Die Sanierung historischer Kirchtürme stellt Bauherren, Denkmalpfleger und Gemeinden vor immense Herausforderungen. Dies betrifft nicht nur die technische Durchführung komplexer Bauleistungen in großer Höhe, sondern auch die Finanzierung und die Einhaltung strenger denkmalrechtlicher Vorgaben. Der Kirchturm der St.-Georgskirche in Ulm dient als praxisnahes Beispiel für die Schwierigkeiten und die Notwendigkeit solcher Instandhaltungsmaßnahmen. Die vorliegenden Informationen beleuchten die Schadensbilder, die Kostenentwicklung sowie die rechtlichen und organisatorischen Hürden, die bei der Sanierung eines solchen Kulturdenkmals zu bewältigen sind.
Ausgangslage und Schadensbild der St.-Georgskirche Ulm
Die St.-Georgskirche an der Olgastraße in Ulm ist eine ehemalige Garnisonskirche, die zwischen 1902 und 1904 im neogotischen Stil errichtet wurde. Mit ihrem 86 Meter hohen Turm stellt sie ein monumentales Wahrzeichen der Stadt dar. Nachdem die Kirche 1962 in das Eigentum der katholischen Kirchengemeinde St. Georg überging, wurde sie als Kulturdenkmal von besonderer Bedeutung eingestuft.
Im Verlauf der Jahre zeigten sich gravierende Schäden am Turm, die eine umfassende Sanierung unvermeidlich machten. Eine Routinebegehung ergab, dass ein Ziertürmchen (Fiale) in 42 Meter Höhe drohte, abzustürzen. Dies führte zu einer sofortigen Sicherung des Vorplatzes, da Lebensgefahr durch herabfallende Steine bestand. Die Schadensanalyse offenbarte, dass das schwere Betonmaßwerk der Glockenfenster stark beschädigt war. Ebenso musste die Kupferblech-Dachhaube des Turms dringend neu befestigt werden, da die originalen Haften aus der Bauzeit gebrochen waren. Ein besonderes Problem stellte zudem die Gefahr von Steinschlag von der Fassade dar, was eine langfristige Sperrung des Kirchenvorplatzes notwendig machte.
Die Herausforderung der Denkmalpflege: Originalerhaltung vs. technische Notwendigkeit
Ein zentraler Konfliktpunkt bei der Sanierung der Georgskirche liegt in der Auseinandersetzung zwischen der Denkmalbehörde und der Kirchengemeinde. Während das Landesdenkmalamt den Originalerhalt der Bausubstanz strikt fordert, sieht die Gemeinde die Notwendigkeit, Schäden künftig durch moderne Technologien minimieren zu wollen.
Konkret betrifft dies die Sanierung der schwer beschädigten Betonmaßwerke der Glockenfenster. Der Wunsch der Kirchengemeinde war es, Edelstahlverstrebungen einzubauen, um die Stabilität zu gewährleisten und zukünftige Schäden gering zu halten. Diese Verstrebungen sollten dabei unsichtbar im Maßwerk der Fenster integriert werden. Dem steht der Wunsch der Denkmalpflege nach Originalerhaltung gegenüber. Diese Diskussion um die "richtige" Sanierungsmethode ist typisch für derartige Projekte. Die Planung und Begleitung dieser Arbeiten übernahm der Ulmer Architekt Raimund Amann, der eine Dokumentation der Schäden für das Landesdenkmalamt erstellte.
Zusätzliche Schwierigkeiten ergaben sich aus der Auseinandersetzung um die Restaurierung von drei über 100 Jahre alten Steinskulpturen. Hier entstand ein Streitpunkt darüber, wer die Kosten für die vom Denkmalamt geforderte große Lösung tragen soll, da der Kirchengemeinde das hierfür notwendige Geld fehlte.
