Die Sanierung von Staudämmen ist eine der komplexesten Aufgaben im modernen Ingenieurwesen. Sie erfordert nicht nur tiefgreifende technische Expertise, sondern auch die Berücksichtigung ökologischer, wirtschaftlicher und sicherheitsrelevanter Faktoren. Ein herausragendes Beispiel für eine solche Großbaustelle ist die jüngst abgeschlossene Sanierung des Forggensee-Staudamms bei Roßhaupten im Ostallgäu. Dieses Projekt, das von der Uniper Kraftwerke GmbH als Betreiber durchgeführt wurde, stand im Fokus der Öffentlichkeit, da es direkte Auswirkungen auf die regionale Wirtschaft, den Tourismus und die Hochwassersicherheit hatte.
Der Forggensee ist nicht nur ein beliebtes Urlaubsziel, sondern auch eine zentrale Komponente der Energieversorgung und des Hochwasserschutzes in der Region. Der folgende Artikel beleuchtet die technischen Hintergründe der Sanierung, die Herausforderungen bei der Arbeit an einem 64 Jahre alten Bauwerk und die Maßnahmen, die ergriffen wurden, um die Sicherheit während der Bauphase zu gewährleisten.
Die Bedeutung des Forggensees und die Notwendigkeit der Sanierung
Der Forggensee, 1954 aufgestaut, dient primär als Kopfspeicher für zahlreiche Wasserkraftwerke flussabwärts. Seine Funktion ist zweigeteilt: In den niedrigen Wintermonaten wird das Wasser zur Stromerzeugung abgelassen, während im Sommer durch die Aufstauung auf eine Höhe von 780,50 Metern über Normalnull (müNN) ein Rückhalteraum für die Schneeschmelze geschaffen wird, der den Lech vor Hochwasser schützt.
Nach 64 Jahren Betriebszeit zeigten sich jedoch erhebliche Alterungsscheinungen am Staudamm. Wie in den Quellen dokumentiert, musste das Bauwerk erstmals saniert werden. Die Betreiberfirma Uniper bezeichnete das Vorhaben als „Mammutprojekt“, das nicht nur eine finanzielle Herausforderung von 30 Millionen Euro darstellte, sondern auch enorme bauliche Anforderungen mit sich brachte. Die Dringlichkeit der Sanierung wurde durch die Tatsache unterstrichen, dass ein Versagen des Damms katastrophale Folgen für die Region hätte.
Eine besondere Herausforderung war die geologische Beschaffenheit des Standorts. Wie Dr. Klaus Engels, Direktor der Wasserkraft von Uniper Deutschland, betonte, musste die unterschiedliche Härte und Stellung der Felsen, auf denen der Damm steht, gemeistert werden. Diese geologischen Gegebenheiten machen jeden Eingriff in die Bausubstanz komplizierter, da das Fundament nicht homogen ist.
Technische Herausforderungen während der Sanierungsarbeiten
Die Sanierung eines Staudamms erfordert eine präzise Planung, um die Stabilität des Bauwerks nicht zu gefährden. Im Falle des Forggensees kamen zwei Faktoren zusammen, die die Bauphase zusätzlich komplizierten: der Zeitpunkt der Sanierung und die Notwendigkeit, den Hochwasserschutz aufrechtzuerhalten.
Die Sanierung der Drosselklappen
Ein zentraler Bestandteil der Arbeiten war die Sanierung der Drosselklappen im Kraftwerk Roßhaupten. Drosselklappen sind entscheidend für die Regulierung des Wasserflusses durch die Turbinen. Während dieser Arbeiten waren die Turbinen nicht einsatzbereit, was die Entleerung des Sees behinderte.
Normalerweise wird der See im Winter abgestaut, um die Wasserreserven für die Sommermonate zu schaffen und gleichzeitig die Kraftwerke zu versorgen. In der Sanierungsphase 2018/2019 war dies jedoch nur eingeschränkt möglich. Die Quellen geben an, dass der See in diesem Winter nicht wie üblich abgestaut wurde. Stattdessen präsentierte er sich in einem „Winterkleid“, also mit höherem Wasserstand als gewohnt.
