Einleitung
Die Sanierung der Stuttgarter Oper steht vor einer der größten Herausforderungen in der deutschen Baugeschichte. Das historische Opernhaus, eines der bedeutendsten Kulturhäuser Deutschlands, benötigt eine dringend notwendige Modernisierung, die sich jedoch zu einem der teuersten Bauprojekte des Landes entwickelt. Ursprünglich mit rund einer Milliarde Euro veranschlagt, deuten alle Anzeichen darauf hin, dass die tatsächlichen Kosten das Doppelte dieser Summe erreichen könnten. Gleichzeitig verschiebt sich der Zeitplan um mehrere Jahre, was zusätzliche Belastungen für den Theaterbetrieb und die öffentlichen Haushalte bedeutet. Dieser Artikel beleuchtet die Dimensionen des Sanierungsprojekts, die Kostenentwicklung, die technischen Herausforderungen und die Auswirkungen auf den Kulturstandort Stuttgart.
Die Dimensionen des Sanierungsprojekts
Die Stuttgarter Oper, offiziell als Württembergische Staatstheater bekannt, ist mit 1.400 Beschäftigten das größte Drei-Sparten-Theater weltweit. Es vereint Oper, Ballett und Schauspiel unter einem Dach und stellt damit eine besondere Herausforderung für jede Sanierung dar. Das Hauptgebäude, der Littmann-Bau aus dem Jahr 1902, ist denkmalgeschützt und umfasst nicht nur den Zuschauerraum mit über 1.400 Plätzen, sondern auch zahlreiche Bühnen-, Werkstätten- und Verwaltungsräume.
Die Notwendigkeit einer umfassenden Sanierung resultiert aus mehreren Faktoren: Das Gebäude ist in die Jahre gekommen, das Dach ist marode, die Bühne und die Technik entsprechen nicht mehr zeitgemäßen Standards, und es besteht Platzmangel für die rund 1.400 Mitarbeiter. Gleichzeitig muss der Denkmalschutz beachtet werden, was die Sanierung zusätzlich komplex und teurer macht als bei einem modernen Neubau.
Die Sanierung gliedert sich in drei Hauptprojekte:
- Sanierung des Littmann-Baus als Kernstück des Projekts
- Bau eines neuen Kulissenlagers auf dem Areal der ehemaligen Zuckerfabrik im Hallschlag
- Schaffung einer Ausweichspielstätte für die Zeit der Sanierung
Kostenentwicklung und Finanzierung
Die Kosten für die Sanierung der Stuttgarter Oper sind seit längerem ein zentrales Thema der Diskussion. Ursprünglich war von einer Milliarde Euro die Rede, doch deutet alles darauf hin, dass dieser Kostenrahmen nicht zu halten sein wird. Die Ministerin für Finanzen hat eine "deutliche Richtungsänderung" und "spürbare Veränderungen" angekündigt, was als Indiz für signifikante Kostensteigerungen zu werten ist.
Ein unbestätigter Bericht legt nahe, dass die Sanierung des Opernhauses in Stuttgart erheblich teurer werden könnte als die ursprünglich veranschlagte eine Milliarde Euro. Lately, die Rede ist von 1,5 bis zwei Milliarden Euro. Diese Zahlen stammen aus Insiderkreisen und wurden vom SWR veröffentlicht, wurden jedoch weder von der Stadt noch vom Land offiziell kommentiert.
Vergleichbare Projekte in anderen Städten zeigen ähnliche Kostensteigerungen. Bei den Städtischen Bühnen Köln, einem Dreispartenhaus mit rund 700 Beschäftigten, waren die reinen Baukosten anfangs mit 253 Millionen Euro veranschlagt. Aktuell rechnet man dort damit, dass die Sanierung zwischen 618 und 644 Mio. Euro kosten wird – das mehr als das Doppelte der ursprünglichen Schätzung.
Eine Machbarkeitsstudie aus dem Sommer 2017 für die Stuttgarter Oper hatte drei Varianten mit Gesamtkosten von rund 848 bis zu 888 Millionen Euro vorgeschlagen, inklusive Kosten für Interim, Risikozuschläge und zu erwartende Baupreissteigerungen. Diese Berechnungen stammen jedoch bereits aus dem Jahr 2019 und müssen heute als überholt gelten.
Ein fiktiver Neubau wurde auf Basis von Opera-Projekten in Kopenhagen, Oslo und Linz kalkuliert, erweitert um die im Jahr 2019 zu erwartenden Baukostensteigerungen für die Bauzeit von 2029 bis 2034. Dieser Mittelwert für einen Opernneubau betrug 642 Millionen Euro im Jahr 2019. Selbst dieser Vergleichswert zeigt, dass selbst ein Neubau erhebliche Investitionen erfordern würde.
