Die Sanierung und der Umbau historischer Gebäude stellen Bauherren, Architekten und Ingenieure vor besondere Herausforderungen. Die Anforderungen an Denkmalschutz, moderne Nutzungskonzepte, Brandschutz und Energieeffizienz müssen in Einklang gebracht werden. Ein herausragendes Beispiel für eine solche Komplexität ist die umfassende Sanierung des Rathauses in Löffingen, einer Stadt im Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald. Dieser Prozess, der von 2016 bis 2018 andauerte, bietet wertvolle Einblicke in die Planung und Durchführung von Sanierungsmaßnahmen an historischer Bausubstanz.
Historischer Kontext und Ausgangslage
Das Rathaus Löffingen ist ein prägender Bestandteil des Stadtbildes der Baarstadt. Das Gebäude wurde im Jahr 1832 errichtet und diente ursprünglich als Markt-, Rat- und Schulhaus. Es verfügt über vier Stockwerke und besitzt im Erdgeschoss eine große Fruchthalle, die durch 14 Säulen und 13 Türen geprägt war. Die Bausubstanz ist von massiven Bruchsteinaußenwänden geprägt und ist nur teilunterkellert.
Vor der Sanierung stand das Gebäude vor mehreren Problemen. Zum einen handelte es sich um ein denkmalgeschütztes Bauwerk, dessen Substanz erhalten werden musste. Zum anderen entsprach die Nutzung nicht mehr den aktuellen Anforderungen. So war das Bürgerbüro beispielsweise im Obergeschoss versteckt, und die Barrierefreiheit war nicht gegeben. Zudem bestand das Problem der Feuchtigkeit im Kellerbereich, das bereits beim Bau des Hauses bestand und damals durch die Tieferlegung des Bittenbachs gelöst werden musste. Auch die energetische Standards und der Brandschutz waren veraltet.
Planung und Entscheidungsfindung
Im Jahr 2015 präsentierten die Arbeitsgemeinschaft der Architekten Dominik Ikic, Lukas Gäbele und Tanja Raufer dem Löffinger Gemeinderat ihre Planstudien für die Sanierung. Nach intensiver Beratung entschied sich der Gemeinderat in geheimer Abstimmung mit 17 zu sechs Stimmen für das Projekt dieser Arbeitsgemeinschaft. Die Kalkulation belief sich auf rund zwei Millionen Euro.
Ein entscheidender Faktor für die Realisierung war die Aufnahme des Projekts in das Förderprogramm des Landes. Die Sanierung wurde mit Zuwendungen der Stadtsanierung gefördert, wobei ca. 50 % der förderfähigen Baukosten abgedeckt wurden. Die Stadt Löffingen bedankte sich ausdrücklich bei der Bundesrepublik Deutschland und dem Land Baden-Württemberg für die gewährten Finanzhilfen. Ziel der Planung war es, eine Synergie zwischen dem Erhalt historischer Substanz und modernsten Ansprüchen zu schaffen.
Tragwerksplanung und Statik
Ein zentraler Aspekt der Sanierung war die Ertüchtigung des Tragwerks. Die statischen Gegebenheiten des Hauses stellten die Planer vor Überraschungen. Wie im Interview mit Architekt Lukas Gäbele erwähnt wurde, war das Tragwerk des Gebäudes als "reine Zufallsstatik" zu bezeichnen. Dies unterstreicht die Notwendigkeit einer detaillierten Analyse und statischen Sicherung bei der Sanierung von Altbauten, deren Konstruktionen oft nicht den heutigen Standards entsprechen.
Die konstruktiven Elemente des Hauses setzten sich wie folgt zusammen: * Erdgeschoss: Massive Holzbalkendecke ohne Zwischenräume, die von Traufe zu Traufe spannt. Sie ruht auf zwei Mittelunterzügen, die wiederum auf Stützen auflagern. Auf dieser Holzbalkendecke befindet sich eine Schüttung aus Abbruch, Schutt, Erde und Getreidespelz, auf der eine Holzbalkenlage mit Schalung und Parkett liegt. * Obergeschosse: Die Decken über dem 1. und 2. Obergeschoss sind reine Holzbalkendecken, die ebenfalls von Traufe zu Traufe spannen. * Dachstuhl: Der Dachstuhl besteht aus einem mit Andreaskreuzen ausgesteiften Walmdach, das auf mehreren Sprengwerken aus Holz abgestellt ist.
Bei der Sanierung wurde beschlossen, die Dachkonstruktion im Wesentlichen nicht anzutasten. Stattdessen wurde eine neue Aufdachdämmung aufgebracht. Eine wesentliche Veränderung betraf die Decke über dem 2. Obergeschoss, die neu als Sitzungsaal im Dachgeschoss genutzt werden soll. Für diese Nutzungsänderung wurde diese Decke über Stahllängsträger als Überzüge und in Dachebene eingezogene Rahmentragwerke aus Walzprofilen hochgehängt und neu auf den bestehenden Außenwänden verankert.
Des Weiteren wurden neu ein massives Fluchttreppenhaus sowie ein neues Haupttreppenhaus mit Stahlbetonkern in Form eines Aufzugsschachtes eingebaut. Diese Maßnahmen dienten der Erfüllung neuer Brandschutzauflagen und der Barrierefreiheit.
Brandschutz und Sicherheit
Die Erfüllung neuer Brandschutzauflagen war ein wesentlicher Bestandteil der Sanierung. Historische Gebäude weisen oft defizitäre Brandschutzkonzepte auf, die im Zuge einer Modernisierung angepasst werden müssen. In Löffingen wurde dies durch den Einbau eines separaten Fluchttreppenhauses und die Errichtung eines neuen Haupttreppenhauses mit Aufzugsschacht realisiert. Diese Investitionen in die Sicherheit sind für öffentliche Gebäude unverzichtbar.
