Einführung
Die Generalsanierung der Staatsbibliothek Unter den Linden in Berlin zählt zu den bedeutendsten Renovierungsprojekten in der deutschen Kulturlandschaft. Dieses Bauwerk, ursprünglich 1903 bis 1914 nach den Entwürfen des Hofbaumeisters Ernst von Ihne errichtet, wurde im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt und in den folgenden Jahrzehnten lediglich teilweise instandgehalten. Nach der Wiedervereinigung erkannte die Stiftung Preußischer Kulturbesitz die Notwendigkeit, das Gebäude auf den neuesten baulichen und technischen Stand zu bringen. Der internationale Architekturwettbewerb 1999/2000 führte schließlich zu der Verantwortung des Architekturbüros hg merz, das das Projekt bis zu seiner Fertigstellung im Jahr 2019 leitete. Die Sanierung wurde nicht nur als rein bauliche Aufgabe verstanden, sondern auch als Chance, die Funktionen der Bibliothek zeitgemäßer zu gestalten und den Denkmalschutz mit modernen Anforderungen zu verbinden.
In diesem Artikel werden die zentralen Aspekte der Sanierung vorgestellt, darunter die architektonischen Herausforderungen, die Kostenentwicklung, die technischen und logistischen Verbesserungen sowie die Auswirkungen auf die Nutzung der Bibliothek. Der Fokus liegt dabei auf den Fakten, die aus den bereitgestellten Quellen hervorgehen, um eine objektive und präzise Darstellung zu ermöglichen.
Historische und bauliche Grundlagen
Die Staatsbibliothek Berlin Unter den Linden entstand in den Jahren 1903 bis 1914 nach den Entwürfen von Ernst von Ihne. Das Gebäude war damals als repräsentatives Kuppelbauwerk geplant, das sowohl kulturell als auch architektonisch von großer Bedeutung ist. Es zählt zu den größten Bibliotheksbauten weltweit und verfügt über eine Bruttogruppenfläche von über 100.000 Quadratmetern. Der Architekt hatte es als Inszenierung von sich fordernden Räumen konzipiert, wobei der Allgemeine Lesesaal den Höhepunkt darstellt. Dieser Raum war ursprünglich einer der größten Kuppelbauten Berlins und symbolisiert die kaiserliche Pracht der Epoche.
Bereits während der Errichtung des Hauses in den frühen 1900er Jahren fand eine erste Erweiterung statt, bei der über dem Tonnengewölbe der zentralen Treppenhalle vier Geschosse mit zusätzlichen Magazinen errichtet wurden. Diese Veränderungen führten zu einer Verzerrung des ursprünglichen Raumkonzepts, was sich später als zusätzliche Herausforderung bei der Generalsanierung erwies.
Im Zweiten Weltkrieg erlitt das Gebäude schwere Bombenschäden, die in der DDR lediglich teilweise behoben wurden. Die damaligen Sanierungsmaßnahmen konzentrierten sich auf dringende Probleme wie Raum- und Magazinbedarfe, doch eine umfassende Grundinstandsetzung blieb aus. Erst nach der Wiedervereinigung wurde das Projekt zur Generalsanierung in Angriff genommen, um das Stammhaus der größten wissenschaftlichen Universalbibliothek im deutschsprachigen Raum wieder in den Zustand eines modernen und funktionalen Kulturzentrums zu versetzen.
Der Architekturwettbewerb und die Projektplanung
Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz beauftragte das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR) mit der Auslobung eines Architekturwettbewerbs im Jahr 1999. Ziel war es, den Neubau eines zentralen Lesesaals und weiterer Bereiche sowie die Grundinstandsetzung des Hauses Unter den Linden zu planen. In einem Vorwettbewerb wurden aus 146 Bewerbern 15 Architekturbüros ausgewählt, von denen 14 am offiziellen Wettbewerb teilnahmen. Der Wettbewerb endete im März 2000 mit dem Sieg des Architekturbüros hg merz aus Stuttgart/Berlin.
Das Büro hg merz setzte sich mit einem Konzept durch, das sich auf die Wiederherstellung des ursprünglichen Raumkonzepts konzentrierte. Gleichzeitig sollten neue Elemente wie zeitgemäße Technik, Sicherheits- und Brandschutzanlagen sowie ein moderner Lesesaal integriert werden. Der Entwurf beinhaltete auch die Erweiterung durch einen zeitgenössischen Glaskubus, in dem sich der Allgemeine Lesesaal befindet. Diese Anlage sollte sich deutlich von der historischen Bausubstanz abheben, aber in ein harmonisches Ganzes integrieren.
