Die Sanierung und Erweiterung der Staats- und Stadtbibliothek Augsburg stellt ein herausragendes Beispiel für die denkmalgerechte Modernisierung und funktionale Erweiterung einer historischen Kultureinrichtung dar. Dieses Bauprojekt, das unter der Leitung des Staatlichen Bauamts Augsburg und nach Entwürfen des Architekturbüros Max Dudler realisiert wird, verbindet die Anforderungen des Denkmalschutzes mit modernsten Anforderungen an Lagerung, Forschung und Nutzerfreundlichkeit. Der folgende Artikel beleuchtet die technischen und planerischen Aspekte dieses Vorhabens, das als Vorbild für komplexe Renovierungsprojekte in der Immobilien- und Baubranche dienen kann.
Historischer Kontext und Bedeutung des Bestandsgebäudes
Die Staats- und Stadtbibliothek Augsburg ist eine der ältesten bestehenden öffentlichen Bibliotheken Deutschlands. Ihre Wurzeln reichen zurück auf das Jahr 1563, als die „Vereinigte Königliche Kreis und Stadtbibliothek“ gegründet wurde (Quelle 6). Seit 120 Jahren befindet sich die Sammlung in dem repräsentativen Gebäude in der Schaezlerstraße.
Das Bestandsgebäude ist ein denkmalgeschützter Neubarockbau aus dem Jahr 1893, entworfen von den Architekten Fritz Steinhäußer und Martin Dülfer (Quelle 1). Als state-of-the-art-Bauwerk des 19. Jahrhunderts repräsentiert es einen Baustil, der damals für öffentliche Institutionen typisch war. Heute stellt dieses Bauwerk jedoch spezifische Herausforderungen an die moderne Nutzung: Die historischen Raumstrukturen entsprechen nicht mehr den aktuellen Anforderungen an Barrierefreiheit, Energieeffizienz und die klimatische Lagerung von wertvollen Buchbeständen.
Die Bedeutung der Bibliothek als state-of-the-art-Regionalbibliothek und Archiv- und Forschungsbibliothek für Bayerisch-Schwaben unterstreicht die Notwendigkeit des Ausbaus. Die Bestände der Frühen Neuzeit erfordern eine angemessene Präsentation und Unterbringung, die im historischen Bau allein nicht mehr gewährleistet werden konnte (Quelle 1).
Die Verstaatlichung als Finanzierungsgrundlage
Ein entscheidender Wendepunkt für die Realisierung des Sanierungsvorhabens war die Verstaatlichung der Bibliothek im Dezember 2012 (Quelle 6). Zuvor war die Einrichtung fast ausschließlich städtisch finanziert. Da die Stadt Augsburg jedoch den laufenden Unterhalt und die dringend notwendigen Investitionen nicht mehr leisten konnte, ging die Trägerschaft auf den Freistaat Bayern über.
Diese Übernahme war Voraussetzung für die Planungen zur Sanierung und Erweiterung. Der Freistaat Bayern sichert nun die Finanzierung, um die wertvollen Altbestände sachgerecht aufzubewahren und Raum für Zuwachs und ausgelagerte Bestände zu schaffen. Auch der Name der Bibliothek, der den Mischcharakter aus staatlichem und städtischem Eigentum widerspiegelt, bleibt erhalten (Quelle 6).
Das Wettbewerbsverfahren und die Architektur
Die Planung des Projekts erfolgte im Rahmen eines Architekturwettbewerbs, der den Regeln der Verdingungsordnung für Freiberufliche Leistungen (VOF) unterlag und den Regeln der RPW 2013 (Richtlinien für die Vergabe öffentlicher Aufträge) folgte (Quelle 3). Ziel war die Schaffung einer zeitgemäßen und nutzerfreundlichen Forschungsbibliothek mit städtebaulicher Einbindung und einer neuen Adressbildung im Zentrum von Augsburg.
