Einführung
Die Sanierung des Segelschulschiffs Gorch Fock ist ein Projekt, das nicht nur in der maritimen Welt, sondern auch in den Bereichen Denkmalpflege, Bauwirtschaft und öffentlicher Finanzierung für Aufmerksamkeit sorgte. Die Gorch Fock, ein historisches Dreimast-Bark mit einer Länge von über 80 Metern und einer reichen Geschichte, wurde 1933 für die Reichsmarine gebaut und später in verschiedenen Funktionen genutzt. Nach einem langen Stillstand und einer Vielzahl an Schäden war eine umfassende Sanierung erforderlich, um das Schiff zu erhalten und für die Zukunft fit zu machen.
Die Sanierungsarbeiten, die sich über mehrere Jahre zogen und deutlich teurer wurden als ursprünglich geplant, zeigen die komplexen Herausforderungen, mit denen historische Bauwerke – insbesondere solche mit maritimer Funktion – konfrontiert sind. Dieser Artikel beschreibt die Entwicklung des Projekts von Beginn bis heute, beleuchtet die technischen Aspekte der Sanierung, die finanziellen Hürden, sowie die politischen und logistischen Schwierigkeiten, die im Verlauf der Arbeiten auftauchten.
Geschichte und Bedeutung der Gorch Fock
Die Gorch Fock I ist ein wertvolles maritimes Erbe, das über mehrere politische Epochen hinweg Bestand hatte. Das Schiff wurde 1933 bei Blohm & Voss in Hamburg für die Reichsmarine gebaut und am 3. Mai desselben Jahres vom Stapel gelassen. Mit einer Länge von 82 Metern und einer Breite von 12 Metern war es zu seiner Zeit eines der bedeutendsten Segelschulschiffe.
Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte die Gorch Fock eine bemerkenswerte Wandlung. Von 1945 bis 1947 lag das Schiff versenkt im Strelasund, in der Nähe der heutigen Volkswerft Stralsund. Nach ihrer Bergung wurde sie weiter in der Marine genutzt, später auch in der Ausbildung. Im Jahr 2003 wurde das Schiff jedoch als nicht mehr seetüchtig eingestuft und lag danach im Stralsunder Hafen. 2015 wurde die Gorch Fock schließlich in eine Werft verlegt, um eine umfassende Sanierung durchzuführen.
Chronologie der Sanierungsarbeiten
Die Sanierung der Gorch Fock begann zunächst mit der Planung einer turnusmäßigen Grundüberholung. Im Dezember 2015 wurde das Schiff in die Elsflether Werft verlegt. Bei den ersten Untersuchungen stellten Techniker jedoch ernste Probleme fest: Die Masten des Schiffes waren marode und mussten vollständig ersetzt werden. Im Januar 2016 wurde das Schiff daraufhin in ein Schwimmdock der Bremerhavener Bredo-Werft verlegt. Die ursprüngliche Kostenschätzung für die Reparaturen belief sich auf knapp zehn Millionen Euro.
Im weiteren Verlauf des Jahres 2016 zeigte sich jedoch, dass das Schiff weitaus mehr Schäden aufwies als zunächst angenommen. Im Oktober 2016 lag die Gorch Fock immer noch in der Werft, und es tauchten immer wieder neue Schäden auf. Dazu zählten ein marodes Oberdeck und alte Kabelkanäle, die seit dem Stapellauf 1933 nie erneuert worden waren. Die Kalkulation stieg auf 35 Millionen Euro.
Im Jänner 2017 gab Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) bekannt, dass die Reparaturkosten auf 75 Millionen Euro geschätzt wurden. Parallel wurden bereits Pläne für einen Neubau der Gorch Fock diskutiert. Im Mai 2019 räumte von der Leyen ein, dass die wahren Kosten am Anfang deutlich unterschätzt wurden. Bei der Sanierung des Segelschulschiffs habe es eine Kette von Fehlern in ihrem Ministerium gegeben.
Zu weiteren Komplikationen kam es durch finanzielle Streitigkeiten mit der Elsflether Werft. Im Dezember 2018 stellte das Ministerium die Zahlungen ein, nachdem ein Korruptionsverdacht gegen einen Mitarbeiter aufgekommen war. Im Mai 2019 drohte die Bredo-Werft, das Schiff als Pfand zu behalten, da sie 4,3 Millionen Euro nicht bezahlt wurden. Nach langwierigen Verhandlungen wurde schließlich eine Einigung erzielt.
