Die Sanierung des denkmalgeschützten Gebäudeensembles der ehemaligen Hochschule für Gestaltung (HfG) Ulm auf dem Kuhberg stellt ein herausragendes Beispiel für die Konfrontation moderner Nutzungsanforderungen mit strengen Auflagen des Denkmalschutzes dar. Der Komplex, entworfen von Max Bill, dem Gründungsrektor und Bauhausschüler, ist als Kulturdenkmal von höchster Bedeutung ausgewiesen. Die jüngste Sanierung, die den Originalzustand von 1954 wiederherstellte, war ein finanziell und baulich anspruchsvolles Projekt, das über Jahre andauerte und eine intensive Auseinandersetzung mit der Architekturgeschichte erforderte.
Dieser Artikel beleuchtet die Herausforderungen der Sanierung, die architektonischen und technischen Aspekte, die Kostenstruktur sowie die neuen Nutzungskonzepte, die das Gebäude nach Abschluss der Bauarbeiten prägen.
Historischer Kontext und architektonische Bedeutung
Die Hochschule für Gestaltung Ulm (HfG Ulm) wurde 1953 von Inge Aicher-Scholl, Otl Aicher, Max Bill und weiteren Persönlichkeiten gegründet. Die Institution verstand sich als geistiger Nachfolger des Bauhauses und knüpfte sowohl inhaltlich als auch personell an dessen Tradition an. Zahlreiche ehemalige Bauhäusler wie Walter Peterhans, Josef Albers, Helene Nonné-Schmidt und Johannes Itten wurden als Dozenten gewonnen.
Max Bill, der damalige Rektor, entwarf den Neubau auf dem Kuhberg, einer Anhöhe im Westen der Stadt Ulm. Von dort aus ist die Altstadt sichtbar; das Grundstück liegt neben der ehemaligen Festung Fort Oberer Kuhberg, einem Ort mit historischer Bedeutung aus der NS-Zeit, in dem sich ein Konzentrationslager befand. Die HfG bot nach einem Grundstudium Fachbereiche wie Produktgestaltung, Visuelle Kommunikation, Bauen, Information und Film an. Internationale Anerkennung erlangte sie als Wegbereiter für Design-Studiengänge und das Berufsbild des Designers.
Nach der Schließung der Schule 1968 infolge interner Konflikte und finanzieller Probleme wurden die Räume an die Universität Ulm vermietet. 2009/2010 zog die Universität aus, und die Stiftung "Hochschule für Gestaltung HfG Ulm" übernahm die Nachfolge der Geschwister-Scholl-Stiftung. Nun bot sich die Möglichkeit, das Gebäudeensemble wieder einem neuen Konzept zuzuführen, vorausgesetzt, es wurden die strengen Vorgaben des Denkmalschutzes eingehalten.
Die Sanierung: Herausforderungen und Durchführung
Die Sanierung des Gebäudes Am Hochsträß war ein komplexes Unterfangen, das sowohl baulich als auch finanziell hohe Anforderungen stellte. Ziel war es, den Originalzustand von 1954 zurückzugewinnen. Dies bedeutete in der Praxis oft einen Rückbau von späteren Veränderungen.
Denkmalschutz und Zielkonflikte
Ein zentraler Aspekt der Planung war die Auseinandersetzung mit dem Denkmalschutz. Wie in Quelle [3] dargelegt, klafft zwischen heutigen Nutzungsanforderungen und dem Erhalt des Ensembles im Originalzustand eine Lücke. Strittig war, auf welchen Bauzustand sich die Sanierung beziehen sollte: Die Ertüchtigung der Zeitschicht von 1978 oder der Rückbau in den Zustand von 1955. Die Debatte wurde emotional geführt; Begriffe wie "Designpark mit Sonnenbrille" oder "Blaues Wunder von Ulm" zeugten von der hitzigen Atmosphäre. Eine Podiumsdiskussion des Deutschen Werkbunds Baden-Württemberg und Bayern versuchte, die Debatte zu versachlichen. Adrian von Buttlar, Kunsthistoriker, brachte dabei eine staatsmännisch-ausgewogene Perspektive ein, die die Komplexität der Situation unterstrich.
Die Sanierung musste gemäß den strengen Vorgaben des Denkmalschutzes erfolgen. Dies betraf sowohl die Fassade als auch die inneren Strukturen. Ein besonderer Fokus lag auf der Klimatisierung des HfG-Archivs, ein Punkt, der durch einen Kostenzuschuss der Stadt Ulm finanziert werden konnte.
Technische Umsetzung und Architektur
Das Gebäude von Max Bill gilt als Meisterwerk der Moderne. Die Sanierung zielte darauf ab, die ursprüngliche Transparenz und Klarheit der Architektur wiederherzustellen. Laut Quelle [2] war das Gebäude im Mai 2011 eine Großbaustelle, auf der gehämmert, gebohrt, gespachtelt und gesägt wurde. Der Prozess dauerte mehrere Jahre und fand seinen Abschluss in einer fotografischen Begleitung, die über reine Baudokumentation hinausging. Wie in Quelle [4] beschrieben, nutzte der Projektansatz Stilmittel des "Neuen Sehens" und der "Neuen Sachlichkeit", um eine Verbindung zwischen Bauzeit und Gegenwart zu schaffen.
