Sanierung von Sondermülldeponien am Beispiel Bonfol: Herausforderungen, Techniken und langfristige Verantwortung

Die Sanierung von belasteten Standorten stellt eine der größten Herausforderungen im modernen Umwelt- und Baurecht dar. Insbesondere die Entsorgung historischer Sondermülldeponien erfordert hohe technische Expertise, beträchtliche finanzielle Mittel und eine langfristige Planung. Ein herausragendes Beispiel für eine solche Großsanierung ist die Sondermülldeponie Bonfol im Kanton Jura. Dieser Fall verdeutlicht die Komplexität der Altlastensanierung und liefert wertvolle Erkenntnisse für Bauherren, Immobilienbesitzer und Entscheidungsträger in der Bauwirtschaft.

Historischer Hintergrund und Ausgangslage

Die Sondermülldeponie Bonfol wurde von 1961 bis 1978 betrieben. In dieser Zeit entsorgten vor allem die Basler Chemischen Industrien (BCI) in einer ausgedienten Tongrube rund 114.000 Tonnen Sonderabfälle. Laut den vorliegenden Informationen handelte es sich hierbei um eine Vielzahl hochgefährlicher Stoffe, darunter Farbstoffe, chlorierte Lösungsmittel, Schlämme aus der Metallverarbeitung und diverse Rückstände. Die Deponie wurde 1976 stillgelegt, mit einer Tonschicht überdeckt und bepflanzt.

Bereits kurze Zeit nach der Stilllegung zeigte sich jedoch, dass die Sicherheitsmaßnahmen nicht ausreichten. Wasser sickerte in die Grube ein und wusch Schadstoffe aus. Diese Entwicklung machte eine Nachsorge unumgänglich. Als erste Gegenmaßnahme wurde zum Schutz des Grundwassers ein Drainagesystem und eine biologische Kläranlage installiert. Diese provisorischen Lösungen konnten das Problem jedoch nicht dauerhaft lösen.

Im Jahr 2000 einigten sich der Kanton Jura und die verantwortliche Industrie auf ein Vorgehen zur definitiven Behebung der Altlast. Der Fall Bonfol ist Teil der acht großen Altlastensanierungen, die vom Bundesamt für Umwelt (BAFU) im Rahmen des VASA-Fonds (Vergütungssystem für Altlastensanierungen) vorgestellt werden. Diese Sanierungen sind aufgrund ihrer Komplexität und finanziellen Grösse einzigartig in der Schweiz.

Projektmanagement und Finanzierung

Die Sanierung der Deponie Bonfol ist ein Pilotprojekt, das die Zusammenarbeit zwischen Industrie, Kanton und Bund exemplarisch zeigt. Die Kosten für die Sanierung beliefen sich auf 380 Millionen Franken. Diese enorme Summe wurde vollumfänglich von den Basler Chemischen Industrien übernommen, die sich in der BCI Betriebs-AG organisiert haben. Der Zusammenschluss umfasst Unternehmen wie BASF, Clariant, Novartis, Syngenta, Roche, Rohnerchem, CABB und Henkel.

Interessant ist der Aspekt der Kostenbeteiligung: Die BCI beantragte beim Kanton Jura, einen Teil der Kosten durch den VASA-Fonds abzugelten. Der VASA-Fonds wird mit Gebühren für das Entsorgen von Abfällen auf Deponien gespeist und dient dazu, die Sanierung von Altlasten finanziell zu unterstützen. Diese Konstellation zeigt, wie die Verursacherprinzipien und staatliche Unterstützungssysteme im Schweiz Umweltrecht zusammenspielen.

Technische Durchführung der Sanierung

Die technische Umsetzung der Sanierung begann 2007 mit dem Spatenstich. Die Komplexität des Vorhabens erforderte spezielle bauliche Anlagen und Verfahren:

Errichtung einer Schutzhalle

Über der Deponie wurde eine luftdicht abschliessende Halle errichtet. Diese Konstruktion ist essenziell, um während des Aushubs eine Kontrolle über die Emissionen zu behalten und das Arbeitspersonal sowie die Umgebung zu schützen. Die luftdichte Abschließung verhindert, dass Schadstoffe in die Atmosphäre entweichen oder durch Niederschläge beeinflusst werden.

Aushub und Abtransport

Der eigentliche Aushub und der Abtransport der Abfälle sowie des verunreinigten Untergrunds begannen im März 2010. Insgesamt wurden rund 300.000 Tonnen kontaminiertes Material nachhaltig entsorgt. Der überwiegende Teil des Aushubmaterials wurde mit der Bahn nach Deutschland und Belgien gebracht. Dort wurde es in eigens auf Sonderabfall ausgelegte Verbrennungsanlagen bei einer Temperatur von über 1.200 Grad in chemisch stabile Schlacke umgewandelt. Ein weiterer Teil der Materialien wurde thermisch oder in Zementwerken entsorgt.

