Einleitung
Die Universitätsbibliothek Bochum (UB) befindet sich derzeit in einem tiefgreifenden Transformationsprozess, der sowohl eine dringend notwendige Sanierung bestehender Bausubstanz als auch einen vollständigen Neubau umfasst. Dieses Bauprojekt ist Teil einer umfassenden Campussanierung an der Ruhr-Universität Bochum (RUB) und zielt darauf ab, den zentralen Lern- und Begegnungsort des Campus an die Anforderungen moderner Hochschullandschaften anzupassen. Die Maßnahmen reichen von der Entfernung asbesthaltiger Materialien über energetische Sanierungen bis hin zum Abriss des alten Bibliotheksbaus und der Errichtung eines hochmodernen, energieeffizienten Neubaus. Dieser Artikel beleuchtet die technischen, logistischen und gestalterischen Aspekte dieses Projekts, basierend auf den vorliegenden Informationen.
Der Ist-Zustand: Sanierungsbedarf und Asbestsanierung
Die Notwendigkeit für umfangreiche Sanierungsmaßnahmen in der bestehenden Universitätsbibliothek ergibt sich aus akuten Gefahrenquellen und energetischer Ineffizienz.
Asbest in Dehnungsfugen
Eine der dringendsten Maßnahmen ist die Sanierung asbesthaltiger Brandschnüre, die sich in den Dehnungsfugen des Gebäudes befinden. Ab Herbst 2024 starten die Arbeiten zur Entfernung dieser gefährlichen Materialien. Parallel dazu werden Brandschutzklappen und einige Fensterfronten erneuert. Diese Sanierung ist mit erheblichen Einschränkungen verbunden, darunter Sperrungen von Bereichen auf Ebene 0 (vor dem DH Space/vor den blauen Aufzügen) ab dem 9. August 2024 für die Einrichtung von Baustromverteilern. Die Gesamtmaßnahme wird voraussichtlich mindestens zwei Jahre dauern und ist mit Lärmbelästigung sowie Einschränkungen der Nutzung einhergehend.
Energetische und funktionale Defizite
Neben der Asbestsanierung weist das alte Gebäude gravierende energetische Mängel auf. Eine Ertüchtigung des Bestands wurde als unwirtschaftlich bewertet. Funktional war das alte Gebäude zudem stark eingeschränkt: Die spezialangefertigte Regalanlage von 1976 diente tragenden Zwecken, was eine Umstrukturierung der Räumlichkeiten praktisch unmöglich machte. Da im Zuge des digitalen Wandels die Bedeutung physischer Buchbestände sinkt und die Funktion als Lern- und Begegnungsort zunimmt, ist eine zentrale Lage auf dem Campus essentiell geworden, die der alte Bau nicht mehr adäquat abdecken kann.
Logistik und Rückbau: Der Abriss des Alten
Da eine Sanierung des Bestands unwirtschaftlich ist, wird der Entschluss gefasst, einen Neubau am selben zentralen Standort zu errichten. Der Rückbau des alten Gebäudes folgt dabei modernsten ökologischen und logistischen Standards.
Nachhaltiger Rückbau und Recycling
Seit Winter 2024 wird die Fassade der alten Zentralbibliothek abschnittsweise von außen abgetragen. Dieser Prozess wird als „Abnagen“ beschrieben, um eine sortenreine Trennung der Materialien zu gewährleisten. Ein zentrales Element ist die Erstellung eines Materialkatasters, das die Wiederverwertung bestimmter Baustoffe sicherstellen soll. Das Metall der tragenden Regale wird dem Recycling zugeführt, während andere Regale zuvor ausgebaut und in der Sebrathweg-Bibliothek weitergenutzt werden.
Minimierung von Lärm und Staub
Besondere Aufmerksamkeit gilt der Reduzierung von Umweltbelastungen während des Abrisses. Das Abbruchgut wird gewässert und in größeren Stücken zur Zerkleinerung abtransportiert, um Staubentwicklung zu minimieren. Zusätzlich werden Maßnahmen ergriffen, um Lärm auf ein Minimum zu reduzieren.
Verkehrsumleitungen
Die Bauarbeiten erfordern erhebliche Anpassungen im Campusverkehr. Die Bushaltestelle in Fahrtrichtung Emil-Figge-Straße wird vor das Unicenter verlegt, und der Zugang von der S-Bahn-Haltestelle auf den Campus wird nördlich und südlich umgeleitet.
Der Neubau: Architektur und Funktionalität
Der Neubau der Universitätsbibliothek Bochum ist als quadratischer, neungeschossiger Bau konzipiert, der eine Nutzungsfläche von ca. 13.000 bis 15.000 m² umfasst. Er soll ein zentraler Lern- und Begegnungsort auf dem Campus werden.
