Sanierung von Sakralbauten in Weingarten: Planung, Maßnahmen und Gestaltungskonzepte

Die Sanierung von Kirchengebäuden stellt eine besondere Herausforderung für Bauwesen und Denkmalpflege dar. Neben der Notwendigkeit, die Bausubstanz zu erhalten, geht es oft um die Anpassung an moderne liturgische Anforderungen und die Sicherung der Nutzung für zukünftige Generationen. In Weingarten stehen zwei bedeutende Sakralbauten, die Marienkirche und die Basilika St. Martin, aktuell im Fokus umfangreicher Renovierungsmaßnahmen. Diese Projekte bieten exemplarische Einblicke in die Planung und Durchführung von Kirchensanierungen, von der Gestaltung der Innenräume bis hin zur Instandsetzung von Fassaden und Dächern.

Im Folgenden werden die Sanierungsmaßnahmen beider Kirchen detailliert betrachtet, wobei der Fokus auf den angewandten Techniken, den verwendeten Materialien und den strategischen Entscheidungen liegt, die für Bauherren und Planer von Interesse sind.

Die Sanierung der Marienkirche: Fokus auf das Wesentliche

Die Marienkirche in Weingarten hat kürzlich eine grundlegende Innenrenovierung abgeschlossen. Das Projekt wurde mit dem Ziel durchgeführt, die Kirche von überflüssigem Beiwerk zu befreien und die liturgische Gestaltung zu fokussieren. Die Renovierung dauerte ein halbes Jahr und wurde pünktlich zum 50. Geburtstag der Kirche fertiggestellt.

Gestaltungskonzept und Innenarchitektur

Das Architekturbüro Hildebrand und Schwarz aus Friedrichshafen entwickelte ein durchgängiges Gestaltungskonzept. Eine zentrale Maßnahme war die Entfernung von Elementen, die von der liturgischen Konzentration ablenkten. Die Farbgebung wurde einheitlich gestaltet; eine warme, mittelbraune Farbgebung zieht sich durch den gesamten Raum – von den Ministrantenhockern über die Bankreihen bis hin zu den Räumen unter der Empore.

Ein wesentlicher Aspekt der Renovierung war die Neupositionierung liturgischer Orte: * Tabernakel: Er wurde in die Mitte des Altarraums unter das Kreuz verlegt. Durch eine rückwärtige Anstrahlung entsteht eine geheimnisvolle Atmosphäre. * Altar: Der Altar wurde vom Sockel gehoben, auf Augenhöhe der Gemeinde gebracht und somit näher an die Kirchenbesucher gerückt.

Bauzeitliche Einordnung und Struktur

Die Marienkirche wurde zwischen 1956 und 1960 erbaut und präsentiert sich architektonisch als großes Zelt, getragen von prägnanten Stützpfeilern und einer netzförmigen Deckenkonstruktion. Diese Architektursprache sollte die Gemeinschaft und das Tragen der Kirche durch die Menschen symbolisieren. Bereits 2010, zum 50-jährigen Jubiläum, wurde eine erste Innensanierung durchgeführt, bei der der Altar weiter in die Gemeinde gerückt und die Seitenkapellen neu gestaltet wurden. Die aktuelle Sanierung 2024 stellt eine Fortsetzung der Pflege und Anpassung dieses Gebäudes dar.

Die Basilika St. Martin: Ein Großprojekt der Denkmalpflege

Die Basilika St. Martin ist ein Wahrzeichen Oberschwabens und befindet sich seit Mai 2021 in einer umfassenden Sanierung, die bis 2028 in vier Bauabschnitten geplant ist. Das 300-jährige Bauwerk erfordert aufgrund seines Alters und seiner kunsthistorischen Bedeutung eine besonders sorgfältige Behandlung.

Hintergrund und Umfang der Sanierung

Die Notwendigkeit der Sanierung ergab sich aus dem schlechten Zustand verschiedener Gebäudeteile. Zu den kritischen Punkten zählen: * Deckenfresken: Die Fresken von Cosmas Damian Asam im Innenraum sind stark restaurierungsbedürftig. * Gebäudehülle: Dach- und Fassadenflächen sowie die verputzten Außenwände müssen instand gesetzt werden. * Gebäudetechnik: Die vorhandene Technik ist veraltet und muss erneuert werden.

