Sanierung von St. Zeno in Bad Reichenhall: Ein Lehrbeispiel für die Herausforderungen moderner Denkmalpflege

Die Sanierung der Pfarrkirche St. Zeno in Bad Reichenhall, einem bedeutenden spätgotischen Sakralbau und dem ältesten romanischen Bauwerk der Region, stellt ein herausragendes Beispiel für die Komplexität und die hohen Anforderungen an die moderne Denkmalpflege dar. Das Projekt, das von einer scheinbar routinemäßigen Instandsetzung zu einer Großbaustelle von beträchtlichem Ausmaß heranwuchs, verdeutlicht die Unwägbarkeiten, die bei der Restaurierung historischer Bausubstanz auftreten können. Die Maßnahmen, die von der statischen Sicherung des maroden Dachstuhls bis zur Errichtung eines immensen Schutzgerüsts reichen, stehen exemplarisch für den Balanceakt zwischen Erhalt historischer Authentizität und Erfüllung moderner Sicherheitsstandards. Der folgende Artikel beleuchtet auf Basis der vorliegenden Informationen die technischen, logistischen und finanziellen Dimensionen dieses Mammutprojekts und zieht Lehren aus dem Vorgehen der beteiligten Fachleute.

Die Ausgangslage: Eine Mammutaufgabe mit unerwarteten Dimensionen

Die Basilika St. Zeno in Bad Reichenhall ist mehr als nur ein Gotteshaus; sie ist ein kulturelles Erbe von nationalem Rang. Die Notwendigkeit einer Sanierung war unstrittig, doch das Ausmaß der vorgefundenen Schäden übertraf alle Erwartungen. Was ursprünglich als planmäßige Instandsetzung begann, entpuppte sich schnell als umfassende statische Sanierung eines historisch bedeutsamen Bauteils. Die Schäden am historischen Dachstuhl erwiesen sich als weitaus gravierender und umfangreicher als von der Fachwelt angenommen.

Diese unvorhergesehene Entwicklung hatte direkte Konsequenzen für Zeitplan und Budget. Die Fertigstellung der Kirchensanierung musste um circa ein halbes Jahr nach hinten verschoben werden. Diese Verzögerung unterstreicht die Risiken, die in der Denkmalpflege inhärent sind. Bevor jedoch die eigentlichen Sanierungsarbeiten am Dachstuhl beginnen konnten, waren umfangreiche vorbereitende und logistische Maßnahmen erforderlich, die für sich genommen bereits eine mehrwöchige Baustelle darstellten.

Logistische Herausforderungen und der Einsatz von Schwerlasttechnik

Ein zentrales Element der Baustelle war der Einsatz eines Großkrans. Wie von Monika Preininger, der beim Staatlichen Bauamt Traunstein für das Projekt verantwortlichen Expertin, mitgeteilt wurde, handelte es sich um einen Kran mit einer Ausladung von 65 Metern und einer Hakenhöhe von 51,30 Metern. Dieser Kran wurde auf dem Friedhof aufgestellt, einem sensiblen Bereich, der trotz der Baustelle weitgehend für die Öffentlichkeit geöffnet bleiben musste.

Die Aufstellung des Krans gestaltete sich jedoch schwierig. Verzögerungen traten auf, da der Untergrund instabil war. Diese Problematik führte dazu, dass der Kran ursprünglich schon Ende 2022 hätte stehen sollen, der Aufbau sich jedoch verzögerte. Die Notwendigkeit, einen stabilen Untergrund für eine derartige Last zu schaffen, ist eine klassische Herausforderung auf historischen Geländen, bei denen die Bodenbeschaffenheit oft nur unzureichend bekannt ist.