Raumprogramm und Ausstattung
Das Gebäude integriert alle heutigen Standorte der Universitätsbibliothek. Das Raumprogramm umfasst: * Lernplätze: Ca. 1.500 Lernplätze, die individuelles und kollaboratives Lernen unterstützen. * Buchbestände: Raum für bis zu 1 Million Bücher, wobei die Flächen flexibel gestaltet sind, um bei sinkenden Printbeständen umgewandelt werden zu können. * Service & Gastronomie: Ein zentraler Servicepunkt für Studierende und Gäste, eine Cafeteria und die Uni-Buchhandlung. * Verwaltung: In den oberen Etagen werden Verwaltungsbüros untergebracht. * Veranstaltungen: Im Untergeschoss entsteht ein großer Seminar- und Veranstaltungsraum, der auch für Sitzungen des Senats der TU Dortmund genutzt werden kann.
Erschließung
Das Gebäude wird über zwei Hauptzugänge erschlossen: Einer direkt auf Höhe der Mensabrücke und ein weiterer auf Höhe der S-Bahn-Aufgänge. Die Geschosshöhen und Fensterfronten sind so konstruiert, dass eine optimale Tageslichtnutzung gewährleistet ist.
Energieeffizienz und Nachhaltigkeit
Der Neubau ist konsequent auf Nachhaltigkeit und Energieeffizienz ausgelegt.
Effizienzgebäude 40
Das Gebäude wird als Effizienzgebäude 40 konzipiert. Das bedeutet, dass der Betrieb nur 40 Prozent des gesetzlich definierten Energiestandards verbraucht. Damit erfüllt es die Klimaschutzziele des Landes Nordrhein-Westfalen.
Energieversorgung
Die Beheizung erfolgt unter anderem durch eine Wärmepumpe, die mit Strom aus einer Photovoltaikanlage betrieben wird. Zusätzlich wird Geothermie genutzt. Diese Kombination erneuerbarer Energien soll eine weitgehend autarke und emissionsarme Energieversorgung sicherstellen.
Ökologische Baumpflanzungen
Im Rahmen des Neubaus werden viele der bestehenden Bäume erhalten. Zusätzlich werden umfangreiche Ersatzpflanzungen vorgenommen, darunter spezielle Klimabäume, die zur Verbesserung des Mikroklimas auf dem Campus beitragen sollen.
Kunst und Gestaltung: Die Neonleuchtbuchstaben
Ein markantes gestalterisches Element ist die Kunstinstallation von Mischa Kuball. Neonleuchtbuchstaben, die das Wort „UNIVERSITÄTSBIBLIOTHEKBOCHUM“ in Spiegelschrift bilden, zieren den oberen Betonplattenabschluss an der Nordseite des Gebäudes (Maße: 65 m Breite, 1 m Höhe).
Diese Installation hat eine doppelte Bedeutung: 1. Ästhetik: Sie betont die horizontale Gliederung des Bauwerks und spielt mit der Wahrnehmung durch die spiegelverkehrte Schrift. 2. Historischer Bezug: Die Spiegelschrift ist eine Anspielung auf die ursprüngliche Planung, bei der der Eingang auf der Südseite vorgesehen war. Aufgrund des Bezugs der Kunstsammlung auf die Nordseite wurde der Eingang versetzt. Die Kunst thematisiert also diese „spiegelverkehrte“ Versetzung des Eingangs.
Städtebauliche Einbindung und Landschaftsarchitektur
Das Projekt ist nicht isoliert zu betrachten, sondern eingebettet in eine übergeordnete städtebauliche Strategie.
Die Nord-Süd-Querverbindung
Die Planung durch Studio Vulkan und Hosoya Schäfer sieht die Bibliothek als zentrales Element der Nord-Süd-Querverbindung vom Uni-Center zum Mittelforum. Diese Achse bündelt zentrale Nutzungen wie Bibliothek, Audimax, Verwaltung und Gewerbe. Ziel ist es, eine attraktive Raumabfolge zu schaffen, die neue Aufenthaltsräume bildet.
Öffnung des Ankunftsortes
Besonders hervorzuheben ist die Neustrukturierung des Uni-Centers und seiner Umgebung. Die heute stark verbaute Situation an der Dr.-Gerhard-Petschelt-Brücke wird über einen Platzraum geöffnet. Dies soll den Ankunftsort auf dem Campus deutlich aufwerten und eine bessere Verbindung zwischen den Bereichen herstellen.
Fazit
Der Umbau der Universitätsbibliothek Bochum ist ein umfassendes Modernisierungsprojekt, das weit über einen reinen Gebäudeaustausch hinausgeht. Es verbindet die dringend notwendige Entfernung von Gesundheitsgefahren (Asbest) mit der Schaffung einer zukunftsfähigen, energieeffizienten und multifunktionalen Bildungseinrichtung. Durch die konsequente Nutzung erneuerbarer Energien, den nachhaltigen Rückbau und die Integration in eine neu gestaltete Campuslandschaft setzt die RUB Maßstäbe in der nachhaltigen Hochschulentwicklung. Für Bauinteressierte zeigt das Projekt exemplarisch, wie komplexe Sanierungs- und Neubauprozesse unter strengen ökologischen und funktionalen Vorgaben erfolgreich umgesetzt werden können.