Die Sanierung der Segelschulschiff Gorch Fock ist eines der umfangreichsten und kontroversesten Projekte in der deutschen Denkmalpflege. Das über 90 Jahre alte Dreimast-Bark, ursprünglich 1933 für die Reichsmarine gebaut, hat in den vergangenen Jahrzehnten eine wechselvolle Geschichte durchlebt. Nach mehrfachen Umbauten, Nutzung als Museumsschiff, aber auch als Ausbildungs- und Forschungsschiff der Marine, stand es ab 2016 im Fokus einer umfassenden Sanierung. Ziel war es, das Schiff für mindestens 25 Jahre seetüchtig zu machen und gleichzeitig die historische Substanz weitestgehend zu erhalten. Doch die Sanierung der Gorch Fock ist nicht nur technisch komplex – sie hat auch in wirtschaftlicher, rechtlicher und ethischer Hinsicht große Aufmerksamkeit erregt. Dieser Artikel beleuchtet die Sanierungsarbeiten, die finanziellen und rechtlichen Herausforderungen, die beteiligten Institutionen und die zukünftige Nutzung des Schiffs im Stadthafen von Stralsund.
Geschichte und Bedeutung der Gorch Fock
Die Gorch Fock ist ein ikonisches Segelschulschiff, das nicht nur technisch, sondern auch historisch von großer Bedeutung ist. Sie wurde 1933 bei Blohm & Voss in Hamburg in nur 100 Tagen gebaut und ist ein typisches Beispiel für den klassischen Dreimast-Bark-Typ. Mit einer Länge von über 82 Metern und einer Breite von 12 Metern zählt sie zu den größten Segelschulschiffen der Welt. Das Schiff ist nach dem dänischen Seemann und Abenteuerromancier Gorch Fock benannt, der im 19. Jahrhundert lebte und sich als Abenteurer und Forscher einen Namen machte.
Nach dem Zweiten Weltkrieg blieb das Schiff zunächst in der Hand der Sowjetunion, bevor es in den 1950er Jahren zurück nach Deutschland kam. In den folgenden Jahrzehnten diente die Gorch Fock als Ausbildungs- und Forschungsschiff der Bundesmarine. 1991 wurde sie in Stralsund stationiert und später als Museumsschiff genutzt. Sie zog sich sozusagen in die Geschichte zurück, um dann im Jahr 2016 mit einer neuen, riesigen Sanierung in den Fokus der Öffentlichkeit zu rücken.
Sanierungsarbeiten an der Gorch Fock
Die Sanierung der Gorch Fock begann 2016 in der Elsflether Werft in Niedersachsen, obwohl die Arbeiten selbst in einem Dock in Bremerhaven stattfanden. Ziel der Sanierung war es, das Schiff für die nächsten 25 Jahre sicher und seetüchtig zu machen. Die Arbeiten umfassten mehrere Bereiche, darunter die Erneuerung der Takelage, die Modernisierung der Decks und Innenräume, sowie die Verbesserung des Brandschutzes an Bord. Ein weiteres wichtiges Ziel war die Erhaltung historischer Elemente, wie die sowjetischen Markierungen oder das Bordkino, das in den 1950er Jahren installiert wurde.
Die Sanierung war jedoch nicht nur eine technische Herausforderung – sie stellte auch eine Balance zwischen historischem Erhalt und modernen Sicherheitsanforderungen dar. So mussten beispielsweise die Decks erneuert und die Sicherheitseinrichtungen modernisiert werden, ohne den ursprünglichen Charakter des Schiffes zu zerstören. Besonders herausfordernd war die Wiederherstellung der Takelage, die komplett erneuert werden musste. Insgesamt wurden die Arbeiten in mehreren Phasen durchgeführt, wobei jede Phase sorgfältig geplant und umgesetzt wurde.
Ein weiteres wichtiges Element der Sanierung war die Erneuerung der Außenhaut des Schiffes. Dabei wurden umweltfreundliche Materialien eingesetzt, um sowohl den historischen Charakter zu bewahren als auch den heutigen Umweltstandards gerecht zu werden. Die Farbgestaltung des Schiffes wurde dabei sorgfältig ausgewählt, um das ursprüngliche Erscheinungsbild wiederzugeben, ohne dabei auf moderne Sicherheits- und Umweltstandards zu verzichten.
Finanzierung der Sanierung
Die Sanierung der Gorch Fock ist finanziell eines der anspruchsvollsten Projekte in der Geschichte der deutschen Denkmalpflege. Die Kosten für die Sanierung stiegen von ursprünglich geplanten zehn Millionen Euro auf mehr als 135 Millionen Euro. Die Finanzierung erfolgte durch eine Kombination aus öffentlichen Fördermitteln und privaten Mitteln. Die Bundesregierung stellte rund 13,5 Millionen Euro bereit, wie die für Stralsund zuständige Bundestagsabgeordnete Anna Kassautzki (SPD) mitteilte. Darüber hinaus kamen EU-Mittel, Landesmittel und Eigenanteile des Betreibervereins Tall Ship Friends e.V. hinzu.
