Technische Herausforderungen und Sanierungsmaßnahmen am Schiffshebewerk Lüneburg

Das Schiffshebewerk Lüneburg in Scharnebeck ist nicht nur ein Wahrzeichen der modernen Wasserstraßentechnik, sondern auch ein komplexes Bauwerk, das seit seiner Inbetriebnahme im Dezember 1975 erheblichen Belastungen ausgesetzt ist. Als eines der größten Doppelschiffshebewerke der Welt überwindet es einen Höhenunterschied von 38 Metern und bildet eine entscheidende Verkehrsader für den Güterverkehr zwischen Hamburg und dem Hinterland. Die Notwendigkeit umfassender Sanierungsmaßnahmen, die durch chemische Prozesse im Beton sowie den Verschleiß mechanischer Komponenten bedingt sind, steht im Mittelpunkt dieses Artikels. Wir beleuchten die technischen Hintergründe der Schäden, die durchgeführten und geplanten Instandsetzungsarbeiten sowie die wirtschaftliche Bedeutung der Anlage.

Das Bauwerk: Konstruktion und Bedeutung

Das Schiffshebewerk Lüneburg, errichtet nach siebenjähriger Bauzeit und in Dienst gestellt im Jahr 1975, war bei seiner Fertigstellung das größte Doppelschiffshebewerk der Welt. Es besteht aus zwei unabhängig voneinander arbeitenden Trögen, die jeweils ein Gewicht von etwa 6.000 bis 5.800 Tonnen aufweisen. Diese gewaltigen Wassertröge bewegen sich in den Führungstürmen und überwinden die 38 Meter hohe Stufe. Jedem Trog sind vier Führungstürme zugeordnet, durch deren wannenartige Öffnungen das gegenläufige Auf und Ab des Troges und der Gegengewichte sichtbar wird. Die Verbindung zwischen den Trögen und den Vorhäfen wird durch 42,5 Meter lange und 12 Meter breite rote Kanalbrücken aus Stahl hergestellt, die gleichzeitig eine Straße überspannen.

Die wirtschaftliche Bedeutung des Schiffshebewerks ist enorm. Laut Angaben aus dem Jahr 2018 passieren jährlich etwa 20.000 Schiffe die Anlage, wobei allein in diesem Jahr Güter in Höhe von acht Millionen Tonnen transportiert wurden. Davon entfielen über 120.000 Container auf die Route durch Scharnebeck. Das Bauwerk ist damit ein zentraler Knotenpunkt für die Binnenschifffahrt und die Logistikketten zwischen Seehafen und Hinterland.

Ursachen für Sanierungsbedarf: Betonkrebs und Verschleiß

Nach etwa 35 Jahren Betriebszeit zeigten sich gravierende Schäden, die eine grundlegende Instandsetzung unvermeidlich machten. Die Hauptursache für die Schädigung des Betons ist ein chemischer Prozess, der als Betonkrebs oder Alkali-Kieselsäure-Reaktion (AKR) bezeichnet wird.

Die Alkali-Kieselsäure-Reaktion (AKR)

Bei der Herstellung des Betons im Zuge des ursprünglichen Baus wurden Ostseekies mit Anteilen von Feldspat und Feuerstein verwendet. In Kombination mit dem damals verwendeten Zement führte dies zu einer chemischen Reaktion. Diese Reaktion führte über die Jahre zu einer drastischen Reduzierung der Festigkeit des Betons und verursachte eine Korrosion der Bewehrung. Um diesen destruktiven Prozess zu stoppen, ist eine aufwändige Sanierung der Betonoberflächen erforderlich.

Mechanische Belastung und Alterung

Neben der chemischen Schädigung des Betons erreichten auch die Stahlbaukomponenten und die Maschinentechnik ihr geplantes Lebensende. Insbesondere die Seile, Seilrollen und deren Unterbau sowie die Facettentore und Antriebe mussten saniert oder ersetzt werden. Auch die Lagerungen und Abfangungen der gewaltigen Tröge wiesen Verschleißerscheinungen auf.

Durchgeführte Sanierungsmaßnahmen und Technologien

Die Sanierung des Schiffshebewerks ist ein Langzeitprojekt, das in mehrere Abschnitte unterteilt wurde. Ziel der Maßnahmen ist es, die Funktionsfähigkeit der Anlage für die nächsten Jahrzehnte sicherzustellen und gleichzeitig die Betriebssicherheit zu erhöhen.

Sanierung des Westtrogs (2018 bis 2023)

Im Zeitraum von 2018 bis 2023 führte eine Arbeitsgemeinschaft unter Beteiligung von NK Stahlwasserbau die grundlegende Instandsetzung des Westtrogs durch. Zu den zentralen Arbeiten gehörten:

  • Kontrolliertes Absenken des Troges: Mithilfe von 64 Hydraulikstempeln wurde der Trog kontrolliert abgesenkt, um Zugang zu den darunterliegenden Komponenten zu erhalten.
  • Erneuerung von Lagerungen und Abfangungen: Die Tragwerke wurden überarbeitet, um die statischen Anforderungen auch bei voller Belastung zu gewährleisten.
  • Überarbeitung von 240 Seilen und Seilscheiben: Die Aufhängung des Troges wurde erneuert und technisch verbessert.
  • Sanierung der Facettentore: Die Tore, die den Trog gegen die Vorhäfen abschotten, wurden instand gesetzt.
  • Modernisierung der Antriebstechnik: Die gesamte Maschinen- und Steuerungstechnik auf den Trögen sowie die Sicherheitstechnik wurden auf den neuesten Stand gebracht.

Ein besonderer Erfolg der Sanierung war die konstruktive Verbesserung der Seile, Seilrollen und des Unterbaus. Dadurch konnte der Trogwasserspiegel wieder auf 3,50 Meter erhöht werden, was die Tiefgangsmöglichkeiten für die Schiffe verbessert.

