Einführung
Die Sanierung der Segelschulschiff "Gorch Fock" hat sich zu einem der prominentesten und gleichzeitig kontrovers diskutiertesten Projekte in der Geschichte der maritimen Infrastruktur in Deutschland entwickelt. Ursprünglich als Segelschulschiff für die Bundesmarine eingesetzt, ist das 1933 gebaute Dreimastsegler von historischer wie auch kultureller Bedeutung. Die Sanierungsarbeiten, die seit 2015 auf verschiedenen Werften durchgeführt wurden, sind jedoch nicht nur aufgrund ihrer technischen Komplexität, sondern auch aufgrund der erheblichen Kostensteigerungen und rechtlicher Streitigkeiten in die Kritik geraten.
Dieser Artikel beleuchtet die historischen Hintergründe, die technischen Herausforderungen, die Kostenentwicklung und die rechtlichen Konsequenzen der Sanierung der "Gorch Fock". Er dient zudem als Beispiel für die Problematik, mit der auch andere Projekte im Bereich Renovierung und Sanierung konfrontiert sein können – insbesondere dann, wenn historische Bausubstanz mit modernen Sicherheits- und Brandschutzanforderungen in Einklang gebracht werden muss.
Historische Hintergründe der Gorch Fock
Die "Gorch Fock" wurde am 3. Mai 1933 in Hamburg bei Blohm & Voss vom Stapel gelassen. Sie ist ein Dreimastsegler mit einer Länge von 82 Metern und einer Breite von 12 Metern. Das Schiff war bis zu seiner Ausmusterung 2019 als Segelschulschiff der Bundesmarine im Einsatz und diente der Ausbildung von Offizieren. Nach ihrer Ausmusterung wurde sie an die Stadt Stralsund verkauft, wo sie heute als Museumsschiff genutzt werden soll.
Die ursprüngliche Planung sah eine Sanierung in Stralsund vor, die im Jahr 2021 abgeschlossen werden sollte. Diese Sanierung war finanziell durch EU- und Landesmittel gefördert, wobei der Verein Tall-Ship Friends e.V., der vor der Stadt das Schiff besaß, den Eigenanteil übernahm. Die Kosten wurden ursprünglich auf etwa zehn Millionen Euro kalkuliert.
Technische Herausforderungen der Sanierung
Die Sanierung der "Gorch Fock" erwies sich als technisch extrem anspruchsvoll. Ursula von der Leyen, damalige Verteidigungsministerin, stellte in Interviews klar: „Bis auf den Kiel muss fast alles ersetzt werden.“ Dies zeigt, dass die Sanierung nicht nur eine teilweise Renovierung, sondern im Grunde einen Neubau darstellte. Etwa 95 Prozent des Schiffs wurden ersetzt oder grundlegend überarbeitet.
1. Materialersatz und Strukturfestigkeit
Die Holzkonstruktion des Schiffs hatte im Laufe der Jahre erheblichen Schäden erlitten, insbesondere durch Salzwasser, Schädlinge und Witterungseinflüsse. Die Erneuerung der Außenhaut, Decks, Schotten sowie der Takelage erforderte die Verwendung von speziell behandelten Hölzern, die den Anforderungen moderner Sicherheits- und Brandschutzvorschriften entsprechen.
In Stralsund wurden beispielsweise 70 Quadratmeter der Außenhaut erneuert, darunter auch die Schotten, die für die Sicherheit der Besatzung entscheidend sind. Die Takelage wurde bis auf die Grundelemente ausgetauscht, um die Standsicherheit und Belastbarkeit zu gewährleisten.
2. Brandschutzmaßnahmen
Ein weiterer technischer Fokus lag auf der Verbesserung des Brandschutzes. Die "Gorch Fock" musste nach heutigen Sicherheitsvorschriften ausgestattet werden, was den Einbau von Feuerlöschanlagen, Brandschutzklappen und speziellen Materialien notwendig machte. Diese Maßnahmen sind nicht nur für den Betrieb als Museumsschiff, sondern auch für die Sicherheit der Besucher entscheidend.
3. Komplexe Logistik und Handwerkskooperationen
Die Sanierung erforderte eine enge Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Handwerksberufen – von Schiffbauern über Elektriker bis hin zu Brandschutzfachleuten. Die Koordination dieser Arbeiten auf einem historischen Segelschiff stellte eine besondere Herausforderung dar, da viele Arbeiten nur in begrenztem Raum und unter schwierigen Bedingungen durchgeführt werden konnten.
Kostenentwicklung und Projektmanagement
Die Kostenentwicklung der Sanierung der "Gorch Fock" ist ein zentrales Thema in der öffentlichen Debatte. Die Kosten stiegen von anfänglich geschätzten 10 Millionen Euro auf schließlich über 135 Millionen Euro. Die Tabelle unten gibt einen Überblick über die einzelnen Schätzungen und die daraus resultierenden Kostensteigerungen.
