Die Umwandlung brachliegender Industrieareale in lebenswerte Stadtquartiere stellt eine der zentralen Aufgaben moderner Stadtentwicklung dar. Ein herausragendes Beispiel für eine solche Revitalisierung stellt das ehemalige Rütgers-Gelände in Buchholz dar. Dieses etwa 16 Hektar große Areal, das seit der Stilllegung des Imprägnierwerks im Jahr 1986 ungenutzt ist, befindet sich nun in einer entscheidenden Phase der Sanierung und Neuplanung. Der vorliegende Artikel beleuchtet den aktuellen Stand der Sanierungsmaßnahmen, die technischen Herausforderungen der Bodensanierung und die langfristigen Perspektiven für die Entwicklung eines gemischt genutzten Quartiers in unmittelbarer Nähe zum Bahnhof Buchholz.
Ausgangslage und Historie des Areals
Das Areal der ehemaligen Rütgerswerke liegt zentral in Buchholz und umfasst eine Fläche von insgesamt rund 16 Hektar. Seit der Einstellung des Betriebs im Jahr 1986 liegt das Gelände brach, wobei die Aufbereitung für eine Nachnutzung bislang an diversen Hindernissen scheiterte. Hauptfaktoren waren die unklare Erschließungssituation sowie vor allem die erhebliche Kontamination des Bodens und des Grundwassers.
Die historische Nutzung des Werks, insbesondere die Holzimprägnierung, hat tiefe Spuren im Untergrund hinterlassen. Bis 1986 wurde dort über mehrere Jahrzehnte Holz für Schienenschwellen mit Steinkohlenteeröl imprägniert, um es gegen Insekten- und Pilzbefall zu schützen. Diese langjährige industrielle Nutzung führte zu einer massiven Belastung des Areals, die nun eine aufwendige und komplexe Sanierung erfordert.
Eigentümerstruktur und Verantwortlichkeiten
Ein entscheidender Schritt für die Entwicklung des Geländes war der Verkauf des Grundstücks. Die Rütgers GmbH verkaufte das gesamte Areal an die WHM Lerchenpark Buchholz GmbH mit Sitz in Hamburg. Nach Informationen der Kreiszeitung Wochenblatt betrug der Kaufpreis 6,5 Millionen Euro. Für die Sanierung sind zusätzliche 20 Millionen Euro eingeplant, die von beiden Firmen gemeinsam aufgebracht werden sollen.
Die Verantwortlichkeiten sind klar geregelt: Die WHM Lerchenpark Buchholz GmbH ist als neuer Eigentümer für die flächige Bodensanierung zuständig. Die Rütgers GmbH hingegen bleibt bis zum Abschluss der Grundwasserreinigung in der Verantwortung. Thomas Nalenz, Geschäftsführer der Rütgers GmbH, betonte, dass man bis zum Abschluss der Grundwasserreinigung in der Verantwortung stehe und sich freue, dass mit der WHM Lerchenpark Buchholz GmbH ein Investor zur Verfügung stehe, der zeitnah mit der flächigen Bodensanierung beginnen möchte.
Technische Herausforderungen: Kontamination und Sanierung
Die größte Hürde für die Bebauung des Areals stellt die hochgradige Kontamination dar. Besonders problematisch ist ein etwa zwei Hektar großes Teilstück am Rand des Areals, das stark mit Öl verunreinigt ist. Die Belastung geht dabei über eine Standardverunreinigung hinaus; die Analyse der Schadstoffe ergab, dass polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK) wie Naphthalin, aber auch Arsen und Schwermetalle im Boden nachweisbar sind.
Sanierungsverfahren und Abläufe
Die Sanierung erfolgt in mehreren Phasen und orientiert sich an einem abgestimmten Sanierungsplan mit dem Landkreis Harburg. Ein erstes Sanierungsmanagement betrifft die Südfläche des Geländes, auf der in den letzten Februarwochen 2024 Bäume und Büsche entfernt wurden. Diese Maßnahme dient der Freimachung der Fläche und ist der erste sichtbare Schritt der Revitalisierung.
