Sanierung und Teilneubau der Mensa Wilhelmstraße in Tübingen: Ein Modellprojekt für nachhaltige Campusentwicklung und denkmalgerechte Bauweise

Die Sanierung und der Teilneubau der Mensa Wilhelmstraße in Tübingen stellen ein herausragendes Beispiel für die Herausforderungen und Lösungsansätze im modernen Bauwesen dar. Das Projekt, das im November 2024 nach einer fünfjährigen Bauzeit feierlich übergeben wurde, verbindet denkmalgerechte Erhaltung mit moderner Funktionalität und hoher Kapazität. Für Bauherren, Immobilienbesitzer und Fachplaner bietet die Transformation dieses 1966 von Architekt Paul Baumgarten entworfenen Gebäudes wertvolle Einblicke in die Planung, Durchführung und Zielsetzung komplexer Sanierungsvorhaben im öffentlichen Bereich. Der folgende Artikel beleuchtet die technischen, wirtschaftlichen und funktionalen Aspekte dieses Vorhabens, das als erster Baustein für die Weiterentwicklung des Zentralcampus der Universität Tübingen gilt.

Ausgangslage und Denkmalschutz

Die Entscheidung für eine Sanierung anstelle eines vollständigen Abrisses fiel nicht leicht. Die Mensa Wilhelmstraße, 1966 fertiggestellt, steht unter Denkmalschutz und ist die zentrale Mensa des Tal-Campus. Nach jahrzehntelangem intensivem Betrieb war das Gebäude dringend sanierungsbedürftig. Sowohl die Bausubstanz als auch die Haus- und Küchentechnik mussten an die aktuellen Anforderungen angepasst werden.

Der Landesbetrieb Vermögen und Bau Baden-Württemberg, verantwortlich für die Planung und Durchführung, sah sich mit einer komplexen Entscheidung konfrontiert. Eine Machbarkeitsstudie, die im Juli 2015 vorgestellt wurde, erarbeitete verschiedene Varianten. Diese reichten von einem vollständigen Abriss bis hin zur behutsamen Umnutzung unter Erhalt der charakteristischen Fassade. Bei der Prüfung dieser Varianten wurden zahlreiche funktionalen, wirtschaftlichen und denkmalrechtlichen Belange sorgfältig abgewogen.

Das Ergebnis dieser Abwägung fiel klar aus: Die beste Lösung bestand in einer Kombination aus Sanierung und Neubau. Das denkmalgeschützte Speisesaalgebäude und der Büropavillon wurden saniert, während ein neues Küchen- und Betriebsgebäude ergänzt wurde. Diese Variante ermöglichte es, die architektonische Substanz zu erhalten und gleichzeitig die technischen und funktionalen Defizite des alten Baus durch einen modernen Anbau zu beheben. Staatssekretär Peter Hofelich bezeichnete die Modernisierung 2015 als den ersten Baustein für die bauliche Weiterentwicklung im Zentralcampus. Rektor Professor Engler ergänzte, dass der Bau neuer und die Sanierung bestehender Institutsgebäude als weitere Schritte folgen müssten.

Planung und Durchführung

Die Sanierung wurde vom Landesbetrieb Vermögen und Bau Baden-Württemberg koordiniert. Die Planungsphase war intensiv und umfasste nicht nur die technische, sondern auch die funktionale Optimierung im Hinblick auf die Nutzungsinteressen der Universität.

Ein zentrales Ziel war es, das Gebäude zukunftsfähig zu gestalten. Die ursprünglichen Pläne des Architekten Paul Baumgarten hatten eine Begrünung vorgesehen. Im Zuge der Renovierung näherte sich das Gebäude wieder den ursprünglichen Vorstellungen des Architekten an. Dies zeigt, dass Sanierungen nicht nur der Modernisierung dienen, sondern auch dazu genutzt werden können, historische gestalterische Absichten wieder aufzugreifen.

Die Bauzeit erstreckte sich über fünf Jahre. In dieser Zeit wurden umfangreiche Baumaßnahmen an der Bausubstanz durchgeführt. Ein besonderer Fokus lag auf der Verbesserung der Schalldämmung. Durch die Sanierung konnte der Lärmpegel im Vergleich zu früher deutlich gesenkt werden – eine wichtige Verbesserung für die Qualität des Aufenthalts in einer stark frequentierten Mensa.

