Die Sanierung von Sportinfrastruktur stellt eine der komplexesten Aufgaben im modernen Baugewerbe dar. Sie vereint technische Präzision, wirtschaftliche Kalkulation und die Berücksichtigung vielfältiger Nutzerinteressen. Ein Paradebeispiel für eine solche Herausforderung ist die aktuelle Transformation des Walter-Mundorf-Stadions in Siegburg. Die Vorhaben reichen von der Erneuerung der Leichtathletikanlagen bis hin zum kompletten Neubau von Umkleide- und Sozialgebäuden. Für Bauherren, Immobilienverwalter und Planer bietet die detaillierte Betrachtung dieser Baumaßnahmen wertvolle Einblicke in die Planungsphasen, Kostendynamiken und technischen Standards moderner Renovierungsprojekte.
Die Leichtathletik-Sanierung: Von der Oberfläche in die Tiefe
Eine Sportstätte ist nur so gut wie ihr Fundament. Im Falle des Walter-Mundorf-Stadions zeigte eine detaillierte Untersuchung der vorhandenen Anlagen gravierende Mängel, die weit über einen einfachen Austausch des Belags hinausgingen.
Ausgangslage und Schadensbild
Die Notwendigkeit einer Sanierung wurde bereits 2015 durch den LAZ Puma Rhein-Sieg angemahnt. Die Laufbahn wies massive Mängel auf, die in der Vergangenheit nur punktuell ausgebessert worden waren. Eine oberflächliche Betrachtung hätte jedoch zu einem Planungsfehler geführt. Erst eine eingehende Untersuchung durch einen beauftragten Ingenieur deckte das wahre Ausmaß der Schäden auf.
Die Analyse ergab, dass die Probleme „deutlich tiefergehend“ waren und sich „auf den Unterbau aus“wirkten. Die Asphaltschicht war von tiefen Rissen durchzogen, die Unebenheiten auf der Weitwurfanlage und Unebenheiten auf dem Rasenplatz verstärkten das Gesamtbild eines stark beanspruchten Areals.
Technische Planung und Leistungsumfang
Die ursprüngliche Kalkulation von 400.000 Euro, die ursprünglich für die Erneuerung der Laufbahn im Haushalt eingeplant war, erwies sich als unzureichend. Die Sanierungskosten stiegen auf rund 1,3 Millionen Euro an. Dieser Betrag beinhaltet jedoch nicht nur die Erneuerung des Laufbahnbelags, sondern ein umfassendes Paket an Maßnahmen: * Erneuerung der Leichtathletik-Anlagen: Dazu gehören die 400-Meter-Rundlaufbahnen, die mit einem Kunststoffbelag versehen werden. * Rasenplatz-Sanierung: Die Erneuerung des Großspielfelds in Naturrasenqualität. * Trainingsbeleuchtung: Die Installation einer neuen Beleuchtungsanlage für den Trainingsbetrieb.
Die neue Rundlaufbahn wird acht Spuren umfassen und zusätzlich 75-Meter-Sprintbahnen sowie auf der Gegengeraden acht 110-Meter-Sprintbahnen bereitstellen. Besondere Aufmerksamkeit gilt den speziellen Segmenten für Sprungdisziplinen. Im nördlichen Segment sind ein Wassergrabenhindernis, ein Kugelstoßbereich sowie ein kombinierter Hammer- und Diskusring vorgesehen. Auch ein Einstichkasten für Stabhochsprung, ein Hochsprungkissen und zwei Kugelstoßringe finden hier Platz. Das südliche Segment hingegen erhält zwei Hochsprungbereiche. Alle Wurfringe werden in behindertengerechter Bauweise mit notwendigen Ösen zur Verankerung der Wurfstühle ausgeführt. Der neue Weit- und Stabhochsprungbereich wird im westlichen Außenfeld platziert.
Bauzeitliche Rahmenbedingungen
Die Arbeiten an den Sportanlagen begannen Anfang Mai und sind mit einer Bauzeit von fünf Monaten veranschlagt. Diese Zeitspanne erfordert eine präzise Koordination, um den Spielbetrieb der Vereine, insbesondere des Siegburger SV 04 und des Leichtathletikzentrums Rhein-Sieg/TV Kaldauen, sowie den Sportunterricht der weiterführenden Schulen so gering wie möglich zu beeinträchtigen.
Das Umkleidengebäude: Abriss, Entkernung und Neubau
Parallel zu den Arbeiten im Freien, oder in einer abgestimmten Reihenfolge, findet die Sanierung des Umkleidengebäudes statt. Hierbei handelt es sich um ein Vorhaben, das die Dimensionen eines reinen Facility-Managements sprengt und einen vollständigen energetischen und funktionalen Austausch darstellt.
