Die Sanierung der Gorch Fock: Eine Bilanz technischer, finanzieller und logistischer Herausforderungen bei einem historischen Marineprojekt

Die Sanierung der Gorch Fock, eines ikonischen Segelschulschiffs der Deutschen Marine, stellt eines der aufwendigsten und kostspieligsten Projekte der deutschen Marinegeschichte dar. Ursprünglich als Routineüberholung für etwa 10 Millionen Euro geplant, entwickelte sich das Vorhaben zu einem komplexen Unterfangen mit Endkosten von bis zu 135 Millionen Euro. Derzeit befindet sich das Schiff in der Stralsunder Volkswerft, wo die Arbeiten nach mehrjähriger Verzögerung und intensiver Planung dem Abschluss zugehen. Dieser Artikel beleuchtet die technischen Herausforderungen, die Kostenexplosion, die logistischen Hürden und die zukünftige Nutzung des historischen Schiffskolosses unter dem Aspekt der Bau- und Renovierungspraxis.

Historischer Kontext und Bedeutung des Projekts

Das Schiff, oft als Gorch Fock I bezeichnet, wurde 1933 bei Blohm & Voss für die Reichsmarine gebaut und diente über Jahrzehnte als Ausbildungsplattform für Marineoffiziere. Mit einer Dienstzeit von über 80 Jahren gilt es als historisches Erbe von besonderer Bedeutung. Nachdem das Schiff 2003 nicht mehr seetüchtig war, lag es im Stralsunder Hafen, bevor 2015 die Sanierungsarbeiten begannen. Der Besitz des Schiffes wechselte im Laufe der Zeit: Zunächst gehörte es dem Verein Tall Ship Friends e.V., bevor die Stadt Stralsund die Dreimastbark im Jahr 2023 übernahm.

Die Sanierung des Schiffes ist nicht nur ein maritimes Projekt, sondern auch ein Beispiel für die Komplexität von Denkmalschutz und technischer Instandhaltung großer Bauwerke. Die Notwendigkeit, ein 90 Jahre altes Schiff wieder in einen betriebssicheren Zustand zu versetzen, stellte die beteiligten Werften und Ingenieure vor immense Aufgaben.

Die Kostenexplosion: Von 10 Millionen auf 135 Millionen Euro

Ein zentraler Aspekt der Gorch Fock-Sanierung ist die immense Kostensteigerung. Ursprünglich war eine Routineüberholung für ca. 10 Millionen Euro veranschlagt. Im Laufe des Projekts stiegen die Kosten jedoch auf insgesamt 135 Millionen Euro. Diese "Kostenexplosion" wurde in der Öffentlichkeit und Politik intensiv diskutiert.

Laut einem Prüfbericht des Bundesrechnungshofs aus dem Jahr 2019 soll das Bundesverteidigungsministerium mitverantwortlich für die Kostenexplosion sein. Zudem gab es Korruptionsverdachte gegen einen Mitarbeiter des Marinearsenals in Wilhelmshaven, der für die Preisprüfung zuständig war. Dies führte im Dezember 2018 dazu, dass die Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen die Zahlungen für die Sanierung vorerst einstellte, um die Vorwürfe zu klären. Trotz der Kostenexplosion und der Unterbrechung entschied das Verteidigungsministerium im Juni 2019, die Arbeiten weiter durchzuführen.

Die Finanzierung der aktuellen Sanierung (Stand 2023/2024) in Stralsund beläuft sich laut Angaben der Stadt auf etwa zehn Millionen Euro. Diese Kosten bewegen sich laut Aussagen der Stadtverwaltung innerhalb des finanziellen Rahmens. Das Geld stammt größtenteils aus EU- und Landesfördermitteln. Der Eigenanteil wird von dem Verein Tall Ship Friends e.V. übernommen. Zudem fördert die Bundesregierung die Sanierung mit rund 13,5 Millionen Euro, die in die Grundsanierung sowie den Aufbau eines barrierefreien Bordmuseums fließen.

Technische Herausforderungen und Baufortschritt

Die technische Durchführung der Sanierung erforderte präzise Planung und den Einsatz modernster Techniken im Schiffbau. Die Arbeiten umfassen die Sicherung der Schwimmfähigkeit für die kommenden 25 Jahre, die Sicherheit der Takelage und den Brandschutz.

Außenhaut und Rumpf

Ein entscheidender Arbeitsschritt war die Erneuerung der Außenhaut. Im Sommer 2023 begannen die Arbeiten in der Stralsunder Volkswerft. Laut Angaben der Stadt mussten etwa 70 Quadratmeter Außenhaut getauscht werden. Ein Meilenstein wurde erreicht, als die Außenhaut des mehr als 80 Meter langen Schiffes wieder komplett geschlossen war. Gegen Ende einer Woche im September 2023 setzten Arbeiter eine Platte in der Mitte des Schiffes wieder ein, die zuvor zur Entfernung von Maschinenteilen herausgenommen war.

Im Oktober 2023 verließ die "Gorch Fock 1" die große Schiffbauhalle der Volkswerft und stand wieder unter freiem Himmel. Das Schiff erhielt einen neuen, strahlend weißen Anstrich. Für diesen Anstrich wurden Öko-Farben verwendet. Der Transfer aus der Halle war wetterabhängig; bei zu hohem Wasserstand konnte das Schiff die Rügenbrücke nicht passieren. Nach dem Verlassen der Halle wurde das Schiff per Schiffslift wieder zu Wasser gelassen und vorerst für weitere Arbeiten neben der Werft festgemacht.

