Sanierung und Modernisierung des Schulzentrums Coesfeld: Ein Beispielprojekt für denkmalgeschützten Bau und nachhaltige Erweiterung

Die Sanierung und der Umbau von historischen Gebäuden stellen eine der anspruchsvollsten Aufgaben im modernen Bauwesen dar. Insbesondere wenn es sich um öffentliche Einrichtungen handelt, die unter Denkmalschutz stehen, müssen energetische Modernisierung, funktionale Anforderungen des modernen Unterrichts und der Erhalt bauhistorischer Substanz in Einklang gebracht werden. Das Projekt am Schulzentrum Coesfeld in Nordrhein-Westfalen bietet hierfür ein umfassendes Praxisbeispiel. Der Komplex, der das Gymnasium Nepomucenum und die Theodor-Heuss-Realschule beherbergt, durchläuft eine tiefgreifende Transformation, die weit über eine bloße Fassadensanierung hinausgeht.

Dieser Artikel beleuchtet die Planung, die bautechnischen Herausforderungen und die Umsetzung des Projekts, das als Leuchtturmprojekt für die Modernisierung von Bauten der 1970er Jahre dienen kann.

Ausgangslage und Planungsgrundlagen

Das Schulzentrum Coesfeld wurde ursprünglich in den 1970er Jahren errichtet und beherbergt rund 1.500 Schüler und Lehrer. Mit fortschreitendem Alter des Gebäudebestands stellte sich jedoch ein erheblicher Sanierungs- und Modernisierungsbedarf ein, nicht nur hinsichtlich der Bausubstanz, sondern auch zur Erfüllung heutiger pädagogischer und funktionaler Anforderungen.

Der Beschluss und die Zielsetzung

Bereits am 16. Dezember 2016 beschloss der Rat der Stadt Coesfeld, das Schulzentrum umfassend sanieren zu lassen. Ziel war es, den Anforderungen zukunftsfähiger Schulen gerecht zu werden. Die ursprüngliche Planung sah vor, den Gebäudekomplex des Nepomucenum und der alten Anne-Frank-Schule zu modernisieren, eine Mensa anzubauen und die Theodor-Heuss-Realschule zu erweitern.

In einer frühen Planungsphase (Leistungsphase 3 der HOAI) wurde jedoch klar, dass eine Sanierung des bestehenden Baukörpers der Realschule (Bauteil 5) in seiner Struktur wirtschaftlich nicht sinnvoll oder technisch zu aufwendig war. Basierend auf einer belastbaren Kostenberechnung und der Einschätzung der Finanzierbarkeit entschied man sich daher für eine strategische Änderung: Statt eines Umbaus des bestehenden Trakts wurde der Neubau eines autarken Schulhauses für die Theodor-Heuss-Realschule beschlossen. Die Sanierung der Sporthallen wurde zugunsten dieser Erweiterung sowie des geplanten Mensa-Anbaus vorerst zurückgestellt.

Denkmalschutz und Erhalt der Substanz

Ein zentrales Element des Projekts ist der Status der Gebäude als Denkmäler der 1970er Jahre. Die Bauweise dieser Ära ist oft robust, steht aber im Widerspruch zu modernen Anforderungen an Energieeffizienz und Raumklima.

Herausforderungen der 70er-Jahre-Architektur

Die bestehenden Baukörper stammen aus einer Zeit, in der Betonfassaden und zweckmäßige Grundrisse im Vordergrund standen. Das Schulzentrum Coesfeld weist eine Betonfassade auf, die einerseits den Charakter der Architektur prägt, andererseits im Laufe der Jahrzehnte erheblichen Schaden genommen hat. Die Sanierung erfordert daher eine aufwendige Betonfassadenreinigung und -sanierung.

Laut Bauleiter Jörg Wehrmann von der Stadt Coesfeld ist die Arbeit an der Fassade stark wetterabhängig. Bei Temperaturen unter fünf Grad Celsius ist der Auftrag von Schutzschichten auf den Beton nicht möglich, was zu Verzögerungen im Zeitplan führen kann. Ziel ist es, die Bausubstanz zu erhalten und sichtbare Zeichen der 70er-Jahre-Ästhetik bewusst zu integrieren.

