Einleitung
Das Wilhelmsgymnasium in München ist nicht nur eine der ältesten Schuleinrichtungen in der bayerischen Landeshauptstadt, sondern auch ein architektonisches Juwel mit 450-jähriger Geschichte. In den Jahren 2015 bis 2018 wurde das Gebäude in einem umfassenden Sanierungs- und Erweiterungsprojekt generalsaniert und modernisiert. Mit einem Investitionsvolumen von insgesamt 53,6 Millionen Euro, davon 46,3 Millionen Euro für die Bauarbeiten und 7,3 Millionen Euro für das Ausweichquartier, gelang es, die historische Bausubstanz zu bewahren und gleichzeitig die pädagogischen und technischen Anforderungen der Gegenwart zu erfüllen.
Die Sanierung war aufgrund von massiven Feuchtigkeitsschäden, veralteter Haustechnik, fehlender Brandschutzmaßnahmen und einer kaum noch funktionierenden Heizung unumgänglich. Die Projektplanung und Ausführung erfolgten unter strengen Fristen, wobei das Projekt sogar mit einer Million Euro Rückzahlung aus der Risikoreserve abgeschlossen wurde.
Der Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte der Sanierung: historische Hintergründe, architektonische Herausforderungen, die Gestaltung von Lern- und Gemeinschaftsräumen, technische Innovationen und die Finanzierung des Projekts. Zudem wird auf die Landschaftsgestaltung und den pädagogischen Mehrwert der Sanierung eingegangen.
Historischer Hintergrund und Baugeschichte
Die Anfänge und der Neubau im 19. Jahrhundert
Die Geschichte des Wilhelmsgymnasiums reicht bis ins 17. Jahrhundert zurück. Die heutige Anlage entstand jedoch im 19. Jahrhundert. Das Gebäude wurde in den 1870er Jahren errichtet und erhielt in der Nachkriegszeit, genauer in den Jahren 1952 bis 1958, einen stark veränderten Wiederaufbau, der das Erscheinungsbild für die folgenden Jahrzehnte prägte.
Im Verlauf der Geschichte wurde das Gymnasium mehrfach an veränderte pädagogische Anforderungen angepasst. So wurden beispielsweise im Jahr 2006 ein neuer Aufenthaltsraum für die G8-Schüler geschaffen, und Ende der 1980er Jahre erfolgte die Rekonstruktion des Treppenhauses in Form und Farbgestaltung, um den historischen Charakter wiederzuerstellen.
Koedukation und bauliche Anpassungen
Seit Beginn der 1970er Jahre werden auch Mädchen an der Schule aufgenommen, was den Beginn der Koedukation markierte. In dieser Zeit standen bauliche Anpassungen im Vordergrund, um den räumlichen und infrastrukturellen Anforderungen gerecht zu werden. Die Schule entwickelte sich kontinuierlich weiter, bis die umfassende Sanierung in den Jahren 2015–2018 notwendig wurde.
Die umfassende Sanierung 2015–2018
Notwendigkeit und Umfang der Sanierung
Die Sanierung war aufgrund der erheblichen baulichen Defizite dringend notwendig. Das im 19. Jahrhundert errichtete Gebäude war stark durch Feuchtigkeitsschäden beeinträchtigt. Zudem war die Haustechnik veraltet, es fehlte Brandschutz und die Heizungsanlage war kaum noch betriebsfähig. Diese Faktoren zwangen zu einer grundlegenden Sanierung.
Um den Schulbetrieb während der Bauarbeiten aufrechtzuerhalten, wurde der Unterricht in eine Containerburg in der Nachbarschaft des Chinesischen Turmes im Englischen Garten verlegt. Diese provisorische Lösung ermöglichte es, den Unterricht fortzusetzen, ohne die Sanierungsarbeiten zu unterbrechen.
Bauliche Maßnahmen
Während der Bauzeit wurde das Gebäude im Rahmen der Sanierung mit Ausnahme der denkmalgeschützten Fassade und des Treppenhauses vollständig entkernt. Dies ermöglichte eine grundlegende Modernisierung der Räumlichkeiten und der Infrastruktur, während das historische Erbe der Schule bewahrt blieb.