Diese Entsorgungswege verdeutlichen die Notwendigkeit, Sonderabfälle einer thermischen Behandlung zu unterziehen, um eine endgültige Entgiftung zu erreichen. Die hohen Temperaturen zersetzen organische Verbindungen und stellen sicher, dass die Schadstoffe nicht mehr bioverfügbar sind.

Die Herausforderung der Sandlinsen

Trotz der aufwändigen Sanierung zeigte sich, dass die Arbeiten nicht vollständig abgeschlossen waren. Im Jahr 2017 bestätigten die Behörden, dass die vorgegebenen Sanierungsziele bis auf drei lokal begrenzte Gebiete erreicht wurden. Diese Gebiete, sogenannte Sandlinsen, wiesen weiterhin Belastungen auf.

Sandlinsen sind sandige Bereiche im anstehenden Ton, die eine höhere Durchlässigkeit aufweisen und in denen sich Schadstoffe angereichert haben können. Die Sanierung dieser Linsen stellt eine besondere Herausforderung dar, da sie sich der ursprünglichen Untersuchung entzogen haben oder bei der ersten Sanierung nicht vollständig erfasst wurden.

Nachsorge und ergänzende Sanierung

In der Sanierungsverfügung von 2005 wurde bereits festgelegt, dass diese Sandlinsen nach Sanierungsende überwacht, untersucht und bei Bedarf nachträglich saniert werden müssen. Diese langfristige Verpflichtung unterstreicht die Bedeutung der Nachsorge bei Altlasten.

2021 wurden zusätzliche Untersuchungen des Gebiets nördlich der ehemaligen Deponie vorgenommen, um einen allfälligen Sanierungsbedarf zu evaluieren. Aufgrund der Ergebnisse vereinbarten die BCI Betriebs-AG und die Behörden im Sommer 2021, eine zusätzliche Sanierung durchzuführen. Vorgesehen ist ein Aushub der Deckschichten, also der obersten Tonschichten, und der Sandlinsen.

Um den Sanierungsperimeter zu bestätigen, wurden im Jahr 2023 weitere Untersuchungen durchgeführt. Im März 2024 hat die BCI Betriebs-AG die Ergebnisse dieser aufwändigen Analysen zusammen mit einem Sanierungsprojekt den Behörden zur Begutachtung vorgelegt. Im Juni 2025 wurde das Projekt nach eingehender Prüfung von den Behörden genehmigt. Die BCI beabsichtigt, die ergänzende Sanierung noch im Jahr 2025 durchzuführen.

Diese Zeitschiene zeigt, dass eine Sanierung über Jahrzehnte andauern kann und Flexibilität im Projektmanagement erforderlich ist.

Renaturierung und Wiedernutzbarmachung

Ein wesentlicher Aspekt jeder Altlastensanierung ist die Renaturierung des Geländes. Nach Abschluss der Sanierungsarbeiten muss das Gelände so wiederhergestellt werden, dass es sicher genutzt werden kann und idealerweise in den natürlichen Lebensraum integriert ist.

In Bonfol war das Gelände nach den ersten Sanierungsarbeiten bereits etwa zur Hälfte renaturiert. Die verbleibende Wiederaufforstung soll stattfinden, sobald die ergänzende Sanierung der Sandlinsen abgeschlossen ist. Die Gemeinde Bonfol, die nur knapp 700 Einwohner zählt, profitiert langfristig von der Rückgewinnung von Land und der Sicherung der Wasserqualität.

Das Projekt wird in einem reich bebilderten Buch mit dem Titel «Die erfolgreiche Sanierung» dokumentiert. Dieses Buch beschreibt die Herausforderungen des Pilotprojekts aus verschiedenen Blickwinkeln der beteiligten Experten und Behörden. Solche Dokumentationen sind wertvoll für zukünftige Sanierungsprojekte, da sie Lessons Learned festhalten.

Bedeutung für die Bauwirtschaft und Immobilienbranche

Die Sanierung in Bonfol hat weitreichende Bedeutung für die Bauwirtschaft und Immobilienbranche, insbesondere im Kontext von Baulandentwicklung und Gebäudesanierung.

Altlastenprüfung als Standard

Für Bauherren und Immobilienkäufer unterstreicht der Fall Bonfol die Wichtigkeit einer gründlichen Altlastenuntersuchung vor Erwerb oder Bebauung eines Grundstücks. Unternehmen wie CSD (CSD Gruppe) sind seit Jahrzehnten tätig in der Untersuchung, Überwachung und Sanierung von belasteten Standorten. Sie erstellen Schadstoffgutachten und Risikoanalysen, die für eine fundierte Entscheidungsfindung unerlässlich sind.

Die Leistungen von Spezialfirmen reichen von der Analyse über die Bauleitung bis zum Rückbau zu nachhaltigen Abfallmanagementkonzepten. Dieses integrierte Vorgehen ist notwendig, um die komplexen Anforderungen an Altlastensanierungen zu erfüllen.