Die Planung sah zwei Bauabschnitte vor. Der erste konzentrierte sich auf den nördlichen Bereich des Gebäudes, während der zweite Abschnitt, der bei laufendem Betrieb durchgeführt wurde, den südlichen Teil betraf. Ein zentrales Ziel war es, die ursprüngliche Erschließungsachse des Gebäudes wiederherzustellen, was erst mit Abschluss des zweiten Bauabschnitts gelang.
Architektonische und technische Herausforderungen
Die Generalsanierung war von Anfang an mit erheblichen architektonischen und technischen Herausforderungen verbunden. Zunächst musste das Gebäude so weit wie möglich auf den ursprünglichen Zustand zurückgeführt werden, ohne die historische Substanz zu zerstören. Dies betraf vor allem die Wiederherstellung der Kuppel über dem Hauptzugang und die Erschließungsachse, die in den vergangenen Jahrzehnten durch Umbauten und Schäden beeinträchtigt worden war.
Ein weiteres zentrales Projekt war die Erweiterung mit einem zeitgenössischen Glaskubus. Dieser Bau beherbergte den Allgemeinen Lesesaal, der 279 Arbeitsplätze umfasste, sowie Tresormagazine für besonders wertvolle Sammlungen. Der Glaskubus wurde so gestaltet, dass er sich optisch von der historischen Bausubstanz abhob, aber gleichzeitig in das Gesamtkonzept eingebunden wurde. Diese klare Unterscheidung zwischen Alt- und Neubau unterstrich die architektonische Identität der Sanierung.
Ein weiteres technisches Projekt war die Installation einer Kastenförderanlage, die den Transport von Büchern innerhalb des Gebäudes erleichtern sollte. Diese Anlage war insbesondere für die Lagerung und Ausleihe von wertvollen und oft fragilen historischen Werken von großer Bedeutung. Zudem wurde das Lipman-Regalsystem, ein historisches Regalsystem aus dem Jahr 1889, sorgfältig erhalten und in das moderne Nutzungskonzept integriert.
Die technische Ausstattung des Altbaus wurde vollständig auf den neuesten Stand gebracht. Sicherheits- und Brandschutzanlagen wurden modernisiert, und die Energieeffizienz des Gebäudes verbessert. Besonders herausfordernd war die Sanierung der versteckten Schäden am Tragwerk, die erst während der Bauarbeiten entdeckt wurden. Diese Schäden erforderten zusätzliche Maßnahmen, die den Planungsrahmen überschritten.
Kostenentwicklung und Zeitplan
Die Generalsanierung der Staatsbibliothek Unter den Linden erwies sich als außergewöhnlich komplexes Projekt, das sowohl die ursprünglichen Kosten- als auch Zeitpläne deutlich überschritt. Der ursprüngliche Kostenvoranschlag lag bei 326 Millionen Euro, doch die endgültigen Kosten betrugen 470 Millionen Euro. Diese Erhöhung war auf mehrere Faktoren zurückzuführen:
Erhöhte Kosten durch Unwägbarkeiten im Bestand: Während der Bauarbeiten wurden versteckte Schäden am Tragwerk entdeckt, die nicht in den ursprünglichen Planungskalkulationen berücksichtigt waren. Dazu zählten beispielsweise Schäden an den Stahlfachwerkträgern über der Haupttreppe, die während der Sanierung der 1950er Jahre verdeckt wurden.
Preisanstiege und Kalkulationsunvermögen: Wie bei vielen öffentlichen Baumaßnahmen führten dramatische Preisanstiege in den Bauindizes sowie fehlende Kalkulationspraktiken bei ausführenden Firmen zu einem Kostenanstieg.
Langfristige Bauzeit: Die Sanierung begann im Jahr 2005, doch erst im Jahr 2019 wurde der zweite Bauabschnitt abgeschlossen. Dies bedeutete, dass die Sanierung insgesamt über 15 Jahre andauerte. Die Bauarbeiten mussten zudem bei laufendem Betrieb durchgeführt werden, was zusätzliche logistische und organisatorische Herausforderungen mit sich brachte.
Die Kostenentwicklung und die Verzögerung der Bauzeit führten zu Kritik, insbesondere in Bezug auf die Transparenz und Effizienz öffentlicher Bauprojekte. Dennoch betont Jörg Brandt, Projektleiter des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung, dass die Kosten im Vergleich zu anderen Projekten wie dem Humboldtforum durchaus moderat seien.
Nutzung und Nutzen der Sanierung
Die Generalsanierung führte nicht nur zu einer baulichen Wiederherstellung des ursprünglichen Konzepts, sondern auch zu einer deutlichen Verbesserung der Nutzungsmöglichkeiten der Bibliothek. Der Allgemeine Lesesaal, der bereits 2012 eröffnet wurde, bietet mit 279 Arbeitsplätzen einen modernen und barrierefreien Arbeitsplatz für Forscher, Studenten und interessierte Besucher. Ein besonderes Merkmal ist die Einrichtung von 140 Forscherarbeitsplätzen, 29 Carrels (darunter ein Blindenarbeitsplatz) sowie 14 Rechercheplätzen. Die Bibliothek verfügt zudem über einen Freihandbestand von 290.000 Bänden, der für die allgemeine Öffentlichkeit zugänglich ist.
