Die Sanierung und Erweiterung der Zentralbibliothek Mönchengladbach, auch bekannt als Carl Brandts Haus, stellt einen Meilenstein in der modernen Bibliotheksarchitektur und im Denkmalschutz dar. Dieser umfassende Umbau eines Baudenkmals aus den 1960er Jahren bietet wertvolle Einblicke für Bauherren, Immobilienbesitzer und Architekten, die sich für die denkmalgerechte Sanierung und die Integration moderner Nutzungen in historische Bausubstanz interessieren. Der folgende Artikel beleuchtet die technischen, gestalterischen und konzeptionellen Aspekte dieses Projekts, das die Transformation einer traditionellen Bibliothek zu einem zukunftsfähigen Medienhaus aufzeigt.
1. Ausgangslage und Bedarf
Die Zentralbibliothek Mönchengladbach wurde in den Jahren 1960 bis 1964 als freistehender Solitär errichtet und stellt ein architektonisch hochwertiges Beispiel der deutschen Nachkriegsmoderne dar. Das Bauwerk wurde ursprünglich als Ensemble aus unterschiedlich dimensionierten, kubischen Bauteilen mit Flachdächern gestaltet, wobei die Formensprache den Prinzipien der funktionalistischen Moderne folgte. Trotz ihrer architektonischen Bedeutung sah sich die Bibliothek mit erheblichen Problemen konfrontiert: Die Räumlichkeiten waren zu alt, zu klein und unmodern, was eine grundlegende Erneuerung unumgänglich machte.
Eine Analyse der Situation ergab eine massive Raumnot, die eine Erweiterung der Nutzungsflächen notwendig machte. Die ursprünglich verfügbare Fläche von ca. 1.500 m² für die Öffentlichkeit war für die Anforderungen einer modernen Stadtbibliothek unzureichend. Ziel der Maßnahme war es daher, einerseits die denkmalgeschützte Substanz zu erhalten und andererseits eine attraktive, moderne Einrichtung zu schaffen, die nahtlos in das Quartier integriert ist.
2. Das Konzept: Vom Produkt zum Prozess
Die Sanierung basierte auf einem innovativen Nutzungskonzept mit dem Titel „Zentralbibliothek der Zukunft – Offene Bibliothek: hybrider Lernort, innovativer Vernetzungsraum, (inter-)kultureller Treffpunkt“. Dieses Konzept überzeugte die Fördergeber davon, dass die Bibliothek als zentrales Projekt zur Bewältigung gesellschaftlicher Herausforderungen beitragen kann. Dazu gehören soziokulturelle Schwächen, die Notwendigkeit der Digitalisierung und die Stärkung der Innenstadt.
Das Konzept verschiebt den Fokus vom reinen Produkt (der Ausleihe von Medien) hin zum Prozess der sozialen Interaktion und Bildung. Bibliotheken werden dabei als elementare soziale Treffpunkte, wichtige Bildungs- und Kulturorte sowie Orte der Integration verstanden. Die Leseförderung bleibt die Kernaufgabe, doch der physische Raum und seine Gestaltung spielen eine immer bedeutendere Rolle. Die Bibliothek soll ein Ort sein, an dem Menschen ganz für sich bleiben können, ohne sich einsam zu fühlen – ein „Wohlfühlort“, der Integration und Inklusion fördert.
3. Finanzierung und Trägerschaft
Ein entscheidender Faktor für die Realisierung des ambitionierten Vorhabens war die Finanzierung. Das Projekt wurde zu 90 % durch Mittel des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) sowie des Städtebauförderprogramms des Ministeriums für Heimat, Kommunales, Bau und Digitalisierung (MHKBD) NRW gefördert. Der Eigenanteil der Stadt Mönchengladbach wurde in den Doppelhaushalt 2019/2020 eingestellt, was die Finanzierungssicherheit gewährleistete. Die Gesamtkosten des Projekts beliefen sich auf 18 Millionen Euro, wobei die reinen Baukosten für das Gebäude ca. 12 Millionen Euro betrugen.
4. Architektonische und bautechnische Umsetzung
Die architektonische Leitung für die Sanierung und Erweiterung lag bei Schrammel Architektur Stadtplanung aus Augsburg. Der Entwurf sah vor, das denkmalgeschützte Gebäude durch zwei Neubauerweiterungen zu ergänzen, ohne seinen historischen Charakter wesentlich zu verändern.
4.1. Erweiterungsbauten
Die Erweiterung erfolgte im ehemaligen Hofraum und durch einen neu geschaffenen, großzügigen Lichthof im Untergeschoss. * Aktive Plaza: Ein Neubau im ehemaligen Hofraum schafft eine neue, offene Erschließungsfläche. * Unterirdischer Anbau mit Lichthof: Im Untergeschoss entstand ein Anbau, der durch einen gestalteten Lichthof natürlichtes Licht in die Tiefe bringt und neue Nutzungsflächen schafft.