Barrierefreiheit und Nutzungsänderung
Ein Kernziel der Sanierung war die Schaffung eines barrierefreien Bürgerbüros. Im Erdgeschoss wurde der Bereich zur ehemaligen Fruchthalle umgestaltet. Diese Umgestaltung ist ein Beispiel für die "Rückführung zur ursprünglichen Funktion des einstigen Markt-, Rat- und Schulhauses", die insbesondere auf die Besucher wirken soll. Das Bürgerbüro ist nun die erste Anlaufstelle in der Stadtverwaltung und wird durch die zwei originalen Schwarzwälder Holzstützen auf Schwarzwälder Sandstein charakterisiert. Die Fenster, die früher die Tore in die Fruchthalle waren, wurden ebenfalls saniert und prägen den Raum.
Die Umgestaltung im Erdgeschoss beinhaltete auch den Rückbau bestehender Strukturen, um den Raum als Flur und Halle zu öffnen. Des Weiteren wurde die Integration des Bürgerbüros ermöglicht, das bislang im Obergeschoss "versteckt" war. Zusätzlich wurden eine neue öffentliche WC-Anlage geplant, deren Standort jedoch zunächst unklar blieb und nicht mehr beim Haupteingang liegen soll. Auch Küchen wurden installiert, was auf eine vielseitige Nutzung des Rathauses hindeutet.
Ein weiterer Aspekt der Modernisierung war die Schaffung neuer Nutzflächen im Dachgeschoss. Hier entstanden ein neuer Ratssaal und ein Trauzimmer. Diese Räumlichkeiten wurden durch die Umstrukturierung der Decke über dem 2. Obergeschoss ermöglicht.
Energieeffizienz und Haustechnik
Die energetische Sanierung spielte eine ebenso wichtige Rolle wie die strukturellen und nutzungsbezogenen Anpassungen. Ziel war die Erfüllung der aktuellen Energieeinsparungsvorschriften. Eine wesentliche Maßnahme war der Anschluss des Rathauses an die Nahwärmeversorgung zur Beheizung.
Besonders hervorzuheben ist die Lösung des Feuchtigkeitsproblems im Keller. Das Niveau des Kellers wurde um 50 cm abgesenkt und eine mehr als ein Meter hohe Betonumrandung installiert, um die Nässe fernzuhalten. Diese Maßnahme war notwendig, da das Problem der Feuchtigkeit bereits beim Bau des Hauses bestand.
Durch die Sanierung konnte eine erhebliche Energieeinsparung erzielt werden. Die gesamte Stromeinsparung beträgt laut Angaben 47.971 kWh pro Jahr. Zu den weiteren Maßnahmen im Bereich der Haustechnik zählen: * Erneuerung der Sanitär- und Heizungsinfrastruktur * Modernisierung der Elektro- und Lichtinstallation
Außenanlage und Städtebauliche Einbindung
Die Sanierung beschränkte sich nicht nur auf das Gebäude selbst, sondern umfasste auch die Außenanlage. Ein Schwerpunkt der städtebaulichen Erneuerungsmaßnahme in Löffingen lag darin, die gesamte Innenstadt aufzuwerten. Im Zuge des Rathausprojekts wurde der Außenbereich des Rathauses umgestaltet, neu gepflastert und mit Sitzgelegenheiten ausgestattet. Dieser Bereich dient nun als Treffpunkt für Bewohner, findet bei Festen und dem Wochenmarkt Verwendung und verbessert die Aufenthaltsqualität im Stadtkern.
Zudem wurden im Umfeld weitere Maßnahmen umgesetzt, wie die Außenanlage der Kindertagesstätte, diverse Straßenbereiche in der Innenstadt, various Parkplätze sowie der rückwärtige Bereich und der Vorplatz der Festhalle.
Fazit
Die Sanierung des Rathauses Löffingen ist ein Musterbeispiel für die gelungene Verbindung von Denkmalschutz und moderner Nutzung. Durch die sorgfältige Planung und die Zusammenarbeit mit Architekten und Ingenieuren konnte ein historisches Gebäude den aktuellen Anforderungen an Sicherheit, Barrierefreiheit und Energieeffizienz angepasst werden, ohne seinen charakteristischen Charme zu verlieren.
Wichtige Erkenntnisse aus diesem Projekt für Bauherren und Planer sind: 1. Statik und Tragwerk: Bei Altbauten sind detaillierte statische Untersuchungen unerlässlich, da die ursprünglichen Konstruktionen oft nicht den heutigen Standards entsprechen ("Zufallsstatik"). 2. Förderung: Die Inanspruchnahme von Förderprogrammen (Stadtsanierung) ist oft entscheidend für die Finanzierbarkeit solcher umfangreicher Sanierungen. 3. Nutzungskonzept: Die Analyse der ursprünglichen Bausubstanz (z.B. Fruchthalle) kann Inspiration für moderne Nutzungsformen (Bürgerbüro) bieten. 4. Feuchtigkeitsschutz: Bei Kellern ist eine konstruktive Lösung (Betonumrandung, Niveauabsenkung) oft die einzige Möglichkeit, Feuchtigkeit dauerhaft zu bekämpfen. 5. Gesamtkonzept: Eine Sanierung sollte immer im Kontext der städtebaulichen Umgebung gesehen werden, um eine Aufwertung des gesamten Quartiers zu erreichen.
Das Projekt zeigt, dass durch Investitionen in die Bausubstanz nicht nur die Lebensqualität für die Bürger verbessert, sondern auch nachhaltig Beschäftigungsimpulse im regionalen Baugewerbe erzeugt werden, da jeder Fördereuro bis zu acht weitere Euro an Folgeinvestitionen auslöst.