Analyse des Sanierungsmarktes: Rückgang der Sanierungsquote bei steigendem Restrukturierungsdruck im Mittelstand

Einleitung

Der deutsche Gebäudebestand steht vor einer gewaltigen Aufgabe: Die energetische Sanierung von rund 19 Millionen Wohngebäuden und zwei Millionen Nicht-Wohngebäuden ist essenziell für die Erreichung der nationalen Klimaziele. Gleichzeitig befindet sich der Markt für energetische Sanierungen in einer Phase des Rückgangs, während gleichzeitig der Transformations- und Anpassungsdruck im Mittelstand, insbesondere in den Branchen Automobilzulieferer, Maschinen- und Anlagenbau sowie Immobilienentwicklung, drastisch steigt. Diese Analyse beleuchtet die aktuellen Marktdaten zur Sanierungsquote, die Gründe für die Investitionszurückhaltung von Immobilieneigentümern und die volkswirtschaftlichen Folgen dieses Trends.

Aktuelle Marktdaten zur Sanierungsquote

Die energetische Sanierungsquote im deutschen Gebäudebestand ist ein zentraler Indikator für den Fortschritt der Energiewende im Bausektor. Laut der laufenden Marktdatenstudie des Bundesverbands energieeffiziente Gebäudehülle e.V. (BuVEG), erstellt durch B+L Marktdaten Bonn, liegt die Quote für das Jahr 2024 bei lediglich 0,69 %.

Ein Vergleich der vergangenen Jahre zeigt einen deutlichen Abwärtstrend: * 2022: 0,88 % * 2023: 0,70 % * 2024: 0,69 %

Diese Zahlen belegen, dass die Sanierungstätigkeit trotz einer Stabilisierung des Immobilienmarkts, einem Absinken der Inflationsrate und einem Anstieg der Reallöhne weiter sinkt. Es ist eine deutliche Investitionszurückhaltung zu erkennen.

Zielvorgaben vs. Realität

Der aktuelle Wert von 0,69 % liegt weit entfernt von den notwendigen Zielvorgaben. Um die Klimaziele für das Jahr 2030 zu erreichen, ist eine jährliche Sanierungsquote von 2 % notwendig. Selbst wenn man den längeren Zeithorizont bis 2045 betrachtet, gemäß der Leitstudie "Aufbruch Klimaneutralität" der Deutschen Energie-Agentur (dena) aus dem Jahr 2022, müssen jährlich zwischen 1,7 % und 1,9 % der Wohngebäude energetisch saniert werden, damit der Gebäudebestand klimaneutral werden kann.

Der Gebäudesektor verfehlt seit Jahren die gesteckten CO2-Einsparziele der Bundesregierung und ist für 30 % der gesamten CO2-Emissionen in Deutschland verantwortlich. Die aktuellen Sanierungsraten reichen bei weitem nicht aus, um diesen Verantwortungsbereich zu dekarbonisieren.

Struktur des Gebäudebestands

Die Dringlichkeit von Sanierungen wird durch die ineffiziente Struktur des aktuellen Bestands unterstrichen. Zwei Drittel aller Wohngebäude befinden sich in den niedrigen Effizienzklassen D bis H und verbrauchen mehr als 100 kWh/qm im Jahr. Besonders problematisch sind die Gebäude in den schlechtesten Klassen G und H, die für 50 % des gesamten Energieverbrauchs des Gebäudesektors verantwortlich sind. Die Sanierung dieses "Restbestands" ist die größte Herausforderung.

Gründe für die Investitionszurückhaltung

Die sinkende Sanierungsquote bei gleichzeitig hohem Sanierungsbedarf deutet auf massive hemmende Faktoren hin. Die Quellen identifizieren eine komplexe Gemengelage aus wirtschaftlicher Unsicherheit, politischen Signalen und Verhaltensänderungen der Eigentümer.

Wirtschaftliche Unsicherheit und Kostenexplosion

Ein Hauptgrund für die Investitionszurückhaltung im Jahr 2023 war die Inflation und die steigenden Baupreise. Hinzu kam eine generelle Verunsicherung durch die Energiekrise, die im Zusammenhang mit dem Ukraine-Krieg entstand. Potenzielle Investoren konnten die zu erwartenden Kosten nicht abwägen, da die Energiepreise volatil waren, und verschoben geplante Projekte.

Auffällig ist das abweichende Verhalten im Vergleich zu früheren Perioden. In der Vergangenheit führten Energiekrisen und steigende Preise typischerweise zu einer höheren Nachfrage nach energetischen Sanierungen. In der aktuellen Phase führen sie jedoch zu einem Rückgang – teils aus Spargründen, teils aufgrund von Budgetverschiebungen in andere Gewerke.

Fokusverschiebung und unklare Förderpolitik

Ein signifikanter Verhaltenswandel ist zu beobachten: Obwohl energetische Maßnahmen an der Gebäudehülle zunehmend in den Blick der Eigentümer rücken, werden konkrete Projekte nicht realisiert. Stattdessen stehen Heizungstechnik und Photovoltaik (PV-Anlagen) im Fokus der Wohnbausanierung.