Durch diese Maßnahmen verdoppelte sich die öffentlich zugängliche Fläche von ca. 1.500 m² auf ca. 3.000 m². Dieser Zuwachs ermöglichte die Einrichtung großer Verweilzonen, zusätzlicher Ausstellungsflächen, eines Veranstaltungsraums und eines Cafés mit Außenfläche.
4.2. Denkmalschutz und Integration
Ein Kernanliegen war die denkmalgerechte Sanierung. Die Jury des Wettbewerbs lobte die gelungene Verknüpfung von Außen- und Innenräumen sowie die Beziehung zwischen dem Altbau mit seinen reichen historischen Details und den angefügten Neubauteilen. Der Charakter der ursprünglichen Architektur, die als kubische Ensemble mit Flachdächern und einem weitgehend verglasten Erdgeschoss des Eingangsflügels gestaltet ist, bleibt durch die umsichtige Integration der Neubauten gewahrt.
4.3. Technologische Infrastruktur
Die Modernisierung beschränkte sich nicht auf die Bausubstanz, sondern umfasste auch die technologische Infrastruktur. Die Bibliothek ist nun technologisch modern aufgestellt, um die digitale Teilhabe zu fördern. Ein Beispiel dafür ist das Angebot an digitalen Medien, wie der Nex.Locker LapSafe im Foyer, der 36 frisch geladene Laptops zur Ausleihe bereithält. Zudem werden PC-Arbeitsplätze durch flexible Nutzungsmöglichkeiten entlastet.
5. Gestaltung und Innenarchitektur
Das frische Interior Design trägt maßgeblich zur hohen Aufenthaltsqualität bei. Die Räume sind hell und freundlich gestaltet, um ein Wohlfühlgefühl zu erzeugen. Die Gestaltung fördert die flexible Bewegung der Besucher und ermöglicht sowohl individuelle Nutzung als auch Gruppenarbeit. Die Architektur und Gestaltungskunst des neuen Hauses soll die Freiheit und Geborgenheit erfahrbar machen und als integrativer Treffpunkt für unterschiedlichste Menschen dienen.
6. Auszeichnungen und Anerkennung
Die Qualität des Projekts wurde durch zahlreiche Auszeichnungen bestätigt, was seine Bedeutung für die Bauwelt unterstreicht: * German Design Award 2025 * BDA Preis NRW 2024 * BDA Linker Niederrhein 2023 und 2024 * Architekturpreis Linker Niederrhein (Winter 2023) * Deutscher Lichtdesign-Preis 2024 * Shortlist DAM Preis für Architektur 2025
Diese Auszeichnungen würdigen die denkmalgerechte Sanierung, das moderne Nutzungskonzept und die gelungene Gestaltung.
7. Zeitplan und Projektmanagement
Das Projekt folgte einem klaren Zeitplan: * Planungsphase: Der Wettbewerb wurde gewonnen und das Konzept ausgearbeitet. * Baubeginn: Geplant war Juni 2020. * Fertigstellung: Voraussichtlich Juli 2022. Die Realisierung des Nutzungskonzepts wurde im Juni 2023 abgeschlossen.
Die Steuerung des Projekts erfolgte durch die Stadt Mönchengladbach in Zusammenarbeit mit dem Architekturbüro Schrammel. Die enge Abstimmung zwischen Träger, Planer und Fördergebern war essenziell für den Erfolg.
Fazit
Die Sanierung und Erweiterung der Zentralbibliothek Mönchengladbach ist ein herausragendes Beispiel für die gelungene Transformation eines Baudenkmals der Nachkriegsmoderne. Durch den Zubau von ca. 1.500 m² Fläche und die Schaffung von qualitativ hochwertigen, hellen und flexiblen Räumen wurde eine moderne Medieninfrastruktur geschaffen, die den Anforderungen einer vielseitigen Nutzung gerecht wird. Die Integration von Neubauteilen in die historische Bausubstanz unter Wahrung des denkmalgeschützten Charakters zeigt Wege auf, wie historische Immobilien zukunftsfähig gemacht werden können. Finanziert durch hohe Förderquoten und ausgezeichnet mit renommierten Architekturpreisen, steht die Bibliothek als „Offene Bibliothek“ und hybrider Lernort für die gesellschaftliche Funktion von Bibliotheken im 21. Jahrhundert. Für Bauherren und Planer bietet das Projekt wertvolle Lehrsätze zur Integration moderner Technologie, zur Schaffung von Aufenthaltsqualität und zur denkmalgerechten Erweiterung bestehender Bauten.
Quellen
- Schrammel Architekten - Zentralbibliothek Mönchengladbach
- Schueco - Referenzen Zentralbibliothek Mönchengladbach
- Nexbib - Zentralbibliothek Mönchengladbach: Die Zukunft ist jetzt!
- Mg-heute - Denkmalgeschützte Zentralbibliothek wird saniert
- De Gruyter Brill - Integriertes Handlungskonzept
- Baukunst NRW - Zentralbibliothek Carl Brandts Haus