Einleitung
Die Stadt Rastatt plant eine umfassende Sanierung und den Umbau des historischen Postgebäudes in der Poststraße 14. Dieses Vorhaben stellt ein signifikantes Beispiel für die Revitalisierung von denkmalgeschützter Bausubstanz in einer kommunalen Verwaltungsstruktur dar. Das 1928 erbaute Gebäude wurde im Jahr 2019 von der Stadtverwaltung erworben, um den wachsenden Raumbedarf für städtische Mitarbeitende zu decken. Nach bereits durchgeführten Instandsetzungsmaßnahmen und einer Brandschutzertüchtigung, die eine Nutzung seit Ende 2020 ermöglichten, folgt nun eine tiefgreifende strukturelle und energetische Modernisierung.
Der Fokus der aktuellen Planung liegt auf der Tragwerksplanung, die wesentliche bauliche Eingriffe in die historische Bausubstanz erfordert. Ziel der Maßnahme ist es, die Arbeitsplatzanforderungen der Gegenwart zu erfüllen, Synergien zwischen Dienststellen zu schaffen und eine hohe Qualitätsstandardisierung durch eine DGNB-Zertifizierung (Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen) zu erreichen. Dieser Artikel beleuchtet die technischen Herausforderungen, die geplanten statischen Maßnahmen und die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen dieses Projekts, basierend auf den vorliegenden Ausschreibungsdaten und regionalen Erkenntnissen.
Historischer Kontext und aktueller Nutzen
Das Postgebäude in der Poststraße 14 ist ein Zeugnis der Baukultur des frühen 20. Jahrhunderts. Der Erwerb durch die Stadt Rastatt im Jahr 2019 war ein strategischer Schritt zur Bewältigung der Raumnot in der städtischen Verwaltung. Die Lage in der Poststraße, einem zentralen Straßenzug in Rastatt, unterstreicht die Bedeutung des Gebäudes für die städtische Infrastruktur. Obwohl die Quellenlage hauptsächlich auf die funktionalen und technischen Aspekte der Sanierung eingeht, ist die denkmalgeschützte Stellung des Bauwerks ein wesentlicher Faktor für die Planung. Die vorangegangenen Maßnahmen zur Instandsetzung und Brandschutzertüchtigung haben den Weg für eine dauerhafte Nutzung als Verwaltungsgebäude geebnet. Seit Ende 2020 dient das Gebäude bereits als zusätzlicher Verwaltungssitz, um der Unterbringung städtischer Mitarbeitender gerecht zu werden. Die nun anstehende Sanierung zielt darauf ab, diese Übergangsnutzung in eine dauerhafte, modernisierte Arbeitsumgebung zu überführen.
Die Tragwerksplanung: Kern der Sanierung
Die zentrale Ausschreibung der Stadt Rastatt betrifft die Leistungen der Tragwerksplanung. Diese Planungsleistungen werden in Anlehnung an die Honorarordnung für Architekten und Ingenieure (HOAI) in den Leistungsphasen 1 bis 6 sowie 8 ausgeschrieben. Besonders bemerkenswert ist die stufenweise Beauftragung: Zunächst werden die Leistungsphasen 1 bis 3 (Vorplanung, Entwurfsplanung, Genehmigungsplanung) vergeben. Eine Gesamtbeauftragung für alle Phasen ist nicht garantiert, was auf ein gestaffeltes, kontrolliertes Vergabeverfahren hindeutet.
Die technischen Eingriffe in das Tragwerk sind erheblich und notwendig, um die Anforderungen moderner Arbeitswelten und die strukturellen Veränderungen im Gebäudeinneren zu ermöglichen. Die Planung umfasst folgende konstruktive Maßnahmen:
- Einbau eines Aufzugsschachtes: An der Stelle des bestehenden Lastenaufzuges soll ein neuer Aufzugsschacht installiert werden. Dies ist essenziell für die Barrierefreiheit und die Erschließung der oberen Geschosse.
- Großflächige Deckenöffnung: Zwischen dem Erdgeschoss (EG) und dem ersten Obergeschoss (1. OG) ist die Herstellung einer großflächigen Deckenöffnung geplant. Dieser Eingriff verändert die Tragstruktur massiv und erfordert präzise statische Berechnungen zur Umlenkung der Kräfte.
- Abbruch von Anbauten: Statische Maßnahmen sind am Bestand notwendig, um bestehende Anbauten auf der Hofseite abzubrechen. Dies betrifft die Stabilität des verbleibenden Baukörpers nach dem Rückbau.