Kostenentwicklung und Finanzierung der Sanierung
Die finanzielle Dimension der Sanierung zeigt eine deutliche Kostenexpansion, die für Bauherren und Projektverantwortliche ein Warnsignal sein kann. Die Schätzungen entwickelten sich wie folgt:
- Erste Schätzung: Nach der ersten Bestandsaufnahme beliefen sich die Kosten für die Sanierung des Kirchturms auf ca. 800.000 bis 900.000 Euro. Die Gesamtkosten für die Sanierung der gesamten Kirche wurden damals auf 1,5 Millionen Euro beziffert.
- Aktualisierte Schätzung: Aufgrund der detaillierten Schadensdokumentation stiegen die Kosten. Die Sanierung des Kirchturms wurde nun mit mindestens 1,7 Millionen Euro veranschlagt.
- Endgültige Kosten: In einer späteren Phase beliefen sich die Gesamtkosten der Sanierung des katholischen Gotteshauses auf 2,3 Millionen Euro. Dieser Anstieg resultierte aus einer Kostensteigerung von 600.000 Euro, die durch zusätzliche Schäden und Anforderungen entstand.
Trotz dieser hohen Belastung war die Kirchengemeinde in einer privilegierten finanziellen Lage, da sie staatliche Unterstützung erhielt. Das Land Baden-Württemberg gewährte Fördermittel aus dem Denkmalförderprogramm. Konkret wurden 330.000 Euro aus den Erlösen der baden-württembergischen Lotto-Gesellschaft bereitgestellt. Zuvor hatte bereits die Deutsche Stiftung Denkmalschutz 150.000 Euro über die Glücksspirale zur Verfügung gestellt. Diese Mittel waren essenziell, um das Projekt trotz der Kostensteigerungen realisieren zu können.
Ablauf und Zeitplan der Bauarbeiten
Die Sanierung der St.-Georgskirche zog sich über einen Zeitraum von mehreren Jahren. Seit über einem Jahr war der Turm zum großen Teil eingerüstet und verhüllt. Die Arbeiten begannen mit der umfassenden Dokumentation der Schäden, gefolgt von der Sicherung der akuten Gefahrenstellen.
Ein Schwerpunkt der Arbeiten lag auf der Beseitigung der Steinschlaggefahr und der Sicherung der Fialen. Die Sanierung des Daches inklusive der Turmspitze konnte bereits abgeschlossen werden. Auch zwei Fenster auf der Ostseite, bei denen das Maßwerk erneuert werden musste, sind fertiggestellt. Weitere Fenster standen noch zur Sanierung an, ebenso wie Arbeiten am Hauptportal und an den Treppen.
Das Ziel der Verantwortlichen war es, das Gerüst bis Spätherbst größtenteils abnehmen zu können. Die dringlichsten Maßnahmen am Kirchturm sollten vermutlich im nächsten Jahr beginnen. Experten der Münsterbauhütte wurden hinzugezogen, um Erfahrungen auszutauschen, da auch am Münster von Ulm immer wieder Schäden auftreten.
Organisatorische und rechtliche Hürden
Die Sanierung eines Kirchturms beschränkt sich nicht nur auf die physische Instandsetzung. Wie in der Quelle [4] beschrieben, stellt die Sanierung des Kirchturms St. Georgen im Schwarzwald (welche als allgemeines Beispiel für die Herausforderungen herangezogen wird) die Beteiligten vor zahlreiche Probleme, die über die rein technischen Aspekte hinausgehen.
Dort wird eine langwierige Phase des Rechtsstreits erwähnt, die finanzielle Ressourcen band und die emotionale Belastung der Gemeinde erhöhte. Während dieser Zeit konnte der Turm nicht endgültig saniert werden. Auch wenn sich diese spezifischen Details auf ein anderes Bauwerk beziehen, illustrieren sie die generelle Problematik, die auch für die Ulmer Georgskirche relevant sein kann. Rechtsstreitigkeiten über Sanierungsmaßnahmen, Kostenverteilung (wie beim Streit um die Heiligenfiguren) und die Genehmigung von Baumaterialien (Edelstahl vs. Original) können Projekte erheblich verzögern.
