PCB-Sanierung und Kernmodernisierung: Die Sanierung des Gebäude 23.21 an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf als Fallstudie für die Bestandsaufwertung

Einleitung

Die Sanierung von Altbausubstanz aus den 1960er und 1970er Jahren stellt die Bauwirtschaft vor immense Herausforderungen, insbesondere wenn es sich um öffentliche Gebäude handelt, die über Jahrzehnte intensiv genutzt wurden. Ein exemplarisches Beispiel für eine solche Komplexsanierung ist die Kernmodernisierung des Gebäudekomplexes 23.21 an der Heinrich-Heine-Universität (HHU) in Düsseldorf. Dieser Bau, der Anfang der 1970er Jahre errichtet wurde, stand im Fokus einer umfassenden Renovierung, die nicht nur eine optische und energetische Aufwertung, sondern vor allem eine radikale Schadstoffsanierung erforderte.

Das Projekt verdeutlicht die Notwendigkeit, historische Bausubstanz zu erhalten und gleichzeitig moderne Anforderungen an Gesundheit, Energieeffizienz und Nutzungskomfort zu erfüllen. Für Bauherren, Immobilienverwalter und Handwerksbetriebe liefert die Sanierung an der HHU wertvolle Erkenntnisse über die Planung und Durchführung von Kernsanierungen im laufenden Betrieb, den Umgang mit polychlorierten Biphenylen (PCB) und die Bedeutung von Machbarkeitsstudien im Vorfeld von Großprojekten.

Die Ausgangslage: Bausubstanz der 70er Jahre und PCB-Belastung

Das Gebäude 23.21 auf dem Campus der HHU ist ein typischer Vertreter der Hochhausarchitektur der frühen 1970er Jahre. Es handelt sich um einen Bau in Stahlbetonfertigteilbauweise, der über sieben Geschosse verfügt. Die Nutzungsstruktur war vielfältig: Das Gebäude beherbergte Hörsäle, Seminarräume, Fachbibliotheken der Philosophischen Fakultät sowie Teilbereiche der Uni-Verwaltung. Mit einer Brutto-Grundfläche von ca. 21.850 m² und einer Nettonutzfläche von rund 15.490 m² stellt es einen bedeutenden Teil der universitären Infrastruktur dar.

Der zentrale Sanierungsgrund war jedoch eine massive Gesundheitsgefahr: Polychlorierte Biphenyle (PCB). Diese organischen Chlorverbindungen wurden in den 60er und 70er Jahren häufig in Bauprodukten eingesetzt, insbesondere in Fugenmassen, Dichtungen und Farben. Seit 1989 ist die Verwendung in Deutschland verboten, da PCB als gesundheitsschädlich und im Verdacht, krebserregend zu sein, gelten. Christian Oelke, Projektleiter für den Hochschulbau und Schadstoffexperte beim Bau- und Liegenschaftsbetrieb NRW (BLB NRW), merkte an, dass Gebäude aus dieser Ära häufig betroffen sind. Besonders problematisch am Gebäude 23.21 war die partiell sehr hohe PCB-Belastung. Das PCB aus Fugendichtmassen hatte sich auf Sekundärflächen abgesetzt – an Wänden, Böden und Decken – und diese selbst zu Schadstoffquellen gemacht. Regelmäßige Raumluftmessungen durch den BLB NRW hatten gezeigt, dass gesetzliche Grenzwerte überschritten wurden, was ein sofortiges Handeln erforderlich machte.

Entscheidungsfindung: Kernsanierung statt Abriss

Vor Beginn der Maßnahme stand die entscheidende Frage: Wie entfernt man Schadstoffe, die sich tief in die Bausubstanz eingenistet haben, ohne das Gebäude vollständig zu zerstören? Längere Zeit sah es so aus, als sei ein kompletter Abriss und Neubau der einzige Weg, die Schadstoffe gänzlich loszuwerden. Diese Radikallösung stieß jedoch im engen Gebäudeverbund auf dem Campus auf praktische Schwierigkeiten.

Eine Machbarkeitsstudie, die durch ein externes Büro durchgeführt wurde, eröffnete schließlich einen Kompromiss. Das Gutachten ergab, dass einer Kernsanierung der Vorzug zu geben sei. Diese wurde als Abriss oder Teilabriss und Wiederaufbau definiert. Die Analyse zeigte, dass eine Kernsanierung sowohl im Kosten-Nutzen-Verhältnis als auch im Zeitaufwand und bei der Belastung für die Nutzer die verträglichere Lösung darstellte. Das Ziel war es, den Charme der Gebäude zu bewahren und die Infrastruktur zukunftsfähig zu machen, ohne die historische Kubatur komplett zu opfern.