Der Kran war essenziell für den Transport von Materialien und Bauteilen in die Höhe sowie für den Abbau der alten, beschädigten Dachkonstruktion. Seine Ausladung von 65 Metern war notwendig, um den gesamten Bereich des Daches zu erreichen, ohne den Friedhofsbetrieb übermäßig zu beeinträchtigen. Die Sperrung der Salzburger Straße, die für die Arbeiten etwa ein Jahr lang halbseitig erfolgen musste, zeigt die umfassende Inanspruchnahme der öffentlichen Infrastruktur für dieses Projekt.

Das Herzstück der Sanierung: Der Dachstuhl

Das Kernproblem und der Hauptgegenstand der Sanierung war der Dachstuhl der Kirche. Die Untersuchungen ergaben, dass der komplette Dachstuhl bis auf die tragenden Balken abgebaut und neu aufgebaut werden musste. Dieser radikale Ansatz – der vollständige Rückbau und Wiederaufbau – war unumgänglich, da der Zustand der Holzkonstruktion weit unter dem Standard lag.

Technische Maßnahmen und Handwerkskunst

Die Arbeiten am Dachstuhl erforderten eine Kombination aus traditionellem Handwerk und moderner Statik. Die vorliegenden Berichte schildern detailliert das Vorgehen der beteiligten Gewerke:

  • Zimmerleute: Sie waren für den Abbau und Neuaufbau der Holzkonstruktion verantwortlich. Ihre Arbeit umfasste die genaue Analyse der alten Bausubstanz und die Rekonstruktion nach historischen Vorbildern, soweit dies mit modernen Sicherheitsanforderungen vereinbar war.
  • Dachdecker: Ihre Aufgabe war die Abdichtung und Sicherung der Dachhaut, um die darunterliegende Holzkonstruktion vor Witterung zu schützen.
  • Spengler: Sie arbeiteten an den metalenen Elementen des Daches, die für die Haltbarkeit und das Erscheinungsbild entscheidend sind.

Eine entscheidende Erkenntnis war, dass nicht alle Balken in einem einwandfreien Zustand waren. Balken, die durch Schädlinge, Feuchtigkeit oder Alterung ihre Tragfähigkeit verloren hatten, wurden ausgetauscht. Andere, die noch intakt, aber in ihrer Stabilität reduziert waren, wurden mit Stahlstreben verstärkt. Dieses Vorgehen ist ein Paradebeispiel für die Prinzipien der modernen Denkmalpflege: Erhalt der historischen Substanz, wo immer es möglich ist, und gezielte Verstärkung mit modernen Materialien, wo es notwendig ist.

Der Schutz des Baudenkmals: Das 23-Meter-Gerüst und das Wetterschutzdach

Um die Sanierung des Daches witterungsunabhängig und kontinuierlich durchführen zu können, war der Bau eines immensen Schutzgerüsts erforderlich. Dieses Gerüst ist 23 Meter hoch und überbaut in seinen Ausmaßen die Kirche selbst. Es handelt sich hierbei nicht um ein einfaches Gerüst, sondern um eine komplexe Baustelle im Kleinen. Für die sichere Aufstellung mussten eigens mehrere Lochfundamente erstellt werden, um das Gerüst mit dem aufgesetzten Schutzdach stabil zu verankern.

Die Errichtung dieses Schutzdaches war ein entscheidender Schritt. Erst unter diesem Dach konnte die statische Sanierung des ehemaligen Augustiner Chorherrenstifts beginnen. Ohne diese Schutzmaßnahme wären die Arbeiten stark von den Wetterbedingungen abhängig gewesen, was zu weiteren Verzögerungen und potenziellen Schäden an der offenen Bausubstanz geführt hätte. Die Tatsache, dass die CSU Bad Reichenhall eine Führung auf diesem Gerüst erhielt, unterstreicht das öffentliche Interesse und die Transparenz des Projekts.

Finanzielle Dimensionen und Gesamtkosten

Obwohl die Sanierung von St. Zeno den Fokus dieses Artikels bildet, ist der Blick auf ein vergleichbares Projekt im selben Ort hilfreich, um die finanziellen Dimensionen von Großprojekten in der Region zu verstehen. Der Ausbau des Sonderpädagogischen Förderzentrums St. Zeno bot mit einem Volumen von 4,5 Millionen Euro einen Anhaltspunkt für die Kostenstruktur.