Im Juli 2019 wurde die Gorch Fock erneut aufs Trockene gelegt, um die Außenhaut zu reinigen und das Schiff weiß zu streichen. Anschließend war die Verlegung von Kabeln und Rohren geplant. Im Oktober 2019 wurde bekannt, dass die Elsflether Werft insolvent geworden war, was die Sanierung weiter verzögerte. Schließlich wurde die Lürssen-Werft in Bremen beauftragt, die Arbeiten zu übernehmen.
Am 30. Oktober 2019 wurde die Gorch Fock schließlich zu einem Gelände der Lürssen-Werft in Berne geschleppt. Mit der Schleppfahrt übernahm Lürssen endgültig die insolvente Elsflether Werft. Die Arbeiten an der Gorch Fock gingen weiter, und im Jänner 2020 begannen die Offizieranwärter der Marine ihre Ausbildung auf der Alexander von Humboldt II, einer Übergangslösung, bis die Gorch Fock wieder in Dienst gestellt werden konnte.
Im Juni 2021 gab das Bundesverteidigungsministerium bekannt, dass die Gorch Fock nach den Sanierungsarbeiten nicht vollständig segelfähig sein würde. Für die Wiederherstellung der vollen Segelfähigkeit wären weitere Investitionen in Höhe von geschätzten 22 Millionen Euro erforderlich. Die Gorch Fock sollte stattdessen als Museumsschiff genutzt werden.
Technische Aspekte der Sanierung
Die Sanierung der Gorch Fock umfasste zahlreiche technische und bauliche Maßnahmen, um das historische Schiff zu erhalten und für die Zukunft zu sichern.
Erneuerung der Takelage
Die gesamte Takelage wurde erneuert, um die Sicherheit an Bord zu gewährleisten. Dies ist besonders wichtig, da die Gorch Fock als Museumsschiff genutzt werden soll und Besucher an Bord empfangen wird. Die Takelage, die über Jahrzehnte dem Wetterstand standgehalten hatte, musste durch neue Materialien ersetzt werden, die sowohl traditionsgemäß als auch modern und sicher sind.
Modernisierung der Decks und Innenräume
Neben der Takelage wurden auch die Decks und Innenräume überarbeitet. Besonders erwähnenswert ist der Austausch der alten Kombüse, die nicht mehr den Hygienevorschriften entsprach. Die neue Kombüse wurde modernisiert, um den Anforderungen eines Museumsschiffs gerecht zu werden.
Brandschutzmaßnahmen
Ein weiterer Schwerpunkt der Sanierung war die Verbesserung des Brandschutzes an Bord. Durch die Einbau moderner Brandschutzsysteme, wie Feuerlöschanlagen und Brandwände, wurde der Sicherheitsstandard erhöht. Dies ist nicht nur aus juristischen Gründen notwendig, sondern auch, um Besucher und Crew vor möglichen Brandgefahren zu schützen.
Außenhaut und Rumpf
Im Jahr 2023 wurde bekannt, dass die Außenhaut des Schiffes wieder komplett war. Nach Angaben der Stadt, die das Schiff nun besitzt, mussten 70 Quadratmeter der Außenhaut ersetzt werden. Die Arbeiten an der Außenhaut, einschließlich der Schotten und Decks, wurden als Teil der Grundsanierung durchgeführt, um die Schwimmfähigkeit des Schiffes für die nächsten 25 Jahre zu sichern.
Finanzierung der Sanierung
Die Sanierung der Gorch Fock stellte ein finanziell anspruchsvolles Projekt dar. Die Kosten stiegen von einer ursprünglichen Schätzung von 10 Millionen Euro auf letztendlich 135 Millionen Euro. Diese Kosten entstanden durch die weiteren Schäden, die während der Sanierung entdeckt wurden, sowie durch Verzögerungen und organisatorische Probleme.