Zudem erfordert die Organisation der Baustelle präzise Planung. Die Gottesdienste müssen weiterhin stattfinden können, und die Glocken müssen zu den liturgischen Zeiten läuten können. Dies erfordert eine enge Zusammenarbeit zwischen Kirchengemeinde, ausführenden Firmen und Behörden.
Vergleich der Sanierungsmaßnahmen
Um die Komplexität der Sanierung zu verdeutlichen, können die festgestellten Schäden und die notwendigen Maßnahmen strukturiert dargestellt werden:
| Bereich | Festgestellter Schaden | Sanierungsmaßnahme |
|---|---|---|
| Turmfassade / Maßwerk | Schwer beschädigtes Betonmaßwerk, Bruch der Haften für die Dachhaube. | Erneuerung/Ausbesserung des Maßwerks, Neubefestigung der Kupferblech-Dachhaube. |
| Ziertürmchen (Fialen) | Ein Ziertürmchen in 42 Meter Höhe drohte abzustürzen. | Neubefestigung oder Austausch der Fialen. |
| Glockenfenster | Schäden am Maßwerk. | Sanierung der Fenster, ggf. mit unsichtbaren Edelstahlverstrebungen (Gegenstand der Diskussion). |
| Steinskulpturen | Über 100 Jahre alte Steinskulpturen weisen Schäden auf. | Restaurierung (finanziell umstritten). |
| Bereich Portal/Treppe | Abnutzung/Schäden (in späterer Phase der Sanierung erwähnt). | Instandsetzung von Hauptportal und Treppen. |
Fazit
Die Sanierung der St.-Georgskirche in Ulm verdeutlicht die immense Bedeutung der Instandhaltung von Kulturdenkmälern. Die Notwendigkeit ergab sich aus akuten Gefahren durch herabfallende Steine und statischen Mängeln am über 100 Jahre alten Bauwerk. Die Kosten beliefen sich auf 2,3 Millionen Euro und entwickelten sich im Laufe der Planung stetig nach oben, was die Wichtigkeit von Pufferbudgets und flexiblen Finanzierungsmodellen unterstreicht.
Ein entscheidender Faktor für die Realisierung war die Unterstützung durch staatliche Denkmalförderprogramme. Ohne diese Zuschüsse wäre die finanzielle Last für die Kirchengemeinde wohl nicht zu tragen gewesen. Zudem zeigte sich, dass technische Lösungen, wie der Einsatz von Edelstahl zur Verstärkung, oft auf den Widerstand der Denkmalbehörde stoßen und einen Kompromiss zwischen Modernisierung und Originaltreue erfordern.
Für Bauherren und Projektverantwortliche in der Denkmalpflege bleibt die Erkenntnis, dass solche Projekte eine langfristige Planung, eine enge Zusammenarbeit mit Experten (wie der Münsterbauhütte oder spezialisierten Architekten) und eine proaktive Kommunikation mit Förderinstitutionen erfordern. Nur so können die bauliche Sicherheit und der Erhalt des kulturellen Erbes für die Zukunft gesichert werden.
Quellen
- Schwäbische Zeitung: Turm der Georgskirche zeigt sich derzeit verhüllt
- Augsburger Allgemeine: Sanierung: Weiter Gefahr an der St.-Georgskirche
- Schwäbische Zeitung: Sanierung der Georgskirche verschlingt 1,5 Millionen Euro
- Austrasse Zürich: Sanierung des Kirchturms St. Georgen im Schwarzwald
- Schwäbische Zeitung: Georgskirche verschlingt 2,3 Millionen Euro
- Katholische Kirchengemeinde St. Georg Ulm
- SWP: St. Georg Ulm: Streit um die Sanierung von drei Heiligen-Figuren