Sanierung der Unité d'Habitation: Erhalt eines architektonischen Meisterwerks zwischen Denkmalschutz und moderner Bausubstanz

Die Sanierung von Gebäuden, die nicht nur architektonische, sondern auch historische Meilensteine darstellen, stellt die Bauindustrie vor besondere Herausforderungen. Ein herausragendes Beispiel für diese Komplexität ist die „Unité d'Habitation“, ein Konzept, das von dem Visionär Le Corbusier entwickelt wurde. Diese Wohnblocks, die als „Wohnmaschinen“ konzipiert sind, stehen heute im Fokus umfangreicher Renovierungsmaßnahmen, um ihre Substanz zu erhalten und gleichzeitig die Anforderungen an modernes Wohnen zu erfüllen. Dieser Artikel beleuchtet die Sanierungsarbeiten an den prominentesten Vertretern dieser Bauweise in Berlin und Marseille, basierend auf verfügbaren Fachinformationen.

Die architektonische Bedeutung der Unité d'Habitation

Die Unité d'Habitation, entworfen vom französischen Stararchitekten Le Corbusier, ist ein Konzept des sozialen Wohnungsbaus, das in der Nachkriegszeit entstand. Es zielte darauf ab, die Wohnungsnot zu mindern und gleichzeitig eine vertikale Gemeinschaft zu schaffen.

Das Konzept der „Wohnmaschine“

Das Grundprinzip der Unité d'Habitation basiert auf serieller Vorfertigung und der sogenannten „Stapelung“. Die Gebäude bestehen aus einem vorgefertigten Stahlbetonskelett, in das standardisierte Wohnzellen unterschiedlichen Typs eingebaut werden. Dieses Prinzip, das Le Corbusier als „Flaschenregal“ bezeichnete, ermöglichte eine schnelle Errichtung. Die Berliner Einheit wurde beispielsweise in einer Rekordzeit von nur 18 Monaten fertiggestellt, um den dringenden Wohnbedarf nach dem Zweiten Weltkrieg zu decken (Source [6]).

Die Wohnungen sind in der Regel über zwei Ebenen angelegt, mit einem offenen Wohnzimmer als Familienmittelpunkt und Schlafzimmern in der oberen Etage. Eine Besonderheit ist die Loggia, die gleichzeitig als Balkon und als Sonnenschutz (Brise-Soleil) für die darunterliegende Wohnung dient (Source [5]). Die Erschließung erfolgt über innenliegende Gänge, die sogenannten „Rues Intérieures“, in denen sich auch öffentliche Einrichtungen wie Post, Kindergarten oder Friseure befanden (Source [6]).

Unterschiede zwischen den Einheiten

Obwohl das Grundkonzept identisch ist, gibt es bei den realisierten Bauten Unterschiede. Während die Unité in Marseille (1952) als das Ursprungsmodell gilt und den Brutalismus begründete (Source [5]), entstand die Berliner Variante (1956–1958) im Rahmen der Interbau 1957. Sie ist die einzige der fünf existierenden Unités, die eine geometrische Farbgestaltung der Loggien aufweist. Zudem sind die für Corbusier typischen Stützen in Berlin nicht skulptural, sondern als einfache Scheiben ausgeführt. Ein Jahr nach Fertigstellung distanzierte sich Le Corbusier vom Berliner Bau und strich ihn aus seinem Lebenswerk (Source [4]).

Die Sanierung der Berliner Unité d'Habitation

Das Corbusierhaus in Berlin-Westend ist ein denkmalgeschütztes Gebäude, das dringend Sanierungsarbeiten erfordert. Seit März 2023 laufen umfangreiche Maßnahmen zur Instandsetzung der Westfassade.

Herausforderungen der Bausubstanz

Das Gebäude aus den Jahren 1956 bis 1958 ist eine Stahlbetonkonstruktion mit einer Höhe von 53 Metern und einer Länge von ca. 140 Metern. Es umfasst 530 Eigentumswohnungen auf 17 Geschossen (Source [1]). Durch die jahrzehntelange Nutzung haben die Bewohner deutliche Spuren hinterlassen. Ursprüngliche Linoleumbeläge wurden überdeckt, Badwände neu gefliest und bauzeitliche Fenster durch Kunststofffenster ersetzt. Diese Veränderungen führten dazu, dass die Wohnungen die Leichtigkeit des ursprünglichen Entwurfs verloren (Source [7]).