Referenzräume und Erhalt von Originaldetails

Um den Denkmalwert zu wahren, wurde in der Entwurfsphase gemeinsam mit der Denkmalschutzbehörde ein sogenannter Referenzraum definiert. Dieser Raum bleibt als authentisches Zeugnis der Bauzeit erhalten und dient der Veranschaulichung des Originalbestands. Auch außerhalb dieses Raums werden, wo immer möglich, bauzeitliche Materialien und Elemente berücksichtigt. Beispielsweise wurden bei der Sanierung Fensterbänke aus Holz und Mineralfaser-Akustikdecken aus den Bestandsgebäuden übernommen, um den Bezug zum Original zu wahren.

Die Erweiterung: Neubau des Schulhauses

Parallel zur Sanierung des Bestands entsteht ein völlig neuer Baublock. Der Neubau des Schulhauses für die Erprobungsstufe der Realschule ist ein zweigeschossiger Solitär, der auf der Schulhoffläche im Nordosten positioniert wurde.

Architektur und Materialität

Der Neubau ist als heller Ziegelbau konzipiert. Er beherbergt je Geschoss ein modernes Klassen-Cluster, das den zeitgemäßen pädagogischen Ansprüchen an flexible Lernräume entspricht. Die Ausstattung orientiert sich an hohen technischen und ökologischen Standards: * Fenster: Aluminium-Fenster sorgen für Langlebigkeit und Stabilität. * Sonnenschutz: Ein außenliegender Sonnenschutz minimiert die Überhitzung im Sommer und reduziert den Energiebedarf für Kühlung. * Böden: Linoleum-Böden werden eingesetzt, die zu den am wenigsten umweltbelastenden elastischen Bodenbelägen gehören. * Innentüren: Die Türblätter sind als Holzwerkstoff-Türen ausgeführt und verfügen über große, feststehende Verglasungen. Dies entspricht den aktuellen Anforderungen der Schulbauverordnung zur Belichtung von Fluren und zur Transparenz.

Akustik und Barrierefreiheit

In modernen Schulgebäuden wird die Raumakustik oft unterschätzt. Im Neubau Coesfeld werden Wandabsorber eingesetzt, um eine angenehme Akustik in den Klassenzimmern zu gewährleisten und Störgeräusche zu minimieren. Zudem ist das Gebäude vollständig barrierefrei nutzbar, ausgestattet mit einem Aufzug, einem Leitsystem und Raumschildern in Brailleschrift.

Energieeffizienz und Nachhaltigkeit

Das Projekt verfolgt einen hohen Standard in puncto Energieeffizienz. Die neue Gebäudehülle wird so geplant und ausgeführt, dass die Anforderungen der Energieeinsparverordnung (EnEV) eingehalten werden. Dies ist bei Sanierungen von Denkmälern oft eine Herausforderung, da die Vorgaben für Fenster und Dämmung nur in Abstimmung mit dem Denkmalschutz umsetzbar sind.

Im Neubau geht man jedoch über die Mindestanforderungen hinaus. Im Sinne des Nachhaltigkeitslabels „GreytoGreen®“ (ein Label des Bauunternehmens SSP) wird das Dach extensiv begrünt. Dies dient dem Rückhalt von Regenwasser und der Verbesserung des Mikroklimas. Als Wärmeerzeuger kommt eine Luftwasserwärmepumpe zum Einsatz, die eine energetisch moderne und umweltfreundliche Versorgung sicherstellt.

Innenraumgestaltung und Funktionalität

Ein besonderes Augenmerk liegt auf der Gestaltung der Innenräume, insbesondere der sogenannten „Schulstraße“. In den 70er Jahren diente diese Erschließungszone lediglich der funktionalen Verbindung der Klassentrakte und wies kaum Aufenthaltsqualität auf.

Transformation der Schulstraße

Durch die Sanierung wandelt sich das Flair der Gänge. Durch neue Beleuchtung, Wandverkleidungen und moderne Türen und Fenster wird ein helleres und einladenderes Umfeld geschaffen. Im Bereich des Pädagogischen Zentrums wurde die Schulstraße bereits saniert und zeigt den krassen Unterschied zum unrenovierten Zustand. Eine neue, großzügige Abzweigung verbindet diesen Bereich nun direkt mit der neuen Mensa und schafft so einen logischen und attraktiven Verbindungsweg im Gebäudeinneren.