Takelage und Masten

Die Takelage ist ein wesentliches Merkmal der Dreimastbark. In den vergangenen Wochen konnten wichtige Fortschritte bei der Montage der Masten verzeichnet werden. Vor wenigen Tagen wurde der sogenannte Fockmast auf dem Deck des Schiffes montiert. Dieser ist 35 Meter hoch und wurde in frischem Weiß gestrichen. In den kommenden Wochen sind auch die anderen beiden Masten vorgesehen. Die Montage der Masten lässt das Schiff wieder mehr nach seiner ursprünglichen Form aussehen.

Innenarbeiten und Maschinenteile

Neben den Arbeiten am Rumpf und der Takelage laufen parallel weitere Schweißarbeiten. Auch im Inneren des Schiffes sind umfangreiche Arbeiten notwendig. Die Entsorgung und der Austausch von Maschinenteilen waren Teil der Planung. Die Arbeiten in der Werft sollen laut Stadt Stralsund bis März abgeschlossen sein.

Logistik und Wetterabhängigkeit

Die Arbeiten an einem Schiff dieser Größe sind stark von logistischen Faktoren und Wetterbedingungen abhängig. Der Transfer der "Gorch Fock 1" aus der Werfthalle zurück ins Wasser erwies sich als sensibler Prozess. Ein zu hoher Wasserstand am Tag des Transfers hätte das Passieren der Rügenbrücke unmöglich gemacht, was eine weitere Verzögerung der Arbeiten bedeutet hätte.

Ein Beispiel für die Logistik von Marineprojekten ist die Reise der Gorch Fock (der zweiten Gorch Fock, die noch in Dienst ist) im Jahr 2022. Nach jahrelanger Sanierung brach sie Richtung Kanarische Inseln auf, um dort unter günstigen Wetterbedingungen zu trainieren. Bei diesem Schiff verzögerte sich der Start durch Keime in der Trinkwasseranlage, was zeigt, dass selbst nach einer Sanierung mikrobiologische Herausforderungen bestehen können. Für die aktuelle Gorch Fock I ist ein solcher See-Transfer nicht geplant, da das Schiff nach den Arbeiten nicht segelfähig sein wird.

Zukunft: Vom Schiff zum Museumsschiff

Nach Abschluss der Sanierung ändert sich die Funktion des Schiffes grundlegend. Das Konzept sieht vor, die "Gorch Fock I" als Museumsschiff im Stralsunder Stadthafen zu betreiben. Der Verein Tall Ship Friends e.V., dem das Schiff ursprünglich gehörte, wird den Betrieb des Museumsschiffes übernehmen.

Ziel ist es, das Schiff zur Saison im kommenden Frühjahr wieder für Besucher zu öffnen. Die Arbeiten in der Werft sollen demnach bis März abgeschlossen sein, damit der Ausbau zum Museumsschiff folgen kann. Ein Teil der Fördergelder (13,5 Millionen Euro) ist speziell für den Aufbau eines barrierefreien Bordmuseums vorgesehen. Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass das Schiff nach den Arbeiten nicht mehr segelfähig sein wird. Dazu wären laut Verein weitere, erhebliche Investitionen notwendig, die im aktuellen Sanierungsrahmen nicht vorgesehen sind.

Zusammenfassung der Projektphasen

Die Sanierung lässt sich in mehrere Phasen unterteilen, die die Komplexität des Projekts verdeutlichen:

  1. Initiale Planung und Verlagerung: Nach Jahren der Planung wurde das Schiff 2023 in die Stralsunder Volkswerft verbracht.
  2. Aufenthalt in der Halle: In der großen Schiffbauhalle fanden umfangreiche Innen- und Außenarbeiten statt, einschließlich des Austauschs von Maschinenteilen.
  3. Wiedereintauchen und Fertigstellung der Außenhaut: Die Fertigstellung der Außenhaut im September 2023 markierte einen kritischen Meilenstein.
  4. Montage der Takelage: Die Wiederherstellung der Masten seit Oktober/November 2023 gibt dem Schiff sein charakteristisches Aussehen zurück.
  5. Fertigstellung und Übergabe: Die Arbeiten sollen bis März 2024 abgeschlossen sein, gefolgt vom Museumsausbau.

Fazit

Die Sanierung der Gorch Fock I ist ein Paradebeispiel für die Herausforderungen bei der Instandhaltung historischer Baudenkmäler im maritimen Bereich. Das Projekt unterstreicht die Notwendigkeit, finanzielle Risiken frühzeitig zu erkennen und transparent zu kommunizieren. Die Kostenexplosion von ursprünglich 10 Millionen auf 135 Millionen Euro bei der Schwester-Gorch Fock dient als Warnung für zukünftige Großprojekte.

Aktuell befindet sich die Gorch Fock I in der Endphase der technischen Sanierung. Die Fertigstellung der Außenhaut, der Anstrich und die Montage der Masten zeigen, dass das Schiff bald wieder als Wahrzeichen Stralsunds an seinem angestammten Platz vor dem Ozeaneum liegen wird. Für Bauinteressierte und Denkmalpfleger ist das Projekt ein lehrreicher Fallstudy: Zeigt es doch, wie historische Substanz durch moderne Technik (wie Öko-Farben, moderne Schweißtechniken) erhalten werden kann, aber auch, dass solche Projekte ohne umfangreiche Fördermittel und Engagement von Vereinen kaum realisierbar sind. Die Transformation zum Museumsschiff sichert zudem den langfristigen Erhalt und die touristische Nutzung des Schiffes.

Quellen

  1. Ostsee-Zeitung
  2. Spiegel
  3. Austrasse Zürich
  4. Austrasse Zürich
  5. n-tv
  6. Die Niedersachsen
  7. NDR
  8. Nordkurier

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