Einleitung
Die Stadt München verfolgt bedeutende Projekte zur Instandhaltung und Modernisierung ihrer historischen Friedhofsanlagen. Im Fokus stehen dabei zwei bedeutende Grabstätten: der Nordfriedhof und der Westfriedhof. Während am Westfriedhof eine umfassende Generalsanierung mit einem Volumen von 71 Millionen Euro beschlossen wurde, konzentrieren sich die Bemühungen am Nordfriedhof vor allem auf die denkmalgerechte Rekonstruktion der stark beschädigten Westfassade des Hauptgebäudes. Beide Projekte unterliegen strengen denkmalschutzrechtlichen Auflagen und erfordern eine sorgfältige Planung, um die historische Substanz zu bewahren und gleichzeitig moderne Anforderungen an Funktionalität und Energieeffizienz zu erfüllen.
Generalsanierung des Westfriedhofs München
Der Westfriedhof an der Baldurstraße, im Jahr 1902 eröffnet und ebenfalls unter Denkmalschutz stehend, befindet sich derzeit in einer umfassenden Generalinstandsetzung. Der Stadtrat hat in seiner Sitzung am 29. November 2023 beschlossen, insgesamt 71 Millionen Euro in das Projekt zu investieren. Ziel der Sanierung ist es, die historischen Gebäude aus dem späten 19. Jahrhundert zu modernisieren und den Friedhofsbetrieb nachhaltig zu sichern.
Umfang und Ziele der Maßnahme
Die Sanierung umfasst verschiedene wesentliche Aspekte der Infrastruktur und der Gebäudehülle. Ein zentrales Element ist die Erneuerung der technischen Anlagen, um den Betrieb effizienter und umweltfreundlicher zu gestalten.
- Gießwassersystem: Ein neues System soll eine Nutzung auch im Winter ermöglichen und dadurch wertvolles Trinkwasser sparen.
- Energiebilanz: Die Energiebilanz der Gebäude soll durch den Einsatz von Wärmepumpen und Photovoltaikanlagen auf den Dächern deutlich verbessert werden.
- Interimsbau: Um den Friedhofsbetrieb während der Umbauphase aufrechtzuerhalten, wird ein Interimsgebäude errichtet. Dies gewährleistet, dass der Friedhof als Trauerort für alle Besucher weiterhin zur Verfügung steht.
Finanzielle und operative Planung
Die Gesamtkosten in Höhe von 71 Millionen Euro teilen sich auf in die Sanierung der historischen Gebäude, die Errichtung des Interimsbaus und den Bau eines neuen Betriebshofs. Die Planung für den Ablauf wurde im Bezirksausschuss Moosach vorgestellt. Laut dem Beschluss der SPD/Volt-Fraktion ist es ein wichtiges Anliegen, dass der Friedhof während der Umbauphase als Ruheort nutzbar bleibt. Die Maßnahme dient dazu, den Westfriedhof als modernen Friedhof in den historischen Bauten zu erhalten.
Die Rekonstruktion der Westfassade des Nordfriedhofs
Während der Westfriedhof bereits in der Umsetzungsphase ist, befindet sich der Nordfriedhof in der Vorplanung für eine Generalsanierung. Ein zentraler Diskussionspunkt und prioritäres Ziel ist dabei die Wiederherstellung der Westfassade des denkmalgeschützten Bauwerks an der Ungererstraße. Diese Fassade, einst reich verziert, ist heute stark beschädigt.
Historischer Kontext und Ausgangslage
Die Westfassade des Nordfriedhofs präsentierte sich historisch als prächtiges Bauwerk. Historische Aufnahmen aus dem Jahr 1910 zeigen ein Portal mit Figurenreliefs, die die drei Oberlichtfenster umranken. Die Seitengebäude waren ebenfalls geschmückt, und beidseits der Freitreppe thronen Sphinx-Figuren mit Hahnenköpfen und Heiligenscheinen. Von dieser einstigen Pracht ist jedoch kaum noch etwas erhalten. Das Erscheinungsbild des Bauwerks hat in der Vergangenheit zu Unmut bei der Lokalpolitik in Schwabing-Freimann geführt, die den Zustand als "Pfusch und Liederlichkeit" kritisierte.
