Die Sanierung von Unternehmen, insbesondere im Einzelhandel, stellt eine komplexe Herausforderung dar, die strategische Planung, rechtliche Verfahren und finanzielle Umstrukturierung erfordert. Ein prominentes Beispiel für einen erfolgreichen Sanierungsweg ist die Restrukturierung der Schuhpark Fascies GmbH, eines führenden Schuhfilialisten in Deutschland. Dieser Prozess illustriert, wie Unternehmen durch den gezielten Einsatz rechtlicher Instrumente und strategischer Partnerschaften wiederaufgebaut werden können. Der folgende Artikel beleuchtet die Abläufe, die beteiligten Akteure und die Bedeutung der Eigenverwaltung im Kontext der Unternehmenssanierung, basierend auf den verfügbaren Informationen zu diesem Fall.
Die Ausgangslage: Insolvenz als Chance für eine Neuausrichtung
Die Schuhpark Fascies GmbH, ein Familienunternehmen mit Sitz in Warendorf, sah sich wirtschaftlichen Herausforderungen gegenüber, die zur Stellung eines Insolvenzantrags führten. Am 9. Januar 2019 stellte das Unternehmen beim zuständigen Amtsgericht in Münster einen Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens. Entscheidend für den weiteren Verlauf war die gewählte Form des Verfahrens: Das Unternehmen beantragte die Eigenverwaltung.
Die Eigenverwaltung ist ein gesetzliches Instrument, das es Unternehmen ermöglicht, die Sanierung und Restrukturierung eigenverantwortlich zu erarbeiten und umzusetzen, während die Überwachung durch ein Gericht und einen Sachwalter gewährleistet bleibt. Ziel dieser Vorgehensweise ist es, die Handlungsfähigkeit der Geschäftsführung zu erhalten und schnelle Entscheidungen zu ermöglichen, ohne die Kontrolle vollständig an einen Insolvenzverwalter abzugeben. Für die Schuhpark Fascies GmbH bedeutete dies, dass Geschäftsführer Bernhard Fascies, unterstützt durch externe Restrukturierungsexperten, die Verantwortung für die Neuausrichtung des Unternehmens behielt.
Der Weg zur Eigenverwaltung
Nach der Stellung des Antrags im Januar 2019 begann ein intensiver Prozess der Konzeptentwicklung. Das Konzept zur Neuausrichtung des Schuhparks wurde in den folgenden Wochen von Geschäftsführer Bernhard Fascies sowie den beiden in die Geschäftsführung berufenen Restrukturierungsexperten, Dr. Georg Bernsau und Andreas Pantlen von der Kanzlei BBL Bernsau Brockdorff, erarbeitet. Diese Expertise war entscheidend, um eine tragfähige Grundlage für die Sanierung zu schaffen. Das Konzept wurde in Abstimmung mit dem gerichtlich bestellten vorläufigen Sachwalter entwickelt.
Am 27. März 2019 eröffnete das zuständige Amtsgericht das Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung. Parallel dazu wurde der Münsteraner Rechtsanwalt und Sanierungsexperte Stephan Michels als Sachwalter eingesetzt. Seine Aufgabe bestand darin, die Geschäftsführung in der Eigenverwaltung zu überwachen und die Interessen der Gläubiger zu wahren. Dies ist eine klassische Rolle im Rahmen der Eigenverwaltung: Der Sachwalter agiert als Bindeglied zwischen dem Unternehmen und den Gläubigern und stellt sicher, dass die Sanierungsmaßnahmen den gesetzlichen Anforderungen entsprechen und die Gläubigerinteressen nicht vernachlässigt werden.
Der Insolvenzplan als zentrales Steuerungsinstrument
Ein Kernstück des Sanierungskonzepts war der Insolvenzplan, der am 4. April 2019 beim Amtsgericht in Münster eingereicht wurde. Der Insolvenzplan dient als detaillierter Fahrplan für die Sanierung. Er legt nicht nur die geplanten Maßnahmen zur Restrukturierung des Unternehmens fest, sondern regelt auch die Rechte der Gläubiger und die Verteilung der Insolvenzmasse. In diesem speziellen Fall sah der Plan den vollständigen Erhalt des Unternehmens nach Durchführung der Sanierungsschritte vor.
Ein entscheidender und für die Zukunft des Unternehmens bestimmender Punkt im Insolvenzplan war die regelgebundene Sicherung des Einstiegs eines Investors. Der Plan sah vor, dass ein Investor in das Unternehmen eintritt und die Sanierung finanziell und strategisch absichert. Dies war nicht nur eine Option, sondern eine rechtsverbindliche Regelung, die den Gläubigern eine klare Perspektive für die Rückzahlung ihrer Forderungen bot. Durch die Integration eines Investors sollte die langfristige Stabilität des Unternehmens gewährleistet werden.
