Sanierung von Wärmedämmverbundsystemen (WDVS): Technische Verfahren, Materialien und energetische Optimierung

Einleitung

Wärmedämmverbundsysteme (WDVS), die in den 1970er und 1980er Jahren an deutschen Fassaden verbaut wurden, erreichen heute oft das Ende ihrer technischen Lebensdauer. Schätzungen zufolge liegt die durchschnittliche Haltbarkeit solcher Systeme bei etwa 35 Jahren. Im Laufe der Zeit setzen Witterungseinflüsse und mechanische Belastungen den Fassaden zu, was zu typischen Schadensbildern wie Rissbildung, Ablösung des Oberputzes, Putzblasen, Algenbewuchs und Dauerfeuchte führt. Diese Mängel beeinträchtigen nicht nur die ästhetische Optik des Gebäudes, sondern schränken auch die Wärmedämmleistung massiv ein und können langfristig zu Schäden am Mauerwerk führen.

Vor dem Hintergrund aktueller gesetzlicher Anforderungen, insbesondere des Gebäudeenergiegesetzes (GEG), sehen sich Eigentümer einer Herausforderung gegenüber. Während frühere Systeme oft U-Werte zwischen 0,5 und 0,7 W/(m²K) aufwiesen, fordert das GEG für eine sanierte Außenwand einen U-Wert von 0,24 W/(m²K). Eine Förderung durch die KfW-Bank ist sogar erst ab einem U-Wert von 0,20 W/(m²K) möglich. Ein kompletter Rückbau der Altfassade und das Aufbringen eines neuen WDVS ist zwar eine Option, jedoch teuer, aufwendig und aus Umweltgesichtspunkten problematisch, da die Entsorgung des alten Materials anfällt. Daher gewinnen Sanierungsverfahren, die die Substanz erhalten und energetisch optimieren, zunehmend an Bedeutung.

Dieser Artikel beleuchtet die technischen Verfahren zur WDVS-Sanierung, basierend auf den vorliegenden Fachdaten. Er unterscheidet zwischen der Wiederherstellung der Funktionalität bestehender Systeme und der energetischen Aufdopplung zur Erfüllung moderner Standards.

Schadensbilder und Ursachenanalyse

Die Entscheidung über die Art der Sanierung hängt maßgeblich vom vorliegenden Schadensbild ab. An WDVS der ersten Generation mit Kunstharzputz sind folgende Schäden weit verbreitet:

  • Rissbildung: Mechanische Spannungen oder Alterung der Materialien führen zu Rissen im Putz.
  • Ablösung des Oberputzes und Putzblasen: Hierbei verliert der Putz den Halt auf der Dämmschicht, oft begünstigt durch Feuchtigkeitseinschluss.
  • Dauerfeuchte und Algenbewuchs: Nicht diffusionsoffene Systeme (dampfdicht) verhindern das Austrocknen des Mauerwerks. Feuchtigkeit bleibt eingeschlossen, was zu Schimmelbildung und Algenwachstum führt.

Die Ursache liegt häufig in der Materialzusammensetzung vergangener Epochen. Während moderne Systeme auf Diffusionsoffenheit ausgelegt sind, waren viele frühe WDVS dampfdicht. Dies führt dazu, dass Feuchtigkeit aus dem Inneren des Gebäudes nicht entweichen kann und sich in der Dämmschicht staut.

Sanierungsverfahren: Das Retec-Verfahren

Eine kostengünstige und umweltfreundliche Alternative zum kompletten Abriss bietet das patentierte "weber.therm retec"-System von Saint-Gobain Weber. Dieses bauaufsichtlich zugelassene Sanierungsverfahren ist speziell für die Sanierung von stark durchfeuchteten Kunstharzputzsystemen entwickelt worden. Ziel ist es, die Leistungsfähigkeit des alten WDVS wiederherzustellen und die alte Fassade zu erhalten.

