Die Sanierung der Universität Siegen: Ein Pilotprojekt für den Umgang mit Bauten der 70er-Jahre

Die Sanierung von Hochschulgebäuden aus den 1970er-Jahren stellt Bauherren, Planer und die öffentliche Hand vor enorme Herausforderungen. Mit einem Investitionsvolumen von 113,7 Millionen Euro und einer Fläche, die einer Großbaustelle von 100 bis 150 Einfamilienhäusern entspricht, steht der Umbau der Universität Siegen exemplarisch für die notwendige Konsolidierung von Hochschulbauten dieser Ära. Der Campus am Haardter Berg wurde über drei Jahre hinweg saniert, wobei der Betrieb aufrechterhalten werden musste. Dieser Artikel beleuchtet die technischen, organisatorischen und finanziellen Aspekte dieses Pilotprojekts und zieht Rückschlüsse auf die Sanierung von Immobilienbeständen dieser Bauära.

Der Sanierungsbedarf von Hochschulbauten der 70er-Jahre

Viele Universitäten in Deutschland wurden in den 1970er-Jahren gegründet, um das Ziel einer höheren Bildung auch für Nicht-Akademiker-Kinder zugänglich zu machen. Die Gebäude dieser Zeit sind nun etwa 50 Jahre alt und weisen einen erheblichen Sanierungsstau auf. Die Universität Siegen ist hierbei kein Einzelfall, sondern repräsentativ für den Zustand vieler „Retorten-Unis“ dieser Zeit.

Die Sanierung der Gebäude am Campus Adolf-Reichwein-Straße wurde durch das Hochschulbau-Konsolidierungsprogramm des Landes Nordrhein-Westfalen (NRW) finanziert. Der Bau- und Liegenschaftsbetrieb (BLB) NRW fungierte als Bauherr und Steuerer des Projekts. Eine der größten Herausforderungen war, dass die Gebäude während der Sanierung vollständig genutzt werden mussten. Der BLB musste 34.000 Quadratmeter Brutto-Grundfläche bei laufendem Betrieb sanieren. Dies erforderte nicht nur finanzielle Mittel, sondern auch organisatorisches Geschick.

Umfang und Logistik der Baumaßnahmen

Die Sanierung umfasste die Universitätsbibliothek, die Mensa und zwei Gebäudeteile (AR-H und AR-K) am Haardter Berg. Die Baustelle erstreckte sich über eine Fläche, die mit 100 bis 150 Einfamilienhäusern vergleichbar ist. Trotz dieser gigantischen Ausmaße und des Einsatzes von Baumaschinen, Baggern und Kränen seit Oktober 2017 lief der Universitätsbetrieb dort weiter.

Ein zentrales Element der Sanierung war die sogenannte Entkernung. Die Räume wurden bis auf das Betonskelett zurückgebaut. Dieser radikale Ansatz ermöglichte eine vollständige Erneuerung der Haustechnik und der Innenräume. Das Erscheinungsbild der Gebäude veränderte sich tiefgreifend. Der sogenannte K-Turm, der jahrzehntelang durch seine blaue Fassade auffiel, wurde komplett erneuert und präsentiert sich nun in einem markanten, hellen Profil.

Technische Aspekte der Sanierung

Brandschutz und Ingenieurplanung

Ein wesentlicher Bestandteil der Sanierung war die brandschutztechnische Planung. Die Firma BRENDEBACH INGENIEURE unterstützte das Projekt durch die Erstellung von Brandschutzkonzepten und die Begleitung während der Ausführungsphase. Da die Gebäude bis auf das Skelett entkernt wurden, bot sich die Möglichkeit, modernste Brandschutzstandards zu implementieren, die den aktuellen Anforderungen an Hochschulgebäude entsprechen.

Gebäudehülle und Statik

Obwohl die Quellenlage zur statischen Sicherung der Gebäudehülle begrenzt ist, impliziert die vollständige Erneuerung der Fassade (wie beim K-Turm) und die Entkernung eine Überprüfung und ggf. Verstärkung der tragenden Strukturen. Gebäude aus den 70er-Jahren bestehen oft aus Stahlbetonskeletten, die im Zuge einer solchen Kernsanierung auf ihre Tragfähigkeit und Korrosion geprüft werden müssen.

Haustechnik und Energieeffizienz

Die tiefgreifenden Veränderungen betrafen vor allem die Haustechnik. Um die Gebäude zukunftsfähig zu machen, wurden die technischen Anlagen vollständig erneuert. Dies umfasst: * Energieeffizienz: Durch die Sanierung wird der Energieverbrauch der Gebäude massiv gesenkt, was für den Klimaschutz und die Betriebskosten entscheidend ist. * Digitale Infrastruktur: Die Gebäude wurden mit moderner digitaler Technik ausgestattet, um den Anforderungen der Lehre gerecht zu werden. * Klimatisierung und Lüftung: Moderne Systeme sorgen für ein besseres Raumklima.