Im Jahr 2016 ging das Architekturbüro Max Dudler (mit Niederlassungen in Berlin, Frankfurt und Zürich) als Sieger aus diesem Wettbewerb hervor (Quelle 2, 4). Die Planung und Entwicklung des Projekts erfolgt unter der fachlichen und technischen Leitung des Staatlichen Bauamts Augsburg (Quelle 1).
Das architektonische Konzept von Max Dudler sieht einen rechteckigen Baukörper vor, der dem Bestandsbau gegenübergestellt wird (Quelle 4). Dieser Neubau ist ein sechsstöckiger Erweiterungsbau (Quelle 2). Die Herausforderung besteht darin, einen modernen, funktionalen Bau in das historische Umfeld zu integrieren, ohne den Denkmalcharakter zu beeinträchtigen.
Technische Anforderungen und Raumnutzung
Das Kernproblem bei der Sanierung historischer Bibliotheksgebäude ist die Erfüllung moderner klimatischer und technischer Anforderungen. Die Anforderungen an das Projekt sind detailliert in der Leistungsbeschreibung festgehalten (Quelle 3).
1. Magazinbereiche und Klimakonzept
Die sachgerechte Lagerung historischer Bestände erfordert klimatisierte Magazinflächen (Quelle 2). In der Leistungsbeschreibung wird ein besonderer Fokus auf die Erhaltung der Buchbestände gelegt. Es soll ein konstantes Raumklima in den Magazinen durch weitgehend passive bauliche und geringstmögliche anlagentechnische Maßnahmen entwickelt werden (Quelle 3).
Dies ist ein technisch anspruchsvolles Ziel, da passive Maßnahmen (z. B. spezielle Dämmung, Klimahüllen) oft weniger energieintensiv sind als active technische Systeme, aber eine hohe bauphysikalische Präzision erfordern.
Der Neubau erhält zwei Untergeschosse mit Magazinflächen für rund 700.000 Bände und einem Tresorbereich (Quelle 4). Die Gesamtfläche der Magazinbereiche beträgt ca. 3.521 m² (Quelle 3). Diese Dimensionen unterstreichen die Notwendigkeit einer tiefen Baugrube.
2. Nutzerbereiche und Barrierefreiheit
Für den Forschungsbetrieb sind moderne Einrichtungen geplant: * Ein moderner Lesesaal mit umfangreichem Präsenzbestand (Quelle 4). * Forschungsflächen, Veranstaltungs- und Aufenthaltsbereiche (Quelle 2). * Ein Ausstellungskonzept, das die wertvollen Bestände präsentiert (Quelle 1). Im Altbau wird ein Ausstellungsraum mit neuester Sicherheits- und Klimatechnik geplant (Quelle 4). * Büroflächen und technische Dienste (Quelle 3).
Ein zentrales Ziel der Modernisierung ist die Barrierefreiheit. Alle Bereiche müssen so gestaltet sein, dass sie für alle Nutzergruppen zugänglich sind (Quelle 2). Gleichzeitig wird Wert auf energetische Optimierung gelegt (Quelle 2).
3. Flächenausstattung
Die Gesamtnutzfläche (NF) von Bestand und Neubau beträgt ca. 4.700 m². Die Aufschlüsselung zeigt die funktionale Gewichtung (Quelle 3):
| Bereich | Fläche (ca.) |
|---|---|
| Magazinbereiche | 3.521 m² |
| Lese- und Arbeitsbereich | 389 m² |
| Büroflächen | 316 m² |
| Veranstaltungs-/Kommunikationsbereich | 210 m² |
| Technische Dienste | 140 m² |
| Gebäudebetrieb | 82 m² |
| Ausleih- und Informationsbereich | 49 m² |
| Eingangsbereich/Foyer | 30 m² |
Die Dominanz der Magazinflächen unterstreicht die Funktion als Archivbibliothek, während die Arbeits- und Veranstaltungsflächen den Charakter als Begegnungsort stärken sollen (Quelle 4).