Kostenstruktur und Finanzierung
Die Finanzierung des Projekts war eine große Herausforderung für die Stiftung. Die Gesamtkosten der Sanierung betrugen laut Quelle [1] 7,1 Millionen Euro. Die Finanzierung setzte sich wie folgt zusammen:
- HfG-Stiftung: 5 Millionen Euro
- Land Baden-Württemberg: 2 Millionen Euro (Zuschuss)
- Stadt Ulm: Kostenzuschuss (u.a. für Klimatisierung des Archivs)
Trotz des erfolgreichen Abschlusses der Sanierung und einer 100-prozentigen Vermietung des Gebäudes ist die wirtschaftliche Situation der Stiftung angespannt. Baubürgermeister Alexander Wetzig, der auch Vorsitzender der Stiftung ist, erklärte, dass die Einnahmen aus der Vermietung durch Zins und Tilgung aufgezehrt werden. Die Grundkosten können zwar gedeckt werden, jedoch sind die finanziellen Möglichkeiten für Aktivitäten des Internationalen Forums für Gestaltung (IFG) stark eingeschränkt. Wetzig stellte fest, dass die "schönen Tage vorbei" seien, was die finanziellen Möglichkeiten des IFG betrifft. Die Stiftung muss sich erst wirtschaftlich erholen, um wieder vollumfänglich agieren zu können.
Neue Nutzungskonzepte
Nach der aufwändigen Sanierung hat die Stiftung das Gebäude für die Öffentlichkeit geöffnet. Das Konzept vereint kulturelle, gewerbliche und Veranstaltungsfunktionen.
HfG-Archiv Ulm
Ein zentraler Bestandteil ist das HfG-Archiv Ulm, das als Teil des Museums Ulm an den originären Ort seiner Entstehung zurückgekehrt ist. Es beherbergt Deposita, eine Dauerausstellung zur Geschichte der HfG und einen Wechselausstellungsraum. Besucher können Archivalien recherchieren und die Gebäude mit oder ohne Führung besichtigen.
Besonders hervorzuheben ist der weltweit einmalige Bestand an Grundlehre-Arbeiten. Im Kontext des 100-jährigen Bauhaus-Jubiläums präsentierte das Archiv ausgewählte Werke, die die pädagogischen Ideen des Bauhauses und die spätere "Visuelle Methodik" von Tomás Maldonado illustrieren. Die Ausstellung beleuchtete, welche Vorstellungen vom Bauhaus an der HfG vermittelt wurden.
Gewerbliche Nutzung
Neben dem Archiv sind gezielt Gestaltungsbüros aus den Bereichen Innenarchitektur, Produktgestaltung, Kommunikationsdesign, Schmuckdesign und Marketing als Mieter eingezogen. Diese Konzentration auf designorientierte Unternehmen schafft eine inspirierende Atmosphäre und fördert den Austausch zwischen den Akteuren. Die Stiftung legt Wert darauf, dass die Mieter die Räume bewusst auswählen.
Veranstaltungszentrum und Ausstellungen
Das ehemalige Hochschulgebäude dient zudem als Veranstaltungszentrum. Regelmäßig finden Vorträge, Vernissagen und Podiumsdiskussionen statt. Beispiele hierfür sind Ausstellungen zum Thema "Architekturexperimente an der HfG Ulm" (Februar 2025) oder das Projekt "Bauhaus Studio 100". Diese Veranstaltungen unterstreichen die Rolle des Gebäudes als lebendiger Ort des kulturellen Austauschs und der Wissenschaft.
Architekturgeschichtliche Einordnung und Lehre
Die HfG Ulm war nicht nur durch ihre Architektur, sondern auch durch ihre Lehre wegweisend. Anfangs noch von Max Bill geleitet, entwickelte sich die Architekturabteilung unter Konrad Wachsmann und Herbert Ohl rasch zum Hotspot des "Industrialisierten Bauens". Ziel war es, Architektur wissenschaftlich, interdisziplinär und sozial verantwortlich zu entwickeln. Diese Haltung spiegelt sich auch in der aktuellen Ausstellung "Architekturexperimente an der HfG Ulm" wider, die die Verbindung von Wissenschaft, Bauindustrie und gestalterischer Vision aufzeigt.
Die Verbindung zum Bauhaus bleibt ein prägendes Merkmal. Obwohl die HfG sich von einer direkten Nachfolge des Bauhauses distanzierte, waren die Bezüge unübersehbar. Die Ausstellung "Bauhaus Studio 100" im HfG-Archiv, die Künstler, Designer und Architekten vereinte, schuf eine Brücke zwischen der historischen Bedeutung des Bauhauses und der zeitgenössischen Kunst und Gestaltung.
Fazit
Die Sanierung des HfG-Gebäudes in Ulm ist ein Musterbeispiel für die gelungene Verbindung von Denkmalschutz, moderner Nutzung und wirtschaftlicher Notwendigkeit. Mit einem Aufwand von 7,1 Millionen Euro wurde ein architektonisches Juwel der Nachkriegsmoderne erhalten und revitalisiert. Die Herausforderungen waren vielfältig: von der emotionalen Debatte um den richtigen Sanierungsansatz bis hin zur schwierigen Finanzierung, die die Stiftung auch nach Abschluss der Bauarbeiten vor wirtschaftliche Aufgaben stellt.
Das heutige Nutzungskonzept, das Archiv, Gewerbe und Veranstaltungen vereint, sichert die Existenz des Hauses und öffnet es für ein breites Publikum. Die Räume, einst Schauplatz einer revolutionären Design-Erziehung, sind nun wieder ein Ort der Begegnung, der Inspiration und der Auseinandersetzung mit Gestaltung und Architektur. Die Sanierung hat nicht nur den Originalzustand von 1954 wiederhergestellt, sondern dem Gebäude eine neue Zukunft gegeben.