Wichtig für die Planung ist, dass bereits in den letzten 20 Jahren die Türme, die Kuppel und die steinerne Westfassade ertüchtigt wurden. Die aktuellen Maßnahmen konzentrieren sich daher auf das Innere und die Außenputzfassaden.

Bauabschnitte und Logistik

Um die Basilika weiterhin für Gottesdienste nutzen zu können, ist das Projekt in vier Bauabschnitte unterteilt. Der erste Bauabschnitt (Mai 2021 bis Ende 2022) umfasste das Einrüsten der ersten zwei Joche im Innenraum und den Beginn der Restaurierung der Deckenfresken. Diese schrittweise Vorgehensweise ist für die Bauplanung von Sakralbauten essenziell, da die liturgische Nutzung während der Sanierung aufrechterhalten werden muss.

Fassadensanierung und Materialanalyse

Ein besonders aufwändiger Teil der Sanierung betrifft die Sandsteinelemente der Fassade. Laut Gutachten eines Diplom-Restaurators besteht die Fassade aus gliedernden Sandsteinelementen aus Weinsberger Schilfsandstein, die mit verputzten Ziegelsteinmauerflächen interagieren.

Typische Schäden an diesem Material sind: * Risse und Abschieferungen: Besonders an Gesimsen, Fenstergewänden und Fensterbänken. * Ursache: Dauerfeuchtebereiche, die zur Herauslösung des Bindemittels führen. * Frostschäden: Frostsprengungen an exponierten, regenableitenden Werksteinen.

Die Sanierung erfordert hier eine detaillierte Analyse der Feuchtequellen und den Einsatz von speziellen Restaurierungstechniken, um die Sandsteine zu erhalten und vor weiterem Verfall zu schützen.

Liturgische Neugestaltung und Kostenmanagement

Im Zuge der Sanierung der Basilika St. Martin werden auch Überlegungen zur Neugestaltung des Altarraums angestellt. Es gibt Entwürfe für eine Umgestaltung, die jedoch noch nicht final entschieden sind. Die Kirchengemeinde St. Martin hat die Möglichkeit, sich gegen eine Umgestaltung zu entscheiden.

Einfluss auf die Heilig-Blut-Reliquie

Jede Veränderung im Altarraum muss berücksichtigen, dass dort die Heilig-Blut-Reliquie in einem Schaukasten ausgestellt ist. Diese Reliquie verleiht der Basilika eine überregionale Bedeutung als Pilgerort. Die Planung der Raumnutzung muss daher immer die Präsentation und Sicherung dieses zentralen Objekts einbeziehen.

Kostenbewusstsein

Bei allen Überlegungen zur Neugestaltung wird explizit Wert auf Kosteneffizienz gelegt. Der Dekan Ekkehard Schmid betonte, dass man sich "keinen Rolls-Royce hineinbauen" werde. Dies unterstreicht die Priorität, die Mittel primär für die notwendige Bausubstanz und Erhaltung einzusetzen, anstatt für übermäßig luxuriöse Ausstattungen.

Parallelen und Unterschiede in den Sanierungsstrategien

Betrachtet man die Sanierungen der Marienkirche und der Basilika St. Martin, lassen sich unterschiedliche Schwerpunkte in der Bauplanung erkennen, die typisch für Kirchen der jeweiligen Epochen und Größen sind.

Innenraum vs. Bausubstanz

Die Marienkirche (Baujahr 1956/60) konzentrierte sich in der jüngsten Sanierung stark auf die liturgische Gestaltung und Innenraumästhetik. Die Maßnahmen (Farbgebung, Neupositionierung von Altar und Tabernakel) sind relativ schnell umsetzbar und verändern die Nutzungsqualität durch räumliche Wahrnehmung.

Die Basilika St. Martin (Baujahr 1715–1724) erfordert dagegen eine tiefgreifende Sicherung der Bausubstanz. Die Arbeiten an Dach, Fassade, Deckenfresken und Technik sind komplex, langwierig und erfordern spezialisierte Handwerksbetriebe (Restauratoren, Dachdecker, Metallbauer).

Nutzungskonzept

Beide Projekte versuchen, die Kirche während der Sanierung nutzbar zu halten. Bei der Marienkirche war dies durch eine sechsmonatige Schließung möglich. Bei der Basilika wird durch eine Unterteilung in Bauabschnitte eine durchgängige Nutzung ermöglicht. Für Bauherren von Sakralbauten ist dies ein entscheidender Faktor: Die Unterteilung von Großprojekten in Abschnitte minimiert die Nutzungsunterbrechung, erhöht aber die Komplexität der Koordination und Logistik erheblich.

