Die Generalsanierung und Erweiterung der Stadthalle Waldshut stellt ein herausragendes Beispiel für die Revitalisierung veralteter Gebäudekomplexe in der deutschen Bauwirtschaft dar. Dieses Projekt, das zwischen 2015 und 2018 realisiert wurde, bietet wertvolle Einblicke in die Herausforderungen und Lösungsstrategien bei der Sanierung von Bauten aus den 1970er Jahren. Für Bauherren, Immobilienbesitzer und Planer ist der Fall Waldshut eine Fallstudie, die zeigt, wie durch umfassende Entkernung, energetische Optimierung und die Einbindung von Nutzerinteressen ein zeitgemäßer, funktionaler und ästhetisch ansprechender Gebäudekomplex entstehen kann.
Ausgangslage: Sanierungsbedarf und Notwendigkeit des Handelns
Der Gebäudekomplex im Zentrum von Waldshut wurde ursprünglich 1972 fertiggestellt und diente zunächst als Sport- und Schwimmhalle für den Schulsport. Im Laufe der Zeit wandelte sich die Nutzung hin zu einem Multifunktionsgebäude für städtische und kulturelle Veranstaltungen. Nach über 40 Jahren Betriebszeit zeigten sich jedoch gravierende Mängel, die eine Sanierung unumgänglich machten.
Ein entscheidender Faktor war das im Jahr 2012 erstellte Brandschutzgutachten. Laut dem damaligen Oberbürgermeister und Hochbauamtsleiter Martin Gruner monierten die Sachverständigen 31 Mängel. Diese Defizite machten deutlich, dass eine bloße Instandsetzung nicht ausreichte; vielmehr war eine Generalsanierung erforderlich, um den aktuellen Standards zu entsprechen. Neben dem Brandschutz spielten auch die Barrierefreiheit und die veraltete Veranstaltungstechnik eine wesentliche Rolle. Hinzu kamen die hohen Energiekosten, die eine energetische Sanierung wirtschaftlich sinnvoll erscheinen ließen.
Die ursprüngliche Kostenschätzung für die Sanierung belief sich auf rund 14 Millionen Euro. Diese Summe erwies sich jedoch als unzureichend. Eine Überprüfung durch ein auswärtiges Fachbüro im Jahr 2015 bestätigte eine Notwendigkeit von etwa 20 Millionen Euro. Diese Kostenkontrolle war entscheidend für die Entscheidung des Gemeinderates, das Projekt fortzusetzen. Letztendlich beliefen sich die Gesamtkosten für die Generalsanierung und Erweiterung inklusive Hallenbad und Sauna auf fast 24 Millionen Euro.
Projektmanagement und Planungsphase: Ein partizipativer Ansatz
Die Planung des Großprojekts begann 2013, als vier Waldshuter Architekten (Michael Duffner, Gerold Müller, Henning Musahl und Ernesto Preiser) eine Arbeitsgemeinschaft bildeten. Diese Architektengruppe gewann schließlich das Verfahren zur Vergabe von Planungsleistungen (VOF-Verfahren).
Ein zentrales Element der Planung war der partizipative Ansatz. In verschiedenen Workshops formulierten Nutzergruppen aus den Bereichen Sport, Kultur, Verwaltung und Schule ihre Anforderungen und Raumprogrammwünsche. Diese Befragung von rund 40 Personen mit unterschiedlichen Interessen war die Basis für die spätere Planung. Wie von einem Vertreter der Stadtwerke Waldshut-Tiengen bestätigt, führten die Kompromisse der Nutzer zu einer Lösung, die den Idealvorstellungen so nah wie möglich kam. Ziel war es, die Halle als Kommunikationszentrum und Treffpunkt im Herzen der Stadt zu erhalten.
Für die Planer bedeutete dies, eine Richtschnur zu erhalten, an der sie sich orientieren konnten. Die Herausforderung lag darin, die unterschiedlichen Nutzungen – Sport und Kultur – unter einem Dach zu vereinen und dabei die Bausubstanz schonend zu behandeln.
Bauphase und technische Umsetzung
Die Bauarbeiten begannen am 31. Oktober 2015 mit der Schließung des Gebäudes. Ein Zeitraum von drei Jahren war für die vollständige Fertigstellung vorgesehen, mit einer geplanten Wiedereröffnung am 15. September 2018.
Entkernung und Rückbau
Der Kern der Sanierung war die komplette Entkernung des Bestandsgebäudes. Wie in der Projektbeschreibung dargelegt, erfolgte eine Rückführung in den Rohbauzustand. Diese Maßnahme war notwendig, um die veraltete Technik zu entfernen und den Brandschutz auf den neuesten Stand zu bringen. Zeitgenössische Aufzeichnungen zeigen, dass nach der monatelangen Entkernung und Entrümpelung Rückbauarbeiten für die Umgestaltung und Erweiterung einsetzten. Das Ausmaß war so erheblich, dass von einer Erneuerung von den Grundmauern auf gesprochen wurde.
Erweiterungsbauten
Neben der Sanierung des Bestands umfasste das Projekt den Bau neuer Strukturen: * Neues Foyer: Im Osten wurde ein neues, repräsentatives Foyergebäude vor das bestehende Gebäude gestellt. Dieses verbindet sich über ein Atrium mit dem Altbau und dient als neuer Haupteingang. * Erweiterung Hallenbad: Der Schwimmbadbereich wurde an der Rückseite in Richtung Seltenbachtal großzügig erweitert. * Saunalandschaft: Südlich entstand eine neue Saunalandschaft, die architektonisch anspruchsvoll unter der Erde sitzt und durch zwei Lichthöfe belichtet wird. Diese Tieferlegung erforderte eine imposante Baugrube.