Technischer Ablauf des Retec-Verfahrens

Der Prozess zur Wiederherstellung der Trockenheit und Funktionalität umfasst mehrere spezifische Schritte:

  1. Untersuchung und Reinigung: Zunächst erfolgt eine gründliche Untersuchung der Fassade. Anschließend wird die alte Fassade mithilfe eines Dampfstrahlgerätes gereinigt, um Verschmutzungen und lose Partikel zu entfernen.
  2. Rasterförmiges Schlitzen der Dämmschicht: Ein entscheidender Schritt ist das rasterförmige Schlitzen der Dämmschicht. Durch diese Schlitze kann Feuchtigkeit, die im System eingeschlossen ist, entweichen. Zudem trocknen die Dämmschicht und das Mauerwerk dadurch schnell aus.
  3. Auftrag eines mineralischen Klebe- und Armierungsmörtels: Es wird ein speziell entwickelter mineralischer Klebe- und Armierungsmörtel aufgetragen. Dieser Mörtel zeichnet sich durch zwei wesentliche Eigenschaften aus:
    • Hohe Haftung: Er haftet auch auf bestehenden Kunstharzputzen.
    • Hohe Diffusionsoffenheit: Er ist hoch diffusionsoffen, was sicherstellt, dass das WDVS nicht nur schnell austrocknet, sondern auch zukünftig trocken bleibt ("Von dampfdicht zu diffusionsoffen").
  4. Verdübelung und Beschichtung: Nach dem Auftrag der Armierungsschicht wird ein Armierungsgewebe verdübelt. Nach einer entsprechenden Standzeit wird die Fassade schließlich mit einem Edelputz beschichtet.

Durch dieses Verfahren wird die Funktionalität des Wärmedämm-Verbundsystems wiederhergestellt, ohne dass die gesamte Fassadensubstanz entfernt werden muss.

Energetische Optimierung durch Aufdopplung

Die Sanierung allein durch das Retec-Verfahren stellt zwar die Funktionalität und Trockenheit wieder her, verbessert die Wärmedämmung jedoch nicht notwendigerweise auf das Niveau moderner Vorgaben. Die in den 70er und 80er Jahren verarbeiteten Dämmplatten (meist EPS- oder XPS-Dämmstoffe mit einer Dicke von 40 bis 80 mm) erfüllen die heutigen Anforderungen an den Wärmeschutz oft nicht mehr.

Notwendigkeit der Aufdopplung

Um die energetischen Zielvorgaben von U-Werten um 0,24 W/(m²K) oder besser zu erreichen, ist in den meisten Fällen eine Aufdopplung erforderlich. Das bedeutet, dass nach der Sanierung und Wiederherstellung des alten Systems eine zusätzliche Dämmschicht aufgebracht wird. Dies ermöglicht eine hohe zusätzliche Energieeinsparung, die bei Maßnahmen, die sich nur auf die Erneuerung des Putzes beschränken, entfällt.

Brandschutzaspekte bei der Aufdopplung

Ein kritischer Faktor bei der Aufdoppelung von WDVS, insbesondere bei höheren Gebäuden, ist der Brandschutz. Der meistverwendete Dämmstoff in alten WDVS ist EPS-Hartschaum (Polystyrol), der als schwer entflammbar oder entflammbar klassifiziert ist.

  • Anforderungen: Bei höheren als dreistöckigen Mehrfamiliengebäuden muss zusätzlicher Brandschutz gewährleistet werden.
  • Maßnahme: Dies geschieht durch sogenannte Brandriegel. Dabei handelt es sich um Gürtel aus nicht brennbaren Dämmmaterialien (z. B. Mineralwolle/Steinwolle), die rundum die Fassade gelegt und in das WDVS eingearbeitet werden.
  • Umsetzung: Bei der Aufdopplung kann es notwendig sein, das alte WDVS teilweise zu entfernen, um diese Brandriegel korrekt einzuarbeiten und den Brandschutzstandard zu gewährleisten.

Alternativen Dämmstoffe und Systeme

Neben der Aufdopplung eines bestehenden Systems bietet die Sanierung auch die Möglichkeit, das gesamte Material zu ersetzen. Je nach Anforderung und ökologischer Ausrichtung können verschiedene Systeme zum Einsatz kommen.