Im Gebäudeteil 1 und 3 wurden umfangreiche statische Sanierungsarbeiten durchgeführt. Deckenfelder wurden abgebrochen und durch neue Trapezdecken auf Stahlträgern ersetzt. Nach der statischen Unterfangung und Stabilisierung der Außenwände am Bestand mittels DSV durch den Spezialtiefbauer stand die Errichtung der unterirdischen Turnhalle an, die sich ca. 5 Meter im Wasser befindet. Gleichzeitig wurde das, bis auf die südliche Außenwand abgebrochene, BT II neu errichtet.
Technische Innovationen und moderne Ausstattung
Unterrichtsräume und digitale Technologien
Die Sanierung brachte auch eine Vielzahl technischer Innovationen mit sich. In den Unterrichtsräumen wurden traditionelle grüne Tafeln durch Whiteboards und Beamer ersetzt. Zudem wurden hinten im Raum Magnet-Pinnwände mit Akustikfunktion eingebaut, die den Geräuschpegel senken und so eine optimale Lernumgebung schaffen. Diese technische Ausstattung unterstützt die moderne Unterrichtsgestaltung und ermöglicht eine flexible Nutzung der Räume.
Sporthalle und Tageslichttechnologie
Eine der herausragenden Neuerungen ist die unterirdische Sporthalle, die elf Meter unter dem Pausenhof liegt. Um eine Bunkeratmosphäre zu vermeiden, sorgen spezielle LED-Lampen für einen Tageslicht-Eindruck. Diese Technologie imitiert das natürliche Licht so gut, dass die Halle trotz der Tiefe hell und einladend wirkt. Die Errichtung dieser Halle war nur möglich, nachdem eine mehr als zwölf Meter tiefe Grube ausgehoben und 1.200 Lkw-Ladungen Aushub beseitigt wurden. Zudem musste das Fundament des 140 Jahre alten Schulhauses vertieft werden, um die Stabilität zu gewährleisten.
Gemeinschaftsräume und Pausenbereiche
Neues Stockwerk und Pausenhalle
Im Zuge der Sanierung entstanden nicht nur neue Unterrichtsräume, sondern auch verbesserte Gemeinschaftsräume und Pausenbereiche. So wurde unter anderem ein neues Stockwerk über dem Ostflügel des Gebäudes errichtet, was zusätzlichen Platz für Unterricht und Aufenthalte schuf. Die neue Pausenhalle, die erstmals im Obergeschoss über der Sporthalle liegt, bietet den Schülern bei Regenwetter einen adäquaten Aufenthaltsraum. Die gläserne Gestaltung dieser Halle schafft eine helle und freundliche Atmosphäre und fördert das Gemeinschaftsgefühl unter den Schülern.
Kantine und Verpflegung
Ein weiteres Highlight ist die Nutzung der Kantine der Regierung von Oberbayern. Diese Lösung vermeidet die Notwendigkeit, eine eigene Schulmensa zu errichten, und ermöglicht den Schülern dennoch eine hochwertige Verpflegung während der Schulzeit. Schulleiter Michael Hotz betont, dass die Kantine alle Ansprüche erfülle, was eine kluge und kostensparende Entscheidung darstellt.
Landschaftsgestaltung und Außenbereiche
Pausenhof und Aktivflächen
Die Generalsanierung umfasste auch umfangreiche Arbeiten an der Landschaftsgestaltung. Die Außenanlagen wurden komplett neu angelegt. Für den Zeitraum der Sanierungsmaßnahmen wurde ein provisorischer Schulpavillon errichtet. Die Pausenhofflächen aus Farbasphalt und Olympiamastixbelag im Innenhof liegen nun über der komplett überbauten Sporthalle. Im südlichen Gartenbereich entstand zwischen altem Baumbestand ein „grünes Klassenzimmer“, das als Rückzugsraum und für Unterricht im Freien genutzt wird.
Im nördlichen und mittleren Pausenhofbereich wurden Aktivflächen für verschiedene Nutzungen geschaffen. Tischtennis, Streetball und Bewegungsspiele sind dort möglich. Der Belag besteht aus Farbasphalt in warmem Grauton, und als Sitzmöglichkeit wurden Betonsonderfertigteile mit Holzauflage platziert. Im mittleren und östlichen Gebäudeteil sind neue Tiefhöfe angeordnet, die in Abstimmung mit dem Denkmalschutz mit Natursteinbelägen ausgeführt wurden. Die Hofzufahrt im nördlichen Grundstücksbereich umfasst Fahrradstellplätze, die in Betonsteinpflaster ausgelegt sind.