Die Kosten für die Kirchensanierung selbst beliefen sich auf einen zweistelligen Millionenbetrag, wobei die genaue Summe in den vorliegenden Quellen nicht explizit beziffert, aber als „doppelt so teuer wie erwartet“ beschrieben wird. Diese Kostensteigerung ist ein direktes Ergebnis der unerwarteten Schäden am Dachstuhl. Eine detaillierte Aufschlüsselung der Kosten ist in den Quellen nicht enthalten, aber die Faktoren, die zu dieser Erhöhung führten, sind identifizierbar:

  1. Umfangreicherer Rückbau: Der vollständige Abbau des Dachstuhls war aufwändiger als geplant.
  2. Materialkosten: Der Austausch von Balken und die Verstärkung mit Stahl erforderten zusätzliche Materialien.
  3. Mehrarbeit: Die unvorhergesehenen Schäden führten zu einem erheblichen Mehraufwand an Arbeitsstunden für alle beteiligten Gewerke.
  4. Logistik: Die aufwendige Gerüstbau- und Krantechnik sowie die temporären Verkehrsregelungen verursachten zusätzliche Kosten.

Die Erfahrung zeigt, dass bei der Sanierung historischer Gebäude Budgetüberschreitungen von 50 bis 100 Prozent keine Seltenheit sind. Die Kirche St. Zeno ist hierfür ein trauriges, aber lehrreiches Beispiel.

Historischer Kontext und die Bedeutung kontinuierlicher Pflege

Die aktuelle Sanierung ist nicht der erste Eingriff in die Bausubstanz der Kirche St. Zeno. Die Geschichte des Bauwerks ist eine Geschichte von Veränderungen, Anpassungen und Erhaltungsmaßnahmen. Ein Brand im Jahr 1520 zerstörte die Inneneinrichtung und führte zu einer Umgestaltung im Stil der Frührenaissance. Im 19. Jahrhundert folgten weitere staatliche Eingriffe.

Besonders relevant für das Verständnis des aktuellen Zustands sind die Renovierungen in der jüngeren Vergangenheit. Zwischen 1967 und 2014 wurde die Kirche mehrfach umfassend saniert. Diese Maßnahmen umfassten: * Erneuerung des Innenraums und der Außenmauern (1967, 1973/1974) * Anbringung von Stabilisierungsankern (1985) * Schaffung eines barrierefreien Zugangs (1993/1994) * Weitere Sanierungsarbeiten (2014)

Diese Chronologie zeigt, dass der Erhalt eines derartigen Baudenkmals ein kontinuierlicher Prozess ist, der permanentes Engagement und finanzielle Mittel erfordert. Die aktuelle Sanierung ist der bislang umfangreichste Eingriff seit Jahrzehnten und notwendig, um die strukturelle Integrität für die nächsten Generationen zu sichern. Die Kirche ist zentraler Bestandteil des unter Denkmalschutz stehenden Friedhofs St. Zeno, der größte Friedhof im Talkessel von Bad Reichenhall. Die enge Verbindung zwischen Sakralbau und Friedhof unterstreicht die kulturelle und historische Bedeutung der Gesamtanlage, die durch die Sanierung bewahrt wird.

Die Lehren aus St. Zeno: Ein Lehrbeispiel für die Denkmalpflege

Die Sanierung von St. Zeno wird in der Fachwelt als „Paradebeispiel“ für die Herausforderungen der modernen Denkmalpflege bezeichnet. Sie liefert wertvolle Erkenntnisse für zukünftige Projekte dieser Art:

