Historische Bausubstanz trifft moderne Technik: Die umfassende Sanierung des St. Pauli Elbtunnels in Hamburg

Die Sanierung des St. Pauli Elbtunnels, eines der bedeutendsten historischen Verkehrsbauwerke Hamburgs, stellt ein herausragendes Beispiel für die denkmalgerechte Instandsetzung von über 100 Jahre alter Bausubstanz dar. Dieser Artikel beleuchtet die technischen Herausforderungen, die verwendeten Sanierungsmethoden und die strategische Planung hinter diesem Großprojekt, das den Erhalt eines kulturellen Wahrzeichens mit den Anforderungen moderner Verkehrstechnik vereint.

Der historische Kontext und die Bedeutung des Bauwerks

Errichtet zwischen 1907 und 1911, unterquert der St. Pauli Elbtunnel die Norderelbe und verbindet die Stadtteile St. Pauli am Nordufer mit Steinwerder auf der Südseite. Mit einer Länge von 426 Metern und zwei Röhren wurde er ursprünglich geschaffen, um eine schnelle, witterungsunabhängige Verbindung zwischen den Wohngebieten nördlich der Elbe und den südlich gelegenen Industriegebieten, insbesondere der Schiffbauindustrie, zu gewährleisten.

Das Bauwerk genießt unter Denkmalschutz und wurde 2011 als „historisches Wahrzeichen der Ingenieurbaukunst Deutschland“ ausgezeichnet. Trotz seines Alters von über 100 Jahren bleibt der Tunnel ein essenzieller Verkehrsweg im Hamburger Hafen. Im Jahr 2018 nutzten rund 1,1 Millionen Fußgänger, 300.000 Radfahrer und 38.000 Autos die Weströhre. Diese hohen Nutzerzahlen unterstreichen die Notwendigkeit einer funktionsfähigen Infrastruktur, die dennoch den historischen Charakter bewahrt.

Die Notwendigkeit der Sanierung: Schadensbilder und technische Defizite

Rund 100 Jahre nach seiner Errichtung war eine grundlegende Instandsetzung unumgänglich. Das Herzstück der Sanierungsmaßnahme bildet die Dichtigkeit der Tunnelröhren. Speziell bei der bleiverstemmten Tübbingfugen-Technologie traten im Laufe der Zeit erhebliche Schäden auf, die eine vollständige Sanierung erforderten.

Die Hamburg Port Authority (HPA) als Eigentümerin beauftragte eine Arbeitsgemeinschaft (ARGE) aus HC Hagemann GmbH & Co. KG und der Ed. Züblin AG mit der Grundinstandsetzung. Ziel der 1994 begonnenen Initiative ist die Wiederherstellung des Tunnels in Anlehnung an das historische Erscheinungsbild bei gleichzeitigem Einbau moderner Technik.

Sanierungsverfahren: Entkernung und Tübbing-Instandsetzung

Aufgrund der festgestellten Schadensbilder erfolgt die Sanierung in einem komplexen Verfahren. Die Tunnelröhre wird auf gesamter Länge in zwei Hauptbauphasen komplett entkernt, um die sanierungsbedürftige Tübbing-Konstruktion instand zu setzen.

Phase 1: Oberer Bereich

In der ersten Phase wird der Bereich des Gewölbes, der Wände und der Sockelbereiche bearbeitet. Nach dem anschließenden Wiederaufbau dieses oberen Bereiches folgt Phase 2.

Phase 2: Fahrbahnbereich

Der untere Tunnel im Fahrbahnbereich wird entkernt, die Tübbing-Konstruktion saniert und anschließend wiederhergestellt. Für die Tübbing-Sanierung wird zunächst die Tunnelinnenschale zurückgebaut, um die Tübbings freizulegen. Ein zentraler Aspekt ist dabei die Überprüfung der Dichtigkeit. Im Zuge der Arbeiten an der Oströhre legte die HPA die komplette Tübbing-Konstruktion frei und überprüfte mehr als 200.000 Niete auf Dichtigkeit.

Herausforderungen im Arbeits- und Gesundheitsschutz

Neben den technisch anspruchsvollen Tätigkeiten in sehr beengten Verhältnissen stellt der Arbeits- und Gesundheitsschutz eine besondere Herausforderung dar. Bei der Sanierung müssen Arbeiter mit diversen Schadstoffen umgehen, die im Laufe der Jahrzehnte entstanden sind oder in den Materialien enthalten sind:

  • Mineralische und bleihaltige Stäbe
  • Polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK)

Diese Schadstoffe erfordern spezielle Schutzmaßnahmen und sorgfältige Entsorgungsverfahren, um die Gesundheit der Beschäftigten zu gewährleisten und eine Umweltbelastung zu vermeiden.