| Zeitpunkt | Geschätzte Kosten | Veränderung in Relation zum Ausgangswert |
|---|---|---|
| Anfang 2016 | 10 Millionen Euro | Ausgangsschätzung |
| Oktober 2016 | 35 Millionen Euro | +25 Millionen Euro (150 % Anstieg) |
| März 2017 | 12,2 Millionen Euro | Abweichende Quelle, möglicherweise Teilprojekt |
| Später 2017 | 33,5 Millionen Euro | Weitere Kostensteigerung |
| September 2017 | 64,5 Millionen Euro | +31 Millionen Euro |
| Januar 2017 | 75 Millionen Euro | Offizielle Schätzung zu diesem Zeitpunkt |
| 2018 | Über 100 Millionen Euro | Weitere Kostensteigerung |
| 2021 | 135 Millionen Euro | Endgültige Kostenschätzung |
Die Kostenentwicklung war nicht lineare, sondern exponentiell. Schon zu Beginn des Projekts wurden die Kosten unrealistisch niedrig geschätzt, da weder das volle Ausmaß der Schäden noch die Komplexität der Arbeiten ausreichend berücksichtigt wurden. Im Jahr 2017 führte eine interne Studie zu der Erkenntnis, dass ein Neubau des Schiffes etwa 170 Millionen Euro gekostet hätte – ein Indikator für die extrem hohen Sanierungskosten.
1. Ursachen der Kostensteigerungen
Die Kostensteigerungen wurden von mehreren Faktoren verursacht:
- Unterschätzung des Schadensumfangs: Die ursprüngliche Planung sah nur eine teilweise Renovierung vor, doch nach der Schadensaufnahme stellte sich heraus, dass das Schiff weitgehend erneuert werden musste.
- Verzögerungen und Baustopps: Im Jahr 2018 wurde die Sanierung zeitweise ausgesetzt, um Korruptionsvorwürfe zu prüfen. Dies führte zu zusätzlichen Verzögerungen und damit auch zu höheren Kosten.
- Rechtliche Streitigkeiten: Im Zusammenhang mit der Sanierung entstanden mehrere Rechtsstreitigkeiten, insbesondere um Verwendungsersatzansprüche. Der Bundesgerichtshof (BGH) lehnte im Jahr 2023 eine Nichtzulassungsbeschwerde ab, was den Streit weiter vertiefte.
- Fördermittel- und Finanzierungsprobleme: Es kam zu Streitigkeiten zwischen der Elsflether Werft und der Marine hinsichtlich der Zahlungen. Die Bredo-Werft drohte sogar damit, das Schiff als Sicherheit zu behalten, wenn die Forderungen nicht erfüllt wurden.
Rechtliche Streitigkeiten und Verwaltungskontrollen
Die Sanierungsarbeiten an der "Gorch Fock" führten zu mehreren rechtlichen Konflikten, die bis in den Bundesgerichtshof (BGH) reichten. Ein zentraler Streitpunkt war die Frage, ob Unternehmen, die im Zuge der Sanierungsarbeiten Aufwendungen erbrachten, einen Anspruch auf Verwendungsersatz haben.
Der BGH entschied im Februar 2023, dass die Nichtzulassungsbeschwerde in diesem Streitfall abgelehnt wurde. Damit blieb das Urteil des Oberlandesgerichts bestehen, das den Verwendungsersatzanspruch ablehnte. Diese Entscheidung hat weitreichende Konsequenzen für zukünftige Sanierungsprojekte, da sie klare Grenzen für die Erhebung von Ersatzansprüchen in komplexen Bauprojekten zieht.
1. Korruptionsverdacht und Ermittlungen
Im Jahr 2018 wurden Ermittlungen gegen einen Mitarbeiter des Marinearsenals in Wilhelmshaven eingeleitet. Er war unter anderem für die Preisprüfung der Sanierungsarbeiten verantwortlich. Es wurde vermutet, dass er für ein privates Bauprojekt ein vergünstigtes Darlehen erhalten hatte – von einem Unternehmen, das an der Sanierung der "Gorch Fock" beteiligt war.
Diese Ermittlungen führten zu einem Baustopp, da Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen die Zahlungen für die Sanierung vorerst einstellte. Die Prüfer des Bundesrechnungshofs stellten später fest, dass das Ministerium mitverantwortlich für die Kostenexplosion war.
Fazit
Die Sanierung der "Gorch Fock" ist ein eindrucksvolles Beispiel für die Herausforderungen, mit denen auch andere Bauprojekte konfrontiert sein können – insbesondere dann, wenn historische Bausubstanz mit modernen Sicherheits- und Brandschutzanforderungen in Einklang gebracht werden muss. Die technischen Anforderungen an die Sanierung, die Kostenentwicklung und die rechtlichen Streitigkeiten zeigen, wie schnell ein Projekt aus dem Ruder laufen kann, wenn Planung, Projektmanagement und Finanzierung nicht aufeinander abgestimmt sind.
Für Bauherren, Projektplaner und Sanierungsunternehmen bietet der Fall der "Gorch Fock" wertvolle Lehren. Er unterstreicht die Notwendigkeit einer realistischen Kostenplanung, einer transparenten Projektorganisation und einer engmaschigen Kontrollmechanismen, um Korruption und Fehlplanung frühzeitig zu erkennen und abzuwenden.
Quellen
- Sanierung der "Gorch Fock" für 100 Millionen Euro?
- BGH entscheidet über Verwendungsersatzansprüche bei Sanierung der "Gorch Fock"
- Chronologie der Sanierung der "Gorch Fock" von 2015 bis 2021
- Sanierung der "Gorch Fock 1": Außenhaut wieder komplett
- Die "Gorch Fock" strahlt wieder in der Stralsunder Volkswerft
- Die Gorch Fock Sanierung als Warnsignal
- Gorch Fock Sanierung: Chronologie der 100 Millionen Euro
- Die Gorch Fock Sanierung zwischen historischem Erbe und Kostenexplosion