Innenraumgestaltung und Lernumgebung

Das Ziel der Sanierung war es, zukunftsfähige Lernorte zu schaffen, die didaktischen Formaten wie hybrider Lehre und Gruppenarbeit gerecht werden. Die Universität Siegen setzte auf eine Verbesserung der Lern- und Lehrqualität durch moderne Ausstattung.

Akustik und Beleuchtung

Besonderer Wert wurde auf die Verbesserung der Raumakustik und Beleuchtung gelegt. In den sanierten Bereichen, darunter die „Bunten Hörsäle“ und die Aula, wurden moderne, flexible Raumkonzepte umgesetzt. Die Verbesserung der Akustik ist in Altbauten der 70er-Jahre oft dringend notwendig, um die Verständlichkeit in Hörsälen zu gewährleisten.

Materialien und Gestaltung

Die Renovierung umfasste neue Böden, Decken, Vorhänge und Wandanstriche. Die Gestaltung zielt darauf ab, eine „Wohlfühlumgebung“ für Studierende und Lehrende zu schaffen. Ein einheitlicher Standard für technische Ausstattung und Raumgestaltung wurde über alle Liegenschaften angestrebt.

Finanzielle Rahmenbedingungen

Das Projekt hat ein Gesamtvolumen von 113,7 Millionen Euro. Diese Summe spiegelt den Aufwand wider, der notwendig ist, um Gebäude, die über Jahrzehnte vernachlässigt wurden, auf einen modernen Standard zu bringen. Die Finanzierung erfolgte durch Mittel des Hochschulbau-Konsolidierungsprogramms des Landes NRW. Dies zeigt die Bedeutung staatlicher Investitionen in die Infrastruktur, um den Wissenschaftsstandort zu sichern.

Ausblick: Der Campus Paul-Bonatz-Straße

Während der AR-Campus saniert wurde, stellt sich die Situation am Campus Paul-Bonatz-Straße anders dar. Ursprünglich war geplant, diesen Standort durch Neubauten am „Science Campus“ am Haardter Berg zu ersetzen. Da das Land NRW jedoch finanziell eingeschränkt ist („klamm“), und am Science Campus außer dem Projekt „INCYTE“ wenig voranschreitet, muss die Universität Siegen den Campus Paul-Bonatz-Straße noch Jahrzehnte betreiben.

Hier droht nun eine „Notsanierung“ für die nächsten 20 bis 25 Jahre. Dieses Szenario verdeutlicht die Schwierigkeiten, mit denen viele Hochschulen konfrontiert sind: Der Wunsch nach Neubauten kollidiert mit finanziellen Realitäten, sodass oft nur eine kurz- bis mittelfristige Instandsetzung alter Substanz bleibt.

Bedeutung für die Bauwirtschaft

Der Umbau der Uni Siegen ist ein Pilotprojekt. Die hier gesammelten Erfahrungen bezüglich der Entkernung bei laufendem Betrieb, der Implementierung moderner Brandschutzkonzepte und der energetischen Sanierung von Stahlbetongebäuden sind wertvoll für die Sanierung anderer Hochschulstandorte in NRW und darüber hinaus. Planer und Bauherren können auf einen Erfahrungsschatz zurückgreifen, der sich auf vergleichbare Gebäude übertragen lässt.

Fazit

Die Sanierung der Universität Siegen ist ein eindrucksvolles Beispiel für die Revitalisierung von Bauten der 1970er-Jahre. Mit einem Volumen von 113,7 Millionen Euro und einer Entkernung auf 34.000 Quadratmetern wurde ein Standard gesetzt. Das Projekt zeigt, dass durch radikale Sanierung (Rückbau auf das Skelett) und Investitionen in Haustechnik und Innenraumgestaltung moderne, digitale und energieeffiziente Lernorte entstehen können. Gleichzeitig verdeucht der Fall des Campus Paul-Bonatz-Straße die anhaltende Notwendigkeit und die finanziellen Hürden der Sanierung von Hochschulgebäuden in Deutschland. Die gesammelten Erfahrungen sind ein wertvolles Kapitel für die Bauwirtschaft im Bereich der Bestandssanierung.

Quellen

  1. Brendebach - Umbau der Universität Siegen
  2. Uni Siegen - Neue Räume 2026
  3. Mittelhessen - Sanierung Campus Uni Siegen
  4. Uni Siegen - Aktuelles Bau
  5. Südwestfalen Mag - Sanierung Campus Uni Siegen
  6. Siegener Zeitung - Campus Paul Bonatz Sanierung

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