Trotz der tiefgreifenden Veränderungen im Inneren blieb das äußere Erscheinungsbild der Mensa weitgehend unverändert. Dies ist ein Kernaspekt denkmalgerechter Sanierung: Der Erhalt des äußeren Charakters bei gleichzeitiger Anpassung des Innenraums an moderne Anforderungen.

Die neue Kapazität und Funktionalität

Ein wesentliches Ergebnis der Sanierung ist die erhebliche Steigerung der Kapazität und Effizienz. Die alten Gegebenheiten entsprachen nicht mehr dem Bedarf einer modernen Universität.

Kapazitäten im Überblick:

  • Sitzplätze: In den sanierten Speisesälen stehen den Studierenden nun 900 Sitzplätze zur Verfügung.
  • Küchenleistung: Die neue Küche ermöglicht die Herstellung von bis zu 4.000 Essen pro Tag. In der ersten Pressemitteilung aus dem Jahr 2015 wurde diese Zahl genannt. Presseberichte über die Eröffnung 2024 nennen eine Produktionskapazität von 3.500 Essen pro Tag und erwähnen zudem Frontcooking-Bereiche. Diese Diskrepanz in der genauen Zahl zeigt, dass die tatsächliche Auslastung möglicherweise flexibel gestaltet wird oder die Angaben aus unterschiedlichen Planungsphasen stammen. Unbestritten ist jedoch die hohe Kapazität, die eine Versorgung einer großen Anzahl von Studierenden gewährleistet.

Die neue Küchentechnik ist ein entscheidender Faktor für diese Leistung. Im neuen Küchen- und Betriebsgebäude wurde modernste Technik installiert. Der Blick in die Küche zeigt, dass 4.000 Portionen am Tag das richtige Werkzeug erfordern. Auch die Spülkapazität musste entsprechend hoch ausgelegt werden, um 4.000 Teller am Tag zu bewältigen.

Ein weiteres Novum ist die Art der Essensausgabe. Während früher das Essen über ein Fließband kam, erfolgt die Ausgabe nun im sogenannten Freeflow-Verfahren. Die Gäste steuern die einzelnen Theken mit Speisen selbstständig an. Dies verbessert den Service und ermöglicht eine transparentere und flexiblere Gestaltung des Angebots.

Erweiterung der Nutzungsformen

Die Mensa Wilhelmstraße ist heute mehr als nur ein Ort der Verpflegung. Die Sanierung hat den Raum für neue Nutzungsformen geschaffen.

Im Erdgeschoss wurde eine großzügige Cafeteria eingerichtet. Diese bietet nicht nur Frühstück und Snacks, sondern auch warme Aktionsgerichte wie Pizza und Pasta. Eine moderne Kaffeebar rundet das Angebot ab. Die Cafeteria soll künftig während des Semesters bis abends geöffnet bleiben, was die Nutzung des Gebäudes stark erweitert.

Ein entscheidender Wandel ist die Funktion als Lern- und Veranstaltungsort. Finanzstaatssekretärin Gisela Splett erwähnte explizit die eingerichteten studentischen Arbeitsplätze. Ein Grund dafür ist der stark gestiegene Bedarf an Lernplätzen und die veränderten Arbeitsweisen der Studierenden. Im Erdgeschoss gegenüber dem Haupteingang wird eine Lernumgebung mit Stromanschlüssen und WLAN eingerichtet. Dies integriert die Mensa fest in die Campus-Infrastruktur als multifunktionalen Treffpunkt.

Auch kulturell gibt es Neuerungen. Im Erdgeschoss stehen Glasvitrinen des Museums der Universität Tübingen (MUT), die Exponate ausstellen. Im hinteren Bereich der Eingangshalle befindet sich der Infopoint des Studierendenwerks. Diese Integration von Service, Kultur und Lernen unterstreicht die zentrale Rolle des Gebäudes im universitären und städtischen Leben.

