Einleitung
Die Infrastruktur öffentlicher Bäder in Berlin befindet sich in einem Zustand des massiven Wandels und der Modernisierung. Die Berliner Bäder-Betriebe (BBB) stehen vor der Aufgabe, eine historische Bausubstanz zu erneuern, während gleichzeitig hohe Energiekosten und neue Nutzeranforderungen die Planung beeinflussen. Ein zentraler Bestandteil dieser Strategie sind die sogenannten Kombibäder, die Hallen- und Freibadbereiche vereinen. Ein aktueller Sanierungsbericht der BBB zeigt ein historisch beispielloses Ausmaß an gleichzeitigen Bauprojekten mit einem Volumen von rund 210 Millionen Euro. Diese Maßnahmen sind notwendig, da ein Fünftel der Kapazität derzeit durch geschlossene Hallenbäder reduziert ist. Im Mittelpunkt stehen dabei das Kombibad Mariendorf, das Stadtbad Schöneberg und weitere Standorte, deren Sanierung nicht nur die Bausubstanz, sondern auch die technische Ausstattung und das Sicherheitskonzept grundlegend verändern wird.
Die aktuelle Sanierungssituation der Berliner Bäder-Betriebe
Der Vorstandsvorsitzende der BBB, Dr. Johannes Kleinsorg, hat die aktuelle Situation als "Peak" des großen Sanierungsprogramms bezeichnet. Aktuell sind sieben Hallenbäder geschlossen, was knapp einem Fünftel der gesamten Kapazität entspricht. Noch nie zuvor wurden in der Geschichte der BBB so viele Instandsetzungs- und Modernisierungsarbeiten gleichzeitig durchgeführt.
Die Investitionen belaufen sich im Zeitraum 2023/24 auf ein Volumen von rund 160 Millionen Euro. Hinzu kommen in diesem Jahr startende Vorhaben mit einem Gesamtvolumen von fast 50 Millionen Euro. Diese Investitionen sind eine Reaktion auf den veralteten Zustand vieler Anlagen, aber auch auf gestiegene energetische Anforderungen.
Herausforderungen durch steigende Kosten und Energiekrise
Ein wesentlicher Faktor für die Sanierungsstrategie ist die gestiegene Energiekostenkrise. Durch die Senkung der Wassertemperatur in den Hallenbädern von 28 auf 26 Grad konnten die Energieverbräuche bereits um 20 Prozent gesenkt werden. Da sich die Energierechnung dennoch verdreifacht hat, plant die BBB, an den niedrigeren Temperaturen festzuhalten. Lediglich in Nichtschwimmerbecken und Planschbecken, wo es technisch möglich ist, soll die Temperatur weiter bei 28 Grad gehalten werden. Dies betrifft unter anderem die Bäder Fischerinsel, Stadtbad Lankwitz, Kombibad Seestraße und Thomas-Mann-Straße.
Kombibad Mariendorf: Entkernung nach Brand und geplante Modernisierung
Das Kombibad Mariendorf ist eines der größten Sanierungsprojekte und steht exemplarisch für die Schwierigkeiten, Modernisierung und Betrieb zu vereinen.
Brand als Auslöser für schnelleren Handlungsbedarf
Ursprünglich war die Sanierung des 1975 in Betrieb gegangenen Kombibades für das Jahr 2025 geplant. Dieser Zeitplan wurde jedoch durch einen Brand im September 2023 massiv beschleunigt. Ein Schaltschrank im Keller des Bades brach in Flammen aus, was zu einem Stromausfall und einer Evakuierung führte. Die Beseitigung der Brandfolgen erwies sich als aufwändiger als angenommen und war vor einer Sanierung wirtschaftlich nicht mehr vertretbar. Daher wurde die Grundsanierung vorgezogen.
Umfang und Kosten der Sanierung
Die Sanierung des Kombibades Mariendorf ist mit 32 Millionen Euro veranschlagt und damit nach dem Wellenbad am Spreewaldplatz (42 Millionen Euro) das zweitteuerste Bauprojekt der BBB in diesem Zyklus. Die Bauzeit wird auf mindestens drei Jahre geschätzt.
Der Sanierungsumfang umfasst eine vollständige Entkernung des Bades bis auf die Grundmauern. Geplant sind folgende Maßnahmen: * Sanierung der Gebäudehülle und technischen Anlagen. * Neugestaltung der Umkleiden und Sanitärbereiche. * Auskleidung der Außenbecken mit Edelstahl. * Erneuerung der Rutschanlage. * Errichtung eines gemeinsamen Eingangs für Sommer- und Hallenbad. * Bau eines neuen Planschbeckens und eines Indoor-Wasser-Sprayparks.