- Größere Türöffnungen: In tragenden Wänden sollen größere Türöffnungen geschaffen werden. Dies dient der Verbesserung der Kommunikationswege und der Luftzirkulation, erfordert aber eine Verstärkung der Umfassungskonstruktionen.
- Verstärkung der Tragfähigkeit: Die bestehenden Decken sollen hinsichtlich ihrer Tragfähigkeit verstärkt werden. Hierfür werden drei Varianten in Betracht gezogen:
- Einbau von Stahlkonstruktionen.
- Einbau neuer Stahlbetondecken.
- Verstärkung durch GfK-Lamellen (Glasfaser verstärkte Kunststoffe).
- Verstärkung des Holztragwerks: Das Dachtragwerk, ein Holzstuhl, soll verstärkt werden, um die statischen Anforderungen für die Dachlast und eventuelle Dachterrassen oder technische Anlagen zu erfüllen.
Diese Eingriffe sind typisch für die Umnutzung historischer Gebäude, bei denen die ursprünglichen Geschosslasten oft deutlich niedriger waren als heutige Nutzlasten in Verwaltungsgebäuden.
Ökologische und ökonomische Zielsetzung: DGNB-Zertifizierung
Ein wesentliches Qualitätsmerkmal der Sanierung ist die angestrebte Zertifizierung nach den Kriterien der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB). Die DGNB-Zertifizierung geht über reine Energieeffizienz hinaus und bewertet die ökologische Qualität, die wirtschaftliche Tragfähigkeit, die soziale Komfortqualität sowie die technische Qualität und die Prozessqualität eines Bauwerks.
Für die Stadt Rastatt bedeutet dies, dass im Zuge der Sanierung nicht nur die Bausubstanz erhalten und technisch aufgewertet wird, sondern dass auch Aspekte wie die Materialwahl, die Lebenszykluskosten und die Arbeitsplatzgestaltung in den Mittelpunkt rücken. Die Notwendigkeit von "Nutzerabstimmungen" unter Mitwirkung des Objektplaners weist darauf hin, dass die spätere Arbeitsumgebung partizipativ geplant wird, was ein Kernbestandteil der sozialen Nachhaltigkeit im DGNB-System ist.
Kostenrahmen und wirtschaftliche Bewertung
Die Finanzplanung für das Vorhaben liegt, laut Ausschreibungsdaten (Stand IV/2023), in folgenden Dimensionen:
- Kostenrahmen (KG 300): 3.500.000 € brutto. Die Kostenkette 300 (KG 300) umfasst im Bauwesen die Baunebenkosten, die Vertrags- und Bauleistungen. Dieser Betrag von 3,5 Millionen Euro brutto spiegelt die reinen Baukosten wider.
- Kostenrahmen (KG 400): 1.800.000 € brutto. Die Kostenkette 400 (KG 400) betrifft die technischen Anlagen (TGA - Technische Gebäudeausrüstung), also Heizung, Lüftung, Sanitär, Elektro und ggf. Aufzüge.
Die Gesamtinvestition beläuft sich damit auf ca. 5,3 Millionen Euro brutto. Diese Summe ist als Richtwert für die laufende Tragwerksplanung zu verstehen. Bei einem denkmalgeschützten Gebäude aus den 1920er Jahren sind diese Kosten realistisch, da die statische Sanierung und die Anpassung an moderne Normen (Brandschutz, Energie) oft aufwändig sind. Die Vergabe der Planungsleistung in Stufen ermöglicht der Stadt Rastatt, die Kostenentwicklung frühzeitig zu steuern und nach der Vorplanung (Phasen 1-3) eine gesicherte Kostengrundlage für die weiteren Planungs- und Ausführungsphasen zu erhalten.
Regionale Handwerkslandschaft und Baupraxis in Rastatt
Die Sanierung eines solchen Gebäudes erfordert spezialisierte Handwerksbetriebe. Die zur Verfügung stehenden Informationen über die Poststraße Rastatt geben einen Einblick in die gewerbliche Umgebung, auch wenn es sich hierbei primär um Ladenlokale und Dienstleister handelt (z.B. Zahnärzte, Rechtsanwälte, Einzelhandel). Für die eigentliche Bauausführung sind jedoch spezialisierte Bauunternehmen und Ingenieurbüros notwendig.
