Denkmalgeschützte Modernisierung: Die Kernsanierung des Plenarsaals des Niedersächsischen Landtags

Die Sanierung historischer Regierungsgebäude stellt Architekten und Bauingenieure vor besondere Herausforderungen. Es gilt, den denkmalgeschützten Charakter zu bewahren und gleichzeitig modernste technische und funktionale Anforderungen zu erfüllen. Ein herausragendes Beispiel für eine solche komplexe Baumaßnahme ist die Grundinstandsetzung des Plenarsaals des Niedersächsischen Landtags in Hannover. Dieses Projekt, das von 2014 bis 2017 durchgeführt wurde, dient als Leuchtturmprojekt für die gelungene Verknüpfung von Tradition und Moderne im Baubereich.

Der folgende Artikel beleuchtet die technischen und gestalterischen Aspekte dieser umfassenden Sanierung, die als Neubau im Bestand realisiert wurde. Er analysiert die Herausforderungen, die Entscheidungsprozesse und die umgesetzten Lösungen, die den Landtag zu einem modernen Debattenparlament des 21. Jahrhunderts transformierten.

Die Ausgangslage: Sanierungsbedarf und denkmalgeschützte Restriktionen

Das klassizistische Leineschloss in Hannover, seit 1962 Sitz des Niedersächsischen Landtags, wies nach rund 50 Jahren intensiver Nutzung erhebliche Mängel auf. Die Bausubstanz war marode, und die Haustechnik war veraltet. Besonders kritisch war der Mangel an Platz für Besucher und Medienschaffende auf den Tribünen. Zudem entsprachen die Vorgaben bezüglich Barrierefreiheit und Energieeffizienz nicht mehr den aktuellen Standards.

Eine entscheidende Weichenstellung betraf den Denkmalschutz. Das gesamte Gebäudeensemble steht unter Schutz, und der Landtag entschied in Abstimmung mit dem Niedersächsischen Landesamt für Denkmalschutz sowie dem Urheberrecht, dass die äußere Gestalt des Gebäudes zwingend erhalten bleiben musste. Dies führte zu einer Planung, die eine radikale Erneuerung des Innenlebens bei Bewahrung der äußeren Hülle erforderte.

Planungsphase: Vom Komplettneubau zur Sanierung im Bestand

Der Weg zur finalen Lösung war von intensiven Prüfungen und Kurskorrekturen geprägt. Im März 2010 beschloss der Landtag mit überwältigender Mehrheit (91 von 152 Stimmen) ursprünglich einen Komplettneubau mit Abriss der Oesterlen-Architektur. Diese Planung stand jedoch unter dem Vorbehalt der noch zu ermittelnden Baukosten.

Eine entscheidende Wende erfolgte, als das staatliche Baumanagement erhebliche Budgetrisiken feststellte. In enger Abstimmung mit der Baukommission rückte die Sanierung des Plenarsaals wieder in den Fokus. Pragmatische Lösungen in der Raumplanung und Flächenaubteilung ebneten den Weg für eine Bewahrung der äußeren Kubatur. Im Jahr 2012 fiel die endgültige Entscheidung für einen Umbau im Bestand. Dies bedeutete einen radikalen Ansatz: Wie in einem Zitat des NDR während eines Baustellen-Rundgangs festgehalten, wurde beschlossen: „Nur die Hülle des alten Gebäudes bleibt stehen, sonst wird alles abgerissen.“

Anfang 2013 wurde eine Projektgruppe aus zehn Fachplanerinnen und Fachplanern beauftragt. Nach nur achtwöchiger Vorplanung präsentierte das federführende Architekturbüro drei Konzepte. Im Juni 2013 sprach sich die Baukommission einstimmig für die Variante „Plenarsaal mit Stadtbezug“ aus. Diese Variante sah eine intelligente Verknüpfung zeitgemäßer Architektur mit fachgerechtem Denkmalschutz vor. Im Gegensatz zu früheren Entwürfen wurde nun auch die Instandsetzung der Portikushalle fest eingeplant.

Die Bauausführung: Neubau im Bestand und technische Infrastruktur

Die eigentliche Bauphase erstreckte sich von 2014 bis 2017. Um die parlamentarische Arbeit während der Sanierung nicht zu unterbrechen, wurde im September 2013 mit dem Umbau des ehemaligen Georg-von-Cölln-Hauses ein Interims-Plenarsaal eingerichtet.

Im Kern bedeutete die Sanierung eine Entkernung des Gebäudes. Wie in den Planungsdaten vermerkt, wurde das Gebäudeinnere mit bestehendem Plenarsaal, den angrenzenden Decken und der Dachlaterne entkernt. Hinter den denkmalgeschützten Fassaden entstand ein veritabler Neubau. Dieser Neubau im Bestand erforderte enorme Mengen an Baumaterialien: Insgesamt wurden 4.000 Kubikmeter Beton, 300 Tonnen Stahltragwerk und 700 Tonnen Bewehrung verbaut – Mengen, die für den Bau von 100 Einfamilienhäusern ausreichen würden.

Die Herausforderung der Haustechnik

Ein wesentlicher Aspekt war die Erneuerung der Haustechnik. Die Bausubstanz war marode, und die vorhandene Technik veraltet. Die ISR-Ingenieure übernahmen die gesamte Planung der Hoch-, Mittelspannungs-, Stark- und Schwachstromanlagen, einschließlich eines RZ-Konzepts (Rechenzentrum) und der Medientechnik.