Das Konsensprinzip: Zustimmung der Gläubiger
Für die Umsetzung des Insolvenzplans war die Zustimmung der Gläubiger erforderlich. Ein positives Votum der Gläubiger ist der letzte und entscheidende Schritt, um die Neuausstellung des Unternehmens erfolgreich abzuschließen. Im Mai 2019 wurde der Insolvenzplan den Gläubigern zur Abstimmung vorgelegt. Die Abstimmung fand im Rahmen einer Gläubigerversammlung statt.
Die Zustimmung der Gläubiger war nicht selbstverständlich. Ein Insolvenzplan muss in der Regel von einer qualifizierten Mehrheit der Gläubiger angenommen werden, um rechtliche Wirksamkeit zu erlangen. In diesem Fall stimmten die Gläubiger der Schuhpark Fascies GmbH dem Plan zu 100 Prozent zu. Dieses einstimmige Votum war ein starkes Signal für die Überzeugungskraft des Konzepts und die Unterstützung des Sanierungskurses durch die Geschäftsführung. Das positive Votum ebnete den Weg für die Integration in die Kienast-Gruppe und die vollständige Umsetzung der Restrukturierungsmaßnahmen. Es sicherte auf diese Weise den Geschäftsbetrieb und bundesweit rund 750 Arbeitsplätze.
Strategische Partnerschaft: Der Eintritt der Kienast-Gruppe
Mit der Zustimmung der Gläubiger war der Weg frei für den strategischen Einstieg der Kienast Holding GmbH & Co. KG. Die Kienast-Gruppe ist ein solide gewachsenes Familienunternehmen mit über 60-jähriger Erfolgsgeschichte und gehört zu den fünf führenden Schuhfilialisten in Deutschland. Mit rund 400 Filialgeschäften und 2.200 Mitarbeitern verkauft das Unternehmen jährlich acht Millionen Paar Schuhe.
Der Entscheidungsprozess für die Wahl des Investors war Teil eines strukturierten Investorenprozesses. Laut Unternehmensangaben setzte sich die Kienast-Gruppe mit dem besten Angebot und Gesamtkonzept gegen zahlreiche Mitbieter durch. Peter-Phillip Kienast, Geschäftsführer der Kienast-Gruppe, beschrieb Schuhpark als ein starkes Konzept mit einem hervorragenden Ruf, das gut am Markt positioniert sei und perfekt in die Kienast-Gruppe passt.
Für die Schuhpark Fascies GmbH bedeutete der Eintritt der Kienast-Gruppe die Sicherung der Zukunft. Die Übernahme durch einen etablierten Branchenriesen bot nicht nur finanzielle Stabilität, sondern auch Synergien in den Bereichen Einkauf, Logistik und Unternehmensführung. Für Bernhard Fascies, den Gründer und Geschäftsführer von Schuhpark, war es ein erklärtes Ziel, das Unternehmen und so viele Arbeitsplätze wie möglich zu erhalten. Die Partnerschaft mit der Kienast-Gruppe realisierte dieses Ziel. Bernhard Fascies selbst wird dem Unternehmen in beratender Funktion erhalten bleiben, was eine gewisse Kontinuität in der Unternehmensführung gewährleistet.
Unternehmensdaten und Struktur von Schuhpark
Um die Bedeutung der Sanierung zu verstehen, ist ein Blick auf die Struktur von Schuhpark hilfreich. Schuhpark gehört zu den führenden Schuhhändlern Deutschlands. Das Sortiment umfasst Damen-, Herren- und Kinderschuhe im mittleren Preissegment, das sich an modebewusste Kunden aller Altersklassen richtet, die Wert auf Markenschuhe mit einem optimalen Preis-Leistungs-Verhältnis legen.
Das Unternehmen betreibt in Warendorf eine Zentrale mit einem hochmodernen Zentrallager. Dieses Lager wird als innovatives Logistiksystem für eine reibungslose Versorgung der Filialen mit den neuesten Trends der Schuhmode genutzt. Zum Zeitpunkt der Sanierung beschäftigte die Schuhpark Fascies GmbH rund 900 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Bremen und Schleswig-Holstein. Die Geschichte des Unternehmens geht zurück auf das Jahr 1975, als Bernhard Fascies sein erstes Schuhgeschäft in einer alten Weberei in Warendorf eröffnete. Die Sanierung sicherte somit auch das Erbe eines langjährigen Familienunternehmens.
