Die Gorch Fock: Eine Fallstudie zu Kostenexplosionen und technischen Herausforderungen bei der Sanierung historischer Schiffsbauten

Die Sanierung der „Gorch Fock“ stellt einen der aufwendigsten und kostspieligsten Vorgänge in der Geschichte der deutschen Marine und des deutschen Schiffbaus dar. Ursprünglich als Routineüberholung geplant, entwickelte sich das Projekt zu einem Fallbeispiel für die Schwierigkeiten, historische Bauten zu erhalten, wenn die anfängliche Bestandsaufnahme das wahre Ausmaß des Verfalls nicht erfasst. Dieser Artikel beleuchtet den chronologischen Verlauf, die exponentiell gestiegenen Kosten sowie die technischen und managementbedingten Herausforderungen, die zu einer Kostenexplosion von 10 Millionen Euro auf 135 Millionen Euro führten.

Der historische Kontext und die Ausgangslage

Die Gorch Fock, ein 1933 bei Blohm & Voss gebautes Segelschulschiff, hat eine lange Tradition in der deutschen Marine. Bis 2003 war sie in Fahrt, bevor sie aufgrund von Undichtigkeiten und fortschreitender Korrosion nicht mehr seetüchtig war. Seitdem lag das Schiff im Stralsunder Hafen. Im Jahr 2015 begann schließlich die lang geplante Sanierung.

Im Jahr 2015 wurde die Gorch Fock in eine Werft verlegt. Zu diesem Zeitpunkt war das Schiff 60 Jahre alt und erforderte aufgrund seines Alters und der jahrzehntelangen Nutzung eine umfassende Überholung, um die Seetüchtigkeit und die Funktion als Ausbildungsschiff wiederherzustellen. Die anfängliche Kostenschätzung des Bundesverteidigungsministeriums belief sich auf etwa zehn Millionen Euro. Diese Einschätzung basierte auf einer Überprüfung der Schäden, die jedoch bei Weitem nicht das volle Ausmaß des Problems erfasste. Man rechnete mit einer turnusmäßigen Grundüberholung.

Chronologie der Sanierung: Eine Spirale steigender Kosten

Die Sanierungsarbeiten begannen in Bremerhaven, verlagerten sich aber bald in die Elsflether Werft, wo das Schiff im Januar 2016 eintraf. Schon bald zeigte sich, dass die ursprüngliche Planung unzureichend war.

Die ersten Rückschläge (2015–2016)

Kaum in der Werft angekommen, wurde im November 2015 das wahre Ausmaß der Rumpfschäden sichtbar. Die ersten Untersuchungen ergaben, dass die Masten des Schiffes marode waren und vollständig ersetzt werden mussten. Dazu kamen ein marodes Oderdeck und alte Kabelkanäle, die seit dem Stapellauf 1933 nie erneuert worden waren. Im Januar 2016 wurde das Schiff in ein Schwimmdock der Bremerhavener Bredo-Werft verlegt.

Die Kostenentwicklung verlief rasant und erreichte am Ende das 13,5-fache der ursprünglichen Schätzung:

  • Anfang 2016: 10 Millionen Euro (Ausgangsschätzung).
  • Oktober 2016: Laut Angaben des Bundesverteidigungsministeriums stiegen die Kosten auf 35 Millionen Euro, was einem Anstieg von 150 Prozent entspricht.
  • 2017: Im Verlauf des Jahres 2017 stiegen die Kosten weiter. Im September 2017 lag der geschätzte Aufwand bei 64,5 Millionen Euro, und kurz darauf sprach man von 75 Millionen Euro. Zu diesem Zeitpunkt war die Schadensaufnahme abgeschlossen, aber eine NeuKalkulation war notwendig geworden.

Die Phase der Kostenexplosion (2018–2021)

Trotz der bereits investierten Millionen war das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht. Die Arbeiten an der Gorch Fock erwiesen sich als technisch äußerst anspruchsvoll. Wie die Verteidigungsministerin später beschrieb, musste „bis auf den Kiel fast alles ersetzt werden“.

  • 2018: Die Kosten überstiegen die Marke von 100 Millionen Euro. Insider gingen davon aus, dass die Reparatur nun wahrscheinlich mehr als 100 Millionen Euro kosten würde.
  • 2021: Die Endkostenschätzung belief sich auf 135 Millionen Euro.

Die Chronologie verdeutlicht, dass die anfängliche Schätzung von 10 Millionen Euro von Anfang an unrealistisch war, da weder das volle Ausmaß der Schäden noch die Komplexität der Arbeiten ausreichend berücksichtigt wurden.

Technische Herausforderungen und Schadensbild

Die technischen Herausforderungen waren entscheidend für die Kostensteigerung. Es handelte sich nicht um eine einfache Reparatur, sondern um eine Generalüberholung, bei der 95 Prozent des Schiffes erneuert werden mussten.

Die Untersuchungen in der Werft legten einen massiven Materialverfall offen. Die Schwierigkeit bestand darin, dass die Schäden erst sichtbar wurden, als die Arbeiten bereits fortgeschritten waren. Ein entscheidender Faktor war die Schwimmfähigkeit. Um diese herzustellen, musste der Schiffsrumpf, der Mindermaße an Materialdicken aufwies, saniert werden. Der Zustand des Schiffes war so schlecht, dass man von einem „Schiffsrumpf“ sprach, der dringend materielle Verstärkung benötigte, um den Sicherheitsstandards zu genügen. Die Notwendigkeit, nahezu das gesamte Schiff zu erneuern, war der Haupttreiber für die Kostenspirale.