Nachhaltigkeit und Modernisierung

Die Wissenschaftsministerin Petra Olschowski betonte bei der Übergabe, dass die Modernisierung unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit erfolgte. Das Ziel war es, diesen zentralen Treffpunkt für Studierende und Beschäftigte zu erhalten und zu einem Ort des Miteinander zu gestalten.

Die Sanierung eines denkmalgeschützten Gebäudes ist per se eine nachhaltige Entscheidung. Der Abriss und Neubau wären mit einem erheblichen Ressourcenverbrauch verbunden gewesen. Durch die Entscheidung für den Erhalt der Bausubstanz und die Ergänzung durch einen Neubau wurden Ressourcen geschont und der historische Wert bewahrt.

Die Modernisierung der Technik trägt ebenfalls zur Nachhaltigkeit bei. Neue Küchentechnik ist in der Regel energieeffizienter als alte Anlagen. Die Verbesserung der Gebäudehülle und der Innenausstattung (z. B. bessere Schalldämmung) führt zu einem höheren Komfort und kann auch energetische Vorteile bieten, auch wenn die Quellen dies nicht detailliert ausführen.

Zusammenfassung der technischen Daten und Fakten

Für Fachplaner und Bauinteressenten fassen wir die wichtigsten, den Quellen entnommenen Fakten zusammen:

  • Gebäude: Denkmalgeschütztes Mensagebäude von Architekt Paul Baumgarten, erbaut 1966.
  • Sanierungsumfang: Sanierung des Speisesaalbereichs und des Büropavillons; Neubau eines Küchen- und Betriebsgebäudes.
  • Kapazität: 900 Sitzplätze; Küchenleistung zwischen 3.500 und 4.000 Mahlzeiten pro Tag (Angaben variieren in den Quellen).
  • Ausgabesystem: Freeflow-Verfahren (Selbstbedienungstheken).
  • Besondere Räume: Cafeteria im Erdgeschoss mit Frühstück, Snacks und warmen Gerichten; moderne Kaffeebar; Lernumgebung mit Strom/WLAN; Glasvitrinen für Museumsexponate; Infopoint.
  • Komfortverbesserung: Deutlich niedrigerer Lärmpegel durch bessere Schalldämmung.
  • Bauzeit: Fünf Jahre.
  • Eröffnung: 30. September 2024 (Probebetrieb), Vollbetrieb zum Semesterstart.
  • Verantwortliche Institutionen: Landesbetrieb Vermögen und Bau Baden-Württemberg (Planung/Bau), Studierendenwerk Tübingen-Hohenheim und Universität Tübingen (Betrieb).

Fazit

Die Sanierung der Mensa Wilhelmstraße in Tübingen ist ein Paradebeispiel für die gelungene Verbindung von Denkmalschutz, moderner Funktionalität und hoher Kapazität. Die Entscheidung für einen Teilneubau anstelle eines Abrisses hat es ermöglicht, die architektonische Identität des Campus zu bewahren und gleichzeitig die Infrastruktur entscheidend zu verbessern. Die hohe Zahl von 900 Sitzplätze und einer Küchenproduktion von bis zu 4.000 Mahlzeiten täglich adressiert den Bedarf einer wachsenden Universität. Die Erweiterung um eine Cafeteria, eine Kaffeebar und Lernbereiche transformiert das Gebäude von einem reinen Speiseort zu einem zentralen sozialen und akademischen Knotenpunkt. Für Bauherren und Planer zeigt das Projekt, dass Sanierungen unter Denkmalschutz nicht Einschränkungen bedeuten müssen, sondern durch intelligente Ergänzungen (Neubau) und kreative Nutzungskonzepte zu hochwertigen, zukunftsfähigen Immobilien führen können.

Quellen

  1. Universität Tübingen - Entscheidung für Teilneubau und Sanierung der Mensa Wilhelmstraße
  2. Vermögen und Bau Baden-Württemberg - Sanierung der Mensa Wilhelmstraße
  3. My-Stuwe - Startschuss für die neue Mensa Wilhelmstraße
  4. Beteiligungsportal Baden-Württemberg - Mensa Wilhelmstraße übergeben
  5. Baden-Württemberg - Mensa Wilhelmstraße übergeben
  6. Newsletter Universität Tübingen - Sanierung Mensa
  7. SWP - Tübinger Mensa vor der Eröffnung

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