Sanierung und Transformation: Der Campus Rutheneum in Gera als Beispiel für denkmalgerechten Schulbau

Die Sanierung historischer Gebäude stellt die Bauwirtschaft vor besondere Herausforderungen, insbesondere wenn es sich um bedeutende Kulturdenkmale handelt, die in moderne Nutzkonzepte integriert werden sollen. Ein herausragendes Beispiel für eine solche Transformation ist das Projekt „Campus Rutheneum“ in Gera. Hier wurde ein Ensemble aus dem ehemaligen Reußischen Regierungsgebäude und dem Gymnasium Rutheneum seit 1608 zu einem modernen Schulcampus zusammengeführt. Der Prozess der Sanierung, die Finanzierung und die technischen Leistungen bieten wertvolle Einblicke in die Planung und Durchführung komplexer Baumaßnahmen im Denkmalschutz.

Historischer Kontext und Bedeutung des Ensembles

Das Projekt „Campus Rutheneum“ ist tief verwurzelt in der Architektur- und Bildungsgeschichte der Stadt Gera. Das zentrale Bauwerk, das ehemalige Regierungsgebäude, wurde in den Jahren 1720 bis 1722 als zweiflüglige Anlage errichtet. Eine signifikante Erweiterung erfuhr das Gebäude im Jahr 1749, als ein erweiternder Nebentrakt mit Ehrenhof hinzugefügt wurde, wodurch eine vollständige Dreiflügelanlage entstand. Architektonisch wird dieses Bauwerk als Zeugnis zeitgenössischer Repräsentationsbaukunst gewertet.

Nördlich an diese barocke Großanlage schließt sich das historische Schulgebäude an, das im Volksmund als „Alte Schule“ bekannt ist. Das Gymnasium Rutheneum wurde bereits im Jahr 1608 gegründet. Das Gebäude, das bis zur Sanierung bestand, stammte jedoch nicht aus der Gründungszeit. Es wurde 1884 abgerissen und in den Jahren 1884/1887 durch einen Neubau im zeittypischen Stil des Landbaumeisters Emil Weiß ersetzt. Dieser Bau ist ein Beispiel für die Architektur der Neurenaissance. Das Zusammenwirken der barocken Regierungsgebäude-Substanz mit der späthistoristischen Bausubstanz des Gymnasiums bildete die Grundlage für den neuen Campus.

Das Sanierungskonzept: Vom Regierungsgebäude zum Schulstandort

Die Vision der Stadt Gera war es, einen leistungs- und zukunftsfähigen Schulkomplex zu schaffen. Im Rahmen der Geraer Schulkonzeption wurde entschieden, das ehemalige Regierungsgebäude vollständig in den künftigen Schulstandort einzuverleiben. Ziel war es, die historischen Räumlichkeiten für moderne Schulzwecke nutzbar zu machen.

Nach Abschluss der Baumaßnahmen fanden im denkmalgeschützten Regierungsgebäude die Mensa, der Ganztagsbereich, die Bibliothek sowie die Verwaltung des Gymnasiums ihren Platz. Diese funktionale Aufteilung war eine wesentliche Herausforderung, da die Anforderungen an einen modernen Schulcampus – wie großzügige Flächen und offene Raumstrukturen – mit den denkmalpflegerischen Belangen der historischen Bausubstanz in Einklang gebracht werden mussten.

Phasen der Sanierung und technische Leistungen

Die Sanierung des Ensembles erfolgte in klar definierten Etappen, um die Komplexität der Baumaßnahmen zu beherrschen. Die Planung und Ausführung der Sanierung des Regierungsgebäudes wurde in zwei Hauptphasen unterteilt:

1. Etappe: Grundhafte Sicherung Die erste Phase diente der essentiellen Sicherung der Bausubstanz in Vorbereitung auf die zukünftige Schulnutzung. Zu den wesentlichen Leistungen dieser Phase gehörten: * Trockenlegung: Maßnahmen zur Beseitigung von Feuchtigkeitsschäden, die für die Substanzerhaltung unerlässlich sind. * Sanierung des Tragwerks: Die statische Sicherung des Gebäudes, um die Lasten der zukünftigen Nutzung tragen zu können. * Sanierung von Fassaden- und Dachbereichen: Diese Arbeiten wurden unter strengen denkmalschutzrechtlichen Aspekten durchgeführt, um den historischen Charakter der Fassade und des Daches zu erhalten.

2. Etappe: Sanierung und Herstellung der Ausbauten Nach der Sicherung der Substanz folgte die Umsetzung der zweiten Etappe, die auf die direkte Nutzbarkeit für das Gymnasium abzielte. Der Leistungsumfang umfasste hier: * Herstellung der Bekleidungen: Dies betrifft alle Innenflächen, inklusive Böden, Wände und Decken. * Einbau von Türen und speziellen Elementen: Insbesondere die Fertigstellung von Geländern und Gittern war notwendig, um die Sicherheit und den architektonischen Abschluss der Räume zu gewährleisten.

Planung, Kosten und Zeitrahmen

Die Sanierung des Regierungsgebäudes als Teil des Campus Rutheneum war ein Projekt mit signifikantem Umfang. Laut den Projektdaten des Planungsbüros FCA Dr. Fischer Community of Architects GmbH, das die Objektplanung für Gebäude und Ausstattung (Leistungsphasen 5 bis 9) übernahm, beliefen sich die Kosten allein für den Sanierungsteil des Regierungsgebäudes auf 4,7 Millionen Euro. Die Fläche der Sanierung betrug 2.775 m² Bruttogrundfläche (BGF). Der Zeitraum für diese Maßnahme wurde von 2018 bis 2021 angegeben.