Durchführung: Zweiphasiger Sanierungsprozess

Die Sanierung wurde in zwei klar getrennte Phasen unterteilt, um eine effiziente Abwicklung und die Einhaltung von Sicherheitsstandards zu gewährleisten.

Phase 1: Schadstoffsanierung und Entkernung

Der Startschuss fiel mit der Schadstoffsanierung. Das Gebäude musste vollständig entkernt werden. Ziel dieser Phase war der Ausbau aller schadstoffbelasteten Bauteile. Da sich die PCB-Belastung nicht nur auf die ursprünglichen Fugen beschränkte, sondern auf Sekundärflächen wie Wände und Böden übergegangen war, war eine radikale Entfernung notwendig.

Im Zuge der Entkernung wurden sämtliche Fassadenelemente entfernt. Es folgte eine intensive Lüftungsphase, um die Luft im Gebäude zu reinigen. Diese Maßnahmen waren zwingend erforderlich, um die Grundlage für eine gesundheitlich unbedenkliche Nutzung zu schaffen. Es galt, die Belastung so weit zu reduzieren, dass spätere Nutzer keinem gesundheitlichen Risiko ausgesetzt waren.

Phase 2: Grunderneuerung und Modernisierung

Nach der Beseitigung der Schadstoffe begann die zweite Phase: die Grunderneuerung. Hierbei wurde der Rohbau saniert und das Gebäude wieder aufgebaut. Eine Kernsanierung bedeutet in der Regel, dass tragende Strukturen erhalten bleiben, während alles Innerste erneuert wird.

Erhalt der Bausubstanz und konstruktive Besonderheiten

Ein entscheidender Aspekt der Sanierung war die Entscheidung darüber, welche Teile der alten Bausubstanz erhalten bleiben durften. Trotz der massiven Schadstoffbelastung konnten wesentliche konstruktive Elemente gerettet werden.

  • Stahlbeton-Rohbau: Der primäre Tragwerksplaner, R&P RUFFERT Ingenieurgesellschaft mbH, sowie die Architekten von RKW Architektur + stimmten zu, dass der Stahlbeton-Rohbau intakt genug war, um weiter genutzt zu werden. Auch nicht schadstoffbelastete Mauerwerkswände und konstruktive Bauteile im 2. und 3. Untergeschoss sowie im Bereich der drei Hörsäle blieben erhalten.
  • Balkone: Ein architektonisches Merkmal des Gebäudes waren vorgelagerte Balkone, typisch für die 60er Jahre. Auch diese blieben erhalten. Allerdings verloren sie ihre ursprüngliche Funktion als Fluchtweg und dienen nun ausschließlich der Wartung. Dies ist ein typisches Beispiel dafür, wie sich Nutzungskonzepte über die Zeit ändern und bauliche Anpassungen erfordern.
  • Geschosse: Das Gebäude umfasst sieben Geschosse, die nach der Sanierung wieder voll nutzbar gemacht wurden. Die Entscheidung, den Rohbau zu erhalten, sparte im Vergleich zu einem Neubau erhebliche Kosten und Zeit, da die Fundamente und das Tragwerk nicht erneuert werden mussten.

Architektonische und energetische Aufwertung

Die Sanierung beschränkte sich nicht auf die Beseitigung von Gefahren, sondern nutzte die Gelegenheit für eine umfassende Modernisierung. Das Ziel war es, zeitgemäße Lern- und Arbeitsbedingungen zu schaffen.

  • Fassade: Eine Grunderneuerung der Fassade war notwendig, um den Energieverbrauch zu senken und das Erscheinungsbild zu modernisieren. Eine optische Aufwertung sollte den Charme der Gebäude bewahren, aber gleichzeitig den aktuellen Standards entsprechen.
  • Raumnutzung: Die philosophische Fakultät zog in schadstofffreie, neu gestaltete Räume ein. Die Aufteilung umfasste Hörsäle (ein großer und zwei kleinere), Seminarräume, Büroräume, Teilbereiche der Verbundbibliothek Geisteswissenschaften und das Institut für Kommunikation und Medien (IKM). Die Gesamtnutzfläche betrug ca. 10.150 m².
  • Technik: Ein wesentlicher Teil der Modernisierung betraf die Technikflächen (ca. 1.660 m²). Die TGA-Planer (Technische Gebäudeausrüstung) von HTW, Hetzel, Tor-Westen + Partner Ingenieurgesellschaft mbH & Co waren hier federführend, um eine moderne, energieeffiziente Haustechnik zu installieren.