Bauphysikalische und logistische Herausforderungen
Die Realisierung des Projekts bei laufendem (Teil-)Betrieb war eine der ursprünglichen Anforderungen (Quelle 3). Logistisch wurde dies gelöst, indem die Bibliothek vor Beginn der Sanierungsarbeiten am historischen Gebäude in einen Interimsstandort in der Schillstraße 94 umgezogen ist (Quelle 5, 6). Erst nach dieser Auslagerung der Bücherbestände konnten die Sanierungsarbeiten im Denkmalgebäude beginnen (Quelle 5).
Tiefbau und Baugrube
Für den Erweiterungsbau ist eine imposante Baugrube notwendig. Da zwei Untergeschosse untergebracht werden müssen, erreicht die Baugrube eine Tiefe von mehr als zwölf Metern (Quelle 5). Ziel ist es, die Versiegelung auf dem engen Grundstück so knapp wie nötig zu halten, um den Platz für die Buchbestände zu maximieren.
Der Tiefbau startete im Jahr 2023. Da die Innenstadtlage (Kreuzung Schaezler- und Prinzregentenstraße) und benachbarte Baumaßnahmen (Staatstheater, Maria-Theresia-Gymnasium) bereits erhebliche Funde aus verschiedenen Epochen zutage gefördert haben, begleiten Archäologen der Bodendenkmalpflege und der Stadtarchäologie die Tiefbauarbeiten (Quelle 5). Die Grabungen erfolgen in Etappen, um bei Funden reagieren zu können. Zunächst wurde der alte Lesesaal und die alte Stadtbücherei abgebrochen (Quelle 5).
Statik und Denkmalschutz
Die Integration eines neuen Baukörpers in unmittelbarer Nähe zum historischen Gebäude erfordert präzise statische Berechnungen. Der Neubau wird dem Bestandsbau gegenübergestellt (Quelle 4). Die Herausforderung liegt in der Sicherung der Bausubstanz des Denkmals während der Bauphase und in der schadstofffreien Sanierung.
Die Sanierung des Baudenkmals umfasst die gesamte Hülle und die technische Infrastruktur. Ziel ist es, den energetischen Standard zu verbessern, ohne die historische Fassade zu verlieren. Die Sanierung des Altbau ist zwingend notwendig, um die wertvollen Buchbestände langfristig zu erhalten (Quelle 6).
Projektmanagement und Zeitplan
Das Projektmanagement obliegt dem Staatlichen Bauamt Augsburg. Der gesamte Bauprozess ist in Phasen unterteilt:
- Vorbereitende Maßnahmen: Begannen 2022 (Quelle 2).
- Archäologische Untersuchungen und Aushub: Ab 2023 (Quelle 4, 5).
- Rohbau Untergeschosse: Beginn Frühjahr 2024 (Quelle 5).
- Rohbau Obergeschosse und Sanierung Altbau: Nach Fertigstellung des Tiefbaus.
- Fertigstellung: Geplant ist das Jahr 2027 (Quelle 2, 4, 6).
Der Zeitplan ist ambitioniert, liegt aber nach aktuellen Stand im Zeitplan (Quelle 4). Im Frühjahr 2027 soll nach der Rückkehr der Bibliothek vom Interimsstandort der Betrieb im übergebenen Neu- und Altbau wiederaufgenommen werden (Quelle 2).
Kosten und Finanzierung
Die finanzielle Dimension des Projekts unterstreicht den Wert, den der Freistaat Bayern in die kulturelle Infrastruktur legt. Für das Bauprojekt inklusive der Neuanlage der Freiflächen wurden 62,5 Millionen Euro genehmigt (Quelle 4). In anderen Quellen wird auch von einer Investitionssumme von rund 63 Millionen Euro gesprochen (Quelle 4).
