Die energetische Sanierung von Bestandsgebäuden stellt eine zentrale Herausforderung und zugleich eine Chance für die deutsche Wohnungsbaupolitik dar. Insbesondere im kommunalen und genossenschaftlichen Wohnungsbau sind innovative Ansätze gefragt, um den steigenden Energiebedarf zu decken, die CO₂-Emissionen zu reduzieren und den Wohnkomfort für die Mieterschaft zu erhöhen. Ein exemplarisches Projekt für diese Entwicklung ist die umfassende Modernisierung des Wohnkomplexes Bukarester Straße in Erfurt, getragen von der Wohnungsbau-Genossenschaft Erfurt eG (WBG). Dieser Komplex dient nicht nur als Fallbeispiel für die Sanierung von Plattenbauten der Baureihe WBS 70, sondern auch als Pilotprojekt für die Integration dezentraler Solarstromerzeugung im Bestand.
Der folgende Artikel beleuchtet die durchgeführten Maßnahmen, die technischen Hintergründe und die gewonnenen Erkenntnisse aus diesem zukunftsweisenden Vorhaben.
Gegebener Bestand und Ausgangslage
Die Bukarester Straße 5-49 im Norden Erfurts bildet einen homogenen Gebäudekomplex, der sich im Wohngebiet Moskauer Platz befindet. Es handelt sich um insgesamt elf Wohnblöcke, die der Baureihe WBS 70 (Übergangsserie) zugeordnet werden können und in den Jahren 1976/77 fertiggestellt wurden. Mit 439 Wohnungen, die fast vollständig vermietet sind, repräsentiert dieser Komplex einen typischen Bestand der Nachkriegsarchitektur, der im Zuge der Energiewende einer grundlegenden Modernisierung unterzogen werden muss.
Eine Voruntersuchung des Bestands ergab, dass bereits im Jahr 2001 Sanierungsarbeiten an der Fassade durchgeführt wurden. Damals beschränkten sich die Maßnahmen jedoch auf eine sogenannte „einfache“ Sanierung der Außenwände, die lediglich aus einer Fugeninstandsetzung und Neuanstrich bestand. Eine Dämmung der Wände war zu diesem Zeitpunkt nicht realisiert worden. Eine Ausnahme bildeten lediglich die Giebelflächen der Wohnblocks, die damals bereits mit einem Wärmedämmverbundsystem (WDVS) überdämmt wurden. Diese historische Teilsanierung stellte eine besondere Planungsgrundlage für die spätere, ganzheitliche energetische Sanierung dar, da vorhandene Elemente in das neue Konzept integriert werden mussten.
Die ganzheitliche energetische Sanierung
Im Zuge der Baumaßnahme, die im August 2021 abgeschlossen wurde, erfolgte eine ganzheitliche energetische Sanierung des Komplexes. Das Ziel war es, den Energiebedarf der Gebäude signifikant zu senken und den Standard an die heutigen Anforderungen anzunähern. Neben den energetischen Aspekten spielte auch die ästhetische Aufwertung eine wichtige Rolle. Es wurde ein zurückhaltendes Farbkonzept gewählt, um eine Harmonie zwischen den neuen und den bereits vorhandenen Sanierungselementen zu schaffen.
Technische Maßnahmen und Fassadengestaltung
Da ein Teil der Fassade bereits 2001 saniert wurde, musste die Planung (durchgeführt vom Planungsbüro HSP Planungsgesellschaft mbH) darauf achten, eine optische Einheit zu erhalten. Die energetische Sanierung umfasste vermutlich eine vollständige Wärmedämmung der zuvor ungedämmten Wandflächen, was eine erhebliche Steigerung der thermischen Hülle zur Folge hatte.