Politischer Willen und rechtliche Rahmenbedingungen
Das städtische Kommunalreferat hat in einem Brief an den Bezirksausschuss Schwabing-Freimann signalisiert, dass Einigkeit darüber besteht, eine Rekonstruktion der Westfassade im Rahmen der Generalsanierung zu untersuchen und fachlich sowie denkmalschutzrechtlich umzusetzen. Dieser Schritt folgt auf langjährige Forderungen der Lokalpolitik. Im Dezember 2018 hatte sich der Bezirksausschuss hinter einen Appell der Freien Wähler gestellt, die eine historisch exakte Restaurierung der Fassade inklusive Inschriften und Reliefs forderten. Auch die CSU-Fraktion im Rathaus brachte einen ähnlichen Antrag ein.
Herausforderungen und notwendige Vorarbeiten
Trotz des politischen Konsenses sind erhebliche Vorarbeiten notwendig, bevor mit der Umsetzung begonnen werden kann. Die Untere Denkmalschutzbehörde hat darauf hingewiesen, dass noch keine Genehmigung für die Restaurierungsmaßnahme vorliegt. Eine solche Genehmigung muss bei der Landesdenkmalbehörde eingeholt werden.
Zu den notwendigen Vorarbeiten gehören: * Erarbeitung eines Raum- und Funktionsprogramms: Es wird ein "tragfähiges Raum- und Funktionsprogramm" benötigt, das derzeit erarbeitet wird. * Kunsthistorische Expertise: Eine kunsthistorische Expertise steht noch aus. * Recherche zu Bildquellen und Archivalien: Um die fehlenden Inschriften fachgerecht herzustellen, sind intensive Recherchen zu Bildquellen und Archivalien erforderlich.
Der Literaturwissenschaftler und Vorsitzende des Thomas-Mann-Forums München, Dirk Heißerer, wird als gefragter Experte für die Quellenlage zur Originalgestalt der Westfassade genannt. Er hat dem Bezirksausschuss bereits über die kulturgeschichtliche Bedeutung des Portals berichtet und Möglichkeiten für eine Rekonstruktion anhand von historischen Fotografien und Zeugnissen aufgezeigt.
Machbarkeitsstudien und Sanierungsstau
Parallel zu den politischen und denkmalrechtlichen Abwägungen wurden bereits Machbarkeitsstudien für den Nordfriedhof erstellt. Diese Studien bilden die Grundlage für die weitere Planung. Es besteht jedoch ein sogenannter "Sanierungsstau", der dazu führte, dass die Sanierung des Nordfriedhofs zugunsten des dringenderen Westfriedhofs zurückgestellt wurde. Die Rekonstruktion der Westfassade ist somit Teil einer größeren Generalsanierung, die noch in der Konzeptionsphase steckt.
Bauausführung und Denkmalschutz: Das Bonner Beispiel
Ein vergleichbares Projekt in Bonn illustriert die Anforderungen an die Sanierung historischer Friedhofskapellen. Die Kapelle auf dem Nordfriedhof in Bonn wies massive Schäden auf, die sogar die Standsicherheit gefährdeten. Der Stadtrat von Bonn beschloss im September 2022 eine umfängliche Restaurierung und Umgestaltung.
Sanierung der Dachstruktur
Ein zentraler Bestandteil der Bonner Sanierung war das Dach. Die Arbeiten wurden von der Firma Dächer von Weiler & Gilles GmbH durchgeführt, die mit der Erneuerung in altdeutscher Deckung beauftragt wurde. Besonders hervorzuheben ist der Turm, der mit einer neuen Bleideckung versehen wurde und als Schmuckstück gilt.
Das Bonner Beispiel zeigt, dass bei der Sanierung denkmalgeschützter Bauwerke spezifische Handwerkstechniken zum Einsatz kommen müssen, um den historischen Charakter zu erhalten. Die Firma Sandner Architekten wurde nicht nur mit der Planung, sondern auch mit der fachlichen Leitung der Restaurierungs- und Sanierungsarbeiten beauftragt.
Historische Bedeutung von Friedhöfen
Friedhöfe wie der Nordfriedhof in Bonn oder die genannten Münchner Anlagen sind nicht nur Orte der Ruhe, sondern auch bedeutende historische Zeugnisse. Der Bonner Nordfriedhof entstand 1884 und ist mit seiner denkmalgeschützten Bausubstanz ein Zeugnis der Friedhofskultur des 19. Jahrhunderts. Solche Arealen beherbergen oft wertvolle Gräber historischer Persönlichkeiten und Kriegsgräber, was die Bedeutung einer denkmalgerechten Instandhaltung unterstreicht.