Das Sanierungsverfahren selbst ist detailliert geplant und folgt strengen Umweltauflagen: 1. Einzelbehandlung der Teilflächen: Jede Teilfläche wird einzeln ausgehoben, beginnend im Süden in direkter Nachbarschaft zur Fabrik der Firma Pleiger. 2. Beprobung und Analyse: Der ausgehobene Boden wird beprobt. Bei unbedenklichen Resultaten wird der Boden abgefahren. 3. Emissionskontrolle: Während der Arbeiten wird der Sand durchgehend befeuchtet, um sicherzustellen, dass keine Schadstoffe in die Umgebung entweichen können.
Besonders erwähnenswert ist der Lerneffekt dieser Maßnahmen: Die WHM nutzt die Südfläche auch als Übung für die Sanierung der Hauptfläche im Norden. Da die Bauarbeiten für das geplante gemischte Wohnquartier später im Norden beginnen sollen, dient die Südsanierung der Optimierung der Arbeitsabläufe.
Grundwassersanierung
Parallel zur Bodensanierung ist die Aufbereitung des Grundwassers essenziell. Für diese Aufgabe ist die Rütgers GmbH verantwortlich. Es wird eine spezielle Werkshalle errichtet, in der eine mehrstufige Reinigungsanlage installiert wird. Mit Hilfe dieser Anlage soll in den kommenden Jahren das Grundwasser unter dem besonders kontaminierten Grundstücksteil gereinigt werden. Diese Maßnahme ist Voraussetzung für eine spätere uneingeschränkte Nutzung des Geländes.
Förderung und Finanzierung
Die Sanierung eines solchen Altlastenareals ist mit erheblichen Kosten verbunden. Neben den privaten Investitionen der Rütgers GmbH und der WHM Lerchenpark Buchholz GmbH werden die Sanierungsmaßnahmen durch öffentliche Mittel unterstützt. Im Rahmen der Sanierung von verschmutzten Flächen werden Mittel des Europäischen Fonds für Regionale Entwicklung (EFRE) und des Landes Niedersachsen Programmgebiet Übergangsregion (ÜR) für die Förderperiode 2021-2027 zur Verfügung gestellt. Diese Förderung unterstreicht die regionale Bedeutung des Projekts für die Kreisentwicklung.
Zukünftige Nutzung: Ein neues städtisches Quartier
Das Ziel der Sanierung ist nicht nur die Beseitigung von Umweltbelastungen, sondern die Schaffung einer neuen Perspektive für ein attraktives innerstädtisches Gelände. Geplant ist ein gemischt genutztes, funktionierendes städtisches Quartier. Die konkrete Ausgestaltung der Bebauung ist noch in der Planung, doch die Sanierung schafft die Voraussetzungen für eine zeitnahe Entwicklung.
Zeitplanung und Erschließung
Der Zeitplan für das Gesamtprojekt ist ambitioniert, aber von den beteiligten Akteuren realistisch eingeschätzt. Die Sanierung der Südfläche soll laut WHM-Geschäftsführern bis Mitte 2026 abgeschlossen sein. Für die Nordfläche, auf der das hochgradig kontaminierte Teilstück liegt, sind derzeit noch keine Sanierungsmaßnahmen vorgesehen, da hier die Verantwortung bei der Rütgers GmbH für die Grundwassersanierung liegt.
Für die eigentliche Bebauung und den Baubeginn ist man jedoch auf die Erschließung angewiesen. Die äußere Erschließung soll über die Ostumfahrung geschehen, die derzeit geplant wird. Baudezernent Stefan Niemöller äußerte die Hoffnung, dass beide Planvorhaben – die Sanierung des Geländes und die Verkehrsanbindung – parallel fertiggestellt werden.
Mike Hemmerich (WHM) rechnet nicht vor 2028, möglicherweise erst 2029, mit einem Planungsrecht für die Bebauung. Dies verdeutlicht, dass es sich um ein langfristiges Projekt handelt, dessen Planungs- und Genehmigungsphasen ebenso viel Zeit in Anspruch nehmen wie die eigentlichen Sanierungsarbeiten.