Managementprobleme und Ermittlungen

Neben den technischen Problemen gab es gravierende managementbedingte und rechtliche Aspekte, die das Projekt begleiteten. Die Sanierung wurde zu einem Symbol für Missmanagement und Kostenüberschreitungen im öffentlichen Sektor.

Die Staatsanwaltschaft Osnabrück weitete ihre Ermittlungen zur Sanierung des Marineschulschiffs massiv aus. Es gibt mittlerweile über 100 Ermittlungsverfahren. Gegenstand der Ermittlungen sind Korruption, Betrug und Untreue im Umfeld der Elsflether Werft, die bis 2019 den Auftrag zur Generalüberholung hatte. Die Werft meldete im Februar 2019 Insolvenz an.

Die Ermittlungen laufen unter anderem gegen zwei ehemalige Vorstände der Werft und einen zivilen Mitarbeiter des Marinearsenals in Wilhelmshaven. Die Vorwürfe beziehen sich darauf, dass die Kosten von geplanten 10 Millionen auf 135 Millionen Euro gestiegen sind, ohne dass eine entsprechende Leistungserbringung nachgewiesen werden konnte. Zudem gibt es Berichte, dass auch gegen Besatzungsmitglieder eines weiteren Marineschiffs ermittelt wird, da sie von der Werft technische Geräte wie Handys, Laptops und Fernseher angenommen haben sollen.

Die Sanierung der Gorch Fock I in Stralsund

Es ist wichtig, die Sanierung der „Gorch Fock“ in Bremerhaven/Elsfleth von der Sanierung der „Gorch Fock I“ in Stralsund zu unterscheiden, da beide Projekte in den Quellen erwähnt werden, sich aber auf unterschiedliche Schiffe beziehen.

Die Gorch Fock I, das 1933 gebaute Originalschiff, liegt seit 2003 nicht seetüchtig im Stralsunder Hafen. Hier wird ein separates Sanierungsprojekt durchgeführt. Die Bundesregierung fördert die Sanierung des Stralsunder Segelschulschiffs Gorch Fock (I) mit rund 13,5 Millionen Euro. Diese Mittel fließen in die Grundsanierung sowie den Aufbau eines barrierefreien Bordmuseums. Die Stadt Stralsund hatte den Bedarf für grundlegende Arbeiten zur Gewährleistung der Schwimmfähigkeit und Sicherheit mit 10,6 Millionen Euro beziffert. Nach Plänen soll die Stadt das Schiff kaufen, die Sanierung mit den Fördermitteln finanzieren und der Verein Tall Ship Friends soll das Schiff weiter betreiben. Dieses Projekt in Stralsund ist deutlich kleiner und transparenter als die Marine-Sanierung in Bremerhaven, die den Großteil der Medienaufmerksamkeit auf sich zog.

Fazit

Die Sanierung der Gorch Fock ist eine eindringliche Fallstudie für die Bau- und Renovierungsbranche. Sie zeigt exemplarisch, wie bei Altbauten – insbesondere bei historischen Schiffen – oft erst nach dem Beginn der Arbeiten das wahre Ausmaß des Sanierungsbedarfs sichtbar wird. Was als einfache Reparatur für 10 Millionen Euro geplant war, entwickelte sich zu einer Generalüberholung für 135 Millionen Euro, bei der 95 Prozent des Schiffes erneuert werden mussten.

Die wichtigsten Lektionen für Bauprojekte sind: 1. Umfassende Bestandsaufnahmen: Vor Beginn von Sanierungen an historischen Bauten müssen möglichst detaillierte Untersuchungen stattfinden, um realistische Kostenschätzungen zu ermöglichen. Die anfängliche Unterschätzung der Schäden an der Gorch Fock war der Hauptgrund für die Kostenexplosion. 2. Transparenz und Kontrolle: Transparenz in der Entscheidungsfindung ist entscheidend, um Fehlentwicklungen zu vermeiden. Die Ermittlungen wegen Korruption und Untreue zeigen, dass Kontrollmechanismen versagt haben. 3. Wirtschaftliche Vernunft vs. Symbolik: Politische Symbolik, ein historisches Schiff zu erhalten, darf nicht über wirtschaftliche Vernunft gestellt werden. Die Entscheidung, die Sanierung trotz steigender Kosten weiterzuführen, muss kritisch hinterfragt werden.

Das Schiff wurde nach fast sechs Jahren Generalüberholung im September 2021 offiziell zurückgegeben. Die Kosten beliefen sich schließlich auf 135 Millionen Euro. Für die Bau- und Renovierungsbranche bleibt die Gorch Fock ein warnendes Beispiel für die Notwendigkeit, Risikokosten in großem Umfang einzuplanen und die Integrität bei der Vergabe von Großaufträgen zu wahren.

Quellen

  1. Gorch Fock: Sanierung für 100 Millionen Euro?
  2. Korruption, Betrug, Untreue "Gorch Fock"-Sanierung – Ermittlungen weiten sich aus
  3. Die Kosten steigen: Die „Gorch Fock“ in der Werft.
  4. Die Gorch Fock: Eine Sanierung zwischen historischem Erbe und Kostenexplosion
  5. Die Kostenexplosion bei der Gorch Fock Renovierung: Eine Analyse von 10 Millionen zu 135 Millionen Euro
  6. Millionen-Sanierung für Schiff Gorch Fock – Besucher können wieder rauf

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