Die Entscheidung für den Bau eines Indoor-Wasser-Sprayparks und eines neuen Planschbeckens zeigt die strategische Ausrichtung auf familienfreundliche Angebote. Kritik an solchen Konzepten gibt es jedoch auch, wie am Beispiel eines geplanten flachen Kinderbeckens im Paracelsus-Bad (siehe unten) zu sehen ist, das von Politikern als "Planschbecken" bezeichnet wurde, das nicht für den Schwimmunterricht geeignet sei.
Stadtbad Schöneberg: Technische Sanierung und Schließung
Ein weiteres Großprojekt ist die Sanierung des Stadtbad Schöneberg, dessen Bauarbeiten unmittelbar bevorstehen.
Gründe für die Schließung und der Sanierungsumfang
Das Bad war seit Anfang 2024 geschlossen. Die Schließung war notwendig, da Grenzwerte im Wasser überschritten wurden und gleichzeitig noch keine Finanzierungszusage vorlag. Nun ist eine umfangreiche Sanierung geplant, die mit ca. 9 Millionen Euro veranschlagt ist und voraussichtlich mindestens 1,5 Jahre dauern wird.
Die Maßnahmen umfassen: * Austausch der Fenster und Erneuerung der Lüftungsanlagen. * Fliesen der Becken und Ersatz der Filter- und Reaktionsbehälteranlagen. * Installation einer neuen Warmwasseranlage. * Sanierung des Außenbeckens. * Erneuerung der Brandmeldeanlage.
Diese Sanierung konzentriert sich stark auf die Erneuerung der technischen Infrastruktur, um die Wasserqualität und Sicherheit wiederherzustellen.
Kombibad Seestraße: Aktueller Zustand und fehlende Sanierungsindikationen
Das Kombibad Seestraße wird in den zur Verfügung gestellten Quellen als funktionierende Anlage beschrieben, ohne dass konkrete Sanierungspläne oder Baumaßnahmen erwähnt werden, die in den anderen Bädern (Mariendorf, Schöneberg) stattfinden.
Ausstattung und Nutzung
Das Hallenbad des Kombibads Seestraße verfügt über ein 50-Meter-Becken mit 1- und 3-Meter-Sprungbrettern sowie ein Nichtschwimmerbecken mit Kinderrutsche. Besonders erwähnenswert ist das Therapiebecken mit Hubboden, das sich in einem eigenen barrierefreien Bereich mit separatem Eingang befindet.
Im Winter wird das Angebot durch eine imposante Traglufthalle erweitert, die die beiden 50-Meter-Außenbecken temporär zu einem weiteren im Winter nutzbaren Bad umfunktioniert. Diese flexible Nutzung von Traglufthallen ist eine bewährte Methode, um Kapazitäten im Winter zu erhöhen, ohne massive Bauten zu errichten.
Betrieb und Zugänglichkeit
Das Bad bietet den Nutzern eine konstante Wasserfläche und ist im Sommer ein wichtiger Bestandteil der Kombibäder in Berlin. Es ist Teil des Netzwerks der vier Kombibäder in Berlin (Lipschitzallee, Ankogelweg, Seestraße, Gatower Straße). Im Gegensatz zu Mariendorf oder Spandau Süd gibt es in den Quellen keine Hinweise auf brandschutzbedingte Schäden oder den Bedarf einer grundlegenden Entkernung. Es scheint, dass das Kombibad Seestraße im Vergleich zu den anderen genannten Anlagen in einem besseren technischen Zustand ist oder zumindest nicht im Fokus der aktuellen "Sparmassnahmen" und Priorisierungen für notwendige Sanierungen steht, die in den Quellen für andere Standorte beschrieben werden.
Paracelsus-Bad: Ein Beispiel für Planungsunsicherheiten und Nutzerbelastungen
Obwohl das Paracelsus-Bad nicht im Fokus der ursprünglichen Suche (Kombibad Seestraße Sanierung) stand, liefert es wichtige Kontextinformationen bezüglich der Auswirkungen von Sanierungen auf das Umfeld.