Öffentlichkeitsarbeit und Transparenz
Ein wesentlicher Aspekt bei der Entwicklung solcher Großprojekte ist die Einbindung der Öffentlichkeit. Die beteiligten Firmen und die Verwaltung haben hier einen proaktiven Ansatz gewählt. Am Mittwoch, 6. März, fand eine Informationsveranstaltung in der Rathauskantine in Buchholz statt, bei der Vertreter des Vorhabenträgers, der Stadt Buchholz und des Landkreises Harburg Details zu den Sanierungsplänen vorstellten.
Zusätzlich wurde am Mittwoch, 3. April, ein "Tag der offenen Baufläche" veranstaltet. Interessierte können sich zudem unter der Website https://lerchenpark.de über den Sanierungsplan informieren. Diese Maßnahmen dienen der Transparenz und der Akzeptanz in der Bevölkerung, was bei Projekten mit potenziellen Umweltbelastungen besonders wichtig ist.
Bewertung der Sanierungsstrategie
Aus fachlicher Sicht ist die gewählte Strategie der schrittweisen Sanierung, beginnend mit der Südfläche, sinnvoll. Sie ermöglicht es, Verfahren zu testen und die Öffentlichkeit schrittweise an die Veränderungen heranzuführen. Die klare Trennung der Verantwortlichkeiten zwischen Bodensanierung (WHM) und Grundwassersanierung (Rütgers) stellt sicher, dass beide Belastungsquellen adäquat adressiert werden.
Die Nutzung von EFRE-Mitteln zeigt zudem, dass es sich um ein Projekt von überregionaler Bedeutung handelt, das zur Aufwertung der gesamten Region beiträgt. Die geplante gemischte Nutzung (Wohnen, Gewerbe, eventuell Dienstleistungen) ist für eine Innenstadtlage in Buchholz ideal, da sie eine lebendige Nutzung rund um die Uhr gewährleistet und die Verkehrsbelastung durch kurze Wege minimiert.
Fazit
Die Revitalisierung der Rütgerswerke in Buchholz ist ein Musterbeispiel für die erfolgreiche Zusammenarbeit von Privatwirtschaft, öffentlicher Hand und Förderinstitutionen bei der Bewältigung von Umweltrisiken. Die 16 Hektar große Industriebrache, die seit 1986 brachliegt, wird durch umfangreiche Sanierungsmaßnahmen aufbereitet. Die Herausforderungen sind erheblich, da polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK), Arsen und Schwermetalle den Boden belasten. Dennoch schreitet das Projekt voran: Nach dem Verkauf an die WHM Lerchenpark Buchholz GmbH und der Sicherung von 20 Millionen Euro für die Sanierung wurde mit den Arbeiten begonnen.
Aktuell (Stand Februar/April 2024) wird die Südfläche saniert, was als Übung für die spätere Sanierung der Kernfläche dient. Parallel dazu errichtet die Rütgers GmbH eine Anlage zur Grundwasseraufbereitung. Ziel ist die Schaffung eines gemischt genutzten Quartiers, dessen Bebauung jedoch noch von der Fertigstellung der Ostumfahrung und den Genehmigungsverfahren abhängt. Für Bauinteressierte und Investoren in der Region Buchholz bleibt das Areal eines der spannendsten Entwicklungsprojekte der kommenden Jahre, das den Stellenwert von Altlastensanierung für die moderne Stadtentwicklung deutlich macht.
Quellen
- Lerchenpark.de - Update Februar 2024
- Kreiszeitung Wochenblatt - Sanierungsplan für Industriebrache liegt vor
- Kreiszeitung Wochenblatt - 16 Hektar Industriebrache in Buchholz soll saniert werden
- Deutsche Digitale Bibliothek - Rütgerswerke
- Kreiszeitung Wochenblatt - Sanierungsplan für Teilfläche ist abgestimmt
- Kreiszeitung Wochenblatt - So aufwendig wird die Sanierung der Industriebrache