Sicherheitsmanagement und Entleerungsmöglichkeiten
Ein entscheidender Sicherheitsaspekt bei Staudämmen ist das Vorhandensein von zwei voneinander unabhängigen Entleerungsmöglichkeiten. Dies ist eine grundlegende Anforderung, um im Falle von Starkregen oder schnellem Schneeschmelz schnell reagieren zu können.
Während der Sanierung der Drosselklappen standen jedoch nur zwei Wege zur Verfügung: 1. Der Südstollen. 2. Die 2005 erweiterte Hochwasser-Entlastungsanlage.
Um sicherzustellen, dass diese Notentleerungen im Ernstfall sofort funktionieren, musste ein Mindestwasserspiegel von rund 775 Metern über Normalnull eingehalten werden. Dieser Pegel liegt deutlich über dem sonst üblichen abgesenkten Winterpegel. Wäre der See weiter abgesenkt worden, hätten diese Sicherheitssysteme nicht mehr ordnungsgemäß funktioniert. Diese Maßnahme war eine direkte Konsequenz aus dem laufenden Sanierungsprojekt und wurde in Abstimmung mit den Wasserwirtschaftsämtern Weilheim und Kempten getroffen.
Wirtschaftliche und touristische Auswirkungen
Eine Sanierung dieser Größenordnung hat weitreichende Folgen über die technische Ebene hinaus. Die Stilllegung oder Teilleerung des Sees betrifft direkt die regionale Wirtschaft, insbesondere den Tourismus.
Auswirkungen auf die Schifffahrt
Die Forggensee-Schifffahrt ist ein wesentlicher Wirtschaftsfaktor für Füssen und die Umgebung. Ein vollständig leerer See im Sommer hätte verheerende Folgen gehabt. Laut Angaben von Helmut Schauer, zuständig für die städtische Flotte, wäre der Umsatz im schlimmsten Fall um über eine Million Euro gesunken.
Auch wenn der See nicht komplett leer war, sorgten die Veränderungen im Betriebsablauf für Probleme: * Buchungsstopp: Für den Monat Juni, der normalerweise die Hochsaison einleitet, wurden keine neuen Buchungen mehr angenommen. * Bereits getätigte Reservierungen: Für bereits gebuchte Fahrten, darunter auch Hochzeitsfeiern, mussten Alternativen gesucht werden. * Personalplanung: Das Personal, das normalerweise fix ab dem 1. Juni eingesetzt wird, stand vor einer unsicheren Situation.
Trotz der wirtschaftlichen Einbußen zeigte die Schifffahrtsgesellschaft Verständnis für die Notwendigkeit der Sanierung, da ein Bauwerk nun einmal in die Jahre kommt und der See ohne intakten Damm nicht existieren würde. Kritik wurde jedoch an der sehr kurzfristigen Information durch die Betreiberfirma geübt.
Tourismus und Region
Neben der Schifffahrt litt auch der allgemeine Tourismus. Wie in der Augsburger Allgemeinen beschrieben, führte die Unsicherheit über den Wasserpegel zu Aufregung in den Anrainerorten. Ein leerer See im Sommer hätte nicht nur die Bootsverkehr, sondern auch die Badegäste, Wanderer und die Gastronomie massiv beeinträchtigt. Die Sanierung war daher ein Balanceakt zwischen langfristiger Sicherheit und kurzfristiger Wirtschaftsförderung.
Der Baufortschritt und die Fertigstellung
Das Projekt wurde schließlich im September 2019 mit einem Festakt offiziell abgeschlossen. Die Arbeiten hatten sich über einen Zeitraum von eineinhalb Jahren erstreckt, begonnen im Frühjahr 2018.
Der Erfolg der Baumaßnahmen wurde von den Verantwortlichen betont. Professor Thomas Bauer, Aufsichtsratsvorsitzender der Bauer Gruppe (die vermutlich als Auftragnehmer beteiligt war), verglich den Arbeitseifer mit dem Bau von Schloss Neuschwanstein. Es wurde 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche in Schichtbetrieb gearbeitet. Dieser hohe Einsatz war laut Bauer nicht nur für den Tourismus und die Anrainer von großer Bedeutung, sondern auch, um die Dauer der Beeinträchtigungen so kurz wie möglich zu halten.