Neben der Fassade wurden auch die Hauseingänge modernisiert. An zwölf der 44 Hauseingänge wurden neue Überdachungen errichtet. Ein wichtiger sozialer Aspekt war hierbei die Installation von Rollator-Boxen. Diese Stellflächen für Gehhilfen direkt an den Eingängen verbessern die Barrierefreiheit und berücksichtigen die demografische Entwicklung der Mieterschaft.
Außenanlagen und Infrastruktur
Die Sanierung beschränkte sich nicht auf die Gebäudehülle. Die angrenzenden Außenanlagen wurden komplett neu gestaltet. Besonders hervorzuheben ist die Realisierung notwendiger Feuerwehraufstellflächen in den Innenhöfen. Diese Maßnahme ist für den Brandschutz unerlässlich und zeigt, dass bei der Sanierung von geschlossenen Wohnanlagen die gesamte Infrastruktur betrachtet werden muss. Die Lage des Projekts in direkter Nachbarschaft zum Bungalow-Themenkomplex der Bundesgartenschau 2021 unterstreicht zudem die städtebauliche Aufwertung des gesamten Areals.
Pilotprojekt Balkonkraftwerke: Integration erneuerbarer Energien
Ein besonders innovativer Bestandteil des Vorhabens war die Installation von Balkonkraftwerken. Die WBG Erfurt ergriff hier die Initiative, um im Bestand dezentrale Solarstromerzeugung zu etablieren.
Voraussetzungen und Selektion
Für die Installation wurden 40 zusammenhängende Wohneinheiten ausgewählt. Die Selektion erfolgte nach strengen Kriterien, um die Effizienz der Anlagen zu gewährleisten. Entscheidend waren: * Die Ausrichtung des Balkons nach Süden. * Keine Verschattung durch Bäume oder andere Gebäude. * Eine moderne Elektrotechnik im Gebäude.
Die vorangegangene energetische Sanierung und eine sogenannte Strangsanierung (Erneuerung der Leitungsstränge) in der Bukarester Straße schufen die technischen Voraussetzungen für die Installation. Nur ein Block in der Bukarester Straße erfüllte laut Angaben von Matthias Kittel (Vorstand Technik, WBG) alle diese Bedingungen. Dies unterstreicht, dass die Installation von Balkonkraftwerken im Bestand oft an sehr spezifische bauliche Voraussetzungen gebunden ist.
Planung, Installation und Akzeptanz
Die Installation der 40 Balkonkraftwerke fand zwischen dem 20. November und dem 14. Dezember 2023 durch die Firmen NSE-Elektrotechnik (heute ETE) und Elektro Narr statt. Ein zentraler Erfolgsfaktor war die Einbindung der Mieterschaft. Nach umfassender Aufklärung über die Vorteile der Anlagen stimmten die Bewohner der Häuser Bukarester Straße 9-12 dem Vorhaben mit großer Mehrheit zu.
Trotz der grünen Balkone gab es technische Herausforderungen. Wie Johannes Vogl von ETE berichtete, musste im bewohnten Zustand eine neue Zuleitung gezogen werden. Dies zeigt, dass die Installation solcher Anlagen nicht nur vom Balkon aus möglich ist, sondern oft Eingriffe in die Gebäudetechnik erfordert, die unter Bewohnern koordiniert werden müssen.
Erste Ergebnisse und Erkenntnisse
Nach der Installation wurde eine Messtechnik installiert, um die Erträge zu erfassen. Eine erste Auswertung nach einem Jahr zeigt vielversprechende Ergebnisse: * Erzeugte Energie: Die 40 Anlagen erzeugten insgesamt 16.600 Kilowattstunden (kWh) Strom. * Eigenverbrauch: Davon wurden 4.830 kWh vor Ort in den Wohnungen verbraucht.
Matthias Kittel bewertete die Menge der erzeugten Energie positiv: „Das ist mehr als wir prognostizierten.“ Die Anlagen gehören der Genossenschaft, die Mieter profitieren jedoch in vollem Umfang von der erzeugten Energie. Die Investitionssumme betrug rund 120.000 Euro, wovon 80 Prozent durch Fördermittel des Thüringer Umweltministeriums gedeckt wurden.