Kostenauswirkungen

Die Kosten von 380 Millionen Franken für Bonfol sind ein Extrembeispiel, aber sie illustrieren das finanzielle Risiko von Altlasten. Für private Bauherren können bereits Untersuchungen und Sanierungen von kleineren Belastungen (z.B. durch Altöltanks, Asbest oder PCB) beträchtliche Summen beanspruchen. Die Erfahrungen aus Bonfol zeigen, dass frühzeitige Untersuchungen und transparente Verhandlungen mit den Kantonen (z.B. über den VASA-Fonds) wichtige Instrumente zur Kostenkontrolle sind.

Langfristige Verantwortung

Das Projekt demonstriert zudem die Bedeutung langfristiger Verantwortung. Die Verpflichtung zur Nachsorge, wie sie bei den Sandlinsen praktiziert wird, bedeutet, dass die Verantwortlichen auch nach Abschluss der eigentlichen Sanierung in der Pflicht bleiben. Dies ist ein Aspekt, der bei der Planung von Bauprojekten auf belasteten Flächen berücksichtigt werden muss.

Technische Spezifikationen und Methoden im Überblick

Für Fachleute in der Bauwirtschaft sind die konkreten technischen Details von Interesse. Die Sanierung in Bonfol nutzte mehrere bewährte Verfahren:

  • Luftdichte Hallenkonstruktion: Ermöglicht den kontrollierten Aushub unter Einhaltung strenger Emissionsgrenzwerte.
  • Bahntransport: Reduziert die Belastung des Straßennetzes und ermöglicht eine effiziente Anbindung an spezialisierte Verbrennungsanlagen.
  • Thermische Behandlung (>1200°C): Gewährleistet die vollständige Zerstörung organischer Schadstoffe und die Immobilisierung von Schwermetallen in der Schlacke.
  • Monitoring und Nachsorge: Regelmäßige Untersuchungen (wie 2021 und 2023) zur Identifikation von Restbelastungen.
  • Behördliche Abstimmung: Enge Begutachtung durch Kantons- und Bundesbehörden (BAFU) im Rahmen der Genehmigungsverfahren.

Diese Methoden sind auch auf kleinere Sanierungen übertragbar, wenngleich in angepasstem Umfang.

Umweltrechtliche Rahmenbedingungen

Die rechtlichen Grundlagen in der Schweiz sind klar geregelt. Die Verordnung über die Sanierung von belasteten Standorten (VBSS) in Kraft seit über 20 Jahren bildet die Basis. Alle belasteten Standorte wurden in Kataster aufgenommen, und über 1.600 Standorte wurden bereits saniert.

Der VASA-Fonds spielt dabei eine zentrale Rolle. Er ermöglicht die Finanzierung von Sanierungen, auch wenn die Verursacher nicht mehr existieren oder zahlungsunfähig sind. In Bonfol übernahmen die Verursacher (BCI) zwar die Kosten, die Möglichkeit der Kostenbeteiligung über den Fonds war jedoch Teil der Verhandlungen. Dieses System ist ein wichtiger Pfeiler der schweizerischen Umweltpolitik.

Fazit

Die Sanierung der Sondermülldeponie Bonfol ist ein Musterbeispiel für die erfolgreiche Bewältigung historischer Umweltbelastungen. Obwohl die Kosten mit 380 Millionen Franken enorm hoch waren, hat das Projekt gezeigt, dass eine Sanierung technisch machbar ist, wenn Industrie, Staat und Experten zusammenarbeiten.

Die wichtigsten Erkenntnisse für die Bau- und Immobilienbranche sind: 1. Frühzeitige Untersuchung: Eine gründliche Altlastenanalyse ist unverzichtbar, bevor Grundstücke erworben oder bebaut werden. 2. Technische Komplexität: Sanierungen erfordern spezielle Verfahren wie luftdichte Hallen und thermische Entsorgung, die professionelles Know-how voraussetzen. 3. Langfristigkeit: Sanierungen können sich über Jahrzehnte erstrecken und erfordern eine langfristige Planung und Nachsorge (Beispiel Sandlinsen). 4. Kosten und Finanzierung: Die Kosten können enorm sein, staatliche Fonds (VASA) und Verursacherhaftung sind entscheidende Finanzierungsinstrumente. 5. Renaturierung: Das Ziel ist nicht nur die Beseitigung von Gefahren, sondern die Rückführung der Flächen in den natürlichen Kreislauf oder die Vorbereitung für eine sichere Nutzung.

Für Bauherren, Sanierer und Investoren bleibt die Botschaft: Altlasten sind ein ernstes Thema, aber mit den richtigen Partnern und einer sorgfältigen Planung beherrschbar. Die Investition in die Sicherheit und Sauberkeit des Bodens ist eine Investition in die Zukunft.

Quellen

  1. Badische Zeitung - Sanierung kostet inzwischen 380 Millionen Franken
  2. BCI Betriebs-AG - Informationen zur Sanierung
  3. Bundesamt für Umwelt (BAFU) - Sondermülldeponie Bonfol
  4. Bundesamt für Umwelt (BAFU) - Grosse Altlastensanierungen
  5. CSD Gruppe - Altlastensanierung

Ähnliche Beiträge