Generalsanierung des Münchner Stadtmuseums: Ein Mammutprojekt zwischen Denkmalschutz und moderner Architektur

Das Münchner Stadtmuseum, das größte kommunale Museum Deutschlands, befindet sich derzeit in einer seiner umfassendsten Modernisierungen. Seit Januar 2024 ist die Institution voraussichtlich bis 2031 geschlossen, um einerseits den maroden Gebäudebestand zu sanieren und andererseits ein zukunftsweisendes Konzept für Besucher und Stadtgesellschaft umzusetzen. Das Projekt ist nicht nur eine technische Herausforderung, sondern auch ein städtebaulicher Meilenstein für die bayerische Landeshauptstadt.

Für Bauherren, Immobilieninteressierte und Renovierungsbegeisterte bietet der Umbau des Stadtmuseums exemplarische Einblicke in komplexe Sanierungsstrategien. Er zeigt, wie historische Bausubstanz unter strengen Denkmalschutzauflagen mit modernsten Anforderungen an Barrierefreiheit, Energieeffizienz und Nutzerfreundlichkeit in Einklang gebracht werden kann. Der folgende Artikel beleuchtet die technischen, finanziellen und konzeptionellen Aspekte dieses Großprojekts.

Die Ausgangslage: Ein komplexer Gebäudekomplex

Die Generalsanierung des Münchner Stadtmuseums ist ein Vorhaben von besonderem Ausmaß, bedingt durch die einzigartige Bausubstanz des Ensembles. Das Museum umfasst einen gesamten Block zwischen St.-Jakobs-Platz, Sebastiansplatz und Rindermarkt. Es handelt sich hierbei nicht um ein einzelnes Gebäude, sondern um ein Ensemble verschiedener Häuser, die aus den unterschiedlichsten Epochen stammen. Laut den vorliegenden Informationen reichen einzelne Bestandteile bis ins 16. Jahrhundert zurück, während andere Gebäude Rekonstruktionen oder Zeugen neueren Datums sind. Diese Heterogenität stellt eine immense Herausforderung für die Planer dar.

Die Notwendigkeit der Sanierung ergab sich aus dem Zustand der Gebäude und dem Bedarf an Modernisierung. Bereits vor einigen Jahren wurde das Büro Auer Weber (Stuttgart/München) mit der Planung beauftragt. Obwohl der Baubeginn ursprünglich aufgrund der angespannten Haushaltslage verschoben werden musste, begannen die Arbeiten schließlich im Januar 2024. Die Sanierungskosten belaufen sich auf voraussichtlich 270 bis 271 Millionen Euro. Dieser Betrag unterstreicht den Wert, den die Stadt München in die kulturelle Infrastruktur investiert.

Herausforderungen des Bestands

Ein zentrales Problem bei der Sanierung ist die Verbindung der einzelnen Baukörper aus verschiedenen Jahrhunderten zu einem funktionierenden, modernen Museum. Die Gebäude müssen in einem neuen Baukonzept miteinander verbunden werden, wobei die Denkmalschutzauflagen strikt eingehalten werden müssen. Wie Baureferentin Jeanne Marie Ehbauer betont, spiegelt die Geschichte der Stadt quasi im eigenen Museum wider. Diese historische Schichtung erfordert eine sensibl Sanierung, die den Denkmalschutz mit Zukunftsanforderungen verbindet.

Finanzielles und Zeitmanagement

Die finanzielle Dimension des Projekts ist beeindruckend. Mit rund 271 Millionen Euro ist dies eines der teuersten Museumssanierungsprojekte in Deutschland. Kulturreferent Biebl bezeichnete dies als "klares Bekenntnis zur Kultur". Die Summe deckt nicht nur die reine Bausubstanzsanierung ab, sondern auch die technische Umrüstung, die Schaffung neuer Nutzflächen und die Entwicklung neuer Ausstellungskonzepte.

Zeitplanerische Einschätzung

Die Schließungsdauer von über sieben Jahren (bis 2031) mag auf den ersten Blick lang erscheinen, ist bei einem derart komplexen Vorhaben jedoch realistisch. Zu den umfangreichen Baumaßnahmen kommen logistische Herausforderungen. Die Chefin des Stadtmuseums, Dr. Frauke von der Haar, identifizierte den Umzug der rund drei Millionen Exponate als größte Herausforderung der kommenden eineinhalb Jahre vor Baubeginn.