Technische Aspekte der Fassadenrekonstruktion
Die Rekonstruktion der Westfassade am Münchner Nordfriedhof stellt besondere Anforderungen an die Bauausführung. Da es sich um ein denkmalgeschütztes Bauwerk handelt, müssen Materialien und Techniken gewählt werden, die die historische Optik originalgetreu wiederherstellen.
Bildquellen und Vorlagen
Die Grundlage für eine originalgetreue Rekonstruktion bilden historische Bildquellen. Dirk Heißerer hat auf die Möglichkeit hingewiesen, die Fassade anhand von historischen Fotografien und Zeugnissen zu rekonstruieren. Solche Quellen sind entscheidend für die Wiederherstellung der Inschriften und Reliefs. Die Untere Denkmalschutzbehörde betont die Notwendigkeit intensiver Recherchen in diesem Bereich.
Materialien und Handwerkstechniken
Obwohl in den vorliegenden Quellen nicht detailliert auf die verwendeten Materialien für die Münchner Fassade eingegangen wird, lässt das Bonner Beispiel (Bleideckung, altdeutsche Deckung) erahnen, dass traditionelle Materialien und Handwerkstechniken im Vordergrund stehen. Bei der Fassadenrekonstruktion kommen voraussichtlich: * Historische Putze: Spezielle Mörtelgemische, die den originalen Oberflächen entsprechen. * Steinmetzarbeiten: Für die Wiederherstellung von Reliefs und Ornamenten. * Spezialhandwerk: Für die Rekonstruktion der Sphinx-Figuren und anderer dekorativer Elemente.
Die Herausforderung liegt darin, diese Arbeiten fachgerecht auszuführen, ohne die Bausubstanz weiter zu gefährden. Die Sanierung des Bonner Nordfriedhofs hat gezeigt, dass selbst gravierende Schäden, die die Standsicherheit betreffen, durch professionelle Planung und Ausführung behoben werden können.
Zusammenarbeit zwischen Behörden und Politik
Die Projekte in München verdeutlichen die komplexe Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Akteuren. Am Nordfriedhof sind das Kommunalreferat, die Untere Denkmalschutzbehörde, der Bezirksausschuss Schwabing-Freimann und die Landesdenkmalbehörde beteiligt. Der politische Druck aus der Lokalpolitik (Freie Wähler, CSU) hat den Prozess der Fassadenrekonstruktion maßgeblich beschleunigt.
Abstimmungsprozesse
Die Abstimmung erfolgt über formelle Schreiben und Beschlüsse. Das Kommunalreferat hat sich verpflichtet, die Rekonstruktion zu prüfen und fachlich umzusetzen, soweit es denkmalschutzrechtlich möglich ist. Dies erfordert eine enge Abstimmung zwischen den technischen Planern und den Denkmalschutzbehörden.
Finanzielle Verantwortung
Die Zuweisung von 71 Millionen Euro für den Westfriedhof zeigt das finanzielle Engagement der Stadt München für die Erhaltung ihrer historischen Friedhöfe. Auch wenn die Kosten für die Rekonstruktion der Westfassade des Nordfriedhofs noch nicht beziffert sind, ist von einem erheblichen Investitionsbedarf auszugehen, der im Rahmen der Generalsanierung bewilligt werden muss.
Fazit
Die Sanierungsmaßnahmen an den Friedhöfen in München spiegeln den wachsenden Bedarf an der Erhaltung historischer Bausubstanz wider. Der Westfriedhof steht mit 71 Millionen Euro Budget für eine umfassende Modernisierung, die Energieeffizienz und Funktionalität in den Vordergrund stellt, während der Friedhofsbetrieb durch einen Interimsbau aufrechterhalten wird.
Am Nordfriedhof steht die Rekonstruktion der Westfassade im Mittelpunkt. Die politischen und denkmalschutzrechtlichen Voraussetzungen sind geschaffen, doch erhebliche Vorarbeiten in Bezug auf Archivalien, Bildquellen und die Einholung einer Genehmigung der Landesdenkmalbehörde stehen noch aus. Die Zielsetzung ist klar: Eine originalgetreue Wiederherstellung der historischen Pracht, wie sie durch Sphinx-Figuren und reich verzierte Reliefs definiert war.
Für Bauherren und Planer in der Denkmalpflege zeigen diese Projekte, dass die Sanierung historischer Gebäude eine interdisziplinäre Aufgabe ist, die politischen Willen, fundierte historische Recherche und handwerkliches Know-how erfordert. Die Beispiele aus München und Bonn belegen, dass durch gezielte Investitionen und fachgerechte Ausführung die Lebensdauer wertvoller historischer Anlagen nachhaltig gesichert werden kann.