Technische Herausforderungen bei Kirchensanierungen

Die in den Quellen beschriebenen Maßnahmen verdeutlichen typische Problemstellungen im modernen Denkmal- und Kirchenbau.

Feuchtigkeitsmanagement

Das Gutachten zur Fassade der Basilika zeigt, dass Dauerfeuchte der Hauptfeind von Bausubstanz ist. Für Planer bedeutet das: 1. Ursachenanalyse (Wasserzulauf, Kondensat, undichte Dächer). 2. Werkstoffauswahl, die Feuchtigkeit zulässt oder ableitet (im Mauerwerk), aber keine Schäden verursacht. 3. Sanierung von Gesimsen und Profilierungen, da diese Wasser ableiten müssen.

Beleuchtung und Atmosphäre

In der Marienkirche wurde durch gezielte Beleuchtung (rückwärtige Anstrahlung des Tabernakels) eine Atmosphäre geschaffen. Moderne Kirchensanierungen integrieren oft LED-Technik, die energiesparend ist und wenig Wärme abgibt (wichtig für Kunstwerke), aber gleichzeitig die Architektur und liturgischen Objekte akzentuiert.

Materialität

Die Verwendung von Weinsberger Schilfsandstein in der Basilika ist ein Verweis auf regionale Baustoffe. Sanierungen erfordern oft, dass exakt dieselben oder sehr ähnliche Materialien beschafft werden, was bei historischen Steinbrüchen schwierig sein kann. Die Auswahl der Mörtel (Bindemittel) spielt eine ebenso große Rolle, um chemische Reaktionen mit dem alten Mauerwerk zu vermeiden.

Öffentlichkeit und Finanzierung

Sanierungen dieser Größenordnung sind ohne externe Unterstützung kaum zu stemmen. Die Quellen zeigen, dass Spenden eine wichtige Rolle spielen. * Marienkirche: Die Renovierung wurde abgeschlossen, was auf eine erfolgreiche Budgetplanung hindeutet. * Basilika: Hier wird explizit um Spenden gebeten. Ein Konto wurde eingerichtet, und bereits gesammelte Beträge (Stand März 2023: 55.807 Euro) wurden genannt. Dies ist ein Indiz für die hohen Kosten, die über Kirchensteuereinnahmen hinausgehen.

Für Bauherren im weiteren Sinne (z.B. Eigentümer von denkmalgeschützten Immobilien) ist dies ein Hinweis, dass staatliche Denkmalschutzförderung oder private Spenderakquise oft Teil der Finanzplanung sein müssen.

Fazit

Die Sanierungen in Weingarten zeigen eindrucksvoll die Bandbreite moderner Kirchenrenovierung. Während die Marienkirche durch eine ästhetische und liturgische Neuausrichtung ihre Identität schärft, steht die Basilika St. Martin vor der gigantischen Aufgabe, eine historische Bausubstanz mit Fresken, Sandsteinfassaden und komplexen Dachkonstruktionen für das 21. Jahrhundert zu sichern.

Für Planer und Bauinteressenten lassen sich aus diesen Projekten wertvolle Erkenntnisse ziehen: 1. Gestaltung: Die bewusste Reduktion auf das Wesentliche kann die Wirkung von Räumen steigern. 2. Substanz: Die Analyse von Materialien (Sandstein, Feuchtigkeit) ist die Grundlage jeder erfolgreichen Sanierung. 3. Logistik: Die Unterteilung in Bauabschnitte ist bei der Sanierung von Kulturbauten oft unerlässlich. 4. Kosten: Transparente Kommunikation und Kostenbewusstsein ("kein Rolls-Royce") sichern die Akzeptanz von Sanierungsprojekten.

Die Arbeiten an den Weingartener Kirchen sind lebendige Beispiele dafür, wie Baudenkmalpflege funktionieren kann: respektvoll gegenüber der Geschichte, aber orientiert an den Bedürfnissen der Gegenwart.

Quellen

  1. Schwäbische Zeitung: Marienkirche Weingarten
  2. Katholische Kirchengemeinde St. Maria: Kirchengemeinde St. Maria
  3. Austrasse Zürich: Grossprojekt Basilika Weingarten
  4. Katholische Kirchengemeinde St. Maria: Aktuelles
  5. Evangelische Kirchengemeinde Weingarten: Kirchenrenovierung

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