Die Revitalisierung stillgelegter Industrieareale stellt eine der zentralen Herausforderungen für die deutsche Bau- und Immobilienwirtschaft dar. Ein herausragendes Beispiel für eine solche Transformation ist die Entwicklung des ehemaligen Bergwerks Westerholt in Herten und Gelsenkirchen. Das Projekt „Neue Zeche Westerholt“ dient als Pilotprojekt für die strukturelle Umwandlung von ehemaligen Kohleabbaugebieten hin zu nachhaltigen, klimagerechten Quartieren. Durch die Finanzierung über das 5-Standorte-Programm des Landes Nordrhein-Westfalen und die Einbindung in das Bundesforschungsprogramm „Nationale Projekte des Städtebaus“ gewinnt die Bauleistung eine überregionale Bedeutung. Dieser Artikel beleuchtet die technischen, wirtschaftlichen und planerischen Aspekte dieser Großbaustelle, die den Übergang von der Schwerindustrie zu einer Mischung aus Gewerbe, Wohnen und erneuerbaren Energien markiert.
Ausgangslage und wirtschaftliche Bedeutung
Die Schließung der Zeche Westerholt Ende 2008 hatte weitreichende Folgen für die Region. Laut den vorliegenden Informationen verloren in der Emscher-Lippe-Region unmittelbar 4.000 Arbeitsplätze und mittelbar etwa 10.000 Arbeitsplätze. Das stillgelegte Bergwerksgelände umfasst eine Fläche von circa 39 Hektar, das direkt auf der Stadtgrenze von Gelsenkirchen und Herten liegt.
Ziel der Revitalisierung ist es, der Flächenknappheit im gewerblichen Sektor entgegenzuwirken und neue Wertschöpfung zu schaffen. Die Entwicklungsgesellschaft „Neue Zeche Westerholt“ mbH (EGNZW), getragen von den Kommunen Gelsenkirchen und Herten sowie der RAG Montan Immobilien GmbH, steuert die Entwicklung. Ein Kernanliegen ist die Schaffung von Flächen für Gewerbebetriebe, um Arbeitsplätze dort zu schaffen, wo sie durch den Kohleausstieg verloren ging. Rund 21 Hektar der Gesamtfläche sind für eine gewerbliche Folgenutzung vorgesehen.
Förderung und Finanzierung
Ein entscheidender Faktor für die Realisierung des Projekts ist die umfangreiche Förderung durch das Land Nordrhein-Westfalen. Im Rahmen des „5-Standorte-Programms“ hat der Strukturstärkungsrat eine Förderempfehlung über insgesamt rund 61 Millionen Euro ausgesprochen. Diese Summe beinhaltet bereits gezahlte 1,363 Millionen Euro für eine vorangegangene Machbarkeitsstudie.
Die Förderung wurde mit drei Sternen ausgezeichnet, was auf eine hohe Priorität und Modellcharakter hindeutet. Trotz dieser Millionenförderung wird die Finanzierungslücke als kritisch beschrieben. Die Umbauarbeiten werden voraussichtlich etwa 100 Millionen Euro verschlingen, sodass die 61 Millionen Euro Fördergelder nicht ausreichen, um alle Kosten zu decken. Zusätzlich fließen Mittel aus dem Bundesforschungsprogramm „Nationale Projekte des Städtebaus“, unter anderem für das Projekt „Energielabor Ruhr“.
Masterplan und Leitbild: Der „Blaue-Grüne“ Standort
Die Planung basiert auf einem umfassenden Masterplan, der im Ergebnis einer interdisziplinären Machbarkeitsstudie entstand. Dieser definiert das Leitbild der nachhaltigen Kreislaufwirtschaft. Erklärtes Ziel ist die Entwicklung eines „blau-grünen“ Standorts. Dieser Begriff umfasst folgende Schwerpunkte:
- Energie: Fokus auf erneuerbare Energien und Energieeffizienz.