Integration des Baumbestandes
Eine besondere Herausforderung war die Integration des geschützten Baumbestandes, der Teil des Landschaftsschutzgebiets Isar-Raum ist. Über 15 Bäume wurden in das Landschaftskonzept einbezogen. Dies ist insbesondere im südlichen Grundstücksbereich zu sehen, wo flächige Pflanzungen und Baumneupflanzungen den Charakter des „grünen Klassenzimmers“ prägen.
Finanzierung und Zeitplan
Budget und Kosten
Die Sanierung des Wilhelmsgymnasiums war ein Großprojekt, das mit einem Budget von 46,34 Millionen Euro für die Bauarbeiten und über 7 Millionen Euro für das Ausweichquartier finanziert wurde. Die Gesamtkosten beliefen sich somit auf rund 53,6 Millionen Euro. Die Finanzierung wurde vom Stadtrat München bewilligt, und das Projekt wurde im geplanten Zeitrahmen realisiert. Zudem gelang es, eine Million Euro aus der Risikoreserve zurückzubekommen, was als Erfolg gewertet wird.
Erfolgreiche Projektumsetzung
Die Sanierung des Wilhelmsgymnasiums wird von allen Beteiligten als voller Erfolg angesehen. Münchens dritte Bürgermeisterin Christine Strobl betont, dass bei solchen Projekten „wir bauen, dann bauen wir gescheit“. Sie war eine der großen Befürworterinnen des Projekts und bekräftigte nach der Fertigstellung, dass „hier kann man sich auf jeden Fall wohlfühlen.“
Bewertung und Fazit
Erhaltung der historischen Substanz
Ein besonderes Augenmerk lag auf dem Erhalt der historischen Substanz. Die denkmalgeschützte Fassade und das Treppenhaus wurden bewahrt, während das Gebäude innerlich komplett entkernt und modernisiert wurde. Dies spiegelt die sensibel abgewogene Balance zwischen Erhaltung und Neuerschaffung wider.
Pädagogischer Mehrwert
Die Sanierung brachte nicht nur bauliche Verbesserungen, sondern auch pädagogischen Mehrwert. Die neuen Lern- und Gemeinschaftsräume tragen dazu bei, den Schülern eine optimale Lernumgebung zu bieten. Die Technologien wie Whiteboards, Beamer und die Tageslicht-LEDs in der Sporthalle zeigen, wie moderne Ausstattung den Unterrichtsalltag unterstützt.
Modelleffekt
Das Wilhelmsgymnasium ist nicht nur ein Ort des Lernens, sondern auch ein Modellprojekt für die Sanierung historischer Gebäude in Verbindung mit moderner Architektur. Die Projektrealisierung zeigt, dass es möglich ist, ohne den historischen Charakter zu zerstören, den Anforderungen der Gegenwart gerecht zu werden.
Fazit
Die Sanierung und Erweiterung des Wilhelmsgymnasiums in München ist ein gelungenes Beispiel für die Integration historischer Bausubstanz und moderner Architektur. Mit einem Investitionsvolumen von über 50 Millionen Euro und einer Bauzeit von vier Jahren wurde ein Projekt verwirklicht, das sowohl die baulichen Defizite behob, als auch pädagogische und technische Anforderungen erfüllt. Die Erhaltung der denkmalgeschützten Fassade und die geschickte Kombination mit neuen Räumlichkeiten, wie der unterirdischen Sporthalle und dem grünen Klassenzimmer, zeigen die Vielfältigkeit und die Vielversprechendkeit solcher Projekte.
Für Architekten, Planer und Kommunen bietet das Wilhelmsgymnasium ein Leitbild, wie historische Bausubstanz mit modernen Anforderungen kombiniert werden kann. Es zeigt, dass Sanierungsprojekte nicht nur baulich, sondern auch pädagogisch, finanziell und landschaftlich sinnvoll umgesetzt werden können – mit positiven Auswirkungen für die Zukunft.
Quellen
- Wilhelmsgymnasium München – Sanierung und Erweiterung
- MÜNCHEN Staatliches Wilhelmsgymnasium – Landschaftsarchitektur
- Instandsetzung und Erweiterung Wilhelmsgymnasium München
- Wilhelmsgymnasium – Generalsanierung und Erweiterung
- Die Sanierung des Wilhelmsgymnasiums in München
- Münchens schönste Schule – Die Renovierung am Wilhelmsgymnasium