Historische Schiffssanierung: Technische, finanzielle und logistische Herausforderungen am Beispiel der Gorch Fock I in Stralsund

Einleitung

Die Sanierung historischer Schiffe stellt einen komplexen Wirtschaftszweig dar, der technisches Expertenwissen, finanzpolitische Planung und logistische Präzision vereint. Ein prominentes Beispiel für eine solche Großsanierung ist die Gorch Fock I in Stralsund. Das über 90 Jahre alte Segelschulschiff, einst bei Blohm & Voss in Hamburg gebaut, durchläuft derzeit eine umfassende Grundsanierung in der Volkswerft Stralsund. Dieses Projekt dient als Fallstudie für die Herausforderungen, die bei der Instandsetzung maritimer Denkmäler entstehen: von der Sicherstellung der Schwimmfähigkeit über die Einhaltung von Fristen bis hin zur komplexen Finanzierung durch staatliche Fördermittel. Der vorliegende Artikel beleuchtet die technischen Maßnahmen, die Kostenstruktur und den Projektverlauf basierend auf den verfügbaren Informationen.

Technische Herausforderungen und Sanierungsumfang

Die Sanierung der Gorch Fock I ist weit mehr als eine bloße Schönheitsreparatur. Ziel der Arbeiten ist es, die Schwimmfähigkeit und Sicherheit des Schiffes langfristig zu gewährleisten sowie den Erhalt als Museumsschiff zu sichern. Nachdem das Schiff im Juni 2023 von Stralsunder Hafen in die Werfthalle der Volkswerft geschleppt wurde, begannen umfangreiche Arbeiten am Schiffsrumpf.

Ein zentraler technischer Aspekt war die Reparatur der Außenhaut. Laut der Stadtverwaltung Stralsund war diese Reparatur größtenteils abgeschlossen, nachdem zuvor Mindermaße an Materialdicken festgestellt wurden. Diese Feststellung unterstreicht die Notwendigkeit, den Zustand des Stahls historischer Schiffe genau zu untersuchen, um die strukturelle Integrität sicherzustellen. Parallel zur Rumpfarbeit wurde die Takellage erneuert. Ein Meilenstein war die Montage des 35 Meter hohen Fockmastes, der an erster Stelle steht, sowie der beiden anderen Masten im Dezember 2023. Für den Anstrich wurden laut Quellenlage Öko-Farben verwendet, was auf einen modernen Ansatz in der Denkmalpflege hinweist.

Nach Abschluss der Arbeiten an Rumpf und Masten stehen weitere funktionale Prüfungen an. Dazu gehören die Komplettierung des Ballasts, eine Grundreinigung und die Prüfung verschiedener Funktionen des Schiffes. Diese Arbeiten sind essenziell, um die Seetüchtigkeit zu gewährleisten, auch wenn das Schiff primär als Museum genutzt werden soll. Die Entfernung der Gerüste um den Schiffsrumpf markiert das sichtbare Ende der Hauptbauarbeiten und gibt den Blick auf das sanierte Schiff frei.

Finanzierung und Kostenstruktur

Die Finanzierung der Sanierung stellt ein komplexes Geflecht aus städtischen Haushaltsmitteln, staatlichen Förderungen und Eigenanteilen dar. Die Kosten für die Sanierung werden in den Quellen unterschiedlich beziffert, was auf den dynamischen Charakter von Bauprojekten hindeutet.

Ursprünglich schätzte die Stadt Stralsund den Bedarf für grundlegende Arbeiten zur Gewährleistung der Schwimmfähigkeit und Sicherheit mit 10,6 Millionen Euro. Später wurde der Sanierungsaufwand für die Bark mit rund zehn Millionen Euro angegeben. Für die langfristige Segelfähigkeit nannte der Verein Tall Ship Friends Kosten in Höhe von 22 Millionen Euro, wobei sich die aktuelle Sanierung primär auf die Sicherung des Schiffskörpers und die Museumseinrichtung konzentriert.

Die Finanzierung erfolgt überwiegend durch Fördermittel. Die Bundesregierung fördert die Sanierung mit rund 13,5 Millionen Euro, wovon 10,6 Millionen Euro für die Grundsanierung und der Rest für den Aufbau eines barrierefreien Bordmuseums vorgesehen sind. Zudem stammen 9,5 Millionen Euro aus Mitteln von Land, Bund und EU. Ein Änderungsbescheid sorgte dafür, dass die Frist zum Abruf dieser Mittel bis 2026 verlängert wurde, was den Druck für eine schnelle Fertigstellung minderte.

