Die umfassende Generalsanierung der Neuen Pinakothek in München stellt eines der derzeit bedeutendsten und komplexesten Bauvorhaben im deutschen Kulturbereich dar. Nachdem das Museum für Kunst des 19. Jahrhunderts im Jahr 2019 seine Tore für Besucher geschlossen hatte, begannen 2021 die aufwendigen Arbeiten zur technischen und funktionalen Erneuerung des Gebäudes. Der Bau aus den späten 1970er Jahren, entworfen von Alexander Freiherr von Branca, muss den gestiegenen Anforderungen an Sicherheit, Klimatisierung und Nachhaltigkeit angepasst werden, wobei die architektonische Substanz bewahrt werden soll.
Das Projekt wird vom Staatlichen Bauamt München 1 (StBAM1) im Auftrag des Freistaats Bayern durchgeführt und umfasst eine Grundfläche von rund 30.000 Quadratmetern. Neben der Erneuerung undichter Dächer und der kompletten Technischen Gebäudeausrüstung (TGA) stehen Schadstoff- und Brandschutzsanierung im Fokus. Eine zentrale Rolle spielt dabei der Einsatz modernster Planungsmethoden. Um die hohe Komplexität der Maßnahme zu bewältigen, setzt die Bauverwaltung auf Building Information Modeling (BIM) und Lean-Construction-Management. Diese digitalen Werkzeuge dienen der präzisen Koordination der Gewerke und der Vermeidung von Fehlern in der Ausführung.
Die architektonische Entwicklung: Vom Postmodernen Neubau zur modernen Sanierung
Die Neue Pinakothek entstand zwischen 1975 und 1981 nach Plänen des Architekten Alexander von Branca im Stil der Postmoderne. Sie gilt als einer der größten Museumsneubauten Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg und löste den im Krieg zerstörten Vorgängerbau von 1854 ab. Das Gebäudeensemble gliedert sich in zwei Trakte: Während der östliche Teil die eigentlichen Ausstellungssäle und Kabinette für bedeutende Kunstwerke des 19. Jahrhunderts beherbergt, befinden sich im westlichen Teil die Direktion der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, ein kunstwissenschaftliches Institut, eine Bibliothek sowie Restaurierungsateliers und Labore des Doerner Instituts.
Die Notwendigkeit der Sanierung wurde über die Jahre schleichend erkannt. Obwohl der Bau zum Zeitpunkt der Schließung erst etwa 30 Jahre alt war, zeigten sich gravierende Mängel. Bereits 2014 wurde mit der Grundsanierung begonnen, die jedoch zunächst nur die Haustechnik bei laufendem Betrieb erneuerte. Die Erkenntnis, dass eine umfassende Generalsanierung unumgänglich ist, setzte sich jedoch erst später durch. Die Anforderungen an ein modernes Museum haben sich gewandelt: Neben der klimatischen Stabilität für die Kunstwerke sind nun hohe Standards bei der Barrierefreiheit, der Energieeffizienz und vor allem beim Brandschutz gefordert, die der Bau aus den 80er Jahren in seiner ursprünglichen Form nicht mehr erfüllt.
Zielsetzung und Umfang der Generalsanierung
Das primäre Ziel der Sanierung ist die Schaffung eines zukunftsfähigen Museumsgebäudes, das den internationalen Anforderungen an Ausstellung, Restaurierung, Forschung und Kunstvermittlung gerecht wird. Das Vorhaben ist in drei Kernbereiche unterteilt: Technische Erneuerung, Sicherheit und Denkmalschutz.
- Technische Gebäudeausrüstung (TGA): Die komplette Erneuerung der TGA ist essenziell. Dazu gehören die Klima- und Lüftungsanlagen, um ein stabiles Museumsklima zu gewährleisten, sowie die Heizungs- und Elektroinstallationen. Ziel ist es, den Energieverbrauch des Großbaus signifikant zu senken und Nachhaltigkeitskriterien zu erfüllen.