  1. Flexibilität ist unerlässlich: Die ursprüngliche Planung als „routine Instandsetzung“ musste schnell zu einer umfassenden statischen Sanierung angepasst werden. Starre Pläne sind in der Denkmalpflege zum Scheitern verurteilt.
  2. Tiefgreifende Voruntersuchungen: Die Erfahrung von St. Zeno zeigt, dass eine oberflächliche Begutachtung nicht ausreicht. Eine detaillierte Analyse der Bausubstanz, insbesondere von schwer zugänglichen Teilen wie dem Dachstuhl, ist vor Baubeginn unerlässlich, um Überraschungen zu vermeiden.
  3. Zusammenarbeit der Gewerke: Der Erfolg des Projekts hängt von der engen Abstimmung zwischen Architekten, Ingenieuren, Handwerkern (Zimmerleute, Dachdecker, Spengler) und Denkmalpflegern ab. Jedes Gewerke bringt sein spezifisches Wissen ein, um den Balanceakt zwischen Denkmalschutz und moderner Sicherheit zu meistern.
  4. Kommunikation mit der Öffentlichkeit: Die Führung für die CSU Bad Reichenhall und die detaillierten Presseberichte zeigen die Bedeutung der Transparenz. Die Anwohner und Nutzer (in diesem Fall die Kirchgänger und die Angehörigen der Toten auf dem Friedhof) müssen über die Umfangreiche und die Dauer der Beeinträchtigungen informiert werden.
  5. Einbindung in den historischen Kontext: Die Kenntnis der Baugeschichte, inklusive der Renovierungen der letzten 50 Jahre, war entscheidend, um die Schwachstellen des Bauwerks zu verstehen und gezielt zu adressieren.

Die Integration modernster Bautechniken mit dem Respekt für die historische Substanz ist ein Balanceakt, der nur durch die Zusammenarbeit von Architekten, Ingenieuren, Handwerkern und Denkmalpflegern erfolgreich gemeistert werden kann. Die Baustelle St. Zeno bietet hierfür einzigartige Einblicke und zeigt, wie historisches Wissen und moderne Technik miteinander verschmelzen.

Fazit

Die Sanierung der Pfarrkirche St. Zeno in Bad Reichenhall ist ein eindrucksvolles Beispiel für die Komplexität und die hohen Anforderungen an die moderne Denkmalpflege. Das Projekt, das von einer routinemäßigen Instandsetzung zu einer Großbaustelle von beträchtlichem Ausmaß heranwuchs, verdeutlicht die Unwägbarkeiten, die bei der Restaurierung historischer Bausubstanz auftreten können. Die Maßnahmen, die von der statischen Sicherung des maroden Dachstuhls bis zur Errichtung eines immensen Schutzgerüsts reichen, stehen exemplarisch für den Balanceakt zwischen Erhalt historischer Authentizität und Erfüllung moderner Sicherheitsstandards.

Die Baustelle St. Zeno zeigt, dass bei der Sanierung historischer Gebäude Flexibilität, Fachwissen und eine langfristige Perspektive unerlässlich sind. Die Integration moderner Bautechniken mit dem Respekt für die historische Substanz ist ein Balanceakt, der nur durch die Zusammenarbeit von Architekten, Ingenieuren, Handwerkern und Denkmalpflegern erfolgreich gemeistert werden kann. Auch wenn der Weg zur Vollendung länger und teurer war als geplant, dient das Projekt als wichtige Lehre für die zukünftige Pflege unseres kulturellen Erbes. Die Investition von Zeit, Geld und Expertise in ein derartiges Bauwerk ist nicht nur eine bauliche, sondern auch eine verantwortungsvolle kulturelle Aufgabe.

Quellen

  1. Pnp.de: 51 Meter hoher Kran am Münster aufgestellt
  2. CSU Bad Reichenhall: Besichtigung St. Zeno
  3. Austrasse Zürich: St. Zeno Bad Reichenhall Sanierung im Zeitraffer
  4. Pnp.de: Schäden schlimmer als erwartet
  5. Berchtesgadener Anzeiger: 4,5 Millionen Euro für Sanierung und Erweiterungsbau
  6. Pnp.de: Doppelt so teuer wie erwartet

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