- CO²-neutrales Wirtschaften: Minimierung des ökologischen Fußabdrucks der ansässigen Betriebe.
- Wassersensible Standortgestaltung: Integration von Wasserhaltung und Regenwasserbewirtschaftung in die Landschaftsplanung.
Diese Prinzipien gelten sowohl für die Transformationsprozesse am Standort als auch für neue Projekte der Akteure.
Bauliche Maßnahmen und Sanierung
Die Sanierung des Geländes ist in zwei Bauphasen unterteilt: 1. Phase 1: 2025 bis 2028 2. Phase 2: 2029 bis 2032
Niedergang und Erhalt von Bausubstanz
Ein Teil der alten Industrieanlagen wurde bereits fachgerecht niedergelegt. Dazu gehören die Kohlenaufbereitung, die Sieberei und die Kohlenwäsche sowie einige andere Übertageanlagen. Ziel ist es, das Gelände zu sanieren und zu einem Mischquartier umzugestalten. Von den ursprünglichen Bergwerksgebäuden bleiben 26 Gebäude erhalten. Besonders hervorzuheben ist die unter Denkmalschutz stehende, „altehrwürdige Kaue“, die als architektonisches Denkmal erhalten bleibt.
Das Infocenter Energielabor Ruhr: Sanierung der Torhäuser
Ein zentrales Element der Transformation ist die Sanierung der beiden historischen Torhäuser aus dem Jahr 1955. Diese Gebäude markieren das Portal der ehemaligen Zeche Westerholt. Sie wurden im Rahmen des Bundesforschungsprogramms „Nationale Projekte des Städtebaus“ gefördert und dienen heute als Infocenter für das „Energielabor Ruhr“.
Planerische Umsetzung: * Bauherr: RAG Montan Immobilien * Architektur: Halfmann Architekten * Bauphysik: ISRW-Klapdor GmbH * Statik: Uhlir & Jansen Ingenieurbüro * Fertigstellung: 2019
Die Sanierung diente als modellhafte Maßnahme. Nach der Sanierung beherbergen die Gebäude das Stadtteilbüro Hassel.Westerholt.Bertlich und das Projektbüro Bergbaustandorte. Ein technisches Highlight ist die experimentelle Solarstraße, die den Strom für beide Gebäude liefert und den Wandel in der Energieversorgung sichtbar macht.
Weitere Nutzungen und Entwicklungen
Neben den Verwaltungs- und Infrastrukturgebäuden gibt es Entwicklungen im gewerblichen und sozialen Bereich. In den sanierten Torhäusern zogen 2023 zwei Werbeagenturen ein, die zusammen etwa 30 Mitarbeiter beschäftigen. Es handelt sich hierbei jedoch nicht um neu geschaffene Arbeitsplätze im Sinne einer Ansiedlung, sondern um Umzüge innerhalb der Region (von Gelsenkirchen-Buer nach Gelsenkirchen-Hassel).
Ein weiterer Aspekt ist die benachbarte Zechensiedlung. Für die 279 Zechenhäuser und das Torhaus wurden 4 Millionen Euro aus dem Städteprogramm „Energielabor Ruhr“ bereitgestellt. Die Siedlung trägt nun den Namen „Gartenstadt“.
Zielkonflikte und kritische Würdigung
Trotz der umfangreichen Planungen und Förderungen ergeben sich aus den Quellen auch kritische Punkte, die bei der Bewertung der Baumaßnahmen berücksichtigt werden müssen.
Finanzielle Nachhaltigkeit
Die Diskrepanz zwischen den benötigten 100 Millionen Euro und den bewilligten 61 Millionen Euro stellt ein erhebliches Risiko für die Projektrealisierung dar. Es ist unklar, wie die Finanzierungslücke geschlossen wird, was die wirtschaftliche Tragfähigkeit des Projekts in Frage stellen könnte.