Finanzierungsmodell und öffentliche Haushalte
Die Sanierung und Erweiterung der Stuttgarter Oper wird von der Landeshauptstadt Stuttgart und dem Land Baden-Württemberg gemeinsam finanziert. Das Land gibt jährlich rund 50 Milliarden Euro aus. Über zehn Jahre gerechnet entspricht der Landesanteil für die Sanierung der Stuttgarter Oper etwa 0,1 Prozent des Haushaltsvolumens. Bezogen allein auf die Bauprojekte des Landes über etwa 1 Milliarde Euro pro Jahr entspräche der Landesanteil etwa 5 Prozent. Diese Berechnung erfolgt unter Annahme des höchsten Kostenaufwands (inklusive Baupreissteigerungen und Risikopuffer).
Trotz dieser relativ geringen prozentualen Belastung des Landeshaushalts hat das Projekt erhebliche Diskussionen ausgelöst. Der Steuerzahlerbund, der bereits in der Vergangenheit die Kostenplanung kritisiert hatte, forderte mehr Transparenz bei der Finanzierung und warnte vor einer Kostenexplosion.
Zeitplan und Verzögerungen
Der ursprüngliche Zeitplan für die Sanierung der Stuttgarter Oper hat sich erheblich verschoben. Ursprünglich war geplant, den Littmann-Bau früher zu sanieren und eine Ausweichspielstätte zeitnah zu errichten. Durch den späteren Start der Interimsspielstätte muss der Littmann-Bau jedoch mindestens bis 2033 in Betrieb bleiben, also vier Jahre länger als ursprünglich geplant.
Die Sanierung des Littmann-Bauses soll nun im Sommer 2033 beginnen und voraussichtlich zwischen Frühling und Sommer 2041 abgeschlossen werden. Die Wiedereröffnung des sanierten Opernhauses ist dann für das zweite Quartal 2042 geplant. Nach der Fertigstellung soll das Opernhaus am Oberen Schlossgarten wieder genutzt werden können.
Das zweite Teilprojekt, der Bau eines neuen Kulissenlagers auf dem Areal der ehemaligen Zuckerfabrik im Hallschlag, ist für das zweite Quartal 2028 geplant. Diese Maßnahme ist notwendig, da das bestehende Kulissenlager den Anforderungen des modernen Theaterbetriebs nicht mehr gerecht wird. Das neue Lager soll ausreichend Platz für die umfangreichen Requisiten und Kulissen bieten, die für die Produktionen der Stuttgarter Oper benötigt werden.
Die Verzögerungen haben mehrere Ursachen: Einerseits kompliziert die Notwendigkeit einer Ausweichspielstätte den Zeitplan, andererseits haben sich die Kosten für Baumaterial und Arbeitskräfte seit der ursprünglichen Planung deutlich erhöht. Auch die Suche nach geeigneten Standorten für die temporäre Spielstätte hat zusätzliche Zeit in Anspruch genommen.
Technische Herausforderungen der Sanierung
Die Sanierung des Stuttgarter Opernhauses stellt aus technischer Sicht besondere Anforderungen. Einerseits muss der denkmalgeschützte Littmann-Bau aus dem Jahr 1902 saniert und erhalten werden, andererseits müssen moderne technische Standards implementiert werden.
Ein zentrales Element der Sanierung ist der Einbau einer Kreuzbühne. Kreuzbühnen sind heute absoluter Standard in modernen Opernhäusern und ermöglichen eine flexible Nutzung der Bühne. Für den Einbau der Kreuzbühne wird eine Kostenspanne von 20 bis 26 Millionen Euro auf Basis heutiger Preise veranschlagt, beziehungsweise – wieder einschließlich der absehbar steigenden Baupreise – 27 bis 35 Millionen Euro. Da die Bühnentechnik sowieso ausgetauscht werden muss, spielt sie in dieser Kostenspanne keine Rolle.
Eine Erweiterung der Bühnenlandschaft ist wichtig, um schnell und effizient Umbauten und Kulissenwechsel vornehmen zu können und auch mehr Vorstellungen bieten zu können. Die Nachfrage nach Karten für das Ballett kann aktuell bei weitem nicht befriedigt werden, Besucherinnen und Besucher müssen oftmals abgewiesen werden. Mit einer Kreuzbühne könnte es künftig möglich sein, am Sonntagmorgen eine Opernvorstellung für Familien zu geben und am Abend eine Ballettvorstellung. Am folgenden Montagmorgen könnte eine Schulvorstellung stattfinden, anschließend eine Probe und abends eine Produktion aus dem Repertoire. Mit dieser hohen Variabilität können auch neue Besuchergruppen angesprochen werden.
Für die bauliche Erweiterung des Littmann-Baus als Voraussetzung für den Einbau der Kreuzbühne wird eine Kostenspanne von 20 bis 26 Millionen Euro auf Basis der Preise im Jahr 2019 veranschlagt. Auch hier müssen mögliche Risiken und absehbare Baukostensteigerungen eingerechnet werden.
Die Frage der Ausweichspielstätte
Ein komplexes Problem bei der Sanierung der Stuttgarter Oper ist die Frage der Ausweichspielstätte. Während der Sanierungszeit müssen Oper, Ballett und Schauspiel eine alternative Spielstätte nutzen. Dies hat erhebliche technische und finanzielle Konsequenzen.