Dieser Fokuswechsel wird durch die staatliche Kommunikation verstärkt. Unklar kommunizierte Regelungen zu Fördermaßnahmen und -volumina sowie die wahrgenommene Fokussierung auf die Gebäudetechnik haben Maßnahmen an der Gebäudehülle aus dem Blickfeld der Hausbesitzer gerückt. Zudem kürzte der Staat die Fördermittel für die Energieberatung, was eine weitere abschreckende Wirkung entfaltet.

Umzugsketten als sanierungshemmender Faktor

Ein interessantes Phänomen, das die Sanierungsquote beeinflusst, sind sogenannte Umzugsketten. Ein Umzug in einen Neubau zieht weitere Umzüge nach sich. Dieser Moment wird von vielen Eigentümern als günstiger Zeitpunkt gesehen, um größere Investitionen in energetische Sanierungen alter Immobilien zu tätigen. Wenn jedoch vermehrt in den Neubau investiert wird (was im Vergleich zum Vorjahr stark sinkt), entfällt dieser Hebel für die Sanierung des Bestands.

Der Markt für energetische Sanierungen im Kontext der Gesamtwirtschaft

Der Rückgang der Sanierungstätigkeit ist kein isoliertes Phänomen des Bauwesens, sondern steht im Einklang mit einer breiteren wirtschaftlichen Verunsicherung. Die gesamtwirtschaftliche Lage ist nach wie vor verunsichernd, was sich in der Investitionszurückhaltung widerspiegelt.

Besonders relevant ist hier der Einfluss des Neubaus auf die Sanierungstätigkeit. Im Jahr 2024 sinkt der Neubau erstmals deutlich stärker als die Sanierung. Der Rückgang der Neubautätigkeit wirkt sich zusätzlich dämpfend auf die Sanierungstätigkeiten aus. Dies liegt auch daran, dass ein starker Neubau oft Synergien für Sanierungen schafft (z.B. durch günstigere Materialbeschaffung oder verfügbare Handwerkerkapazitäten).

Volatilität der Sanierungsmärkte

Die Marktdatenstudie von B+L Marktdaten im Auftrag des BuVEG zeigt, dass die Marktdynamik volatil ist. Nach einem starken Jahresauftakt 2022 ist die Wohnbausanierung im zweiten Halbjahr 2022 zunehmend zum Erliegen gekommen. Die quartalsweise Panelbefragung von Verarbeitern und Planern zeigt eine Abfolge von Hoffnung und Enttäuschung.

Der wirtschaftliche Kontext: Restrukturierungsdruck im Mittelstand

Um die Situation auf dem Sanierungsmarkt vollständig zu verstehen, muss der Blick über den Tellerrand des Bauwesens hinaus auf die allgemeine wirtschaftliche Stimmung geworfen werden. Das "W&P Sanierungs- und Restrukturierungsbarometer" für das erste Quartal 2025 liefert hierzu entscheidende Erkenntnisse.

Dramatischer Anstieg des Transformationsdrucks

Die Studie verdeutlicht: Der Transformations- und Anpassungsdruck im Mittelstand steigt drastisch. Dies betrifft nicht nur die Immobilienentwicklung, sondern auch die Automobilzulieferer und den Maschinen- und Anlagenbau. Die Kombination aus geopolitischer Instabilität, Strukturproblemen in der Wirtschaft und dem Ende der Nullzins-Phase sorgt für einen nie dagewesenen Handlungsdruck.

Ursachen der Restrukturierungsdynamik

Laut einer Befragung von knapp 230 Top-Experten sind die Hauptursachen für die gestiegene Restrukturierungsdynamik: 1. Nachfragerückgang: Als Folge anhaltender Konsum- und Investitionszurückhaltung. 2. Managementfehler: Aufgrund mangelnder Krisenerfahrung, verspäteter oder fehlerhafter Entscheidungen. 3. Überholte Geschäftsmodelle: Insbesondere durch das Ignorieren globaler Marktentwicklungen (z.B. in China).

Liquidität als kritischer Faktor

Die Folge dieser Entwicklungen sind strategische Fehlentscheidungen und unzureichende Liquidität für die operative Gestaltung. Dies lässt die Insolvenzzahlen in die Höhe schnellen. Der Befund eines Studienleiters lautet knapp: "Wer aus dem Geld ist, ist aus dem Spiel." Der Bedarf an interimistischen Sanierungsexperten (CROs) ist so hoch wie nie zuvor.

Die Erwartung der Befragten, dass die "Talsohle in der Wirtschaft" noch nicht erreicht sei, unterstreicht die Notwendigkeit proaktiven Handelns. Auch für das zweite Quartal 2025 lassen die Experteneinschätzungen keine Entspannung erwarten; Restrukturierungsfälle und Insolvenzen werden voraussichtlich weiter steigen.