- Sicherheitstechnik: Ein Schwerpunkt liegt auf der Brandschutz- und Schadstoffsanierung. Die Anpassung an aktuelle Brandverordnungen ist für die Wiedereröffnung zwingend erforderlich. Zudem werden Maßnahmen zur Verbesserung der allgemeinen Sicherheit im Gebäude getroffen.
- Bauliche Substanz: Die Sanierung undichter Dächer und die Instandsetzung der Bausubstanz unter Berücksichtigung des Denkmalschutzes stehen ebenfalls im Fokus. Herausfordernd ist hierbei, dass der Bau von Alexander von Branca selbst noch keinen gesetzlichen Denkmalschutz genießt, da er erst 30 Jahre alt ist. Dennoch wird er als architektonisch wertvoll eingestuft, weshalb eine denkmalgerechte Sanierung angestrebt wird, die die architektonische Substanz nicht verändert.
Building Information Modeling (BIM) als zentrales Planungswerkzeug
Eine der größten Innovationen bei diesem Sanierungsprojekt ist der durchgängige Einsatz von Building Information Modeling (BIM). Das Staatliche Bauamt München 1 nutzt diese Methode, um die Komplexität des Vorhabens zu beherrschen. Ursprünglich wurde das Projekt als klassisches 2D-Projekt geplant, jedoch schnell auf ein umfassendes 3D-Bestandsmodell umgestellt.
Funktionsweise und Vorteile des BIM-Einsatzes
Das Kernstück der digitalen Planung ist ein detailliertes 3D-Modell des bestehenden Gebäudes. Dieses Modell bildet die Grundlage für die Koordination zwischen Architektur, Fachplanung und Bauausführung. In einem Open-BIM-Prozess werden Teil- und Fachmodelle im IFC-Format (Industry Foundation Classes) ausgetauscht und zu einem Koordinationsmodell zusammengeführt. Die BIM-Gesamtkoordination liegt bei der Architekten-ARGE Hild und K – Caruso St. John.
Der entscheidende Vorteil dieser Methode liegt in der Fähigkeit, Kollisionen zwischen verschiedenen Gewerken bereits in der Planungsphase zu erkennen und zu beseitigen. Beispielsweise können Konflikte zwischen Rohrleitungen der Haustechnik und Tragwerksänderungen oder Installationen der Brandschutztechnik digital sichtbar gemacht werden, bevor Material auf die Baustelle gelangt. Dies verhindert Störungen im Bauablauf und spart letztlich Kosten, die durch aufwendige Nacharbeiten entstehen würden.
Darüber hinaus dient das digitale Modell nicht nur der Planung, sondern schafft auch die Basis für den digitalen Betrieb des Gebäudes nach Abschluss der Sanierung. Das sogenannte "Building Twin" kann für zukünftige Wartung, Instandhaltung und eventuelle weitere Umbaumaßnahmen genutzt werden. Die Bayerische Staatsbauverwaltung fördert den BIM-Einsatz im Hoch- und Straßenbau und sieht in der Neuen Pinakothek ein Pilotprojekt, das neue Maßstäbe in der Museumsarchitektur setzt.
Herausforderungen der Finanzierung und Zeitplanung
Die Sanierung der Neuen Pinakothek ist ein finanzintensives Vorhaben. Schätzungen aus älteren Pressemitteilungen, die sich auf das Ministerium beziehen, gingen von Kosten in Höhe von rund 60 Millionen Euro aus, wobei darauf hingewiesen wurde, dass zu diesen Betragen immer weitere Begleitkosten hinzukommen können. Die Finanzierung erfolgt durch den Freistaat Bayern, wobei Hoffnungen auf private Spenden gesetzt werden, um eventuelle Finanzierungslücken zu schließen.