Regionale Anbieter aus dem Raum Rastatt und Baden-Baden bieten eine breite Palette an Sanierungsdienstleistungen an, die für vergleichbare Projekte relevant sein können. Dazu gehören: * Brandschadens- und Wasserschadensanierungen: Spezialisierte Firmen, wie von Gunhild Hennig erwähnt, die auch Fachwerksanierungen durchführen. * Badrenovierung und Fliesenlegerarbeiten: Für die Sanitär- und Nassbereiche im Gebäude sind Betriebe wie Diethild Ehrhardt oder Griseldis Friedrich UG im Einsatz, die auch Gäste-WCs renovieren können. * Haussanierung und Altbausanierung: Anbieter wie Anje Veit oder Isowerk (Baden-Baden) führen vollständige Schimmersanierungen und Gebäudesanierungen durch. * Innenausbau und Trockenbau: Ein wichtiger Bereich bei der Modernisierung ist der Trockenbau. Hierbei werden Wände, Decken und Böden aus Gipskartonplatten oder Metallprofilen errichtet. Dies ermöglicht flexible Raumstrukturen, wie sie für die Umstrukturierung von Dienststellen in der Rastatter Verwaltung geplant sind.
Ein interessanter wirtschaftlicher Aspekt, der in der Region diskutiert wird, ist die Zusammenarbeit mit Teams aus Polen. Ein Anbieter (RAM-Service) beschreibt, dass durch den Einsatz hochqualifizierter Facharbeiter aus Polen ein vorteilhaftes Preis-Leistungs-Verhältnis entsteht, da das Lohnniveau dort niedriger ist. Dies könnte bei der Ausführung von Rohbau- oder Innenausbauarbeiten eine Rolle spielen, wobei die Stadt Rastatt als öffentlicher Auftraggeber natürlich an nationale Vergaberechtsgrenzen und Qualitätsstandards gebunden ist.
Herausforderungen und Besonderheiten der Tragwerksplanung
Die Ausschreibung für die Tragwerksplanung offenbart spezifische Herausforderungen, die für den Denkmalschutz und die Umnutzung von Bedeutung sind:
- Materialunsicherheiten: Die Verstärkung der Tragfähigkeit von Decken kann über verschiedene Wege erfolgen. Die Planung muss die Vor- und Nachteile von Stahlbau, Stahlbeton oder GfK-Lamellen abwägen. GfK-Lamellen bieten beispielsweise den Vorteil einer geringen Bauschichtdicke und Korrosionsbeständigkeit, was in historischen Gebäuden oft von Vorteil ist.
- Statik im Bestand: Das Herstellen einer großflächigen Deckenöffnung zwischen EG und 1. OG ist ein massiver Eingriff. Hier muss das Tragwerk so umgeplant werden, dass die Lasten des Obergeschosses und Daches sicher in die verbleibenden Wände und Stützen geleitet werden.
- Integration neuer Elemente: Der Einbau eines Aufzugsschachtes im Bereich des ehemaligen Lastenaufzuges nutzt oft vorhandene Schächte, erfordert aber oft eine Anpassung der Fundamente und der Deckendurchdringungen.
Fazit
Die Sanierung des Postgebäudes in Rastatt ist ein komplexes Bauvorhaben, das die Schnittmenge aus denkmalgerechter Erhaltung, moderner Arbeitsplatzgestaltung und nachhaltigem Bauen darstellt. Die Stadtverwaltung Rastatt geht den Weg einer professionellen, stufenweisen Planung, beginnend mit der Tragwerksplanung, um die hohen Investitionskosten von über 5,3 Millionen Euro (brutto) zu steuern und das Ziel der DGNB-Zertifizierung zu erreichen.
Die technischen Maßnahmen – von der Herstellung von Deckenöffnungen bis zur Verstärkung des Dachtragwerks – erfordern eine präzise ingenieurtechnische Planung. Gleichzeitig profitiert das Projekt von einer lebendigen Handwerkslandschaft im Raum Rastatt und Baden-Baden, die von spezialisierten Sanierungsbetrieben bis hin zu kosteneffizienten Anbietern aus dem europäischen Ausland reicht. Für Bauherren und Projektverantwortliche in der Region bietet das Vorhaben ein Musterbeispiel dafür, wie historische Bausubstanz durch statische Verstärkungen und moderne Planungsmethoden langfristig gesichert und zeitgemäßen Nutzungsanforderungen angepasst werden kann.