Betrachtet man das Gesamtprojekt „Campus Rutheneum“, das neben der Sanierung des Regierungsgebäudes und des Alten Schulhauses auch einen funktionalen Neubau und eine Sporthalle umfasste, waren die finanziellen Aufwendungen erheblich höher. Der Abschluss der umfangreichen Baumaßnahmen im September 2021 markierte das Ende eines Projektes, das auf einen Planungswettbewerb aus dem Jahr 2011 zurückgeht. Die Gesamtkosten des rund 20 Millionen Euro teuren Projektes setzten sich zusammen aus: * Sanierung des Reußischen Regierungsgebäudes * Sicherung der historischen Gebäudesubstanz * Schulhausneubau * Freiflächengestaltung

Ein wesentlicher Faktor für die Realisierung war die Förderung. Der Bund finanzierte die denkmalgerechte Grundsanierung als ersten Baustein der Gesamtmaßnahme. In einem zweiten Bauabschnitt folgten weitere Sanierungsarbeiten sowie der Innenausbau, die über Mittel der Städtebauförderung finanziert wurden.

Einfluss der Bauqualität auf den Bildungsstandort

Die Notwendigkeit der Sanierung wurde nicht nur durch den Denkmalschutz, sondern auch durch den Zustand der bestehenden Gebäude diktiert. Vor Beginn der Maßnahmen zeigte sich ein deutlicher Sanierungsstau, insbesondere im Gebäudeteil des Gymnasiums am Nikolaiberg. Die Bausubstanz war dort in einem beklagenswerten Zustand; die frühere Aula galt als akut einsturzgefährdet ohne umfangreiche Sicherungsmaßnahmen.

Der schlechte Zustand der Gebäude hatte direkte Auswirkungen auf den Ruf des Bildungsstandorts. Obwohl das Gymnasium Rutheneum seit 1608 für seine Musikspezialklassen bekannt ist und ein besonderes Aushängeschild für Gera und Thüringen darstellt, schreckte die bauliche Substanz potenzielle Interessenten ab. Viele Eltern zeigten zwar Interesse an den Musikspezialklassen (unterrichtet von der 9. bis zur 13. Klasse mit Musiktheorie, Gehörbildung, Gesangs- und Instrumentalunterricht), waren jedoch durch den Zustand der Räume abgeschreckt.

Das Ziel der Sanierung war es daher nicht nur, die Bausubstanz zu sichern, sondern auch qualitativ hochwertige Räume zu schaffen, die dem Unterrichtsniveau entsprechen. Mit dem Campus Rutheneum wurde ein Komplex geschaffen, der sich durch offene Raumstrukturen, moderne Ausstattung und ein helles Interieur von einem klassischen Funktionsbau unterscheidet.

Modernisierung und Nutzungsänderung

Die Sanierung ermöglichte eine Aufwertung des gesamten Standorts. Die Musikspezialklassen erhielten neue Übungsräume und moderne Fachräume mit neuen Klavieren. Das Gymnasium verfügt nun über erweiterte und vielfältig nutzbare Lernräume im Ganztagsbereich, die interaktives Lernen ermöglichen. Diese Räume bieten auch bessere Bedingungen für Arbeitsgemeinschaften und Chorproben.

Die Architekten des Wettbewerbssiegers Schulz & Schulz Architekten Leipzig und die Landschaftsarchitekten Pola aus Berlin sahen vor, das Ensemble des ursprünglichen Schulhauses (Neurenaissance) und des barocken Regierungsgebäudes um einen funktionalen Neubau und eine Sporthalle zu ergänzen und zu verdichten. Das Ziel war die Schaffung eines zentralen Bereichs innerhalb des Denkmalensembles „Altstadt“ in Gera.

Zusammenfassung

Die Sanierung des Campus Rutheneum in Gera steht exemplarisch für die gelungene Verbindung von Denkmalschutz und moderner Bildungsarchitektur. Durch die stufenweise Sanierung – beginnend mit der grundhaften Sicherung der Bausubstanz bis hin zum feinen Innenausbau – konnten die historischen Gebäude des Reußischen Regierungsgebäudes und des Gymnasiums Rutheneum erhalten und für die Zukunft nutzbar gemacht werden. Die Investition von rund 20 Millionen Euro, gefördert durch Bund und Land, hat nicht nur die akute Einsturzgefahr beseitigt, sondern auch einen leistungsstarken Schulkomplex geschaffen, der als Aushängeschild für die Stadt Gera dient.

Fazit

Das Projekt Campus Rutheneum verdeutlicht die Notwendigkeit und den Nutzen frühzeitiger und umfassender Sanierungsmaßnahmen bei historischen Gebäuden. Die Kombination aus denkmalgerechter Restaurierung und modernen Nutzungsanforderungen ist eine komplexe Planungsaufgabe, die durch die Aufteilung in Etappen und die Inanspruchnahme staatlicher Fördermittel erfolgreich umgesetzt werden konnte. Für Bauherren und Planer zeigt das Vorhaben, dass die Sanierung von Denkmalen mit erheblichem finanziellen Aufwand verbunden ist, langfristig aber unverzichtbar ist, um kulturelles Erbe zu bewahren und für moderne Zwecke zu adaptieren.

Quellen

  1. Architekten Thüringen - Campus Rutheneum
  2. FCA Consult Architekten - Reussisches Regierungsgebäude Gera
  3. Stadt Gera - Gymnasium Rutheneum seit 1608
  4. Stadt Gera - Schulbau & -sanierung
  5. Grüne THL - Sanierung des Goethe-Gymnasiums/Rutheneum

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