Dr. Klaus Engels von Uniper stellte fest: „Der Forggensee kann seine Erfolgsgeschichte weiterschreiben. Er geht nicht mit 65 Jahren in Rente.“ Dies unterstreicht, dass das Bauwerk nun wieder für mehrere Jahrzehnte betriebssicher ist.
Die Wiederaufstauung
Mit dem Abschluss der Sanierungsarbeiten begann auch wieder die reguläre Wasserwirtschaft. Wie in den Quellen beschrieben, wurde der See im Winter 2018/2019 nicht abgestaut. Im Frühjahr 2019 begann jedoch der Wiederaufstau. * Zielmarke Frühjahr: Zunächst wurde auf 773,00 Meter über Normalnull aufgestaut, um wieder die Rolle im vorausschauenden Hochwasserschutz einzunehmen. * Zielmarke Sommer: Mit Fertigstellung der Drosselklappenarbeiten (spätestens Ende April) wurde der See schließlich auf den bekannten Sommerpegel von 780,50 Metern über Normalnull gebracht.
Diese Steuerung war notwendig, um die zu erwartenden Zuflüsse aus der Schneeschmelze speichern und kontrolliert an den Lech abgeben zu können.
Zusammenfassung der technischen und organisatorischen Leistung
Die Sanierung des Forggensee-Staudamms ist ein Lehrbuchbeispiel für die Herausforderungen der modernen Infrastrukturpflege. Sie zeigt auf, wie komplex die Verzahnung von Technik, Sicherheit und Wirtschaft ist.
Zentrale technische Aspekte der Sanierung: * Arbeiten am Fundament: Bewältigung der unterschiedlichen Härte und Stellung der Felsformationen. * Instandsetzung der Drosselklappen: Wiederherstellung der vollen Funktionalität der Wasserregulierung im Kraftwerk. * Sicherheitsmanagement: Gewährleistung der Hochwassersicherheit durch Einhaltung eines Mindestwasserpegels (775 m ü. NN) zur Sicherstellung der Funktion der Notentleerungen (Südstollen und Hochwasser-Entlastungsanlage).
Organisatorische und wirtschaftliche Aspekte: * Kommunikation: Abstimmung mit Wasserwirtschaftsämtern und Kommunen. * Tourismusmanagement: Umgang mit Buchungsstornierungen und wirtschaftlichen Einbußen. * Arbeitsintensität: Durchführung von Schichtbetrieb (24/7) zur Minimierung der Projektlaufzeit.
Die Tatsache, dass die Arbeiten erfolgreich abgeschlossen wurden und der See nun wieder seine volle Kapazität als Speicher und Hochwasserschutz erfüllt, rechtfertigt die investierten 30 Millionen Euro und die temporären Einschränkungen. Für Bauherren und Immobilienbesitzer in der Region bedeutet die stabile Infrastruktur eine erhöhte Sicherheit vor Hochwasserschäden und eine langfristige Wertstabilität der Immobilien in diesem einzigartigen alpinen Raum.
Fazit
Die Sanierung des Forggensee-Staudamms war ein notwendiges und erfolgreiches Projekt, das die Langlebigkeit von Wasserkraftinfrastruktur unter Beweis stellt. Trotz der finanziellen Hürde von 30 Millionen Euro und der erheblichen technischen Komplexität – insbesondere durch die geologischen Bedingungen und die Sanierung der Drosselklappen – konnte das Bauwerk für die Zukunft gesichert werden. Die Maßnahmen zum Schutz vor Hochwasser während der Bauphase, konkret die Aufrechterhaltung eines erhöhten Mindestwasserpegels, zeigen die hohe Sicherheitsverantwortung der Betreiber. Für die Region war die Phase eine Belastungsprobe, insbesondere für den Tourismus, doch die langfristige Sicherung des Sees als Wirtschaftsfaktor und ökologisches Ausgleichsgewässer steht nun auf einem soliden Fundament.