Ein besonderes Problem ist die Bausubstanz des Stahlbetons. Die Sanierung umfasst daher systematische Untersuchungen der Betonteile auf Fehl- und Hohlstellen. Darüber hinaus muss nicht mehr tragfähige Altbeschichtung abgetragen werden. Dies geschieht mittels Sandstrahlen, ein Verfahren, das Rücksicht auf die denkmalgeschützte Substanz verlangt (Source [1]).

Durchführung der Arbeiten

Die Sanierung erfolgt in enger Abstimmung mit der Denkmalschutzbehörde. Die Arbeiten sind in Lose (LOS) unterteilt: - LOS 1: Dieser Abschnitt der Westseite konnte im Mai 2024 fertiggestellt werden. - LOS 2: Für diesen Bereich wurde Ende 2023 der Zuschlag erteilt. Ziel ist es, bis voraussichtlich Ende des Jahres zwei Drittel der Balkonflächen auf der Westseite zu saniert und mit frischem Farbanstrich zu versehen (Source [1]).

Die Maßnahmen beschränken sich nicht nur auf Kosmetik. Sie umfassen den Abbruch und Neuaufbau des Balkonestrichs und die Instandsetzung des Betons. Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz (DSD) unterstützt diese Arbeiten finanziell mit 50.000 Euro (Source [4]).

Die Sanierung in Marseille: Das Original unter der Mittelmeer-Sonne

Während in Berlin die Westfassade saniert wird, dient die Unité in Marseille als Beispiel für eine umfassende Restaurierung, die bereits abgeschlossen ist. Das Gebäude gilt als Begründer des Brutalismus und ist ein geschütztes Monument.

Umfang und Kosten

Die Sanierung der Westfassade und der Dachterrasse in Marseille war ein aufwendiges Projekt. Die Bausumme betrug 5,5 Millionen Euro. Ziel war es, den sanierten Beton und die restaurierten, leuchtenden Farbflächen wieder unter der Mittelmeer-Sonne erstrahlen zu lassen (Source [2]). Architekt François Botton von Sud/Sud-Est Architectures war für die Planung verantwortlich.

Denkmalgerechte Farbgestaltung (Polychromie architecturale)

Ein zentraler Aspekt der Sanierung war die Wiederherstellung der originalen Farbgestaltung. Le Corbusier legte großen Wert auf Farbe; er entwickelte ein einzigartiges System, die „Polychromie architecturale“, mit 43 gedämpften Nuancen (1931) und 20 kräftig-dynamischen Tönen (1959). Dieses System basiert auf der Wiederholung weniger Grundtöne (Source [3]).

Bei der Renovierung in Marseille wurde streng im Sinne des Erbes von Le Corbusier gearbeitet. Es wurde die Wandfarbe polyChro©-interieur der Firma Keim in der Nuance „4320A rouge vermillon 59“ verwendet. Diese Farbe ist samtmatt und farbintensiv und verleiht den Wänden eine unvergleichliche Tiefe, die dem Original entspricht (Source [3]).

Erhalt der Details

Neben der Fassade wurden auch die Innenräume sorgfältig revitalisiert. Ziel war die Rückführung in den Originalzustand. Dazu gehörte: - Die Wiederherstellung des originalen dunkelgrünen DLW-Linoleumbodens. - Die Wiederherstellung der gradlinigen Möblierung. - Die Wiederaufbau der ursprünglichen Trennwand zwischen Wohnraum und Küche. - Die Renovierung der Le Corbusier-typischen Schiebefenster, die als Durchreiche dienen und für Belichtung sorgen. - Die Erhaltung historischer Details wie der Brötchenklappe im Hausflur und mechanischer Belüftungsvorrichtungen in Küche und Bad (Source [3]).