Öffentliche Fördermittel
Ein großer Teil der Kosten wurde durch öffentliche Fördermittel gedeckt. Die Bundesregierung förderte das Projekt mit 13,5 Millionen Euro, wie die für Stralsund zuständige Bundestagsabgeordnete Anna Kassautzki (SPD) mitteilte. Zudem kamen EU- und Landesfördermittel in Höhe von rund zehn Millionen Euro hinzu.
Privater Eigenanteil
Der Eigenanteil wurde vom Verein Tall Ship Friends e.V. übernommen. Der Verein, der das Schiff vor der Stadt besaß, wird künftig auch die Gorch Fock als Museumsschiff im Stralsunder Stadthafen betreiben. Laut Stadt soll das Museumsschiff im Jahr 2024 wieder für Besucher geöffnet werden.
Politische und logistische Herausforderungen
Die Sanierung der Gorch Fock war nicht nur von technischen, sondern auch von politischen und logistischen Hürden geprägt.
Korruptionsverdacht und Zahlungsaufschub
Im Dezember 2018 stellte das Bundesverteidigungsministerium aufgrund eines Korruptionsverdachts gegen einen Mitarbeiter die Zahlungen für die Sanierung ein. Dies führte zu einer weiteren Verzögerung der Arbeiten und vergrößerte die Unsicherheit um das Projekt.
Streit um Gläubigernachforderungen
Im Mai 2019 drohte die Bredo-Werft, das Schiff als Pfand zu behalten, da sie 4,3 Millionen Euro nicht bezahlt wurden. Die Elsflether Werft sah sich jedoch nicht in der Pflicht, für die Altschulden der ehemaligen Vorstände aufzukommen. Dies führte zu einer langwierigen Auseinandersetzung, bis schließlich eine Einigung erzielt werden konnte.
Insolvenz der Elsflether Werft
Im Oktober 2019 wurde bekannt, dass die Elsflether Werft, die ursprünglich für die Sanierung zuständig war, insolvent geworden war. Dies führte zu weiteren Verzögerungen und Unsicherheiten. Schließlich wurde die Lürssen-Werft in Bremen beauftragt, die Arbeiten zu übernehmen. Der Kaufpreis für die Elsflether Werft lag bei 3,57 Millionen Euro, und es wurden alle 130 Beschäftigten übernommen.
Zukunft der Gorch Fock
Nach den Sanierungsarbeiten wird die Gorch Fock nicht vollständig segelfähig sein. Für die Wiederherstellung der vollen Segelfähigkeit wären weitere Investitionen in Höhe von geschätzten 22 Millionen Euro erforderlich. Stattdessen wird das Schiff als Museumsschiff genutzt. Der Verein Tall Ship Friends e.V. wird künftig die Gorch Fock im Stralsunder Stadthafen betreiben und sie für Besucher öffnen.
Die Stadt Stralsund hat das Schiff mittlerweile übernommen und plant, es als Teil des kulturellen Erbes zu bewahren. Laut Angaben der Stadt soll das Museumsschiff 2024 wieder für Besucher geöffnet werden.
Fazit
Die Sanierung der Gorch Fock war ein komplexes Projekt, das sowohl technische als auch politische Herausforderungen aufwarf. Die Kosten stiegen von ursprünglich 10 Millionen Euro auf 135 Millionen Euro, was auf ungewöhnlich viele Schäden und organisatorische Probleme zurückzuführen ist. Die Arbeiten umfassten eine umfassende Erneuerung der Takelage, der Decks, der Innenräume und des Brandschutzes.
Die Gorch Fock wird nicht als Segelschulschiff wieder in Dienst gestellt, sondern als Museumsschiff genutzt. Dies entspricht einer neuen Perspektive für das historische Schiff, das künftig als kulturell bedeutendes Denkmal bewahrt werden soll. Trotz der finanziellen und logistischen Schwierigkeiten ist es gelungen, das Projekt abzuschließen und das Schiff für die Zukunft fitzumachen.
Quellen
- Gorch Fock: Sanierung eines maritimen Erbes
- Gorch Fock – Ein Traditionsschiff sechs Jahre in der Werft
- Chronologie der Instandsetzung von 2015 bis 2021
- Sanierung der Gorch Fock – Die Aussenhaut wieder komplett
- Gorch Fock – Sanierung Chronologie 100
- Die Gorch Fock – Sanierung zwischen historischem Erbe und Kostenexplosion