Anorganische und organische Systeme

  • Mineralwolle: Ein anorganisches System, das oft aus Brandschutzgründen oder bei hohen Anforderungen an die Schallschutzdämmung gewählt wird.
  • Polystyrol-Hartschaumplatten (EPS): Ein organisches System, das aufgrund seiner guten Dämmwerte und Kosteneffizienz weit verbreitet ist, brandschutztechnisch jedoch Einschränkungen unterliegt.

Ökologische Systeme

Ein zunehmendes Interesse gilt ökologischen Dämmstoffen. Als Beispiel wird Hanf genannt. Diese Materialien bieten eine nachhaltige Alternative, die Ressourcen schont und oft über gute bauphysikalische Eigenschaften verfügt.

Anbringung auf schwierigen Untergründen

WDVS können grundsätzlich auf allen Untergründen angebracht werden. Auch bei nicht tragfähigen oder unebenen Untergründen ist eine Montage möglich, indem ein Schienensystem verwendet wird. Dies gewährleistet eine fachgerechte Anbringung auch in der Sanierung, wenn die alte Fassade nicht perfekt eben ist.

Kosten-Nutzen-Analyse und Förderung

Die Entscheidung für eine Sanierungsmaßnahme sollte eine Betrachtung der Kosten im Verhältnis zu den erzielbaren Energieeinsparungen beinhalten.

Kostenaufbau

Bei allen Sanierungsmaßnahmen fallen ähnliche Fixkosten für Gerüst, Reinigung und Grundierung an. Die variablen Kosten entstehen durch die weiteren Arbeiten: * Erneuerung des Putzes (niedrigste Kosten, geringste Energieeinsparung). * Aufdopplung (mittlere Kosten, hohe Energieeinsparung). * Kompletter Abriss und Neuerneuerung (hohe Kosten, hohe Energieeinsparung).

Energieeffizienz und Förderung

Die energetische Verbesserung ist der entscheidende Hebel für langfristige Kosteneinsparungen. Wie bereits erwähnt, fordert das GEG einen U-Wert von 0,24 W/(m²K). Eine Aufdopplung oder ein Neubau des WDVS ist hierfür meist notwendig. Nur durch eine solche Optimierung können auch Förderungen der KfW-Bank in Anspruch genommen werden, die einen U-Wert von 0,20 W/(m²K) voraussetzen. Die Investition in eine qualitativ hochwertige Dämmung (z. B. in ein mineralisches WDVS) lohnt sich daher nicht nur durch die Schonung der Umwelt durch geringeren Heizenergieverbrauch, sondern auch durch die Wertsteigerung der Immobilie und die Inanspruchnahme staatlicher Förderungen.

Fazit

Die Sanierung von Wärmedämmverbundsystemen ist eine komplexe Aufgabe, die eine differenzierte Betrachtung der Schadensbilder und energetischen Anforderungen erfordert. Während das Retec-Verfahren eine effiziente Methode darstellt, um Feuchtigkeitsschäden an historischen WDVS zu beseitigen und die diffusionsoffene Funktionalität wiederherzustellen, bleibt die energetische Leistung alter Dämmplatten oft hinter modernen Standards zurück.

Für Eigentümer ist die Aufdopplung des Systems oder der Austausch durch moderne, hochwertige Dämmstoffe (wie Mineralwolle oder ökologische Alternativen) oft der einzige Weg, die Vorgaben des Gebäudeenergiegesetzes zu erfüllen und Fördergelder zu erhalten. Dabei darf der Brandschutz, insbesondere bei Gebäuden über drei Geschosse, durch den Einbau von Brandriegeln nicht vernachlässigt werden. Eine fachgerechte Sanierung, die sowohl die Bausubstanz erhält als auch die energetischen Zielvorgaben erreicht, stellt die wertvollste Lösung für die Zukunft der Immobilie dar.

Quellen

  1. SAKRET - Sanierung Armierungs- und Putzschicht auf WDVS
  2. Rockwool - WDVS Sanierung: Sanierungskit VHF
  3. Energie-Fachberater - Sanierung für alte Wärmedämmverbundsysteme (WDVS)
  4. Heinrich Schmid - Wärmedämmverbundsysteme
  5. Energie-Fachberater - Sanierung von Wärmedämmverbundsystemen (WDVS)
  6. Energie-Experten - Aufdopplung von WDVS

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