Die Zeitplanung des Projekts ist ambitioniert und komplex. Nach einer Planungsphase, für die im Haushalt bereits Mittel veranschlagt waren, begannen 2021 die eigentlichen Bauarbeiten. Laut aktuellen Angaben soll die Sanierung bis Ende 2029 abgeschlossen sein. Während der Bauphase ist die Neue Pinakothek vollständig für Besucher geschlossen. Diese vollständige Schließung war eine notwendige Entscheidung, da eine Sanierung bei laufendem Betrieb, wie sie zeitweise versucht wurde, für das Ausmaß der geplanten Maßnahmen nicht mehr ausreichte.
Architekten und Planer: Die ARGE Hild und K - Caruso St. John
Für die Planung der Sanierung wurde 2015 eine Arbeitsgemeinschaft (ARGE) beauftragt, die aus dem britischen Büro Caruso St. John mit Sitz in London und dem Münchner Architekturbüro Hild und K besteht. Diese Kombination aus internationaler Erfahrung und lokaler Expertise wurde gewählt, um die hohen Ansprüche an die Gestaltung und Technik zu erfüllen.
Die Architekten stehen vor der Aufgabe, das Gebäude technisch auf den neuesten Stand zu bringen, ohne seinen charakteristischen postmodernen Charakter zu zerstören. Das Innere des Gebäudes mit seinen 22 Sälen und 11 Kabinetten muss so saniert werden, dass es den aktuellen musealen Anforderungen entspricht, gleichzeitig aber die architektonische Intention von Alexander von Branca respektiert. Die ARGE ist verantwortlich für die Erstellung des 3D-Bestandsmodells und die Koordination aller Fachplaner im BIM-Prozess.
Der aktuelle Stand der Sanierung (Stand 2021/2022)
Nach der Schließung im Januar 2019 begannen im Sommer 2021 die aufwendigen Gesamtsanierungsmaßnahmen. Zu diesem Zeitpunkt standen Tiefbauarbeiten an, die den Startpunkt der kompletten Erneuerung markierten. Das Ziel, das Gebäude nicht nur an aktuelle Brand- und Sicherheitsverordnungen anzupassen, sondern auch dessen Einzigartigkeit zu bewahren, erfordert eine präzise Abstimmung aller Beteiligten.
Während der Bauphase kommt es zu erheblichen Beeinträchtigungen im Umfeld des Museums. Obwohl alle Beteiligten bemüht sind, diese so gering wie möglich zu halten, lassen sie sich bei einem Vorhaben dieses Ausmaßes nicht vollständig vermeiden. Die Kommunikation mit der Öffentlichkeit erfolgt über Pressemitteilungen und eine eigene Informationsplattform, um Interessierte über den Fortgang der Arbeiten zu informieren.
Fazit
Die Sanierung der Neuen Pinakothek in München ist ein Vorzeigeprojekt für die moderne Bauwirtschaft, das die Schnittmenge aus Denkmalschutz, technischer Innovation und komplexem Projektmanagement darstellt. Durch den Einsatz von Building Information Modeling (BIM) gelingt es dem Staatlichen Bauamt München 1, die gewaltigen Herausforderungen eines 30.000 m² großen Museumsbaus zu bewältigen. Die Zusammenarbeit der Architekten-ARGE Hild und K mit Caruso St. John unterstreicht den Anspruch, ein architektonisches Erbe der Nachkriegszeit behutsam in die Zukunft zu überführen.
Die Maßnahme zeigt auf, dass Sanierungen von Großbauten nicht nur durch die Erneuerung der technischen Infrastruktur, sondern auch durch eine digitale Transformation der Planungsprozesse definiert sind. Die Ziele, Energieeffizienz, Sicherheit und barrierefreie Nutzung zu verbessern, sind dabei ebenso wichtig wie die Bewahrung der architektonischen Substanz. Mit dem geplanten Abschluss im Jahr 2029 wird die Neue Pinakothek wieder ein Museum weltweit formats sein, das denkwürdige Kunst in technisch einwandfreier und sicherer Umgebung präsentieren kann.