Diese Summe deckt: * Die Sanierung des denkmalgeschützten Altbaus. * Den Neubau des sechsstöckigen Erweiterungsbaus. * Die notwendigen Tiefbauarbeiten und archäologischen Begleitungen. * Die technische Ausstattung (Klima, Sicherheit). * Die Außenanlagen.
Bedeutung für die Region und die Stadtgesellschaft
Das Projekt wird nicht nur als reiner Bauprozess, sondern als Aufwertung der gesamten Region verstanden. Durch die Sanierung und Erweiterung soll die Sichtbarkeit der Bibliothek als Regional- und Forschungsbibliothek für Augsburg und Bayerisch-Schwaben gefördert werden (Quelle 1).
Die politische und wissenschaftliche Führung betont, dass hier ein „schwäbisches Gedächtnis 2.0“ entsteht (Quelle 4). Der Minister für Wissenschaft und Kunst, Markus Blume, betonte die Schaffung zukunftsfester Perspektiven, Barrierefreiheit und neue Forschungsräume. Die Bibliothek wandelt sich von einem traditionsreichen Kulturort zu einem schwäbischen Begegnungsort und innovativen Forschungshort (Quelle 4).
Für die städtebauliche Entwicklung Augsburgs ist die Schaffung einer neuen Adressbildung im Zentrum relevant. Das Projekt verändert das Stadtbild an der Schaezlerstraße nachhaltig und schafft eine neue architektonische Qualität.
Zusammenfassung der Bauphysik und Materialwissenschaft
Aus fachlicher Sicht sind für dieses Projekt folgende Aspekte besonders relevant:
- Passivklimatisierung: Die Anforderung, ein konstantes Raumklima durch passive bauliche Maßnahmen zu erreichen (Quelle 3), ist ein hohes Ziel. Dies erfordert hochwertige Dämmstoffe, luftdichte Bauausführung und eventuell Nutzung von thermischen Massen (z. B. Betonkernaktivierung im Neubau), um Temperaturschwankungen zu glätten.
- Schallschutz: In einem Forschungs- und Lesesaal ist hoher Schallschutz erforderlich. Die Trennung zwischen den lauten Magazinbereichen (Logistik) und den leisen Lesebereichen muss architektonisch und technisch gelöst werden.
- Sicherheitstechnik: Der Ausstellungsraum im Altbau benötigt neueste Sicherheits- und Klimatechnik (Quelle 4). Dies umfasst Brandmeldeanlagen, Diebstahlsicherung und präzise Klimasteuerung.
- Nachhaltigkeit: Obwohl nicht explizit als „Ökobau“ bezeichnet, implizieren die Begriffe „energetische Optimierung“ und „passive Maßnahmen“ eine nachhaltige Bauweise. Die Wiedernutzung des bestehenden Gebäudekörpers (Kernsanierung) ist per se eine ressourcenschonende Maßnahme gegenüber einem kompletten Abriss und Neubau.
Fazit
Die Sanierung und Erweiterung der Staats- und Stadtbibliothek Augsburg ist ein Musterbeispiel für den Umgang mit historischer Bausubstanz im 21. Jahrhundert. Das Projekt zeigt, wie durch kluges Projektmanagement, architektonische Qualität (Max Dudler) und die Bereitschaft zur hohen finanziellen Investition (Freistaat Bayern) kulturelles Erbe erhalten und für die Zukunft fit gemacht werden kann.
Für die Bauindustrie bietet das Vorhaben wertvolle Erkenntnisse zur Planung unter Denkmalschutz, zur Ausführung von Tiefbauarbeiten in sensiblen Innenstadtlagen und zur Umsetzung komplexer Anforderungen an die Klima- und Sicherheitstechnik in Bibliotheksbauten. Die Fertigstellung im Jahr 2027 wird eine neue Ära für die Forschung und Kultur in Augsburg einläuten.