Neben dem Lesesaal entstanden auch weitere repräsentative Räume, die die Rolle der Staatsbibliothek als kulturelle Institution stärken. So wurde im Erdgeschoss ein Veranstaltungsbereich eingerichtet, in dem die Bibliothek Konzerte, Lesungen und Diskussionsrunden durchführt. Externe Interessenten können diesen Raum ebenfalls mieten. Ein weiterer bedeutender Neubau ist das Stabi Kulturwerk, ein freier Ausstellungsraum, der im Juli 2022 eröffnet wurde. Hier präsentiert die Bibliothek ihre historischen Sammlungen in Dauerausstellungen und Wechselausstellungen.
Ein weiterer Aspekt der Sanierung war die Schaffung von Tresormagazinen für wertvolle Sammlungen. Diese Magazine wurden in den Neubau integriert und sind mit modernen Sicherheits- und Klimaanlagen ausgestattet. Zudem wurden fünf Sonderlesesäle instandgesetzt, die für die Bearbeitung besonders empfindlicher Bestände genutzt werden.
Herausforderungen bei der Sanierung
Die Sanierung eines historischen Gebäudes ist stets mit einer Vielzahl von Herausforderungen verbunden. Ein zentraler Aspekt ist der Umgang mit dem Bestand, der oft unvorhersehbare Befunde aufzeigt. So mussten während der Bauarbeiten in mehreren Bereichen zusätzliche Sanierungsmaßnahmen durchgeführt werden, die in den ursprünglichen Planungen nicht vorgesehen waren. Dazu zählten beispielsweise die Sanierung versteckter Schäden am Tragwerk, die während der Bauarbeiten entdeckt wurden.
Ein weiteres Problem lag in der Logistik. Da die Bibliothek während der Sanierung weiterhin betrieben werden musste, entstand ein großer organisatorischer Aufwand. Die Mitarbeiter konnten während der Bauarbeiten in einer provisorischen Anlage an der Universitätsstraße arbeiten, doch dies führte zu zusätzlichen Kosten und Komplexitäten.
Auch die Kostenentwicklung war nicht planbar. Wie bereits erwähnt, führten Preissteigerungen, fehlende Kalkulationspraktiken und unvorhergesehene Schäden zu einem Anstieg der Kosten von 326 auf 470 Millionen Euro. Dies führte zu Kritik, insbesondere in Bezug auf die Transparenz und Effizienz öffentlicher Bauprojekte.
Fazit
Die Generalsanierung der Staatsbibliothek Berlin Unter den Linden war ein komplexes und herausforderndes Projekt, das sowohl bauliche als auch organisatorische Schwierigkeiten mit sich brachte. Die Sanierung ermöglichte die Wiederherstellung des ursprünglichen Raumkonzepts nach den Entwürfen von Ernst von Ihne, wobei gleichzeitig moderne Anforderungen an Sicherheit, Energieeffizienz und Nutzbarkeit berücksichtigt wurden. Der Neubau des Allgemeinen Lesesaals, die Erweiterung mit zeitgenössischen Elementen und die Schaffung neuer Räume für Veranstaltungen und Ausstellungen trugen dazu bei, die Rolle der Bibliothek als Kultur- und Bildungseinrichtung zu stärken.
Trotz der Kostenüberschreitung und Verzögerungen hat das Projekt den Status der Staatsbibliothek als eines der bedeutendsten Bibliotheksbauten der Welt unterstrichen. Die Sanierung war nicht nur eine bauliche Aufgabe, sondern auch eine kulturelle und architektonische Herausforderung, die mit großer Sorgfalt und Expertise angegangen wurde. Für künftige Sanierungsprojekte – insbesondere im Kontext historischer Gebäude – sind die Erfahrungen, die bei diesem Projekt gesammelt wurden, wertvoll, um ähnliche Herausforderungen in anderen Baumaßnahmen besser zu bewältigen.
Quellen
- Generalsanierung von hg merz in Berlin abgeschlossen
- Staatsbibliothek Berlin – Haus Unter den Linden
- Staatsbibliothek Berlin saniert
- Berlins nächstes Milliardenprojekt: Sanierung der Staatsbibliothek
- Staatsbibliothek Unter den Linden – Denkmalschutz und Modernisierung im Einklang
- Staatsbibliothek Unter den Linden ist fertig saniert. Ein Besuch
- Bauprojekt Staatsbibliothek zu Berlin – Haus Unter den Linden