Sanierung des Osttrogs (ab Juli 2024)

Nach der Fertigstellung des Westtrogs begann im Juli 2024 die Instandsetzung des Osttrogs. Auch hierbei ist NK Stahlwasserbau wieder als beteiligtes Unternehmen tätig. Die Arbeiten umfassen analoge Maßnahmen wie am Westtrog.

Die Betonsanierung im Detail

Die Beseitigung der AKR-Schäden erfordert spezielle Verfahren. Um die Reaktion aufzuhalten, werden die betroffenen Betonoberflächen mechanisch abgetragen. Hierfür werden Drucke von bis zu 2.500 bar eingesetzt. Nach dem Abtrag erfolgt der Auftrag eines abgestimmten Spezialmörtels. Dieser Mörtel ist so formuliert, dass er das zukünftige Alkalitreiben verhindert und die dauerhafte Stabilität des Bauwerks sicherstellt.

Betriebsstörungen und Instandhaltung im laufenden Betrieb

Während der geplanten Sanierungsarbeiten muss der Betrieb des Schiffshebewerks grundsätzlich weitergehen, da es eine unverzichtbare Verkehrsader darstellt. Dennoch kommt es zu ungeplanten Ausfällen, die die Anfälligkeit des fast 50 Jahre alten Bauwerks verdeutlichen.

Der unvorhergesehene Ausfall im Mai 2025

Am 1. Mai 2025, dem "Tag der Arbeit", kam es um 10 Uhr zu einem Totalausfall des Schiffshebewerks. Ein Binnenschiff war zur Talschleusung in den westlichen Trog eingefahren, doch das Haltungstor blieb in etwa vier Meter Höhe über dem Kanalwasserstand stehen und konnte nicht schließen. Die Ursache war ein Lagerschaden am Obertor. Es handelte sich dabei um die Lagerung eines Umlenkritzels, über das die westliche Antriebskette des Tores geführt wird.

Durch den schnellen Einsatz der Rufbereitschaft des Bauhofs Scharnebeck gelang es, das Tor manuell zu schließen und den Trog 38 Meter tiefer auf Unterwasser zu verfahren, sodass das festsitzende Schiff ausfahren konnte. Die Behebung des Schadens erforderte tagelange Arbeiten. Notwendige Ersatzteile mussten beschafft und Metallbearbeitungsarbeiten vor Ort durchgeführt werden. Erst am Sonntagmittag, den 4. Mai 2025, um 13:30 Uhr, konnte der Betrieb wieder aufgenommen werden. Während der Sperrung hatten sich etwa 70 Schiffe vor dem Hebewerk aufgestaut, was zu Störungen in den Lieferketten führte.

Wirtschaftliche Auswirkungen von Ausfällen

Derartige Betriebsunterbrechungen haben erhebliche wirtschaftliche Konsequenzen. Die Stauungen von Binnenschiffen führen zu Verzögerungen bei der Gütertransport, was Unternehmen nicht rechtzeitig beliefert werden und die Verladung auf Seeschiffe in Verzug gerät. Solche Vorfälle unterstreichen die Notwendigkeit, nicht nur die Sanierung des bestehenden Werks voranzutreiben, sondern auch den Bau einer neuen Schleuse in Lüneburg zu beschleunigen. Eine neue Schleuse würde die Anfälligkeit des alten Hebewerks reduzieren und die Durchlässigkeit des Elbe-Seitenkanals langfristig absichern.

Zukunftsaussichten und Notwendigkeit weiterer Projekte

Die laufende Grundinstandsetzung ist ein erster Schritt zur Sicherung der Funktionsfähigkeit. Allerdings zeigt der unvorhergesehene Ausfall, dass das Bauwerk auch nach Abschluss der Sanierung anfällig bleiben könnte. Aus Sicht der Wirtschaft (vertreten durch das BESK) ist es daher notwendig, Wasserstraßenprojekte stärker in die gesetzlichen Planungen einzubeziehen. Eine beschleunigte Genehmigungspraxis für Projekte von "überragendem öffentlichen Interesse" wird gefordert, um solche kritischen Infrastrukturprojekte wie die neue Schleuse Lüneburg schneller realisieren zu können.

Fazit

Das Schiffshebewerk Lüneburg steht exemplarisch für die Herausforderungen des Erhalts historischer, aber technisch hochkomplexer Infrastruktur. Die Sanierung, verursacht durch die Alkali-Kieselsäure-Reaktion (Betonkrebs) und den altersbedingten Verschleiß der mechanischen Komponenten, ist ein technisch anspruchsvolles und finanziell aufwändiges Unterfangen. Die Arbeiten am Westtrog wurden 2023 abgeschlossen, während der Osttrog seit Juli 2024 saniert wird. Die jüngste Betriebsstörung im Mai 2025 hat jedoch gezeigt, dass trotz laufender Instandhaltung die Gefahr ungeplanter Ausfälle besteht, die gravierende wirtschaftliche Folgen nach sich ziehen. Die Instandsetzung ist daher unverzichtbar, langfristig muss jedoch über den Bau neuer, redundanter Systeme wie einer zusätzlichen Schleuse nachgedacht werden, um die Verkehrssicherheit auf dem Elbe-Seitenkanal zu gewährleisten.

Quellen

  1. Verkehrsrundschau
  2. HR Gruppe
  3. WSA Mittellandkanal-Elbe-Seitenkanal
  4. Lüneburg Aktuell
  5. WSA Mittellandkanal-Elbe-Seitenkanal - Kurzmeldung
  6. Schifffahrt und Technik
  7. WSA Mittellandkanal-Elbe-Seitenkanal - Hebewerk

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