Eine Ausweichspielstätte für Oper und Ballett benötigt einen Bühnenturm und Orchestergraben. Ein Konzerthaus benötigt dies nicht. Im Gegenteil würde ein Bühnenturm die Konzertakustik zunichtemachen. Die Stadt hat diese Frage begutachten lassen. Der Gutachter kommt zu dem eindeutigen Schluss, dass weder für die Oper noch für das Konzerthaus aus einem solchen Mischgebäude eine gute Lösung entstehen würde.
Die Landeshauptstadt Stuttgart hat auf Grundlage des Wettbewerbsergebnisses Rosenstein eine Neukonzeption für ein Opernhausinterim auf dem C1-Areal an den Wagenhallen erarbeitet. Allerdings ist die Frage der Ausweichspielstätte eng mit den Kosten verbunden. Die Kosten für das ganze Projekt teilen sich Stadt und Land. Bisher wird für die Sanierung rund eine Milliarde Euro veranschlagt - das ist allerdings eine Berechnung aus dem Jahr 2019. Und für den wichtigsten Teil des Projekts, die Sanierung des Littmann-Baus, gibt es noch gar keine Ausschreibung.
Die Projektgesellschaft soll nun prüfen, wie die Pläne entsprechend angepasst werden können. "Wir müssen vor allem auf die Kostenbremse treten", sagte OB Nopper. "Alles muss ohne Tabus auf den Prüfstand." Immerhin handele es sich um eine temporäre Lösung – die Kosten müssten entsprechend im Rahmen bleiben.
Alternativen und Kritik am Projekt
Kritiker befürchten, die Sanierung könnte nach der Kostenexplosion beim benachbarten Stuttgart 21-Tiefbahnhof zu einem weiteren Milliardengrab werden. Sie fordern ein Innehalten und neue Ideen wie ein abgespecktes Sanierungsprogramm und einen Neubau, der aber bereits umfassend geprüft worden war.
In einem mehrjährigen Prozess im Verwaltungsrat der Staatstheater hat sich das Gremium für eine Sanierung und Erweiterung des Opernhauses entschieden, unter anderem auch weil ein Neubau teurer wäre. Allerdings wurde auch berechnet, dass selbst ein fiktiver Neubau erhebliche Kosten verursachen würde.
Das historische Opernhaus im Herzen der Stadt muss auch bei einem Neubau erhalten werden, um dort weiterhin Ballettaufführungen zeigen zu können. Auch dafür müsste umfassend saniert werden, was erhebliche Kosten verursachen würde. Der überwiegende Teil der Kosten ergibt sich aus gesetzlichen Auflagen.
Ein weiterer Kritikpunkt ist die lange Bauzeit. Die Sanierung des Littmann-Bauses wird sich über zehn Jahre ziehen, was erhebliche Planungsunsicherheit für das Theater und die Mitarbeiter mit sich bringt. Gleichzeitig müssen die Theater während der Bauzeit weiterbetrieben werden, was zusätzliche Kosten für die Ausweichspielstätte verursacht.
Fazit
Die Sanierung der Stuttgarter Oper entwickelt sich zu einem der größten und teuersten Bauprojekte in der Geschichte Baden-Württembergs. Während ursprünglich von Kosten in der Höhe von einer Milliard Euro ausgegangen wurde, deuten alle Anzeichen darauf hin, dass die tatsächlichen Kosten das Doppelte erreichen könnten. Gleichzeitig verschiebt sich der Zeitplan um mehrere Jahre, was zusätzliche Belastungen für den Theaterbetrieb und die öffentlichen Haushalte bedeutet.
Das Projekt ist aus mehreren Gründen besonders komplex: Einerseits muss der denkmalgeschützte Littmann-Bau saniert werden, andererseits müssen moderne technische Standards implementiert werden. Die Notwendigkeit einer Ausweichspielstätte während der Sanierungszeit erschwert die Planung zusätzlich.
Die Finanzierung erfolgt durch die Stadt Stuttgart und das Land Baden-Württemberg. Obwohl die Kosten im Verhältnis zum Landeshaushalt relativ gering sind, hat das Projekt erhebliche Diskussionen ausgelöst, insbesondere angesichts der Erfahrungen mit Kostenüberschreitungen bei anderen Großprojekten wie Stuttgart 21.
Die Sanierung der Stuttgarter Oper ist ein Paradebeispiel für die Herausforderungen, die bei der Modernisierung kultureller Baudenkmäler entstehen. Sie zeigt, wie wichtig eine realistische Planung, transparente Kommunikation und flexible Anpassung an veränderte Rahmenbedingungen sind. Gleichzeitig unterstreicht sie die kulturelle Bedeutung des Hauses, das trotz der hohen Kosten als unersetzlicher Bestandteil der Stuttgarter Kulturlandschaft angesehen wird.