Die Sanierung und Erweiterung des Stadtcasinos Basel stellt einen Meilenstein in der modernen Baugeschichte der Schweiz dar. Dieser komplexe Bauvorhaben, geleitet vom renommierten Architekturbüro Herzog & de Meuron, vereinte die Herausforderungen des Denkmalschutzes mit innovativen Ingenieurslösungen und modernsten Anforderungen an Akustik und Funktionalität. Für Bauherren, Immobilienbesitzer und Fachleute im Bauwesen bietet der Umbau des historischen Konzerthauses wertvolle Einblicke in die Planung und Ausführung von Großprojekten im bestehenden Gebäudebestand. Der folgende Artikel beleuchtet die technischen, architektonischen und organisatorischen Aspekte dieses bemerkenswerten Projekts.
Der historische Kontext und die Ausgangslage
Das Stadtcasino Basel, ein architektonisches Schmuckstück im Herzen der Stadt, blickt auf eine lange Geschichte zurück. Der ursprüngliche Stehlin’sche Musiksaal aus dem Jahr 1876 zählt zu den ältesten und bedeutendsten Musiksälen Europas. Im Laufe der Zeit hat das Gebäude jedoch zahlreiche Veränderungen und Anbauten erfahren, die sich im Laufe der Jahrzehnte als unzulänglich erwiesen. Eine bedeutende Veränderung erfolgte im Jahr 1905, bei der die Decke mit Stuckaturen versehen und die Farbgebung neu gestaltet wurde. In den 1960er Jahren, geprägt durch den zunehmenden Lärm von Trams und Autos, sah man sich gezwungen, die Fenster zur Straße hin zuzumauern, was den Verlust von Tageslicht im Saal zur Folge hatte.
Die Notwendigkeit einer umfassenden Sanierung ergab sich aus mehreren Faktoren: technisch veraltete Geräte, laufend anfallende Sanierungen, Platzprobleme sowie die jahrzehntelange Abschottung des Saals gegen äußere Geräusche. Um die Jahrtausendwende wurde zunächst ein Neubau diskutiert, der den Casinobau von 1939 ersetzen sollte. Nachdem ein monumentales Projekt der Architektin Zaha Hadid im Jahr 2007 von der Basler Stimmbevölkerung abgelehnt wurde, arbeitete Herzog & de Meuron ein Konzept aus, das auf Zustimmung stieß: eine Verbreiterung des eigentlichen Baus im Stil des Bestehenden unter Erhalt der historischen Bausubstanz.
Projektplanung und Koordination
Die Projektstudie „Erweiterung Stadtcasino Basel“ wurde am 17. Juni 2013 vorgestellt. Nach vier Jahren Bau- und Renovierungszeit konnte das Konzerthaus im August 2021 feierlich wiedereröffnet werden. Die Planung und Ausführung erforderten eine enge interdisziplinäre Zusammenarbeit. Die Casino-Gesellschaft Basel beauftragte das Architekturbüro Herzog & de Meuron Basel Ltd. mit der Planung. Für die technische Umsetzung, insbesondere die Tragwerksplanung und die Baukontrollen, wurde die Aegerter & Bosshardt AG engagiert.
Zu den Kernleistungen der Aegerter & Bosshardt AG gehörten die Tragwerksplanung des neuen Anbaus und der Umbauarbeiten sowie die Erdbebenertüchtigung der bestehenden Objekte (Musiksaal & Hans Huber-Saal). Der Projektzeitplan sah die Abgabe des Vorprojekts im Mai 2014, die Fertigstellung des Bauprojekts bis Herbst 2015, den Beginn der Ausführung ab Herbst 2016 und die Phasen Ausschreibung, Ausführungsprojekt und Baukontrollen vor. Eine besondere Herausforderung stellte die Koordination der Bauphase dar, da die bestehenden Anbauten teilweise zurückgebaut werden mussten, während der Denkmalschutz strengste Auflagen vorgab.
Architektonische und denkmalpflegerische Leistung
Ein zentrales Ziel der Sanierung war die Wiederherstellung der ursprünglichen architektonischen Substanz bei gleichzeitiger Integration moderner Elemente. Herzog & de Meuron setzten hierbei auf eine sensible Herangehensweise. Die neobarocke Fassade wurde nicht nur aufgefrischt, sondern gleichzeitig Teil eines architektonischen Coups: Sie wurde erhalten und gleichzeitig neu aufgezogen. Eine entscheidende Veränderung war die Entkopplung des Stadtcasinos vom Kopfbau. Durch die neu geschaffene Konzertgasse orientiert sich das Gebäude nun sowohl zur ehemaligen Kulturmeile des Steinenbergs als auch zum Barfüsserplatz. Dies ermöglichte es dem Bau, selbstbewusst auf dem Platz zu stehen und als gleichwertiger Baukörper neben der Barfüsserkirche in Erscheinung zu treten.
Im Inneren gelang es den Architekten, neobarocke, klassizistische und zeitgenössische Elemente zu einer neuartigen Architektur zu verschmelzen. Der denkmalgeschützte Musiksaal wurde mit Bedacht und Feingefühl erneuert. Die helle historische Farbgestaltung wurde wieder aufgenommen, und der Boden wurde mit Eichenparkett erneuert. Ein entscheidender Schritt war der Rückbau des Saals in seinen Zustand von 1905, um die ursprüngliche, klassizistische Stilelemente aufgreifende Atmosphäre wiederherzustellen.