Energie- und Anlagentechnischer Zustand
Das Gebäude aus den 1970er Jahren war energie- sowie anlagentechnisch deutlich in die Jahre gekommen. Die gesamte technische Ausstattung zeigte einen erheblichen Verschleiß. Eine bloße Renovierung war hier nicht mehr zielführend; der Plan sah vor, das Gebäude ähnlich wie das Rathaushaus bis auf sein Betonskelett zu entkernen. Die Fassade soll mit Tafeln neu gestaltet und gedämmt werden, um den heutigen energetischen Standards zu entsprechen.
Planungsänderungen und Kostendynamik
Die Planung für das Umkleidengebäude unterlag im Laufe der Zeit erheblichen Veränderungen. Ursprünglich wurde mit einem Volumen von 2,3 Millionen Euro kalkuliert. Verzögerungen durch den Wechsel des zuständigen Dezernenten und die Corona-Pandemie führten jedoch dazu, dass das Projekt in eine Art „Dornröschenschlaf“ fiel. Bei der Wiederaufnahme der Planungen durch Ingenieur Dr. Markus Fischer wurden die Kosten auf fast vier Millionen Euro hochgerechnet.
Die Neufassung der Pläne beinhaltet konkrete technische und funktionale Anpassungen: * Sanitärbereich: Im Herren-Sanitätsbereich wurden mehr Urinale vorgesehen, wodurch eine komplette Toilettenanlage entfällt. Dies optimiert den Raum und reduziert die Installationsläufe. * Deckenkonstruktion: Anstelle einer Holztafelbauweise wurde eine Vollholzdecke geplant, die sichtbar bleiben soll. Dies unterstreicht den architektonischen Anspruch und die Materialästhetik. * Lagerraum: Neu ist ein spezieller Lagerraum für Platzpflegegeräte, der auf dem Platz der ehemaligen Kugelstoßanlage errichtet wird. Dies entlastet das Hauptgebäude und schafft klare Funktionsbereiche. * Materialisierung: Das Gebäude wird auf sein Betonskelett entkernt. Die Fassade wird neu gestaltet und gedämmt.
Übergangslose Nutzungssicherung
Während der Bauzeit, die bis ins zweite Quartal 2026 reicht, müssen die Sportler auf Ausweichquartiere ausweichen. Für den Interimsbetrieb wurden Container für Umkleiden und Duschen sowie Lagergaragen für Equipment (Speere, Sitzrasenmäher) bereitgestellt. Zunächst erfolgen Abbruch und Entkernung, gefolgt von Roh-, Holz- und Fensterarbeiten. Im zweiten Halbjahr stehen die technische Ausstattung und der Innenausbau an. Die Planung und Bauleitung obliegt dem Büro Dr. Fischer Consult, das auch für die Sport- und Freizeitanlage Brückberg verantwortlich zeichnet.
Die Sport- und Freizeitanlage Brückberg: Ergänzung und Neuschöpfung
Als Ergänzung zum Stadionkomplex entsteht auf dem Brückberg eine neue Sport- und Freizeitanlage, die kurz vor der Fertigstellung steht und vor den Sommerferien eröffnet werden soll. Diese Anlage verdeutlicht den Trend zur multifunktionalen Nutzung von Freiflächen.
Konzept und Ausstattung
Die Anlage ist als ovalförmiger Platz konzipiert, der von einer Rundlaufbahn umgrenzt wird. Zwei Wege kreuzen und gliedern das Areal, um verschiedene Nutzungszonen zu schaffen: * Boule-Anlage * Streetballfeld * Mini-Fußballspielfeld * Verweilraum * Slackline * Zwei Schachfelder * Erhalt der Seilbahn als Spielangebot
Besonders hervorzuheben ist das Minispielfeld, das mit Rollrasen versehen wird. Dies ermöglicht eine schnelle Verlegung und Pflege. Zudem wird es durch die Planung auch für Picknicks oder Turnübungen genutzt.
Technische Infrastruktur und Umweltbezug
Ein wesentlicher Aspekt der Planung ist der Hochwasserschutz. Ein Entwässerungssystem schützt das Areal vor Überflutung durch Starkregen. Dies ist ein wichtiger Hinweis auf die Notwendigkeit, bei Neubauprojekten die Klimafolgen wie Starkregenereignisse direkt in die Planung einzubeziehen.
Historische Planungshürden
Die Anlage auf dem Brückberg steht im Kontext einer gescheiterten Planung für den Bolzplatz an der Aggerstraße. Ursprünglich plante die Stadtverwaltung, dort zwei Eisenbahnwaggons für die Jugendarbeit aufzustellen. Dies stieß auf Widerstand von Anwohnern. Nach dem Regierungswechsel (von einer Ampel-Kooperation zu einer schwarz-grünen Kooperation) wurde dieses Vorhaben ad acta gelegt. Stattdessen entsteht nun die genannte Freizeitanlage, was zeigt, wie dynamisch städtebauliche Planungen auf Bürgerinteressen und politische Veränderungen reagieren müssen.
