Einleitung
Die Sanierung historischer Gebäude und Schiffe bringt oft unerwartete technische und finanzielle Herausforderungen mit sich. Ein Paradebeispiel dafür ist die Sanierung des Segelschulschiffs „Gorch Fock“. Dieses Projekt, das in der Zeit von 2015 bis 2021 stattfand und später erneut aufgenommen wurde, zeigt eindrucksvoll, wie sich Kosten und Arbeitsaufwand im Laufe eines Sanierungsprojekts stark verändern können. Aus einer anfänglichen Schätzung von 10 Millionen Euro wurden schließlich über 135 Millionen Euro. Die Gorch Fock, ein historisches Schiff mit stolzer Tradition, wurde zum Gegenstand von politischen Entscheidungen, technischen Rückschlägen und finanziellen Überschreitungen.
Doch diese Erfahrungen sind nicht nur für das Projekt der Gorch Fock von Interesse. Sie liefern wertvolle Einsichten für Architekten, Bauingenieure, Projektmanager und Eigentümer historischer Gebäude, die sich mit Renovierungs- und Sanierungsprojekten beschäftigen. Dieser Artikel untersucht die technischen, organisatorischen und finanziellen Aspekte der Sanierung der Gorch Fock und zieht Schlussfolgerungen für die Baubranche.
Historische Bedeutung und Hintergrund der Gorch Fock
Die „Gorch Fock“ ist ein Segelschulschiff mit stolzer Geschichte. Das Schiff wurde 1933 in Hamburg bei Blohm + Voss gebaut und zählt damit zu den ältesten Segelbooten ihrer Klasse. Über die Jahre wechselte die Gorch Fock mehrfach die Flagge – sie segelte unter deutscher, sowjetischer und ukrainischer Flagge, bevor sie 2003 von der Tall Ship Friends-Organisation vom ukrainischen Bildungsministerium übernommen wurde. In Stralsund erhielt das Schiff seinen ursprünglichen Namen „Gorch Fock“ zurück, benannt nach dem deutschen Schriftsteller Erich Gorch Fock.
Die Gorch Fock war nicht nur ein Trainings- und Ausbildungsschiff, sondern auch eine Ikone der maritimen Tradition. Sie diente der Ausbildung von Offizieren und war ein Symbol für die maritime Kultur Deutschlands. Doch mit der Zeit verschlechterte sich der Zustand des Schiffes. Die ersten offensichtlichen Mängel zeigten sich bereits 2015, als das Schiff bei der Einfahrt in Wilhelmshaven eine Pier beschädigte.
Ursachen der Sanierung
Die Notwendigkeit einer umfassenden Sanierung erwies sich rasch als unvermeidlich. Eine erste Diagnose bei der Elsflether Werft ergab, dass die Masten marode waren. Doch die Probleme gingen weit über diese Einschätzung hinaus. Im Schwimmdock der Bremerhavener Bredo-Werft wurden weitere Mängel festgestellt: das Oberdeck war morsch, die Kabelkanäle mussten ersetzt werden, und die Materialdicken des Rumpfes waren unter den Sicherheitsvorgaben. Die Gefahr von Wassereinbrüchen, Brandgefahren und möglichen Unfällen mit der Takelage wurde immer größer.
Die Sanierung war somit nicht nur eine Frage der Erhaltung, sondern auch der Sicherheit. Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen stellte 2018 die Zahlungen für die Sanierung ein, da sie den Verdacht hegten, dass die Kosten unrealistisch hoch waren und die Werft möglicherweise in Korruption verstrickt war. Doch die Sanierung konnte nicht einfach gestoppt werden – das Schiff war in einem Zustand, der dringend auf eine umfassende Instandsetzung hoffte.
Technische Herausforderungen der Sanierung
Die Sanierung der Gorch Fock stellte die Bau- und Technikexperten vor immense Herausforderungen. Das Projekt erforderte die Erneuerung fast aller Bauteile, mit Ausnahme des Kieles. Der Schiffsrumpf musste umfassend erneuert werden, die Takelage komplett ersetzt, die Brandschutzmaßnahmen modernisiert und die Schwimmfähigkeit für die nächsten 25 Jahre gesichert. Ein besonderes technisches Problem war die Ausbringung der alten Motoren. Dazu musste ein großes Segment der Außenhaut im Bereich des Maschinenraums herausgeschnitten werden, um die Motoren nach außen transportieren zu können.
Die Sanierung war in mehrere Phasen unterteilt. Zunächst erfolgte die Entschichtung der Außenhaut, gefolgt von der Vertaktung in die Schiffbauhalle und der Demontage der kompletten Takelage. Danach wurde das Schiff ausgeschrottet, die Festballastabdeckung entfernt und die Außenhaut untersucht, um festzustellen, wie viel davon ersetzt werden musste. Diese Arbeiten wurden von einem Team von über 50 Mitarbeitern der Fosen-Gruppe durchgeführt.
Finanzierung und Kostenentwicklung
Die Finanzierung der Sanierung der Gorch Fock war von Anfang an mit Unsicherheiten behaftet. Im Jahr 2016 wurde mit Kosten in Höhe von 10 Millionen Euro gerechnet. Doch schon im Oktober 2016 stiegen die Schätzungen auf 35 Millionen Euro. Im Laufe der folgenden Monate und Jahre wuchs die Kostenschätzung exponentiell an – bis sie 2021 bei 135 Millionen Euro lag. Diese Entwicklung zeigt, wie schwer es ist, die Kosten eines Sanierungsprojekts exakt abzuschätzen, insbesondere wenn die Ausmaße der Schäden erst allmählich offenbar werden.