Ein zentrales Element war die Schaffung eines neuen zentralen Systembetriebsraums. Von diesem Raum aus wurde für alle Anwendungen ein systemneutrales Datennetz installiert. Die Elektrotechnik-Spezialisten optimierten den Systembetriebsraum und die Erschließung so, dass der gesamte Umbaubereich von diesem Raum versorgt werden konnte. Das Resultat ist ein anwendungsneutral strukturiertes LAN-Netzwerk, das die Grundlage für alle anderen Techniken bildet. Diese technische Infrastruktur ist essenziell für ein modernes Parlament, das auf den Einsatz moderner Medientechnik angewiesen ist.

Gestalterische Lösungen: Licht, Transparenz und Materialität

Die architektonische Neukonzeption durch das Büro blocher partners zielte auf ein „Debatten-Parlament“ des 21. Jahrhunderts, das licht, transparent und modern sein sollte. Der Plenarsaal rückte im Bauteil 1 an die Fassade zum Platz der Göttinger Sieben. Diese Positionierung schafft einen direkten visuellen Bezug zur Stadt und zu den Bürgern.

Vertikale Fensterflächen und Stadtbezug

Die rhythmische Anordnung vertikaler Fensterflächen ist ein prägendes gestalterisches Element. Diese Fenster bieten Ausblicke auf den Platz der Göttinger Sieben in Hannover und lassen Tageslicht in den Saal. Die Nebenräume sind nun an der Fassade zum Leineufer und zur Leinstraße angeordnet. Im Plenarbereich entstanden in den Fassadennischen zum Platz kleine Besprechungsräume mit Tageslichtbezug, deren Zugang mit einer transluzenten Sichtschutzwand abgeschirmt wird.

Das neue Dachzeichen: Das Niedersachsen-Ross

Ein besonderes gestalterisches Merkmal ist das neu interpretierte Niedersachsen-Ross. Es thront auf dem Gebäude und wurde in Zusammenarbeit mit der Kommunikationsagentur typenraum als Symbol für Transparenz in der Politik gestaltet. Das Symbol zeigt außen die Kontur des Landes Niedersachsen. Aus sich überlagernden Glaselementen wächst ein stilisiertes Ross, das Abgeordnete wie Besucher aus allen Perspektiven lebendig begrüßt.

Innenraumgestaltung und Barrierefreiheit

Im Innenraal präsentiert sich der Plenarsaal transparent, modern und hochfunktional. Er bietet Platz für 150 Abgeordnete und 261 Besucher. Die Gestaltung setzt auf den Einsatz von warmem Nussbaum in den Sprecherkabinen, Sitzlogen und Besucherplätzen, was einen Kontrast zu den modernen Glas- und Stahlelementen bildet und eine angenehme Atmosphäre schafft. Ziel war es, das traditionsreiche Gebäude mit einer zeitgemäßen Funktionalität in Einklang zu bringen und den Anspruch, ein offenes Haus der Bürgerinnen und Bürger zu sein, architektonisch umzusetzen. Dies beinhaltete auch die Umsetzung der Vorgaben zur Barrierefreiheit, die zuvor nicht erfüllt wurden.

Projektmanagement und Kosten

Die Umsetzung des Großprojektes erforderte eine klare Strukturierung und Kostenkontrolle. Nach der Entscheidung für den Umbau im Bestand wurde eine konkrete Kostenrechnung vorgestellt. Schließlich wurden 52,8 Millionen Euro veranschlagt und bewilligt. Zusätzlich wurden die baulichen Risiken mit einem möglichen Umfang von 7,2 Millionen Euro bewertet.

Für die erfolgreiche Umsetzung waren diverse Meilensteine entscheidend. Der letzte Tag der Sitzung im alten Plenarsaal war der 25. Juli 2014. Der damalige Landtagspräsident Bernd Busemann löschte per Knopfdruck das Licht mit der Ankündigung: „2017 wollen wir an diese Stelle zurückkehren!“ – ein Versprechen, das eingehalten wurde.

Das Projekt wurde mit dem BDA Preis Niedersachsen ausgezeichnet, was die gestalterische und planerische Qualität unterstreicht. Die Objektüberwachung und Qualitätssicherung wurden von den Architekten Ernst2 übernommen.

Fazit

Die Sanierung des Plenarsaals des Niedersächsischen Landtags in Hannover ist ein Musterbeispiel für eine denkmalgeschützte Modernisierung. Der entscheidende Erfolgsfaktor war die Entscheidung, von einem Abriss abzusehen und stattdessen einen radikalen Neubau im Bestand vorzunehmen. Dieser Ansatz bewahrte die äußere Kubatur und den historischen Kontext des Leineschlosses, während im Inneren eine vollständige Erneuerung der Bausubstanz und der Haustechnik erfolgte.

Durch die Optimierung der Raumplanung und die intelligente Einbindung moderner Technik entstand ein Parlament, das die Anforderungen des 21. Jahrhunderts erfüllt. Die transparente Gestaltung, die Einbindung des Stadtraums durch großzügige Fensterflächen und der mutze Einsatz von Glas und Licht symbolisieren den Anspruch der Transparenz in der politischen Arbeit. Das Projekt zeigt, wie durch sorgfältige Planung, technische Innovation und Respekt vor historischer Substanz ein Bauwerk entstehen kann, das sowohl funktionalen als auch ästhetischen Höchstansprüchen genügt.

Quellen

  1. Ernst2 Architekten
  2. ISR Ingenieure
  3. Blocher Partners
  4. Niedersächsischer Landtag (NLBL)
  5. Landtag Niedersachsen

Ähnliche Beiträge