Analyse der Kostendynamik und Entscheidungsprozesse
Ein zentraler Aspekt für Bauherren und Projektverantwortliche ist das Verständnis von Kostensteigerungen und deren Akzeptanz in politischen Gremien.
Die Verdopplung und Verdreifachung der Kosten
Die Sanierungskosten für die Leichtathletikanlagen verdreifachten sich von ursprünglich geplanten 400.000 Euro auf 1,3 Millionen Euro. Für das Umkleidengebäude stiegen die Kosten von 2,3 Millionen Euro auf fast 4 Millionen Euro. Solche Steigerungen sind in der Bauindustrie nicht ungewöhnlich, wenn nachträglich tiefere Schäden aufgedeckt werden. Wie der beauftragte Ingenieur Markus Fischer erklärte, lagen die Probleme im Unterbau, die erst bei detaillierten Untersuchungen sichtbar wurden.
Akzeptanz und politische Steuerung
Trotz der erheblichen Kostensprünge fand die Planung breite Unterstützung. Im Sportausschuss nahm man die Eckdaten bei Enthaltung der Linken zustimmend zur Kenntnis. In der Folge stimmte der Ausschuss den Empfehlungen des Ingenieurs einstimmig zu. Auch die Fraktionen CDU, FDP und SPD äußerten sich positiv über die Notwendigkeit, wobei die Kostensteigerung teilweise als „absehbar“ (SPD) oder „nicht überraschend“ (Alfa) eingestuft wurde. Die Entscheidung des Rates, die notwendigen Mittel in den Etat einzustellen, zeigt den Willen, die Infrastruktur langfristig zu sichern.
Der politische Prozess folgte dabei einem klaren Muster: 1. Bedarfsfeststellung: Klagen der Nutzer (LAZ Puma). 2. Erstbewertung: Ortstermin und Einplanung eines Richtpreisangebots. 3. Tiefenprüfung: Ingeneurische Untersuchung, die weitere Schäden aufdeckt. 4. Anpassung der Mittel: Neuberechnung und Haushaltsänderung. 5. Beschlussfassung: Zustimmung der Ausschüsse und des Rates.
Dieser Prozess verdeutlicht die Bedeutung von Pufferkalkulationen und flexiblen Finanzierungsrahmen bei Sanierungsprojekten, bei denen der Ist-Zustand nicht vollständig bekannt ist.
Fazit
Die Sanierung des Walter-Mundorf-Stadions in Siegburg ist ein umfassendes Modernisierungsprojekt, das weit über eine oberflächliche Auffrischung hinausgeht. Es gliedert sich in zwei Hauptbereiche: Die technische Aufwertung der Leichtathletik- und Fußballanlagen sowie der komplette Neubau der Sozial- und Umkleidegebäude.
Für die Leichtathletik bedeutet die Investition von 1,3 Millionen Euro die Sicherung eines leistungsfähigen Trainings- und Wettkampfbetriebs, wobei insbesondere die Sanierung des Unterbaus und die Anpassung der Sprungsegmente nach modernen Standards hervorzuheben sind. Für die Infrastruktur des Gebäudes stellt der Neubau mit einem Volumen von rund vier Millionen Euro eine Investition in Energieeffizienz und Nutzerkomfort dar. Die Umsetzung erfolgt über einen Entkernungsansatz, der die Bausubstanz des Skeletts nutzt, aber die gesamte Technik und Hülle erneuert.
Die Planung und Umsetzung dieser Maßnahmen durch etablierte Ingenieurbüros wie Dr. Fischer Consult und Fischer Con unterstreicht die Bedeutung professioneller Planungs- und Bauleitungsverantwortung bei komplexen Sanierungen. Zudem zeigt die parallel entstehende Freizeitanlage auf dem Brückberg, dass moderne Städtebaukonzepte die sportliche Nutzung mit Freizeit- und Umweltfunktionen (Starkregenschutz) verbinden müssen. Für Bauinteressierte bleibt festzuhalten, dass tiefgreifende Untersuchungen des Bestands vor Beginn von Sanierungen unerlässlich sind, um spätere Kostensteigerungen zu minimieren oder zumindest vorhersehbar zu machen.
Quellen
- ga.de - Stadionsanierung beginnt im Mai
- siegburg.de - Vier Millionen Projekt
- fischer-con.de - Referenzen Sanierung Walter-Mundorf-Stadion
- siegburg.de - Sportausschuss tagt um 18 Uhr
- rundschau-online.de - Pläne für Walter-Mundorf-Stadion immer kostspieliger
- rundschau-online.de - Siegburg investiert in Sportinfrastruktur
- ga.de - Sanierungskosten verdreifachen sich