Handlungsempfehlungen für Unternehmen

Angesichts dieser Lage identifiziert die Studie Bereiche, in denen Unternehmen agieren müssen, um Krisenresistenz zu wahren: * Etablierung von Frühwarnsystemen: Aufbau integrierter Planungsinstrumente zur Sicherung des finanziellen Handlungsspielraums. * Identifikation von Ertrags- und Verlustbringern: Prozesskostenanalysen zur Schaffung von Transparenz über strategische Geschäftsfelder. * Entschlackung von Organisationsstrukturen: Effiziente Führungsmodelle zur Erhöhung der Reaktionsgeschwindigkeit. * Nutzung von Chancen in China: Marktverständnis und lokal unterstütztes Agieren können neue Wachstumsimpulse erschließen.

Diese Empfehlungen sind auch für Akteure im Sanierungs- und Renovierungssektor relevant, da deren Auftragslage direkt von der wirtschaftlichen Gesundheit ihrer Kunden (Privathaushalte und Gewerbe) abhängt.

Auswirkungen auf die Wertschöpfung und den Arbeitsmarkt

Die energetische Sanierung hat grundsätzlich eine hohe volkswirtschaftliche Bedeutung. Durch die vielfältige Wertschöpfung entstehen beträchtliche Auswirkungen auf die Binnenwirtschaft und den Arbeitsmarkt. Die Reduzierung der Sanierungsquote bedeutet somit einen Entzug von Wirtschaftsleistung.

Vorteile für Eigentümer und Mieter

Die Vorteile einer gesteigerten Sanierungstätigkeit sind offensichtlich: * Immobilienbesitzer: Der Wert einer Immobilie wird durch eine verbesserte Gebäudehülle und gesteigerte Energieeffizienz signifikant gesteigert. * Mieter: Sie werden unabhängiger von schwankenden Energiepreisen und müssen geringere Heizkosten aufbringen. * Bewohner: Für alle Bewohner erhöht sich spürbar der Wohnkomfort.

Ein Verzicht auf diese Sanierungen führt zu einem Verbleib in ineffizienten Gebäuden, was die Abhängigkeit von Energiepreisschwankungen erhöht und den wirtschaftlichen Druck auf Haushalte verstärkt.

Notwendigkeit eines Maßnahmen-Mixes

Die "Wärmewende" erfordert mehr als nur den alleinigen Fokus auf den sogenannten Fuel-Switch, also die Elektrifizierung der Wärmeversorgung. Notwendig ist ein Maßnahmen-Mix, der kostenoptimale Antworten liefert. Dazu gehört zwingend der Ausbau der erneuerbaren Energien, was wiederum eine Reduzierung des Verbrauchs durch Sanierungen erfordert, um Netzkapazitäten ausreichend zu berücksichtigen und die Energiesicherheit zu gewährleisten. Ohne eine Steigerung der Sanierungsquote bleibt dieser Mix unvollständig und die Energiewende gefährdet.

Fazit

Die Analyse der Marktdaten und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zeigt ein widersprüchliches Bild: Ein enormer Sanierungsbedarf beim Gebäudebestand trifft auf eine Investitionszurückhaltung bei den Eigentümern und einen drastisch steigenden Restrukturierungsdruck in der mittelständischen Wirtschaft.

Die Sanierungsquote ist von 0,88 % im Jahr 2022 auf 0,69 % im Jahr 2024 gesunken. Dieser Trend steht im krassen Gegensatz zu den notwendigen Zielwerten von etwa 2 % zur Erreichung der Klimaziele 2030. Die Gründe hierfür sind vielfältig: Hohe Inflation und Baupreise, eine als unklar wahrgenommene Förderpolitik, die zu einer Verunsicherung führt, sowie eine Verlagerung der Investitionen weg von der Gebäudehülle hin zur Heizungstechnik und Photovoltaik.

Gleichzeitig sehen sich Unternehmen im Mittelstand, einschließlich der Immobilienbranche, mit einer "nie dagewesenen" Unsicherheit konfrontiert, die zu Insolvenzzahlen in die Höhe treibt. Die wirtschaftliche Verunsicherung überlagert die Notwendigkeit der energetischen Sanierung.

Für die Erreichung der Klimaziele und die Sicherung der Wirtschaftskraft ist eine Trendwende unabdingbar. Diese erfordert nicht nur klare politische Signale und stabile Förderlandschaften, sondern auch eine Stabilisierung der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, um den Eigentümern und Unternehmen wieder Sicherheit für langfristige Investitionen zu geben. Die Sanierung der Gebäudehülle muss dabei wieder als zentraler Hebel für Energieunabhängigkeit und Werterhaltung im Fokus stehen.

Quellen

  1. BuVEG - Sanierungsquote
  2. Wiesel Huber - W&P Sanierungs- und Restrukturierungsbarometer

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