Diese Millionen von Objekten – von einer Kutsche des "Floh Circus" aus dem Jahre 1906 bis zum Hausmantel von König Ludwig I. – müssen unter Aufrechterhaltung spezifischer klimatischer Bedingungen in Zwischenlager transportiert werden. Als Lagerort dient die ehemalige Filmtechnikfirma Arri in der Türkenstraße. Dieser Umzug und die anschließende Sicherung der Exponate beanspruchen viel Zeit, bevor die eigentlichen Umbaumaßnahmen (geplant ab Mitte 2025) beginnen können.

Architektonisches Konzept: Integration und Öffnung

Das Architekturbüro Auer Weber hat einen Entwurf vorgelegt, der das Ziel verfolgt, das Museum städtebaulich neu zu verankern. Der Fokus liegt auf der Öffnung des Hauses hin zur Stadt und auf der Schaffung eines neuen, multifunktionalen Innenhofs.

Der neue Haupteingang und das Glasdach

Ein zentraler Punkt der Sanierung ist die Verlegung des Haupteingangs. Künftig soll das Museum auf der Nordseite über einen neuen Eingang am Rindermarkt erreichbar sein. Dieser Eingang führt direkt in den nördlichen Innenhof des Komplexes. Dieser bislang versteckte Innenhof wird durch eine vollflächige Glasüberdachung zur neuen Lobby aufgewertet. Diese Überdachung erfüllt mehrere Funktionen: Sie schafft einen Witterungsschutz und verwandelt den Hof in einen "neuen Münchner Stadtplatz", der frei zugänglich für Spaziergänger ist. Durch diese Maßnahme rückt das Museum näher an die Stadt heran und ergänzt die innerstädtische Platzabfolge, indem es ein verbindendes Glied zum St.-Jakobs-Platz und dem Jüdischen Zentrum schafft.

Im Erdgeschoss des neuen Komplexes werden neben Kasse, Museumsshop und Espressobar auch Studio- und Workshopflächen sowie ein großer Veranstaltungssaal untergebracht. Ein zusätzlicher öffentlicher Durchgang verbindet den Innenhof mit dem Sebastiansplatz, was die Erschließung des Areals massiv verbessert.

Das Herzstück: Der begehbare Würfel

Das architektonische Highlight und Kernstück des neuen Museums wird ein in den Innenhof eingestellter Gebäudekubus sein. Dieser weiße, riesige Würfel ist begehbar und dient als neuer Museums-Mittelpunkt. In den Obergeschossen ist er über Stege an die bestehenden Ausstellungsflächen angebunden. Technisch bietet der Kubus spannende Möglichkeiten: Er ermöglicht vielfältige Lichtinszenierungen und die Abbildung von inhaltlich passenden Plakaten zu Veranstaltungen und Ausstellungen per LED-Bespielung. An der Außenwand des Würfels sollen Hunderte von LED-Leuchten ausstellungsbegleitende Bilder zeigen. Dies verleiht dem Museum ein neues, modernes Gesicht.

Nachhaltigkeit und Klimaneutralität

Ein wesentlicher Aspekt der Modernisierung ist die Ausrichtung auf Nachhaltigkeit. Das Gebäude wird im Zuge der Sanierung hinsichtlich der angestrebten Klimaneutralität des stadteigenen Gebäudebestandes ertüchtigt. Dies ist ein wichtiger Schritt, um die Betriebskosten langfristig zu senken und den ökologischen Fußabdruck der Institution zu verringern. Für Bauinvestoren und Eigentümer ähnlicher historischer Gebäude ist dieser Aspekt besonders relevant, da er zeigt, wie Altbausanierung und Klimaschutz Hand in Hand gehen können.

Zwischenlösung: Die Interimsausstellung

Während der Bauzeit bleibt das Museum nicht vollständig geschlossen. Um den Kontakt zum Publikum aufrechtzuerhalten, wird im historischen Zeughaus eine Interimsausstellung gezeigt. Unter dem Titel „What the City. Perspektiven unserer Stadt“ (bis Mitte 2027) bringt das Museum aktuelle stadtgeschichtliche Themen aus fast allen Sammlungen des Hauses zusammen. Die Ausstellung ist in zehn Kapitel unterteilt, die Themen wie Sicherheit, Armut, den Kampf um Gleichberechtigung, Tradition und Wachstum in München behandeln. Besonders bemerkenswert ist der Ansatz, dass Münchnerinnen selbst zu Wort kommen und Besucherinnen durch interaktive Mitmach- und Medienstationen eingebunden werden. Der Eintritt ist barriere- und kostenfrei, was die Zugänglichkeit fördert. Die Interimsausstellung zeigt, wie wichtig es ist, auch während langer Schließungszeiten eine Verbindung zum Publikum zu halten.