Die Rolle der Experten und Berater
Eine Unternehmenssanierung in Eigenverwaltung ist ohne professionelle Unterstützung kaum durchführbar. Im Fall von Schuhpark spielten externe Restrukturierungsexperten eine zentrale Rolle. Die Kanzlei BBL Bernsau Brockdorff, mit den Experten Dr. Georg Bernsau und Andreas Pantlen, wurde in die Geschäftsführung berufen, um die Restrukturierung aktiv voranzutreiben. Ihre Aufgabe war es, das Konzept zur Neuausrichtung zu entwickeln und mit dem Sachwalter abzustimmen.
Der gerichtlich bestellte Sachwalter, Rechtsanwalt Stephan Michels, überwachte den Prozess und wahrglubigerinteressen. Diese Aufgabenteilung ist typisch für die Eigenverwaltung: Die Geschäftsführung und die Restrukturierungsexperten arbeiten operativ an der Sanierung, während der Sachwalter die Einhaltung der rechtlichen Rahmenbedingungen und die Transparenz gegenüber den Gläubigern sicherstellt. Die enge Zusammenarbeit aller Beteiligten war entscheidend für den Erfolg des Verfahrens.
Zeitlicher Ablauf der Sanierung
Der Prozess der Sanierung von Schuhpark verlief in klaren Phasen:
- Januar 2019: Stellung des Antrags auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens in Eigenverwaltung.
- Februar/März 2019: Erarbeitung des Restrukturierungskonzepts durch die Geschäftsführung und die Restrukturierungsexperten in Abstimmung mit dem vorläufigen Sachwalter. Information der Belegschaft über das Konzept.
- 27. März 2019: Eröffnung des Insolvenzverfahrens durch das Amtsgericht Münster. Bestellung von Stephan Michels als Sachwalter.
- 4. April 2019: Einreichung des Insolvenzplans beim Amtsgericht Münster.
- Mitte Mai 2019: Abstimmung über den Insolvenzplan durch die Gläubiger. Zustimmung zu 100 Prozent.
- Juni 2019: Planmäßiger Abschluss der Sanierung und Integration in die Kienast-Gruppe.
Dieser Zeitplan zeigt die Effizienz des Instruments der Eigenverwaltung. Innerhalb von wenigen Monaten konnte ein komplexer Restrukturierungsprozess erfolgreich abgeschlossen werden, der die Grundlage für die Zukunft des Unternehmens legte.
Bedeutung für die Branche und Lehren aus dem Fall
Der Fall Schuhpark ist ein instruktives Beispiel für die Sanierung von Unternehmen im Einzelhandel. Er zeigt mehrere wichtige Aspekte auf:
- Eigenverwaltung als effektives Instrument: Die Möglichkeit, die Sanierung in eigener Verantwortung durchzuführen, kann die Erfolgsaussichten erheblich steigern. Sie bewahrt die Handlungsfähigkeit und ermöglicht eine schnelle Umsetzung von Maßnahmen.
- Bedeutung eines tragfähigen Insolvenzplans: Ein detaillierter und realistischer Insolvenzplan ist das Herzstück jeder Sanierung. Er muss die Gläubiger überzeugen und eine klare Perspektive für die Zukunft des Unternehmens bieten.
- Rolle strategischer Investoren: Der Einstieg eines starken Partners kann die Rettung eines Unternehmens besiegeln. Die Kienast-Gruppe bot nicht nur Kapital, sondern auch strategische Tiefe und Marktzugang.
- Zusammenarbeit und Expertise: Die enge Zusammenarbeit zwischen Geschäftsführung, externen Experten, Sachwalter und Gläubigern ist unerlässlich. Das Vertrauen in die Kompetenz der Beteiligten war ein Schlüsselfaktor für das einstimmige Votum der Gläubiger.
Die Sicherung von rund 750 Arbeitsplätzen unterstreicht zudem die gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen und die Bedeutung erfolgreicher Sanierungen für die Wirtschaft und die Region.
Fazit
Die Sanierung der Schuhpark Fascies GmbH ist ein Paradebeispiel für eine erfolgreiche Unternehmensrestrukturierung im Rahmen der Eigenverwaltung. Durch die kluge Nutzung gesetzlicher Instrumente, die Einbindung hochkarätiger Expertise und den strategischen Einstieg eines leistungsstarken Investors konnte das Unternehmen gerettet und neu aufgestellt werden. Der Prozess demonstriert, dass Insolvenz nicht das Ende bedeuten muss, sondern eine Chance für eine Neuausrichtung darstellen kann. Die einstimmige Zustimmung der Gläubiger zum Insolvenzplan war der entscheidende Beweis für die Überzeugungskraft des Konzepts und ebnete den Weg für die Integration in die Kienast-Gruppe. Dieser Fall bietet wertvolle Einblicke in die Mechanismen der modernen Unternehmenssanierung und zeigt, wie durch strukturierte Prozesse und Partnerschaften langfristige Werte erhalten werden können.