Projektmanagement und Kosten

Die Steuerung des Projekts oblag dem Bau- und Liegenschaftsbetrieb NRW (BLB NRW), Niederlassung Düsseldorf, als Bauherrn. Die Generalplanung und Architektur übernahm RKW Architektur + aus Düsseldorf. Das Projektmanagement umfasste die gesamte Planung, die Bauleitung (Objektüberwachung LPH 8) und die Koordination der Fachplaner.

Die Bauzeit erstreckte sich von August 2017 bis Mai 2021. In dieser Zeit musste das Gebäude im laufenden Betrieb der umliegenden Institute saniert werden, was eine komplexe Logistik und Absprachen erforderte.

Die finanzielle Dimension des Projekts war erheblich. Nach DIN 276 (Kosten im Bauwesen) beliefen sich die Gesamtkosten (KG 200 – 600, brutto) auf ca. 41 Millionen Euro. Diese Summe spiegelt den Aufwand wider, der notwendig ist, um eine historische, belastete Bausubstanz auf den neuesten Stand zu bringen. Es handelte sich um Einzelvergaben, also kein klassischer Generalunternehmervertrag, was eine detaillierte Steuerung durch den Bauherrn und die Generalplaner voraussetzte.

Zusammenfassung der Bauphysik und Materialien

Die Sanierung des Gebäude 23.21 ist ein Lehrbuchbeispiel für die Sanierung von Stahlbetonfertigteilbauten. Die Entscheidung, den Rohbau zu erhalten, basierte auf einer soliden Tragwerksprüfung. Der Erhalt von Substanz, die nicht belastet war, war ökologisch und ökonomisch sinnvoll.

Besonders hervorzuheben ist die Vorgehensweise bei der Schadstoffbeseitigung. Es reichte nicht aus, nur die Quelle (die Fugenmasse) zu entfernen. Die Sanierung musste die gesamte Fläche erfassen, auf die sich die Schadstoffe verteilt hatten. Dies erfordert eine hohe Präzision bei der Demontage und Entsorgung.

Für die Fassadenerneuerung kamen modernere Materialien zum Einsatz, die eine bessere Wärmedämmung und einen höheren Witterungsschutz bieten. Die Anpassung der Balkone von Fluchtwegen zu Wartungsgängen zeigt zudem, wie sich Anforderungen an Brandschutz und Sicherheit über die Jahrzehnte ändern und bauliche Anpassungen nach sich ziehen.

Fazit

Die Kernsanierung und Modernisierung des Gebäude 23.21 der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf stellt ein Musterprojekt für die Bestandsaufwertung von Bauten aus der Nachkriegszeit dar. Der entscheidende Faktor für den Erfolg war die wissenschaftliche Fundierung der Entscheidungsfindung. Eine Machbarkeitsstudie wies den Weg zur Kernsanierung als beste Alternative zum Abriss. Dies bewahrte die Substanz, reduzierte die Kosten und minimierte die Belastung für die Nutzer.

Die Beseitigung der massiven PCB-Belastung war die zentrale Herausforderung. Die radikale Entkernung und die anschließende Grunderneuerung zeigen, dass selbst bei tiefgreifender Schadstoffbelastung eine Rettung des Baukörpers möglich ist, wenn man bereit ist, die notwendigen Mittel (41 Mio. Euro) und Zeit (ca. 4 Jahre) zu investieren.

Für Bauherren und Planer bleibt die Erkenntnis: Sanierung von Altlasten erfordert mehr als nur Handwerk. Sie verlangt eine fundierte Risikoanalyse, eine kluge Entscheidung zwischen Erhalt und Neubau sowie eine professionelle Koordination von Schadstoffsanierung und Modernisierung. Das Ergebnis am HHU-Campus sind gesunde, moderne Räume, die die Geschichte des Standorts respektieren und gleichzeitig die Zukunft der Nutzung sichern.

Quellen

  1. Kernsanierung und Modernisierung der Universitätsgebäude der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
  2. Düsseldorf, Kernsanierung Heinrich-Heine-Universität
  3. DBZ Gebaeude 23.21 Heinrich-Heine-Universitaet Düsseldorf
  4. Nuhabau Bauprojekte HHU Geb2321 Düsseldorf
  5. BLB NRW Kernsanierung Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
  6. RKW Plus Heinrich-Heine-Universität Gebäude 23.21

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