Denkmalgerechte Sanierung und moderne Technik

Ein wesentlicher Erfolgsfaktor des Projekts ist die enge Abstimmung mit dem Denkmalschutz. Bei der Sanierung der Oströhre wurden Wandfliesen, Fahrbahn und Beleuchtung nach historischem Vorbild erneuert bzw. restauriert. Gleichzeitig wurde die Tunnelröhre mit modernster Technik ausgestattet. Zu den technischen Neuerungen gehören:

  • Rauchmelder
  • Lautsprecheranlagen
  • Automatische Zählsysteme

Diese Kombination aus historischer Ästhetik und aktueller Sicherheitstechnik gewährleistet den Betrieb des Tunnels unter modernen Standards, ohne den denkmalgeschützten Charakter zu beeinträchtigen. Wie Jens Meier, CEO der HPA, betonte, ist das Ziel, den Tunnel als Wahrzeichen der Hanse- und Hafenstadt an der Elbe zu erhalten.

Projektmanagement und Finanzierung

Das Sanierungsprojekt ist in logische Abschnitte unterteilt, um die Verkehrsfunktionalität so weit wie möglich aufrechtzuerhalten. Nach der Fertigstellung der Oströhre im April 2019 und einer Übergangsphase für Fußgänger begannen am 3. Juni 2019 die Sanierungsarbeiten an der Weströhre.

Zeitplanung

Die Sanierung der Weströhre wird voraussichtlich fünf Jahre in Anspruch nehmen. Während dieser Zeit steht die sanierte Oströhre dem Verkehr zur Verfügung. Allerdings bleibt die Oströhre für Kraftfahrzeuge bis auf Weiteres gesperrt und wird nur von Fußgängern und Radfahrern genutzt.

Finanzierung

Finanziert wird das Projekt aus dem Haushalt der Stadt Hamburg sowie durch Fördergelder des Bundes. Im Rahmen eines Beschlusses des Bundestages werden bis zu 21,3 Millionen Euro für die Sanierung der Weströhre bereitgestellt. Diese Förderung unterstreicht die nationale Bedeutung des Bauwerks.

Verkehrsführung während der Sanierung

Während der Sanierungsarbeiten sind Sperrungen und Umleitungen unvermeidlich. Die Hamburg Port Authority informiert regelmäßig über aktuelle Maßnahmen. So kam es beispielsweise im Januar zu einer vollständigen Sperrung des Tunnels, um große Stahlbauteile auszubauen. Da dabei Gefahren durch schwebende Lasten bestehen, ist der Tunnel an diesen Tagen voll gesperrt.

Für den Radverkehr wird in solchen Fällen eine Umleitung über die Freihafenelbbrücke ausgeschildert. Zudem stellt die Hadag an Wochenenden einen Ersatz-Fährverkehr mit der Linie 75 bereit, um die Einschränkungen für Pendler zu minimieren.

Zusammenfassung der Sanierungsarbeiten

Die Sanierung des St. Pauli Elbtunnels ist ein komplexes Bauvorhaben, das verschiedene Gewerke und Herausforderungen vereint:

  1. Freilegung der Tübbing-Konstruktion: Rückbau der Tunnelinnenschale zur Überprüfung der über 200.000 Niete.
  2. Schadstoffentsorgung: Umgang mit bleihaltigen Stäuben und PAK.
  3. Denkmalpflege: Restaurierung von Wandfliesen und Beleuchtung nach historischem Vorbild.
  4. Technische Aufrüstung: Einbau von Rauchmeldern, Lautsprechern und Zählsystemen.
  5. Phasenweise Sperrung: Sicherstellung der Verkehrsfunktion durch Nutzung einer Röhre während der Sanierung der anderen.

Ausblick

Mit der Fertigstellung der Oströhre und dem Fortschritt an der Weströhre wird sichergestellt, dass der St. Pauli Elbtunnel auch für die nächsten 100 Jahre als wichtiges Verkehrselement und historisches Wahrzeichen Hamburgs erhalten bleibt. Die Kombination aus traditionellem Ingenieurwissen und moderner Technologie setzt Maßstäbe in der denkmalgerechten Bauwerksanierung.

Fazit

Die Sanierung des St. Pauli Elbtunnels demonstriert eindrucksvoll, wie historische Bausubstanz unter Einhaltung modernster technischer und sicherheitstechnischer Standards instand gesetzt werden kann. Durch die systematische Entkernung der Röhren, die Überprüfung der Tübbing-Verbindungen und die schadstoffgerechte Entsorgung wird die Dichtigkeit und Stabilität des Bauwerks wiederhergestellt. Gleichzeitig sichert die enge Einbindung des Denkmalschutzes die Erhaltung der ästhetischen und kulturellen Identität des Tunnels. Die Finanzierung durch Bund und Stadt Hamburg sowie die professionelle Projektdurchführung durch die HPA und die ARGE Hagemann/Züblin gewährleisten, dass dieses historische Wahrzeichen der Ingenieurbaukunst auch zukünftig seine Funktion als essenzielle Verkehrsverbindung im Hamburger Hafen erfüllen kann.

Quellen

  1. Bauportal BGBau - Sanierung Weströhre St. Pauli Elbtunnel
  2. Hafen Hamburg - Ostroehre wiedereroeffnet
  3. MOPO - Alter Elbtunnel bald schon wieder komplett gesperrt
  4. Hamburg Port Authority - St. Pauli Elbtunnel

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