Kritische Betrachtung und Nutzerverhalten
Trotz der positiven Ertragsdaten sieht die WBG noch Optimierungsbedarf, insbesondere im Hinblick auf das Nutzerverhalten. Ein wesentlicher Teil der gewonnenen Energie (ca. 11.770 kWh) wurde nicht im Haus verbraucht, sondern ins öffentliche Netz eingespeist. Die WBG betont, dass der Erfolg von solchen Projekten stark davon abhängt, dass die Bewohner ihr Verbrauchsverhalten anpassen und den erzeugten Strom auch tatsächlich zeitnah nutzen (z. B. für Waschmaschinen bei Sonnenschein). Matthias Kittel äußerte sich hier kritisch und befürchtete, dass viele Nutzer von den Ergebnissen enttäuscht sein könnten, wenn die theoretischen Werbeversprechen der Hersteller auf die Realität im Alltag treffen. Daher plant die Genossenschaft vor weiteren Ausbauten eine intensive Testphase, um strategische Entscheidungen für die Zukunft zu treffen.
Zukünftige Planungen und Instandhaltung
Die WBG Erfurt legt großen Wert auf die Erhaltung des modernisierten Bestands. Für das Jahr 2025 sind, basierend auf den allgemeinen Sanierungsplänen der Genossenschaft, weitere Instandsetzungsarbeiten geplant, die sich auf verschiedene Standorte beziehen, aber die Prinzipien der Erhaltung und Modernisierung widerspiegeln. Auch wenn sich diese konkreten Punkte nicht auf die Bukarester Straße beziehen, illustrieren sie den kontinuierlichen Pflegeaufwand in einem großen Wohnungsbestand:
- Dacheindeckung und Klingeltableaus (z. B. Budapester Straße 37).
- Sanierung der Elektrotechnik (z. B. Rigaer Straße 4).
- Spülen von Warmwasser- und Zirkulationsleitungen zur Hygiene und Leistungserhaltung.
- Modernisierung von Aufzügen (Rigaer Straße 2 und 5).
- Erneuerung von Warmwasseraufbereitungsanlagen (Moskauer Straße).
- Brandschutzmaßnahmen (z. B. Brandschutzschottungen im Kellerbereich).
Diese Maßnahmen zeigen, dass Sanierung ein permanenter Prozess ist, der über die reine Energieeffizienz hinausgeht und auch Sicherheit, Komfort und technische Zuverlässigkeit umfasst.
Fazit
Die Sanierung der Bukarester Straße in Erfurt ist ein Musterbeispiel für die moderne Wohnungsbausanierung. Sie verbindet klassische Maßnahmen der Energieeffizienz – wie die Dämmung der Gebäudehülle – mit sozialen Aspekten (Barrierefreiheit durch Rollator-Boxen) und zukunftsweisender Technologieintegration (Balkonkraftwerke).
Die Projektdaten belegen, dass eine sorgfältige Bestandsaufnahme und die Einbindung von Teilsanierungen (Fassade 2001) entscheidend für einen wirtschaftlichen und optisch ansprechenden Erfolg sind. Das Pilotprojekt mit den 40 Balkonkraftwerken liefert zudem wertvolle Erkenntnisse für die Branche: Während die technische Machbarkeit und die Ertragsprognosen bestätigt werden konnten, zeigt sich, dass der menschliche Faktor – die Anpassung des Verbrauchsverhaltens – eine ebenso große Herausforderung darstellt wie die technische Installation. Für Bauherren und Planer in der Wohnungswirtschaft bleibt die Bukarester Straße somit ein wichtiges Referenzobjekt, das aufzeigt, wie Altbauten energetisch aufgewertet und für die Energiezukunft fit gemacht werden können.