Energieeffizienz und Bauen im Bestand
Das Projekt wurde unter dem Aspekt der Energieeffizienz und des Bestandsbaus geplant. Ziel war es, die hohen Energiekosten der Vergangenheit zu senken. Obwohl die Quellen keine technischen Details zu den eingesetzten Dämmstoffen oder Heizungssystemen nennen, wird deutlich, dass die energetische Optimierung ein wesentlicher Treiber für die Sanierung war.
Architektonische und ästhetische Aspekte
Die Sanierung der Stadthalle Waldshut wurde nicht nur funktional, sondern auch ästhetisch wahrgenommen. Die Architekten bemühten sich um einen schonenden Umgang mit der Bausubstanz. Das Prinzip lautete: „Nicht einfach alles weggeschlagen, sondern das Gute erhalten und im fertigen Zustand sichtbar machen.“ Dieser nachhaltige Ansatz prägte das Projekt.
Die Qualität der Architektur wurde 2023 mit dem Hugo-Häring-Preis ausgezeichnet. Dieser Preis, vergeben durch den Landesverband Baden-Württemberg der Bundesarchitektenkammer, ist eine renommierte Auszeichnung für herausragende Bauwerke. Die Jury wurde insbesondere durch den nachhaltigen Ansatz und die gelungene Transformation beeindruckt. Die Architekten zeigten, wie aus einem funktionalen Gebäude der 70er Jahre ein zeitgemäßes, architektonisch wertvolles Zentrum entstehen kann.
Zusammenfassung der Projektdaten
Um die Dimensionen des Projekts übersichtlich darzustellen, folgt eine Zusammenfassung der wichtigsten Fakten basierend auf den vorliegenden Informationen:
| Kategorie | Detail |
|---|---|
| Standort | Waldshut-Tiengen, Zentrum |
| Baujahr Altbestand | 1972 / 1974 |
| Sanierungszeitraum | 2015 – 2018 |
| Gesamtkosten | ca. 24 Millionen Euro |
| Hauptauslöser | Brandschutzmängel (31 Mängel im Gutachten 2012), hohe Energiekosten |
| Kernmaßnahmen | Entkernung, Rückbau, Errichtung Foyer, Erweiterung Hallenbad, Neubau Saunalandschaft |
| Planer | Arbeitsgemeinschaft Duffner, Müller, Musahl, Preiser |
| Auszeichnung | Hugo-Häring-Preis 2023 |
Bedeutung für die Innenstadtentwicklung
Das Sanierungsprojekt ist eingebettet in die städtebauliche Entwicklung des Sanierungsgebiets „Innenstadt Waldshut“. Mit Erhalt eines Zuwendungsbescheids im Februar 2016 wurde dieses Gebiet in das Denkmalschutzprogramm West (DSP) aufgenommen und 2024 in das Landessanierungsprogramm (LSP) überführt. Die Bewilligung läuft bis mindestens 2029. Dies zeigt, dass die Sanierung der Stadthalle Teil einer umfassenden Strategie zur Aufwertung der Innenstadt ist. Für Eigentümer und Investoren in der Region signalisiert dies eine langfristige Förderlandschaft für Sanierungsmaßnahmen.
Fazit
Die Generalsanierung der Stadthalle Waldshut ist ein Musterbeispiel für die erfolgreiche Revitalisierung von Nachkriegsarchitektur. Das Projekt verdeutlicht mehrere Schlüsselerkenntnisse für die Bauwirtschaft:
- Notwendigkeit der Bestandsaufnahme: Ein detailliertes Gutachten (hier: Brandschutz) ist essenziell, um den wahren Sanierungsbedarf zu erkennen.
- Partizipation: Die Einbindung der späteren Nutzer führte zu einem akzeptierten und funktionalen Nutzungskonzept.
- Kostenrealismus: Die Anpassung der Kostenschätzung von 14 auf 20 Millionen Euro zeugt von transparenter Projektsteuerung.
- Bauliche Substanz: Das Prinzip der Entkernung ermöglicht eine vollständige technische Aufrüstung, während die schonende Behandlung der Bausubstanz architektonische Qualität sichert.
Für Bauherren und Planer bleibt die Erkenntnis, dass Sanierungsprojekte dieser Größenordnung nicht nur durch finanzielle Mittel, sondern durch eine kluge Planung, die Einbindung von Experten und eine nachhaltige Haltung zur bestehenden Bausubstanz geprägt sind. Die Auszeichnung mit dem Hugo-Häring-Preis unterstreicht, dass wirtschaftliches Handeln und architektonische Exzellenz kein Widerspruch sein müssen.
Quellen
- EUS Architekten - Projekt Stadthalle und Hallenbad Waldshut
- Südkurier - Verwandlung der Stadthalle Waldshut
- Südkurier - Auszeichnung für Großprojekt
- Duffner Architekten - Generalsanierung Stadthalle und Hallenbad
- Badische Zeitung - Kostenprüfung Stadthalle Waldshut
- Stadt Waldshut-Tiengen - Sanierungsgebiet Innenstadt