Integration der Technik

Ein Sanierungsprojekt dieser Größenordnung beinhaltet zwangsläufig die Erneuerung der gesamten Haustechnik. Die alten Leitungen für Heizung, Sanitär und Strom werden durch moderne Systeme ersetzt, die den heutigen Standards entsprechen und eine hohe Betriebssicherheit garantieren.

Projektmanagement und Bauausführung

Die Umsetzung des komplexen Vorhabens erfolgt durch das Bauunternehmen SSP in Zusammenarbeit mit der Stadt Coesfeld als Bauherr. Das Projekt ist in Bauabschnitte unterteilt, um den laufenden Schulbetrieb so weit wie möglich aufrechtzuerhalten.

Der erste Bauabschnitt umfasste die Errichtung der Mensa und des Schulhauses für die Realschule. Aktuell befindet sich das Projekt in der Phase der Sanierung der Bestandsbauten. Die Bauleitung durch die Stadt Coesfeld (vertreten durch Jörg Wehrmann) berichtet von einem guten Fortschritt und der Einhaltung des Zeitplans, trotz der üblichen Herausforderungen und „Überraschungen“, die bei solch großen Sanierungsprojekten auftreten.

Ausschreibungen und Auftragsvergabe

Die Vergabe der Arbeiten erfolgt über öffentliche Ausschreibungen. So wurden beispielsweise spezifische Leistungen wie Betonfassadenreinigungs- und -sanierungsarbeiten (2023) sowie Estricharbeiten für den zweiten Bauabschnitt (2024) separat ausgeschrieben. Dies gewährleistet die Einbindung spezialisierter Firmen für die jeweiligen Gewerke.

Städtebauliche Einbindung

Das Projekt beschränkt sich nicht nur auf die Gebäude selbst. Auch die Freianlagen werden komplett neu gestaltet. Ziel ist es, die Nutzerfreundlichkeit zu erhöhen und eine bessere städtebauliche Anbindung des Schulzentrums zur Coesfelder Innenstadt herzustellen. Die Lage an der Holtwicker Straße (Holtwicker Str. 4-8) macht die Schule zu einem wichtigen Knotenpunkt im Stadtgefüge, und die Gestaltung der Außenanlagen soll diesen Standort aufwerten.

Fazit

Das Sanierungs- und Modernisierungsvorhaben am Schulzentrum Coesfeld ist ein Paradebeispiel für den Umgang mit Bausubstanz der Nachkriegsmoderne unter Denkmalschutz. Es zeigt, wie durch eine kluge Mischung aus Neubau und Sanierung funktionale, energetische und ästhetische Anforderungen miteinander vereinbart werden können.

Die Entscheidung, für die Theodor-Heuss-Realschule einen autarken Neubau zu realisieren, anstatt den bestehenden Trakt aufwendig umzubauen, erwies sich als wirtschaftlich und konstruktiv sinnvoll. Der Erhalt von Denkmalelementen wie der Betonfassade und speziellen Innenräumen bewahrt die Identität des Standorts, während die neuen Bauten mit modernen Materialien wie Ziegeln, Aluminium und Linoleum sowie einer effizienten Wärmepumpentechnik die Zukunftsfähigkeit sichern.

Für Bauherren, Immobilienverwalter und Planer ist dieses Projekt ein wichtiger Hinweis darauf, dass Sanierung nicht nur Dämmung bedeutet. Der Erhalt von Referenzräumen, die Integration von Akustik- und Belichtungskonzepten sowie die schrittweise Umsetzung unter Wahrung des Betriebs sind Schlüssel zum Erfolg bei der Revitalisierung komplexer Immobilienbestände. Das Schulzentrum Coesfeld entwickelt sich von einem funktionalen Bau der 70er Jahre zu einem modernen, barrierefreien und nachhaltigen Lernort, der architektonisch und pädagogisch zukunftssicher aufgestellt ist.

Quellen

  1. Stadt Coesfeld - Schulzentrum
  2. SSP AG - Referenzen Schulzentrum Coesfeld
  3. Rüethnick - Portfolio Schulzentrum Coesfeld
  4. Ausschreibungen Deutschland - Sanierung Betonfassade
  5. Ausschreibungen Deutschland - Estricharbeiten
  6. SSP AG - Fertigstellung Schulhaus Schulzentrum Coesfeld
  7. AZ Online - Lernhäuser mit Leben füllen

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