Akustik und technische Innovationen
Die akustischen Anforderungen an einen Konzertsaal sind extrem hoch, und das Stadtcasino Basel besaß aufgrund seiner historischen Bausubstanz eine bereits „aussergewöhnliche Akustik“. Jede Veränderung im Musiksaal musste daher von Akustikexperten überprüft werden. Die Sanierung musste gewährleisten, dass diese einzigartigen akustischen Eigenschaften nicht nur erhalten, sondern im Sinne moderner Konzertanforderungen optimiert wurden.
Ein spezifisches Problem der Vergangenheit war der Lärm. Bis in die 1960er Jahre drang der Lärm der Straßenbahn in den Saal ein, was zum Zumauern der Fenster führte. Seitdem im Schienenbetrieb luftgefederte Technik eingesetzt wird, gibt es keine Erschütterungen mehr im Saal. Diese technische Entwicklung war entscheidend für den Sanierungsansatz. Durch den Einsatz modernster Verglasung konnten die Fenster befreit werden, sodass wieder Tageslicht in den Saal gelangt, ohne dass störende Außengeräusche eindringen.
Im Orchesterbereich wurde eine moderne, automatisch verstellbare Bühne installiert. Diese bietet vier verschiedene Varianten, die schnell aufbaubar sind (von XL- bis S-Größe), was eine neue Flexibilität für die künstlerische Nutzung ermöglicht. Diese technische Innovation wurde in enger Abstimmung mit dem Sinfonieorchester Basel umgesetzt, das im Stadtcasino zu Hause ist.
Möbel und Innenarchitektur
Die Renovierung umfasste auch die komplette Erneuerung der Bestuhlung. Die Schweizer Möbelmanufaktur Girsberger Customized Furniture wurde mit dem originalgetreuen Nachbau der Bestuhlung beauftragt. Da es sich um ein Projekt mit hohen Anforderungen an Massivholz- und Oberflächenbearbeitung, Metall- und Polsterarbeiten handelte, war Girsberger ein optimaler Partner.
Insgesamt wurden 1388 Klappsitze nachgebaut. Zudem trug Girsberger in den Foyers mit einem zentralen Sitzelement sowie textilbespannten Baldachinen zum Ensemble bei. Die Entscheidung für den Nachbau anstelle von Neukonstruktionen oder einfachen Austauschlösungen unterstreicht das Engagement für den Denkmalschutz und die Authentizität des Saals. Die Zusammenarbeit mit der Kantonalen Denkmalpflege war hierbei eng und entscheidend für die genehmigungskonforme Umsetzung.
Organisatorische und gesellschaftliche Aspekte
Die Umsetzung eines solch umfangreichen Projekts erforderte nicht nur finanzielle, sondern auch organisatorische und personelle Ressourcen. Die Casino-Gesellschaft Basel, als Auftraggeberin, spielte eine zentrale Rolle. Der Einsatz der Vorstandsmitglieder war immens und übertraf den üblichen Umfang einer ehrenamtlichen Tätigkeit um ein Vielfaches, wie der Direktor des Stadtcasino Basel, Thomas Koeb, feststellte.
Nach dem erfolgreichen Abschluss der Sanierung und Erweiterung stand die Neuausrichtung der Casino-Kommission an. Neue Mitglieder wie Baschi Dürr (als Präsident), Stefan Fierz und Anne Theiss wurden gewählt, um den Betrieb in die nächste Phase zu führen. Diese personelle Stärkung zeigt die langfristige Verpflichtung zur Sicherung der kulturellen Institution.
Die Erweiterung und ihre Auswirkungen
Die Erweiterung des Stadtcasinos war nicht nur eine bauliche Maßnahme, sondern veränderte die gesamte Wahrnehmung des Gebäudes im Stadtraum. Durch die Entkopplung vom Kopfbau und die Schaffung der Konzertgasse wurde eine städtebauliche Qualifizierung erreicht. Das Gebäude wirkt nun offener und ist besser mit dem Barfüsserplatz verbunden.
Im Inneren bietet der Neubau mehr Platz und mehr Komfort. Die Reduzierung der Sitzplätze von vormals 1.512 auf jetzt 1.397 Plätze mag auf den ersten Blick konträr wirken, doch sie dient der Steigerung der Qualität: Es gibt mehr Beinfreiheit, was den Komfort für das Publikum erheblich erhöht. Die Architektur von Herzog & de Meuron schafft es, die historische Substanz mit zeitgenössischen Bedürfnissen zu verbinden, ohne die einen durch die anderen zu kompromittieren.
Fazit
Die Sanierung und Erweiterung des Stadtcasinos Basel ist ein herausragendes Beispiel für eine gelungene Symbiose aus Denkmalschutz, moderner Architektur und technischer Innovation. Die Herausforderungen, die sich aus der historischen Bausubstanz, der akustischen Sensibilität und der städtebaulichen Integration ergaben, wurden durch eine exzellente Planung und interdisziplinäre Zusammenarbeit bewältigt.
Für Bauherren und Planer lässt sich aus diesem Projekt lernen, wie wichtig die enge Einbindung von Denkmalpflege, spezialisierten Ingenieuren und hochwertigen Handwerksbetrieben ist. Die Entscheidung, die Fenster wieder zu öffnen und auf modernste Schallisolierung zu setzen, ebenso wie der originalgetreue Nachbau der Mobiliarsubstanz, zeigen, dass Respekt vor der Geschichte und moderner Komfort keine Gegensätze sein müssen. Das Stadtcasino Basel steht nun als revitalisierte, zeitgemäße Kulturinstitution im Herzen Basels und beweist, dass Erhalt und Erneuerung sich gegenseitig bereichern können.