Effektivität der Arbeitsplatzschaffung
Die Quellen geben zu bedenken, dass die Ankündigung, „neue Arbeit entstehen zu lassen“, kritisch zu hinterfragen ist. Ein Beispiel ist der Umzug bereits bestehender Firmen innerhalb der Region, was nicht zwingend zu einem Nettozuwachs an Arbeitsplätzen führt. Zudem wird darauf hingewiesen, dass Beratungsangebote (z.B. Photovoltaik-Beratung) durch Streichung von Fördermitteln der Landesregierung stark eingeschränkt wurden.
Ökologische Ambivalenz
Während das Leitbild des „blau-grünen“ Standorts fortschrittlich ist, wird in einer Quelle der Begriff „Klimahelden“ und damit verbundene Preise als „Blödsinn“ bezeichnet. Dies deutet auf eine gesellschaftliche Debatte über die Notwendigkeit und den Nutzen bestimmter ökologischer Maßnahmen hin, die bei der Planung berücksichtigt werden muss. Es zeigt sich, dass technische Lösungen (wie die Solarstraße) zwar umgesetzt werden, soziale Akzeptanz jedoch nicht automatisch gegeben ist.
Technische Spezifikationen und Eckdaten im Überblick
Für Bauinteressierte und Fachplaner sind folgende Daten aus den vorliegenden Quellen relevant:
| Parameter | Details |
|---|---|
| Standort | Egonstrasse, Herten (BW Lippe), direkt an der Grenze zu Gelsenkirchen |
| Gesamtfläche | ca. 39 Hektar |
| Fläche Gewerbe | ca. 21 Hektar |
| Erhaltene Gebäude | 26 Gebäude, darunter denkmalgeschützte Kaue |
| Abrissmaßnahmen | Kohlenaufbereitung, Sieberei, Kohlenwäsche, Übertageanlagen |
| Sanierung Torhäuser | Fertigstellung 2019, Nutzung als Infocenter |
| Energieversorgung Torhäuser | Experimentelle Solarstraße |
| Gesamtkosten (geschätzt) | ca. 100 Mio. Euro |
| Fördersumme (5-Standorte-Programm) | ca. 61 Mio. Euro |
| Zeitplan | Phase 1: 2025-2028, Phase 2: 2029-2032 |
Fazit
Die Revitalisierung der Zeche Westerholt ist ein Paradebeispiel für die Transformation von Industriebrachen im Ruhrgebiet. Technisch gesehen handelt es sich um ein komplexes Vorhaben, das Sanierung, Abriss und Neubau verbindet. Der Fokus auf ein „blau-grünes“ Leitbild und die Integration von erneuerbaren Energien, wie im „Energielabor Ruhr“ demonstriert, setzt Maßstäbe für zukünftige Flächenentwicklungen.
Für Bau- und Immobilienprofis liefert das Projekt wichtige Erkenntnisse über die Planung von Großprojekten unter den Bedingungen der Transformation. Die hohe Förderwürdigkeit (3 Sterne) unterstreicht die regionale Dringlichkeit, doch die verbleibende Finanzierungslücke von rund 39 Millionen Euro zeigt die wirtschaftlichen Grenzen solcher Vorhaben. Zudem verdeutlicht die Diskussion um Arbeitsplatzneuschaffung, dass rein bauliche Maßnahmen allein keine nachhaltige Wirtschaftsförderung garantieren. Die Zeche Westerholt entwickelt sich von einem Ort der fossilen Energiegewinnung zu einem Areal der Energieerzeugung und gewerblichen Nutzung, wobei der Erhalt von Baudenkmalen und die Schaffung neuer Identitäten im Vordergrund stehen.
Quellen
- 61 Mio. Euro Fördergeld für ein klimagerechtes Westerholt
- Umbau und energetische Sanierung der beiden Torhäuser
- Neue Zeche Westerholt - 5-Standorteprogramm
- Rund 61 Mio. Förderempfehlung für die Neue Zeche Westerholt
- Rund 61 Mio. Förderempfehlung für die Neue Zeche Westerholt
- Zeche Westerholt BW Lippe