Technische Aspekte der Sanierung

Die Sanierung von Betonbauten aus der Mitte des 20. Jahrhunderts erfordert spezifische Techniken, um die Langlebigkeit der Struktur zu gewährleisten.

Betonsanierung und Beschichtung

Die Untersuchung auf Fehl- und Hohlstellen ist ein kritischer erster Schritt. Solche Schäden entstehen oft durch Korrosion des Stahlbetons oder Wassereintrag. Das Sandstrahlen zur Entfernung der Altbeschichtung ist ein aggressives Verfahren, das präzise gesteuert werden muss, um den darunterliegenden Beton nicht zu beschädigen. Ziel ist es, eine saubere Oberfläche zu schaffen, die für neue Beschichtungen oder Reparaturen vorbereitet ist (Source [1]).

Denkmalgerechte Materialien

Die Auswahl der Materialien wird stark durch den Denkmalschutz vorgegeben. In Marseille wurde beispielsweise auf spezielle Farben zurückgegriffen, die nicht nur optisch, sondern auch materiell dem Original nahekommen. Auch bei der Sanierung in Berlin sind die Arbeiten auf die Erhaltung der historischen Fassadenstruktur ausgerichtet. Die Verwendung von Sandstrahlen ist hier Teil des Prozesses, um die ursprüngliche Betonoberfläche freizulegen (Source [1]).

Zusammenfassung der Sanierungsstrategien

Die Sanierung der Unité d'Habitation zeigt einen klaren Fokus auf den Erhalt der Substanz und die Wiederherstellung des ursprünglichen architektonischen Zustands. Die folgende Tabelle fasst die Kernpunkte der Sanierungen in Berlin und Marseille zusammen:

Aspekt Berlin (Corbusierhaus) Marseille (Unité d'Habitation)
Fokus Westfassade, Balkone, Betonsubstanz Westfassade, Dachterrasse, Innenräume
Status Laufende Arbeiten (seit 2023) Abgeschlossen
Technik Sandstrahlen, Betonprüfung, Neuer Estrich Fassadensanierung, Farbrestaurierung
Denkmalschutz Enge Abstimmung, Förderung durch DSD Strenges Festhalten an Originalfarben (Polychromie)
Besonderheit Geometrische Farbgestaltung der Loggien Wiederherstellung der „Wohnmaschine“ im Originalzustand

Fazit

Die Sanierung der Unité d'Habitation in Berlin und Marseille ist ein Paradebeispiel für die Notwendigkeit, architektonisches Erbe zu erhalten und an moderne Anforderungen anzupassen. Während in Marseille die Restaurierung bereits abgeschlossen ist und das Gebäude in altem Glanz erstrahlt, befindet sich das Corbusierhaus in Berlin in einem fortgeschrittenen Stadium der Fassadensanierung.

Die Maßnahmen zeigen, dass Denkmalschutz und moderne Bausanierung Hand in Hand gehen können. Durch den Einsatz spezifischer Verfahren wie des Sandstrahlens und die Verwendung von hochwertigen, denkmalgerechten Materialien wird die Substanz der Betonbauten gesichert. Die Rückführung in den Originalzustand, sei es durch Farbgestaltung oder die Rekonstruktion von Inneneinbauten, bewahrt die architektonische Integrität dieser einzigartigen Wohnmaschinen für zukünftige Generationen. Für Eigentümer und Bauherren solcher Objekte unterstreicht dies die Bedeutung einer fachgerechten, denkmalgeschützten Instandsetzung, die weit über einen reinen Kosmetik-Eingriff hinausgeht.

Quellen

  1. Barg Beton - Fassadensanierung Corbusierhaus
  2. Arcguide - Sanierung der Westfassade Marseille
  3. Münchenarchitektur - Sanierung Unité d'Habitation
  4. Bauhandwerk - Sanierung Westfassade Berlin
  5. Le Corbusier World Heritage - Unité d'Habitation
  6. DBZ - Die Wohnmaschine refurbished
  7. RVA - Le Corbusier Reloaded

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