Auswirkungen auf Schulen und Verkehr
Die Sanierung des Paracelsus-Bads führt zu erheblichen Belastungen für Schulen und Nutzer. Da das Bad in Reinickendorf geschlossen ist, nutzen die meisten Schulen nun das Hallenbad im Märkischen Viertel oder das Kombibad in Mitte. Seit dem Schuljahr 2024/25 fahren sechs Grundschulen zur Seestraße nach Mitte, was längere Anfahrtswege erfordert. Das Bezirksamt Reinickendorf reagiert darauf mit dem Angebot von Schwimmbussen.
Planung von Außenbecken
Für den Standort Paracelsus-Bad wird ergänzend ein Außenbecken in Planung sein. Die Pläne sehen ein 25-Meter-Becken vor, das jedoch eher als flaches Kinderbecken konzipiert ist. Diese Entwicklung zeigt, dass Sanierungen oft genutzt werden, um das Angebot zu erweitern, jedoch oft Kompromisse bei der Tiefe (und damit der Eignung für Schwimmunterricht) eingegangen werden.
Weitere Projekte und Ausblick
Neben den genannten Großprojekten gibt es weitere Baustellen, die das Gesamtbild prägen.
Stadtbad Tiergarten und Kombibad Spandau Süd
Im Stadtbad Tiergarten wurde eine Sanierung für 17,9 Millionen Euro abgeschlossen. Geplant ist nun der Bau eines Außenbeckens (25-Meter-Becken mit Planschbecken), wobei die Finanzierung noch über Fördergelder gesichert werden muss (Kosten ca. 6 Mio. Euro).
Das Sommerbad im Kombibad Spandau Süd ist seit 2023 aufgrund von Schäden an der Einströmungsanlage geschlossen. Geplant ist der Einbau von Edelstahlbecken und neuer Verrohrung sowie die Sanierung der Badeplatte (Kosten ca. 7 Millionen Euro).
Einfluss von Sparmaßnahmen
Die Berliner Bäderbetriebe sind von Sparplänen des Senats betroffen. Die Kürzungen wirken sich auf Betriebskosten, Instandhaltung und Investitionen aus. Eine Ausweitung des Angebots und der Wasserfläche, wie ursprünglich geplant, ist derzeit nicht mehr finanzierbar. Der Fokus liegt verstärkt auf Hallenbädern. Geplante Vorhaben wie die vollständige Erneuerung des Sommerbades Humboldthain (Einbau Edelstahlbecken) fallen weg oder werden verschoben. Das geplante Funktionsbad am Kienberg soll den Bedarf in Marzahn-Hellersdorf und Lichtenberg decken, wobei ein Außenbecken geprüft wird. Das Funktionsbad in Pankow ersetzt zudem das bisher geplante große Multifunktionsbad.
Sicherheitskonzept
Im Zuge der Wiedereröffnungen von Sommerbädern plant die BBB ein neues Sicherheitskonzept. Hintergrund sind Vorfälle im vergangenen Jahr (Tumulte, sexuelle Übergriffe, Schlägereien), die zu Polizeieinsätzen führten. Details wurden noch nicht genannt, aber es sind strengere Einlasskontrollen und mehr Sicherheitskräfte angekündigt.
Fazit
Die Sanierungsstrategie der Berliner Bäder-Betriebe ist geprägt von einem historisch beispiellosen Investitionsprogramm, das jedoch durch Sparzwänge und technische Notwendigkeiten (Brand in Mariendorf, Grenzwerte in Schöneberg) herausgefordert wird. Das Kombibad Mariendorf steht als Beispiel für eine vollständige Entkernung und Neuausrichtung auf Familien und Freizeitnutzer, während das Stadtbad Schöneberg auf die technische Sanierung der Substanz setzt. Das Kombibad Seestraße fungiert in diesem Gefüge als stabiler Leistungsträger mit flexibler Traglufthallen-Nutzung, dessen Sanierungsbedarf in den vorliegenden Quellen nicht als dringlich hervorgehoben wird. Die Herausforderung für die Zukunft liegt in der Balance zwischen energetischer Sanierung, Sicherheitsaspekten und der Aufrechterhaltung der Wasseroberfläche trotz finanzieller Restriktionen.
Quellen
- Kombibad Seestraße - Hallenbad
- Kombibäder Berlin
- Paracelsus Bad Berlin: Acht Jahre Sanierung und 36 Millionen Euro Kosten
- Berliner Bäder 2024: Starten Bauprojekte im Wert von fast 50 Millionen Euro
- So viele Hallen geschlossen wie nie: Diese Berliner Bäder werden ab 2024 saniert
- Kombibad Seestraße
- Sparmaßnahmen bei Berliner Bäderbetrieben: Was heißt das für Neubauten und Sanierungen