ursachen und Eignung des Materials wird gefordert. | Quelle 7 |
| Umfeld-Entwicklung | Umfangreiche Renovierung des tegut…-Marktes (Oktober 2024) mit Schließung und technischen Updates. | Quelle 6 |
Fazit
Die Sanierung des Marktplatzes in Witzenhausen ist ein Paradebeispiel für die Herausforderungen moderner Städtebausanierungen. Einerseits liegt ein durchdachtes, ästhetisch ansprechendes Konzept vor, das den Platz zu einem modernen Begegnungszentrum mit hoher Aufenthaltsqualität entwickeln soll. Andererseits zeigt sich, dass die Umsetzung durch wirtschaftliche Zwänge und Detailfragen der Materialauswahl massiv beeinträchtigt wird.
Der Rückzug der Ausschreibung aufgrund überhöhter Angebote ist ein klarer Hinweis auf die volatilen Bedingungen im Baugewerbe und die Notwendigkeit, Ausschreibungen flexibel zu gestalten oder Alternativen zu prüfen. Gleichzeitig unterstreichen die Berichte über Mängel an Probepflasterungen die Wichtigkeit von Materialtests vor der finalen Entscheidung. Für die Verantwortlichen bedeutet dies, einen Weg zu finden, der sowohl wirtschaftlich tragbar ist als auch ein langlebiges und sicheres Ergebnis liefert, das den Bedürfnissen der Gewerbetreibenden und der Bevölkerung gerecht wird. Der Marktplatz in Witzenhausen bleibt somit ein spannendes Projekt, dessen weitere Entwicklung mit Interesse verfolgt werden sollte.
Quellen
- HNA: Angebote zu teuer: Marktplatzsanierung in Witzenhausen muss warten
- Hessennews.tv: Marktplatz in Witzenhausen feierlich eröffnet
- HNA: Witzenhäuser Gewerbetreibende äußern Bedenken wegen Innenstadtsanierung
- HNA: Neuer Marktplatz, alte Sorgen
- Franz Reschke Architektur: Marktplatz Witzenhausen
- Presseportal: Umbauarbeiten laufen auf Hochtouren - tegut…Markt in Witzenhausen vorübergehend geschlossen
- SPD Witzenhausen: Anfrage zur Pflasterung Marktplatz