Eine Tabelle, die die Kostenentwicklung dokumentiert, macht die Entwicklung besonders deutlich:
| Zeitpunkt | Geschätzte Kosten | Veränderung zur Vorperiode |
|---|---|---|
| Anfang 2016 | 10 Millionen Euro | Ausgangsschätzung |
| Oktober 2016 | 35 Millionen Euro | +25 Millionen Euro |
| März 2017 | 12,2 Millionen Euro | Abweichende Quelle |
| Später 2017 | 33,5 Millionen Euro | Weitere Kostensteigerung |
| September 2017 | 64,5 Millionen Euro | +31 Millionen Euro |
| Januar 2017 | 75 Millionen Euro | Offizielle Schätzung |
| 2018 | Über 100 Millionen Euro | Weitere Kostensteigerung |
| 2021 | 135 Millionen Euro | Endgültige Kostenschätzung |
Die Kostenentwicklung war so dramatisch, dass man von einem faktischen Neubau sprach – 95 Prozent des Schiffes mussten ersetzt oder erneuert werden. Eine Studie des Beschaffungsamts stellte sogar fest, dass ein Neubau mit ähnlichen Anforderungen rund 170 Millionen Euro gekostet hätte.
Organisatorische und politische Herausforderungen
Neben den technischen und finanziellen Herausforderungen spielten auch politische Aspekte eine Rolle. Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen entschied sich 2018, die Zahlungen für die Sanierung einzustellen, da sie die Kosten als unrealistisch hoch und mögliche Korruptionsskandale fürchtete. Ein Prüfbericht belegte später, dass im Ministerium bereits damals ein Abbruch der Sanierung diskutiert wurde und die Werft als „bereits jetzt überfordert“ bezeichnet wurde. Von der Leyen soll diese Informationen jedoch nicht erhalten haben.
Der Verdacht auf Vorteilsnahme wurde in diesem Zusammenhang ebenfalls aufgeworfen. Ein Mitarbeiter des Marinearsenals in Wilhelmshaven hatte von der Elsflether Werft einen privaten Kredit erhalten, der später eingefroren wurde. Gegen die ehemaligen Vorstände der Werft wurde wegen Untreue ermittelt. Die Staatsanwaltschaft Osnabrück untersuchte mögliche Korruption in Verbindung mit der Sanierung.
Die Rolle der Stadt Stralsund und des Tall Ship Friends e.V.
Ein wichtiger Meilenstein in der Sanierung war die Übernahme des Schiffes durch die Stadt Stralsund. Im Mai 2023 wurde der Kaufvertrag unterzeichnet, und das Schiff wurde in die Volkswerft verholt. Ziel war es, die Schwimmfähigkeit für die nächsten 25 Jahre zu gewährleisten, die Sicherheit der Takelage zu verbessern und den Brandschutz zu modernisieren. Die Stadt Stralsund führte ein „knallhartes Kostenmanagement“ ein, um eine erneute Kostenexplosion zu vermeiden.
Für die Sanierung konnten Fördermittel aus verschiedenen Quellen beschafft werden. Unter anderem spielte die SPD-Bundestagsabgeordnete Anna Kassautzki eine wichtige Rolle, indem sie für zusätzliche Bundesmittel eintrat. Für die nächsten Phasen der Sanierung, insbesondere den Innenausbau, stehen weitere 13,5 Millionen Euro zur Verfügung.
Fazit
Die Sanierung der Gorch Fock ist ein Beispiel für die Komplexität und Herausforderungen, die bei der Erhaltung historischer Objekte auftreten. Die Kostenentwicklung, die technischen Schwierigkeiten und die politischen Entscheidungen zeigen, wie wichtig eine sorgfältige Planung, ein realistischer Kostenrahmen und eine klare Kommunikikationsstruktur sind. Zudem unterstreicht das Projekt, wie wichtig es ist, bei Sanierungsprojekten nicht nur die sichtbaren, sondern auch die verborgenen Schäden zu berücksichtigen.
Für Bauherren, Projektmanager und Eigentümer historischer Gebäude kann das Beispiel der Gorch Fock wertvolle Lehren bieten: Eine vorsichtige und umfassende Diagnose, die Einbindung von Experten, die Transparenz in der Finanzierung und ein realistisches Kostenmanagement sind entscheidend, um Erfolge in Sanierungsprojekten zu sichern.
Die Gorch Fock, die nach der Sanierung als Museumsschiff weiterbestehen wird, ist nicht nur ein Erinnerung an die maritime Geschichte Deutschlands, sondern auch ein Lehrstück für die Baubranche – mit der Botschaft, dass man bei der Erhaltung von Kulturdenkmälern nicht nur den Kiel retten, sondern oft fast das ganze Schiff neu bauen muss.
Quellen
- Gorch Fock: Ein Traditionsschiff sechs Jahre in der Werft
- Gorch Fock 1: Meilenstein bei Sanierung
- Millionen-Sanierung für Schiff Gorch Fock
- Die Sanierung eines historischen Seegiganten
- Chronologie der Instandsetzung der Gorch Fock
- Gorch Fock: Eine Sanierung zwischen historischem Erbe und Kostenexplosion
- Chronologie der Sanierung der Gorch Fock