Die Stadt Stralsund als zukünftiger Eigentümer muss einen Eigenanteil aufbringen. Dieser soll laut Quellenlage durch den Verkaufserlös des Schiffes durch den aktuellen Eigentümer, den Verein Tall Ship Friends, gedeckt werden. Der Verein wird das Schiff nach der Sanierung weiterbetreiben. Der Oberbürgermeister Alexander Badrow betonte, dass es der Stadt gelungen sei, das Schiff für die nächsten 25 Jahre zu sichern, und dies mit einem Eigenanteil von "null Euro". Diese Aussage deutet auf eine komplexe Vertragsgestaltung hin, bei der der Verkaufserlös die Sanierungskosten deckt.

Zeitplan, Verzögerungen und Projektmanagement

Der Projektverlauf der Gorch Fock I zeigt die typischen Herausforderungen bei der Terminplanung von Werftarbeiten. Der ursprüngliche Zeitplan sah vor, dass die Arbeiten bis Ende 2023 abgeschlossen sein sollten. Dieser Termin wurde durch den Auftragnehmer, Fosen Yards, im Angebot über 8,4 Millionen Euro genannt. Tatsächlich zog sich die Sanierung jedoch in die Länge.

Der Zeitvergleich ist eindrücklich: Während der Bau des Schiffes 1933 auf der Hamburger Werft Blohm+Voss nur 100 Tage dauerte, liegt die Gorch Fock I nun schon seit Juni vergangenen Jahres in der Volkswerft Stralsund. Die Sanierung dauert also bereits länger als der ursprüngliche Bau des Schiffes.

Dennoch verliefen die Arbeiten innerhalb des finanziellen Rahmens, wie die Verwaltung betonte. Der Termin für die Rückkehr in den Hafen wurde auf den Saisonbeginn 2024 verschoben. Besonders relevant für die touristische Nutzung ist der Zeitpunkt der Hafentage in Stralsund, die im ersten Juniwochenende stattfinden. Hier bestand der Wunsch, das Schiff als Wahrzeichen präsentieren zu können. Die Verzögerung ergab sich aus dem Umfang der notwendigen Instandsetzungsarbeiten, insbesondere der kompletten Konservierung des Schiffes außen und innen, die nach der Reparatur der Außenhaut folgten.

Logistik und Betrieb der Volkswerft

Die Volkswerft Stralsund fungierte nicht nur als Ort der Sanierung, sondern auch als Logistikzentrum. Das Schiff musste aus dem Hafen in die große Werfthalle verholt werden, was eine komplexe Operation mit Schleppern darstellte. Die Werft ist ein maritimer Industrie- und Gewerbepark, der den Betrieb während der Sanierung aufrechterhalten musste. Quellen erwähnen, dass parallel zur Sanierung der Gorch Fock andere Projekte, wie der Umbau der "Greif", in den Hallen stattfanden.

Die Anwesenheit von etwa 25 Werftarbeitern zu Beginn, die sich auf 70 erhöhte, unterstreicht den personellen Aufwand. Die Sicherheits- und Logistikvorkehrungen waren erheblich, wie die Erwähnung der "Blaulichtmeile" auf dem Gelände bei einer Veranstaltung andeutet, bei der Polizei, Feuerwehr, Marine und THW präsent waren.

Fazit

Die Sanierung der Gorch Fock I in Stralsund ist ein Paradebeispiel für die Erhaltung historischer Bausubstanz im maritimen Bereich. Das Projekt vereint technische Restaurierung, die Sicherung von Schwimmfähigkeit und Sicherheit sowie die Einrichtung einer modernen Museumsfunktion. Trotz finanzieller Herausforderungen und terminlicher Verzögerungen konnte durch eine effiziente Nutzung staatlicher Fördermittel und eine enge Zusammenarbeit zwischen Stadt, Verein und Werft eine langfristige Sicherung des Schiffes erreicht werden. Die Fertigstellung markiert einen wichtigen Meilenstein für die kulturelle Identität Stralsunds und den maritimen Tourismus.

Quellen

  1. Gorch Fock 1: 135 Millionen Euro für Sanierung
  2. Ostsee-Zeitung: Sanierung von Gorch Fock
  3. Nordkurier: Gorch Fock strahlt wieder
  4. Austrasse Zürich: Die Sanierung eines historischen Seegiganten
  5. NDR: Sanierung der Gorch Fock I zieht sich hin
  6. Nordkurier: Millionensanierung für Schiff Gorch Fock
  7. NDR: Frisch sanierte Gorch Fock I empfing erste Besucher
  8. Ostsee-Zeitung: Stralsund: Gerüste um Gorch Fock werden abgebaut

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