Die Kostenexplosion führte jedoch nicht nur zu finanziellen Engpässen, sondern auch zu rechtlichen und ethischen Fragen. Der Bundesrechnungshof prüfte die Sanierung erneut, um die Ordnung und Rechtmäßigkeit der Vergabe sowie die Wirtschaftlichkeit der Maßnahme zu untersuchen. Zudem wurden mehrere Ermittlungen gegen ehemalige Vorstände der Elsflether Werft eingeleitet, die mit Verdacht auf Betrug, Untreue, Korruption und Bestechlichkeit belastet wurden.
Rechtliche und ethische Kontroversen
Die Sanierung der Gorch Fock ist nicht nur ein technisches Projekt – sie hat auch zu einer Vielzahl von rechtlichen und ethischen Diskussionen geführt. So wurden mehrere Anklagen gegen ehemalige Führungspersönlichkeiten der Elsflether Werft erhoben. Insbesondere die Kostenexplosion von zehn auf 135 Millionen Euro löste eine breite Debatte aus, die bis in die Politik reichte. Die Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) machte 2019 deutlich, dass sie die Sanierung nicht um jeden Preis fortsetzen lassen würde. Sollte die Werft den Kostenrahmen nicht einhalten können, werde die Gorch Fock in ein Museumsschiff umgewandelt.
Ein weiteres Problem entstand durch den Vorfall mit einem Mitarbeiter des Marinearsenals in Wilhelmshaven, der ein privates Darlehen von der Elsflether Werft erhielt. Der Kredit wurde zu besonders günstigen Konditionen vergeben, was zu einer Klage führte. Das Landgericht Bremen verlangte eine vorzeitige Rückzahlung des Darlehens, da es als möglicher Bestechungsversuch angesehen wurde.
Die Elsflether Werft, die als Hauptauftragnehmerin bei der Sanierung fungierte, arbeitete mit zahlreichen Subunternehmen zusammen. Die Kostenexplosion führte zu einer Rechtsprüfung durch den Bundesrechnungshof, der nicht nur die Kosten, sondern auch das gesamte Vergabeverfahren untersuchte. Die Prüfung war Teil einer umfassenden Bewertung, die sich auf die Ordnung, Rechtmäßigkeit und Wirtschaftlichkeit konzentrierte.
Zukunft der Gorch Fock
Nach Abschluss der Sanierung soll die Gorch Fock im Stadthafen von Stralsund wieder für Besucher geöffnet werden. Laut Angaben der Stadt Stralsund wird das Schiff ab der nächsten Saison als Museumsschiff genutzt. Der Betreiberverein Tall Ship Friends e.V. plant, das Schiff als lebendiges Museum zu betreiben, das die Geschichte des Schiffes und seiner Epochen anschaulich vermittelt. Das Museumsschiff wird seinen traditionellen Platz im Stadthafen neben dem Ozeaneum einnehmen, wo es bereits vor der Sanierung ein beliebtes Ausflugsziel war.
Die Sanierung der Gorch Fock hat nicht nur das Ziel, das Schiff für die nächsten 25 Jahre seetüchtig zu machen, sondern auch die historische Substanz zu bewahren. Die Arbeiten zeigen, wie historische Baudenkmäler an moderne Anforderungen angepasst werden können, ohne ihren Charakter und ihre Authentizität zu verlieren. Die Verwendung umweltfreundlicher Materialien, die Erhaltung originaler Teile und die sorgfältige Restaurierung jedes Details unterstreichen diesen Ansatz.
Fazit
Die Sanierung der Gorch Fock ist ein beeindruckendes Beispiel für die Herausforderungen, die mit der Restaurierung historischer Schiffe verbunden sind. Sie zeigt, wie schwierig es ist, alte Bauweisen und Materialien mit modernen Sicherheits- und Umweltstandards zu verbinden. Gleichzeitig ist die Sanierung aber auch ein Zeichen für die Wichtigkeit des maritimen Erbes in Deutschland. Die Gorch Fock ist nicht nur ein technisches Denkmal, sondern auch ein Aushängeschild für die maritime Tradition der Region.
Die finanziellen und rechtlichen Kontroversen um die Sanierung haben zwar Schlagzeilen gemacht, aber sie verdeutlichen auch, wie sensibel und komplex solche Projekte sein können. Die Zukunft der Gorch Fock als Museumsschiff in Stralsund ist jedenfalls vielversprechend. Sie wird nicht nur ein touristisches Highlight der Region sein, sondern auch ein lebendiges Museum, das die Geschichte des Schiffes und der Marine vermittelt.
Quellen
- Sanierung der Gorch Fock – Restaurierung eines maritimen Erbes
- Bundesrechnungshof prüft Kostenexplosion bei der Sanierung der Gorch Fock
- Gorch Fock nach Sanierung wieder unter freiem Himmel
- Sanierung der Gorch Fock – Prozess um Segelschulschiff und Elsflether Werft in Oldenburg geplant
- Chronologie der Sanierung der Gorch Fock von 2015 bis 2021