Das Filmmuseum

Ein Teil der Institution, das Filmmuseum München, bleibt separat betrachtet. Es bleibt bis Juni 2027 in Betrieb. Dies zeigt die interne Aufteilung der Sanierungsphasen, bei der nicht alle Bereiche gleichzeitig geschlossen sein müssen.

Vermittlung und digitale Innovation

Ein zentraler Bestandteil des neuen Konzepts ist die Neuauflage des Vermittlungsprogramms. Während der Sanierungsphase werden analoge und digitale Ausstellungselemente konzipiert und erprobt. Ein besonderes Augenmerk liegt auf der Partizipation der Bürger. In Projekten werden persönliche Erinnerungen oder Kenntnisse Münchner*innen zu Themen, Objekten oder Stadtteilen gesammelt. Diese Daten werden in einer "Sammlung Online zum Mitmachen" zu einer gemeinschaftlichen digitalen Erinnerungslandschaft zusammengeführt. Eine Auswahl davon soll später in die zukünftigen Dauerausstellungen integriert werden. Dieser Ansatz ist ein hervorragendes Beispiel dafür, wie Museen in Zukunft interaktiver und inklusiver werden können.

Zudem startet im Frühjahr 2024 das mobile Grundschulprogramm "Stadtgeschichte im Gepäck. Der Zeit-Reise-Koffer" in Kooperation mit dem Museumspädagogischen Zentrum MPZ. Solche Initiativen stellen sicher, dass das Museum auch während der Schließung präsent bleibt und pädagogische Arbeit weiterführt.

Zusammenfassung der Sanierungsmaßnahmen

Um die Komplexität des Projekts zu verdeutlichen, lassen sich die wesentlichen Baumaßnahmen wie folgt zusammenfassen:

  • Strukturelle Veränderung: Verbindung der Gebäude aus verschiedenen Epochen (16. Jahrhundert bis Neuzeit) zu einem einzigen Komplex.
  • Erschließung: Neuer Haupteingang am Rindermarkt, Schaffung eines überdachten Innenhofs (Atrium) als neuer öffentlicher Raum.
  • Architektonisches Highlight: Einbau eines begehbaren weißen Würfels im Innenhof als neuer Mittelpunkt mit LED-Bespielung.
  • Barrierefreiheit und Zugänglichkeit: Schaffung von Durchgängen (z.B. zum Sebastiansplatz) und barrierefreien Zugängen.
  • Technische Aufrüstung: Umrüstung auf Klimaneutralität und Modernisierung der Haustechnik.
  • Nutzungsoptimierung: Unterbringung von Shop, Café, Workshops und Veranstaltungsräumen im Erdgeschoss.

Fazit

Die Generalsanierung des Münchner Stadtmuseums ist ein vorbildliches Beispiel für eine ganzheitliche Herangehensweise an die Revitalisierung historischer Immobilien. Es geht nicht nur um das Reparieren von Schäden, sondern um eine Neuerfindung der Institution im 21. Jahrhundert. Die Investition von über 270 Millionen Euro unterstreicht die Notwendigkeit, in Baudenkmäler zu investieren, um sie wirtschaftlich und kulturell lebendig zu halten.

Für die Bau- und Immobilienbranche sind folgende Aspekte besonders hervorzuheben: 1. Denkmalschutz vs. Moderne: Der Entwurf von Auer Weber zeigt, dass historische Bausubstanz und moderne Architektur (Glasdach, LED-Technik) keine Widersprüche sein müssen. 2. Städtebauliche Aufwertung: Das Museum öffnet sich der Stadt und schafft neue, öffentlich nutzbare Räume, was den Wert des gesamten Quartiers steigert. 3. Logistik und Zeitmanagement: Der Umzug von drei Millionen Exponaten demonstriert, dass Sanierung oft mehr ist als Bauen – sie erfordert exzellentes Projektmanagement und Lagerlogistik.

Das Projekt setzt Maßstäbe in der Museumsarchitektur und Sanierungstechnik. Wenn das Museum 2031 wieder öffnet, wird es nicht nur ein renoviertes Haus sein, sondern ein neuer, lebendiger Treffpunkt für die Stadtgesellschaft, der Geschichte, Kunst und moderne Technologie vereint.

Quellen

  1. Muenchner Stadtmuseum: Generalsanierung
  2. BR: Münchner Stadtmuseum wird saniert
  3. Baunetz: Pläne für die Generalsanierung des Münchner Stadtmuseums von Auer Weber
  4. Tz: München Stadtmuseum Umbau Sanierung
  5. Muenchen.de: Münchner Stadtmuseum

Ähnliche Beiträge